Haushaltung Gottes – Band 1

23. Kapitel
[HGt.01_023,01] Und siehe, als nun vollends erbaut war die Stadt, da nahm Cahin den Hanoch und führte ihn in die hohe Wohnung, die da erbaut wurde für ihn, und übergab ihm daselbst in der Gegenwart aller seiner Kinder und auch schon Kindeskinder die ganze Vollmacht über sie und forderte ihn auf, ihnen allen zu geben Gesetze nach seiner rechten Erkenntnis, frei nach seiner Willkür, indem er sagte:
[HGt.01_023,02] „Siehe, Hanoch, hier in dieser nur für dich allein erbauten Wohnung übergebe ich dir alle meine väterlichen Rechte mit aller Macht und Gewalt zur freien Führung meiner, deiner und ihrer aller Kinder durch Gesetze nach deiner Willkür, welche heilig zu halten sind von ihnen; denn es liegt wenig am Gesetze selbst, ob es so oder so ist, sondern es liegt alles an der genauen Befolgung desselben, und demnach wird es heißen: ,Dem gemäß handeln, recht handeln, – wider dasselbe aber, vollends unrecht!‘, und es muß dann allezeit gestraft werden nach dem Maße der Übertretung.
[HGt.01_023,03] Und so werden wir dann frei durch die Haltung und nicht durch das Gesetz, an dessen Beschaffenheit nichts gelegen ist, sondern nur an der Beachtung desselben.
[HGt.01_023,04] Jedoch du als der Gesetzgeber bist frei von jeder Haltung, weil deine Freiheit heilig sein muß des Gesetzes wegen; denn so auch du gebunden wärest ans Gesetz, so würde es dich hemmen, in der notwendig freien Sphäre zu wirken, da du dann selbst gefangen wärest im selben. Daher mußt du außer demselben stehen, frei als einer, der keine Gesetze kennt; aber jede deiner Handlungen muß ihnen als den dir ganz Übergebenen zum strengen Gesetze sein, und so du willst, so müssen sie handeln, wie du willst, – und so sollen alle ihre Regungen und Bewegungen nichts sein als nur die deines Willens.“
[HGt.01_023,05] Und da öffnete der neue Fürst seinen Mund und sprach in einem sehr gebieterischen Tone: „So höret, ihr meine Untertanen allesamt, männlich und weiblich! Keiner betrachte je etwas als sein Eigentum, sondern als das allein meinige, damit das Zanken und Hadern unter euch ein Ende nehme! Daher werdet ihr alle in der Zukunft nur mir dienen und arbeiten für meine Kammern; dafür sollet ihr zu essen bekommen je nach eurem Fleiße, und es sollen die Getreuesten näher zu mir kommen dürfen als die weniger Getreuen und da haben eine bessere Kost die Aufseher und Vollstrecker der Rechte und Vollzieher der gerechten Strafen. Wehe dem Ungehorsamen! Diesen werde ich hinaustreiben lassen zu den Bergen, und die Tiere daselbst sollen ihn erwürgen und zerreißen. Die aber übertreten werden meine Gesetze aus Trägheit, Unaufmerksamkeit und aus Leichtsinn, die sollen gezüchtigt werden mit Ruten bis zum Blute; die aber, welche sich getrauen würden, mir als dem Fürsten in irgend etwas zu widersprechen, die sollen gezüchtigt werden mit Schlangen bis in das Mark ihrer Gebeine, und es soll ihnen ausgerissen werden ihre Zunge und vorgeworfen werden den Schlangen zur Speise. Und wer mich je mit scheelen Augen anschauen wird, dem sollen die Augen ausgestochen werden, damit er fürder nicht mehr wird schauen können seinen Fürsten. Der Träge aber soll ein Lastträger werden und soll behandelt werden wie ein Lasttier mit Stecken und Knütteln, damit geläufiger werden seine Füße und schneller seine Hände.
[HGt.01_023,06] Sonst gebe ich euch kein Gesetz als die strengste Folgsamkeit in allen meinen freien Wünschen und Befehlen, die ich an euch werde ergehen lassen zu jeder Zeit des Tages sowohl als auch der Nacht, amen.“
[HGt.01_023,07] Und siehe, da erschrak selbst der Cahin und alle übrigen über alle Maßen und gingen tief bestürzt aus der Wohnung Hanochs und verwünschten in ihren Herzen ihren grausamen Vater Cahin, der ihnen für ihre so großen Anstrengungen bereitet hatte ein so erbärmliches Los.
[HGt.01_023,08] Und als es nun Abend wurde, da hungerte es sie alle, und sie getrauten sich nicht zu essen und gingen traurig hin zum Hanoch und sprachen: „Herr, wir haben gearbeitet den ganzen Tag; nun, so gib uns auch zu essen, wie du versprochen hast!“
[HGt.01_023,09] Hanoch aber erhob sich und sprach: „Wo sind die Früchte eurer Arbeit? Bringet sie her, und zeiget sie mir, und leget sie in meine Kammern, und dann will ich geben lassen jedem nach Recht!“
[HGt.01_023,10] Und sie gingen und brachten, wie ihnen geboten war, die einen viel und die einen wenig, und legten dieselben zu seinen Füßen.
