Jakob Lorber Bischof Martin

7. Kapitel – Bischof Martins Versuchung und seine Belehrung durch den Engel Petrus.

[BM.01_007,01] Unser Mann, ganz weg vor lauter Anmut und Liebe, antwortet mit bebender Stimme: „O ihr – himm–lischen Engerln, oh, oh, oh, ihr lieben, lieben Engerln! – Oh, ohooooh, ihr allerliebsten Engerlein Gottes! – Ich – soll – euer – Hirte sein; aber ihr aller-, allerliebsten Engerlein, ihr seht es ja, daß ich dazu viel zu dumm bin!“
[BM.01_007,02] Die Schönste dieser Herde setzt sich recht kindlich zutraulich knapp neben unserem Mann zuerst nieder und die andern folgen ihrem Beispiele. Eben diese Allerschönste sagt darauf zu unserm Hirten: „O du lieber Mann, du bist zu bescheiden; denn ich finde dich sehr schön, und wärst du zu bewegen, so wäre ich überglücklich, ewig die Deine zu sein! Sieh mich an; gefalle ich dir denn nicht?“
[BM.01_007,03] Unser Mann bringt aus lauter Verliebtheit nichts als sein nun stark zitterndes und nimmer endenwollendes Ooooooooh heraus; denn der überschöne, goldblond gelockte Kopf, die freundlichsten großen, blauen Augen, der Rosenmund, der ätherisch wallende volle Busen, die schönsten, runden Hände, wie die noch ätherischeren Füße bringen unsern Mann beinahe von Sinnen.
[BM.01_007,04] Das Engerl sieht des Hirten große Liebesaufregung, beugt sich über ihn und gibt ihm einen Kuß auf die Stirne.
[BM.01_007,05] Bis dahin hatte sich unser Mann noch so ziemlich tapfer gehalten; nun aber war es rein aus! Er wurde durch und durch erregt; umschlang diese Schönste nach Kräften und brach endlich in einen Strom von Liebesbeteuerungen aus.
[BM.01_007,06] Als er aber so in sein Dulcissimum kam, verwandelte sich plötzlich die ganze Szene. Die lieben Engerln verschwanden und der Engel Petrus stand bei unserm Manne und sprach:
[BM.01_007,07] „Aber Bruder, wie weidest denn du deine Schafe? Habe ich dir solchen Rat erteilt? Ja, wenn du so mit den dir anvertrauten Schafen und Lämmern umgehst, dann wirst du wohl überlange nicht zum ewigen Lebensziele gelangen! Warum hast du denn das Buch nicht gebraucht?“
[BM.01_007,08] Spricht der Bischof: „Warum aber hast du mir auch nicht gesagt, daß diese von deinem Hause aus gesehenen Schafe und Lämmer eigentlich nur die allerschönsten und reizendsten Mädchen sind, bei denen nur ein Stein gleichgültig bleiben könnte?! Du siehst, daß ich da eigentlich nur gefoppt war, und so wirst du aus solcher Fopperei ja doch kein schrecklich Wesen machen?“
[BM.01_007,09] Spricht der Engel: „Wie sieht es denn nun mit deinem Zölibat aus? Hast du nun dieses nicht gebrochen und das Gelübde der ewigen Keuschheit?“
[BM.01_007,10] Spricht der Bischof: „Ach, was Zölibat, was Gelübde! Bin ich doch jetzt ganz mit Haut und Haar auf lutherischem Boden; der hebt beides auf! Und überhaupt: einem solchen Engel, wie dies Mädchen da war, hätte ich auch auf der Welt mit dem ganzen Zölibate ein Opfer gebracht und wäre ihr zuliebe augenblicklich ein Lutheraner geworden! Aber wohin sind denn nun diese herrlichen Mädchen verschwunden, besonders die eine? Oh, wenn ich nur diese noch einmal sehen könnte!“
[BM.01_007,11] Spricht der Engel: „Freund, du wirst sie nun recht bald wiedersehen, samt ihrer Begleitung; aber dann darfst du sie nicht sprechen und noch weniger dich ihr nahen! Wenn sie dir aber nachsetzen will, dann hebe deine Hand auf und sage: ,Kehre im Namen des Herrn zurück zur rechten Ordnung und versuche mich nicht, sondern folge der Stimme der Ordnung!‘
[BM.01_007,12] Sollte sich die Herde nicht daran kehren, da schlage das Buch auf und lies die Namen, die darinnen stehen, so wird die Herde sich entweder plötzlich zerstreuen oder – so sie in dir einen Ton gewahren wird, der aus des Herrn Kraft in dir entstammt – so wird sie dir folgen. Du aber wirst sie dann führen auf jenen Berg dort gegen Mittag, wo ich dir schon wieder entgegenkommen werde!
[BM.01_007,13] Was aber jetzt geschah, das opfere in deinem Herzen dem Herrn Jesus auf; denn Er ließ es zu, daß du fielst und im Falle dein hartnäckiges Zölibat von dir warfst!
[BM.01_007,14] Nun aber falle nicht mehr; denn ein wiederholter ähnlicher Fall würde dich in einen solchen Schaden versetzen, daran du im Ernste Hunderte von Erdenjahren zu nagen hättest, bis du ihn von dir brächtest! Daher sei nun vorsichtig und klug! Denn wirst du einmal lauter sein, dann werden zahllose und noch endlos größere Schönheiten im Reiche Gottes dir entgegenkommen; aber vorher mußt du alle deine irdischen Torheiten ablegen aus der Wurzel!
[BM.01_007,15] Nun verharre hier und tue nach diesem meinem Rate, so wirst du für die Folge einen angenehmen Weg haben im Namen des Herrn!“
[BM.01_007,16] Nach diesen Worten verschwindet der Engel Petrus plötzlich, damit der Bischof nun keine Gelegenheit haben solle, noch irgend einige burleske Bemerkungen zu machen und in manchem dem Engel zu widersprechen!

