Jakob Lorber Briefwechsel mit Jesu

Vierte, eigenhändige Antwort von Jesus in griechischer Zunge, während die früheren in jüdischer Zunge abgefaßt waren.

[BJ.01_Antw.4,01] Mein geliebter Sohn und Bruder Abgarus! Was deinen Sohn betrifft, so weiß Ich alles, und es ist Mir überaus lieb, daß es mit ihm ein so schönes Ende für diese Welt, aber einen noch bei weitem schöneren Anfang in Meinem Reiche genommen hat.
[BJ.01_Antw.4,02] Du aber tust wohl daran, so du um ihn ein wenig trauerst, denn siehe, der Guten gibt es wenige auf der Welt. Die aber da sind wie dein Sohn, die sind wohl einer Nachtrauer wert!
[BJ.01_Antw.4,03] Siehe, auch Ich weine deinem Sohne eine köstliche Träne nach! – So ward alle Welt aus einer Träne aus Meinem Auge, und so wird der neue Himmel auch wieder gestaltet.
[BJ.01_Antw.4,04] Ich sage dir, daß da gute Tränen von einem übergroßen Werte im Himmel sind. Denn mit diesen allerköstlichsten Juwelen wird der Himmel gezieret in Ewigkeit. Aber mit bösen Haß-, Neid- und Zorntränen wird die Hölle in ihren Festen gestärkt.
[BJ.01_Antw.4,05] Daher sei dir das der größte Trost, daß du trauerst um den Guten! Behalte aber diese Trauer noch eine Kürze, bis du nach Mir trauern wirst eine Kürze; dann aber wird dich Mein Jünger von allem frei machen.
[BJ.01_Antw.4,06] Sei aber fortan sehr barmherzig, so wirst du auch eine große Erbarmung finden! Vergiß der Armen nicht! Diese sind allzumal Meine Brüder! Was du ihnen tust, das tust du Mir, und Ich werde es dir vergelten hundertfältig.
[BJ.01_Antw.4,07] Suche das Große, das ist Mein Reich, so wird dir auch das Kleine dieser Welt zukommen! So du aber suchtest das Kleine, da könntest du des Großen nicht wert erachtet werden.
[BJ.01_Antw.4,08] Du aber hast (in deinem Gefängnisse) einen Verbrecher, der nach deinem weisen Gesetze den Tod verdient hat. Ich aber sage dir, Liebe und Erbarmung stehen höher denn Weisheit und Gerechtigkeit! Handle daher mit ihm nach der Liebe und nach der Erbarmung, so wirst du eins sein mit Mir und mit Dem, der in Mir ist und von dem Ich ausgehe als Mensch dir gleich. – Amen.
[BJ.01_Antw.4,09] Von Mir Selbst geschrieben zu Kapharnaum und übersandt durch deinen Boten.

Fünfter Brief des Abgarus an Jesus geschrieben drei Wochen nach der Antwort des Herrn auf den vierten Brief.