[HGt.01_023,11] Cahin aber und sein Weib brachten nichts in der Meinung, sie seien frei. Und siehe, da teilte Hanoch die Früchte und sprach: „Wer da gearbeitet hat, der soll auch essen; wer aber nicht gearbeitet hat, der soll auch nicht essen.“
[HGt.01_023,12] Und so mußten Cahin und sein Weib für diesmal fasten. Und siehe, da verließ Cahin mit seinem Weibe weinend die Wohnung Hanochs und fand auch kein mitleidiges Herz unter allen seinen Kindern und Enkeln. Da ging er hinaus auf die Felder und aß da von den übriggebliebenen Früchten; und da für ihn keine Wohnung errichtet war, so übernachtete er mit seinem Weibe unter freiem Himmel.
[HGt.01_023,13] Und als des andern Tages wieder daherkamen seine Kinder, um zu arbeiten, fanden sie ihn schon Früchte sammelnd. „Seht“, sprachen sie, „er arbeitet das erste Mal in diesem Lande; es geschieht ihm ja recht, da er es so hat haben wollen: statt Liebe das Recht!“
[HGt.01_023,14] Und siehe, als sie nun wieder gearbeitet hatten unausgesetzt bis um die Mitte des Tages, einige sammelnd Früchte, einige bauend noch mehrere Häuser und Wohnungen und Vorratskammern und einige dienend ihrem Fürsten zu seiner Bequemlichkeit und seinem Weibe und seinen Kindern, da kamen wieder alle hin zu ihm in die hohe Wohnung und brachten ihm Früchte und sonstige Zeichen ihres ermüdenden Fleißes und begehrten zu essen nach Recht, desgleichen auch der Cahin mit seinem Weibe.
[HGt.01_023,15] Und siehe, da erhob sich Hanoch grimmig ernst und sprach: „Wie oft wollt ihr denn essen des Tages?! Meinet ihr, ich lasse für euch die Früchte sammeln, daß ihr dann sorglos gefüttert werden könntet?! Wovon soll denn ich und meine Dienerschaft leben, deren Sache nicht ist, zu arbeiten gleich euch, sondern zu tragen ihren Herrn auf ihren Händen?! Daher entfernet euch von mir, und wage es von euch allen ja keiner mehr, je zu betreten die Schwelle dieser meiner hohen Wohnung! Ich werde von nun an täglich durch meine Diener lassen abnehmen von euch die Früchte für mein Haus; ihr aber könnet sparsam essen nur von den Früchten, die da frei von selbst von den Sträuchern und Bäumen gefallen sind, – so die Sammler, so auch die da bauen. Und das sei euch ein neues Gebot, das ihr heilig zu halten habt; wehe dem Übertreter!“
[HGt.01_023,16] Und siehe, da nahm der Cahin das Wort und fragte den Hanoch ganz traurig und tief bewegt: „O Hanoch, du großer Fürst, mein gewesener Sohn, sage nach deinem Herzen recht und gerecht, ist dein Vater und deine Mutter nicht ausgenommen von allem dem, so du geboten hast weise deinen Untertanen nach deiner freien Willkür? Und muß ich denn sein gleich meinen Kindern, so gebiete, daß sie auch ernähren sollen ihren Vater und ihre Mutter, die wir schon alt, mühselig und sehr schwach geworden sind. Oder erlaube mir gnädigst, zu ziehen von dannen bis ans Ende der Welt, damit ich nicht sehe die große Trübsal meiner Kinder fürder, da sie schmachten unter dem schweren Joche der freien Gerechtigkeit.“
[HGt.01_023,17] Und siehe, da sprach Hanoch: „Wie fragst du mich denn?! Tue ich nicht recht, wenn ich tue, wie du mir die Lehre und die Macht gegeben hast?! Hast du doch selbst niemanden als mich selbst nur gesetzlos erklärt und hast keine Ausnahme gemacht mit dir! Wie verlangst du denn nun solches von mir widerrechtlich und willst mich dadurch zwingen, an dir, dem ersten Gesetzgeber, die streng rechtlichen Folgen des Ungehorsams zum abschreckenden Beispiele für die andern ohne Gnade ersichtlich zu machen?! Und wenn ich so handle, sage, tue ich unrecht?! Denn da bei uns keine Liebe ist, sondern nur das blanke Recht, wie kannst du da ansprechen gegen die Gesetze meiner freien Willkür um irgendeine Ausnahme als einer Gnade, welche sich nie vertragen kann mit den Rechten der Gesetze deines Fürsten?! Daß du mein Vater bist, was geht das mich an?! Bin ich doch geworden durch dich, ohne daß ich es auch nur unter irgendeiner Bedingung habe werden wollen! Und so hast du mich ja gezeugt ohne meinen Willen und machtest mich zum Fürsten ohne denselben! So sage mir denn, da ich nun wurde und bin, was ich bin, und wie ich bin, so ganz ohne meinen Willen, da ich keinen hatte, und auch nicht unter nur irgendeiner Bedingung, rein nur zufällig durch deine Wollust und Fürst durch deinen Ehrgeiz, welche Verbindlichkeit ich somit, rechtlich betrachtet, zu dir habe!
[HGt.01_023,18] So fliehe denn aus meinen Augen, wohin du willst, damit dich nicht ereilen die strengen Folgen der Gerechtigkeit! Dies sei die einzige Gnade, die ich dir frei aus mir, da ich tun kann, was ich will, gewähre; und nun gehe und fliehe!“

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