8. Kapitel – Bischof Martins kritisches Selbstgespräch und Sündenbekenntnis.

[BM.01_008,01] Ganz allein nun wieder auf der Wiese, fängt er nach einer Weile mit sich selbst folgenden Monolog zu führen an:
[BM.01_008,02] (Bischof Martin:) „Wo ist er denn jetzt hin, mein Führer? Ein sauberer Führer das; wenn man ihn am nötigsten brauchte, verschwindet er und ist nun Gott weiß wo! – Nur wenn man irgend gefehlt hätte, da ist er im Nu da – eine Eigenschaft, die ich am allerwenigsten leiden kann! Entweder bei einem bleiben und ihn führen auf solch unsicheren Wegen, wie diese geisterweltischen da sind, oder – er soll sich packen für ewig von mir, so er nur dann zu mir kommt, wenn ich schon irgend gesündigt hätte! O solche Narren gäbe es mehrere!
[BM.01_008,03] Will er mich der Seligkeit zuführen, so bleibe er sichtbar bei mir, sonst ist seine Führerschaft überhaupt nichts wert! Na warte, du lutherischer Versteckpatron von einem Führer, – du sollst an mir einen Knochen zu nagen bekommen, daß dir alle deine Geduld vergeht! Was kann mir denn noch mehr geschehen? Lutheraner bin ich, nach der Lehre Roms vollkommen zur Hölle reif – vielleicht, ohne daß ich’s merke, schon darinnen?!
[BM.01_008,04] Daher laß die schönen Lämmer nur noch einmal zu mir kommen! Ich werde ihnen zwar kein Wolf im Schafskleide sein, aber ein Liebhaber voll Feuer, wie es keinen zweiten auf der Erde je gegeben hat! – Meine Hand werde ich nimmer gegen sie erheben und sie auch aus diesem Buche nicht verlesen, auf daß sie nicht mehr fliehen sollen von mir. Ich will mich zwar auch nicht mehr so weit vergessen mit einer oder der andern; aber von der Handaufhebung und vom Verlesen soll an mir keine Spur zu entdecken sein! Und kommt er dann etwa wie aus einem Schlupfwinkel zum Vorscheine, da soll er sehen, wie ein Bischof von der Erde reden kann, so er es will! –
[BM.01_008,05] Wo etwa nur die lieben Engerln so lange bleiben? Bis jetzt ist noch keine Spur von ihnen irgendwo zu entdecken. Ich merke aber nun auch an mir, daß ich nun viel mutiger und kecker geworden bin! Daher nur her mit euch, ihr lieben Engerln, ihr sollet an mir nun schon den rechten Mann finden – keinen Feigling mehr, sondern einen Helden, und was für einen Helden!
[BM.01_008,06] Aber noch immer weilen sie irgendwo! Es ist doch schon eine geraume Zeit, seit mein Führer mich verließ, und noch immer keine Seele irgendwo zu entdecken! Was soll denn das sein? Hat mich etwa gar mein sauberer Führer so hübsch angesetzt für alle ewige Zeiten? Die Geschichte riecht hübsch stark darnach! Mir kommt schon wieder vor, als wenn so einige Dutzend Jahre verstrichen wären, seit er mich verließ. Es werden etwa gar wieder Millionen herauswachsen?
[BM.01_008,07] Es ist dies Geisterweltleben schon ein wahres Sauleben! Man steht da wirklich wie ein Ochse am Berge: Alles ist so dunstig; kein rechtes Licht! Alles ist das nicht, als was es sich zeigt! Der Stein, auf dem ich nun schon eine geraume Zeit der Schafe und Lämmer harre, ist sicher auch etwas ganz anderes, als er zu sein scheint! Auch die lieben Engerln: Gott weiß, wo und was sie so ganz eigentlich sind? Wahrscheinlich – nichts! Denn wären sie etwas, so müßten sie schon da sein! Ja, ja, es ist alles nichts, was da ist! Mein Führer auch; sonst könnte er doch unmöglich so schnell ins reinste Nichts verschwinden!
