Jakob Lorber Bischof Martin

26. Kapitel – Martins Bescheidenheit und Demut. Das gesegnete Liebesmahl am Tische des Herrn.

[BM.01_026,01] Wir setzen uns nun zum Tische, und Petrus bringt den Wein nebst einer Toga für Bischof Martin und sagt: „Da, Bruder, weil du deinen Rock und dein Hemd den Armen gabst, so ziehe dafür diesen etwas bessern Rock an, und verzehre in diesem Kleide das vorgesetzte Mahl!“
[BM.01_026,02] Bischof Martin betrachtet den schönen lichtblauen Rock mit purpurner Verbrämung und spricht: „Ah, ah, das ist für unsereinen ja viel zu schön und herrlich! Was fällt dir denn da ein? Ich – ein armer Sünder vom Kopfe bis zum Zehenspitzel – und so ein Rock, wie ihn der Heiland Jesus auf der Welt getragen, der Würdigste der Menschen! Das wäre ja eine Verspottung ohnegleichen!
[BM.01_026,03] Nein, nein, das tue ich nicht! War Jesus auch gerade kein Gott, wozu ihn die dummen Menschen machten, so war er dennoch der weiseste und beste aller Menschen, die je die Erde bewohnt haben. Er war ein vollkommenster Mensch ohne Sünde, an dem Gott sicher Sein höchstes Wohlgefallen haben konnte. Ich aber bin und war der unvollkommenste Mensch voller Sünden. Daher kann ich seinen Rock nimmer anziehen!
[BM.01_026,04] Wahrlich, Freunde, da wollte ich lieber keinen Bissen Brot und keinen Tropfen dieses Weines verkosten, als so unwürdigster Weise diesen wahrhaftigen Jesusrock anziehen. Gebt mir sonst irgendeinen für mich taugenden Fetzen her! Es ist genug, daß ich auf der Welt Melchisedeks Kleider trug und hier diese Torheit teuer genug habe büßen müssen: für die ewige Zukunft werde ich mit Gottes Hilfe wohl klüger sein!“
[BM.01_026,05] Rede Ich: „Auch gut; wie du’s willst! Hier gibt es durchaus keinen Zwang. Daher iß und trink nun ohne Rock. Es sei!“
[BM.01_026,06] Spricht wieder Bischof Martin: „Das freut mich, nur keinen Luxus für unsereinen! Aber, liebe Brüder, nun komme ich euch mit einer andern Bitte; höret! Ich bin zwar schon recht hungrig und durstig, aber unsere armen Schützlinge werden sicher noch hungriger und durstiger sein. Gönnt mir daher die Freude, daß ich den mir beschiedenen Teil diesen Armen überlasse und ihn selbst hintrage. Die Freude, diese Armen gesättigt zu haben, soll diesmal eine Hauptsättigung meines Herzens sein!“
[BM.01_026,07] Rede Ich: „Liebster Bruder, solch ein Wunsch aus deinem Herzen macht auch Mir die größte Freude! Aber diesmal soll’s bei deinem Wunsche verbleiben, denn für deine Armen ist schon bestens gesorgt. Daher setze dich nur zu Mir her und iß und trink nach Herzenslust! Nach der Mahlzeit werden wir dann die Armen besuchen und sehen, ihnen irgendeine angemessene Beschäftigung zu geben. Also sei es!“
[BM.01_026,08] Petrus spricht: „Herr und Meister, teile Du das Brot und auch den Wein aus; denn mir schmeckt alles besser, so Du es austeilst, als wenn ich mir’s selbst nehme! Ich bitte Dich darum, liebster Herr und Meister!“
[BM.01_026,09] Rede Ich: „Ja, ja, mein geliebter Bruder, das tue Ich dir von ganzem Herzen gerne, wenn es nur unsern lieben Freund und Bruder nicht geniert!“
[BM.01_026,10] Spricht Bischof Martin: „Oh, nicht im geringsten, liebste Freunde und Brüder! Ich kenne wohl die Sekte der sogenannten Brotbrecher – ihr werdet weltlich wahrscheinlich ihr angehört haben? Allein das ist hier in der Geisterwelt ohnehin gehauen wie gestochen. Wem hier derlei menschliche fromme Rückerinnerungen aufheiternd dünken, der tue, was ihm gut dünkt. Mir aber ist nun alles, was da irgend nach einer Zeremonie riecht, sehr leicht entbehrlich. Denn ich habe mir auf der Welt an aller Zeremonie einen allerbarsten Ekel angefressen.
[BM.01_026,11] Daher möget ihr hier das Brot auseinanderbrechen, -schneiden oder -sägen, das ist mir eines; wenn’s zur rechten Zeit nur was zum Beißen gibt! Mit dem aber bin ich einverstanden, daß da der Herr des Hauses das Brot an seine zwei Knechte austeilen soll: man ißt ein gegebenes Stück Brot ungenierter als eines, das man selbst genommen hat!“
[BM.01_026,12] Rede Ich: „Nun gut, gut, so es dich nicht geniert, so will Ich das Brot brechen und segnen und es euch dann austeilen!“
[BM.01_026,13] Ich breche nun das Brot und segne es und gebe es dann den zweien.
[BM.01_026,14] Petrus weint beinahe vor Freude, Bischof Martin aber lächelt freundlichst, umarmt Petrus und spricht: „Bist aber du auch ein seelenguter Mensch! Die Brotbrechung hat dich gewiß an die sehr erhabene, entweder wirkliche, oder wahrscheinlich fromm erdichtete Szene der zwei nach Emmaus wandelnden Jünger erinnert? Ich muß es auch aufrichtig gestehen, daß sie mich selbst schon oft zu Tränen gerührt hat.
[BM.01_026,15] Denn es liegt darinnen fürs erste wirklich eine schöne, hohe Bedeutung zugrunde. Und fürs zweite fühlt man die Sehnsucht und den Wunsch, daß sich diese Szene wirklich hätte ereignen mögen. Der schwache, kurzsichtige Mensch hört und träumt nichts lieber als von Wundern, besonders wenn seine Phantasie das allerhöchste Gottwesen so inkognito persönlich mitwirkend darstellen kann bei irgendeiner urzeitlichen Gelegenheit. Bei einer gleichzeitigen würde die Sache freilich ein bei weitem unglaublicheres Gesicht bekommen.
[BM.01_026,16] Also brich du, liebster Herr, Meister und Freund, nur allzeit das Brot; denn auch mir gefällt diese fromme Art!
[BM.01_026,17] Hörst du, lieber Freund, ist aber das ein herrliches Brot! Und der Wein – non plus ultra! Hab‘ wahrlich auf der Erde wohl nie etwas Vorzüglicheres verkostet! Ist das etwa auch so ein Gedankenwein, also überaus geistiger Natur? Das macht aber nichts! Mag er wachsen, wo er will, wenn er nur gut schmeckt. Gott sei gelobt und gepriesen für ewig für dies herrlichste Mahl! Jetzt wird sich’s schon wieder tun bei der möglich kommenden schwersten Arbeit!“
[BM.01_026,18] Rede Ich: „Nun, Mich freut es auch, so es euch beiden wohlgeschmeckt hat; es sei euch gesegnet! Nun aber gehen wir schnell zu unseren Armen und wollen sehen, wie sie sich befinden!“

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