[BJ.01_Brief_5,01] Abgarus, ein kleiner Fürst in Edessa, Jesu dem guten Heilande, der im Judenlande um Jerusalem erschienen ist als das Urlicht, als die ewige Urkraft, die alles neu umschaffet – Himmel, Welten, Wesen – und nicht erkannt wird von den Ersten, die berufen sind, wohl aber von denen, die bereits Tausende von Jahren in der Finsternis schmachteten, – alles Heil von uns Kindern der Nacht!
[BJ.01_Brief_5,02] O Herr! Welcher Sterbliche kann wohl die Größe Deiner Liebe zu uns Menschen, die wir nur Deine Geschöpfe sind, fassen – aus welcher Liebe Du nun alles neu gestalten willst, und willst aber dabei selbst einen Weg wandeln, der nach meinen menschlichen Begriffen für Gott fast unmöglich und undenkbar zu sein scheint!
[BJ.01_Brief_5,03] Bist Du auch hier auf dieser Erde, die Du mit einem Hauche verwehen könntest, als ein ganz einfacher Mensch unter den Menschen gegenwärtig, so regierest und erhältst Du aber aus Deinem innersten Gottwesen dennoch die ganze Unendlichkeit! Und jeder Staub der Erde, jeder Tropfen im Meere, Sonne, Mond und alle zahllosen Sterne horchen der Allmachtstimme Deines Herzens, das da der ewige Mittelpunkt aller Dinge und Wesen in der ganzen Unendlichkeit ist.
[BJ.01_Brief_5,04] O wie endlos selig müssen Deine Jünger sein, so sie Dich am hellsten Tage ihres Geistes nur so erkennen, wie ich armer Sünder aus meiner Nacht!
[BJ.01_Brief_5,05] O wäre ich nur nicht lahm an meinen Füßen, wie lange schon wäre ich bei Dir! So aber sind meine elenden Füße mir ein Hindernis zu meiner größten Seligkeit geworden. Aber das alles ertrage ich nun gerne, weil Du, o Herr, mich nur insoweit für würdig befunden hast, mit mir armem, dummem Tropfe brieflich zu reden und mich über so viele Wunderdinge zu belehren, über die man freilich wohl nur von Dir, o Herr, nie aber von einem Menschen belehrt werden kann.
[BJ.01_Brief_5,06] Was wußte ich wohl früher von einem Leben nach dem Tode? – Alle Weisen der Welt hätten mir dieses Rätsel nicht enthüllt. Denn unsere Vielgötterlehre hat wohl eine dichterische Unsterblichkeit, die aber ebensowenig der Wirklichkeit gleicht wie ein leerer Traum dem andern, in dem man bald auf dem Meere zu Fuße geht und fährt übers Land zu Schiffe.
[BJ.01_Brief_5,07] Du, o Herr, aber hast es mir im Worte und in der Tat gezeigt, wie nach dem Tode dieses unseres sehr gebrechlichen Leibes erst ein vollkommenstes, wahrhaftiges, freiestes Geistesleben seinen Anfang nimmt und nimmerdar verändert wird ewig.
[BJ.01_Brief_5,08] Aus diesem Grunde aber habe ich es mir nun auch zur unerläßlichen Aufgabe gemacht, Dir, o Herr, für diese endlos große Gnade durch dieses Schreiben meinen gebührendsten Dank darzubringen, der freilich gegen diese Deine endlos große Gnade in das reinste Nichts zerfällt.
[BJ.01_Brief_5,09] Aber was, o Herr, könnte ich Dir auch geben, das Du mir nicht zuvor gegeben hättest!?
[BJ.01_Brief_5,10] Ich denke, ein rechter Dank aus dem Herzen scheint mir noch das dem Menschen am meisten Eigenste zu sein, weil der Undank sicher sein volles Eigentum ist. Daher auch kann ich, o Herr, Dir nichts darbringen als eben meinen geringen Dank – aber dennoch mit der vollsten Versicherung, daß ich nun bereit bin, in meinem kleinen Staate alles sogleich einzuführen, was Du, o Herr, mir gnädigst gebieten möchtest, – also wie ich nach Deinem Wunsche den großen Staatsverbrecher nicht nur alsogleich aus dem Kerker heben, sondern ihn auch sogleich in meine Schule und an meinen Tisch bringen ließ.
[BJ.01_Brief_5,11] Ob ich daran recht getan oder etwa, wie man zu sagen pflegt, des Guten zuviel getan habe, das zu beurteilen reicht mein menschlicher Verstand nicht hin. Darum komme ich, o Herr, auch in diesem Stücke zu Dir mit diesem Schreiben, daß Du mir darüber die rechte Weisung gnädigst erteilen möchtest.
[BJ.01_Brief_5,12] Meine Liebe, meinen Dank und meinen kindlichsten Gehorsam Dir, o Herr Jesus, ganz allein! Dein Wille geschehe!

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