[BM.01_008,08] Am meisten finde ich dieses Leben dem Traumleben ähnlich. Da hat es mir auch oft von allerlei dummen Dingen geträumt, von allerlei Verwandlungen. Was waren sie aber? Nichts als Bilder, ausgeprägt von der phantastischen Einbildungskraft der Seele! Ebenso ist nun auch dieses Leben nichts als ein eitler, leerer, höchstwahrscheinlich ewiger Traum! Bloß diese meine Erwägungen scheinen wirklich von Gehalt zu sein; alles andere aber ist nichts als ein elendes Phantasiestück der Seele! Nun warte ich schon sicher bei 200 Jahre hier auf die Lämmer und Schafe, aber es ist keine Spur von ihnen zu entdecken!
[BM.01_008,09] Was mich aber dennoch wundert: daß in dieser Phantasiewelt dies Buch, diese meine Bauernkleidung, auch diese Gegend samt dem lutherischen Haus und Tempel so ganz unverändert ihre Gestalt behalten? Diese Geschichte ist allerdings etwas spaßig. Etwas scheint an der Sache doch zu sein, aber wieviel, das ist eine andere Frage!
[BM.01_008,10] Oder sollte etwa doch nicht recht sein, daß ich gleich anfangs nicht gewillt war, seiner Lehre fest Folge zu leisten?! So er aber ein rechter Führer ist, hätte er mir’s denn nicht gleich verweisen können, anstatt sich sogleich mir und dir nichts aus dem Staube zu machen! Hat er denn nicht gesagt, daß ich, so ich noch einmal fiele, dann in einen großen Schaden käme, an dem ich im Ernste mehrere Hunderte von Erdenjahren werde zu lecken haben? Bin ich denn aber wirklich schon gefallen? Mit dem Gedanken und bloßen Willen freilich wohl, aber im Werke unmöglich, weil die gewissen Engerln gar nicht zum Vorschein gekommen sind!
[BM.01_008,11] Vielleicht aber sind diese darum nicht erschienen, weil ich solche Gedanken und solchen Willen hatte? Das könnte sehr leicht sein! Wenn ich aber nur solche Gedanken loswerden könnte! Warum mußten sie auch gar so entsetzlich schön und reizend sein? Da habe ich mich einmal ordentlich eingetunkt! Jetzt heißt’s denn warten, bis sich meine dummen Gedanken legen werden – und der Wille mit ihnen!
[BM.01_008,12] Das seh ich aber schon ein nun: Wenn das eine Prüfung meiner Hauptschwäche ist, so wird es mit mir einen ganz verzweifelten Haken haben; denn in diesem Punkte war ich auf der Welt insgeheim ein Vieh in optima forma! Ja, wenn ich da so eine recht üppige Dirne sah, so ging’s mir – – – taceas! Wie viele habe ich – – taceas de rebus praeteritis! – schöne junge Nonnen! Oh, das waren selige Zeiten, – aber nun taceas!
[BM.01_008,13] Wie strenge war ich im Beichtstuhle gegen die Beichtkinder, und wie lau gegen mich! Leider, leider, es war nicht recht; aber wer außer Gott hat Kraft, der Macht der Natur zu widerstehen?
[BM.01_008,14] Wenn das saudumme Zölibat nicht wäre und ein Bischof der Mann eines ordentlichen Weibes wäre, wie es meines Wissens Paulus auch ausdrücklich verlangte, da hätte man mit dem Fleische doch sicher einen leichteren Kampf. Aber da lebt so ein Bischof stets wie ein Adam vor der Segnung des Erkenntnisbaumes mit der verführerischen Eva in einem gewissen – Paradiese und kann sich an dem dargereichten Apfel nimmer satt fressen!
[BM.01_008,15] O große Lumperei! Es ist nun einmal so, wer kann’s ändern? Der Schöpfer allein, so Er es will; ohne Ihn aber bleibt der Mensch – besonders aus meinem Gelichter! – schon allzeit und ewig ein Vieh, und das ein recht abscheulichstes Vieh!
[BM.01_008,16] Herr, sei mir gnädig und barmherzig! Ich sehe schon, so Du an mich nicht Deine Hand legen wirst, wird’s mit mir schwer weitergehen; denn ich bin ein Vieh – und mein Führer ein eigensinniger Tropf, vielleicht gar Luthers Geist! Da wird es nicht gehen! Geduld, verlaß mich nicht; schon wieder tausend Jahre auf einem Fleck!“
[BM.01_008,17] Nun verstummt er endlich und harrt der Schafe und Lämmer.

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