Jakob Lorber der Großglockner

[Gr.01_003,01] Nachdem ihr über die Nützlichkeit unseres Großglockners schon so manches vernommen habt und die Nützlichkeit für nahe schon erschöpft angegeben betrachtet, so fragt ihr euch wohl selbst: „Welche nützliche Tauglichkeit soll denn neben allem Vernommenen einem solchen Berge noch innewohnen, und zwar naturmäßigerweise?“
[Gr.01_003,02] Diese Frage ist recht gut; denn dieser Frage liegt ja eben noch ein großes Bedürfnis zugrunde, vermöge welchem ihr noch etwas Nützliches von diesem Berg erfahren möchtet. Da sich aber nirgends ein Bedürfnis oder irgendein Hunger nach etwas aussprechen kann, für den es nicht irgendeine Sättigung gäbe, so wird es für das Bedürfnis, welches in dieser Frage liegt, wohl sicher auch noch eine Sättigung geben.
[Gr.01_003,03] Und so habt denn acht! Wir wollen sogleich unsere Speisekammer öffnen, allwo ihr zur Sättigung eures Bedürfnisses des besten Brotes in großer Menge antreffen sollt.
[Gr.01_003,04] Also für was taugt unser Großglockner und somit auch alle Gletscher und anderen Berge der Erde denn noch?
[Gr.01_003,05] Es wird euch allen gar wohl bekannt sein, daß sich die Erde binnen 24 Stunden und etwas darüber um ihre eigene Achse dreht; neben dem wird euch auch der ziemlich bedeutende Umfang der Erde nicht unbekannt sein.
[Gr.01_003,06] Wenn ihr den Umfang der Erde nehmt, der noch bedeutend über 5000 deutsche Meilen hinausreicht, und teilt diese ganze Länge des Umfanges in so viele Teile, als da 24 Stunden und einige Minuten darüber Minuten in sich haben, so werdet ihr die überraschende Erfahrung machen, daß da auf eine Minute etliche Meilen zu stehen kommen.
[Gr.01_003,07] Nun denkt euch aber die Erde als eine berglose, ebene Kugel, welche wenigstens zehn Meilen hoch über sich teilweise noch mit schwerer atmosphärischer Luft umgeben ist!
[Gr.01_003,08] Damit ihr aber das Außerordentliche dieser Erscheinung um so vollkommener begreifen möget, so dürft ihr nur eine Glaskugel nehmen und diese dann entweder in einem Gefäße, das mit Wasser angefüllt ist, oder in dem Sonnenstrahl, der da durch irgendein Fenster in das Zimmer fällt und ziemlich gesättigt ist mit dem gewöhnlichen Sonnen- und auch allfälligen Zimmerstaube, recht behende um ihre eigene Achse drehen, und ihr werdet euch überzeugen, daß diese sich drehende Kugel weder ein Wasserteilchen, noch ein noch so leichtes Stäubchen, wenn es sich nicht durch die elektrische Anziehung der Kugel an sie klebt, mit sich fortreißt, d.h. in dieselbe Bewegung zwingt, in welcher sich die Glaskugel selbst befindet.
[Gr.01_003,09] Nun, da wir dieses Experiment gewisserart im Geiste schon gemacht haben, so wollen wir nun einen vergleichenden Blick auf unsere Erdkugel werfen!
[Gr.01_003,10] Saget Mir: Was würde da wohl die atmosphärische Luft in die Mitdrehung der Erdkugel um ihre Achse nötigen, so die Erdoberfläche vollkommen flach wäre? So aber die atmosphärische Luft nicht mitgezogen würde, welcher Luftströmung würden da alle lebenden Wesen ausgesetzt sein?
[Gr.01_003,11] Wenn aber schon die sogenannten Naturforscher mit ziemlicher Genauigkeit den mächtigsten Sturm also angesetzt haben, daß da die Luft eine so schnelle Strömung macht, daß sie in einer Sekunde nahezu 80 Fuß zurücklegt, bei welcher Gelegenheit dann die Luftströmung schon eine solche Gewalt entwickelt, daß sie die dicksten und kräftigsten Bäume mit der größten Leichtigkeit aus dem Erdboden reißt, was würde denn dann erst eine Luftströmung für Folgen haben, welche in einer Minute etliche deutsche Meilen zurücklegen würde?
[Gr.01_003,12] Ich brauche euch den Erfolg eines solchen Experiments nicht näher zu schildern; denn so ihr nur ein wenig nachdenkt, so werdet ihr es ja augenblicklich überklar finden und begreifen müssen, daß bei solchem Luftzug nicht einmal das Steinmoos sich erhalten könnte, geschweige erst irgendein anderes Geschöpf. Und was bei einem solchen Luftzug dann erst das Meer dazu sagen würde, wird derjenige gar nicht schwer begreifen, der nur je das Meer gesehen hat, wenn ein tüchtiger Wind über seine Oberfläche dahinstürmt und das Gewässer gleich Bergen übereinander aufsteigen macht.
[Gr.01_003,13] Wenn ihr nun dieses ein wenig beachtet, so wird euch doch Meine väterliche Fürsorge daraus ganz auffallend in die Augen springen müssen, da Ich zu diesem Zweck die Berge über die Fläche der Erde also wohl geordnet aufgerichtet und festgestellt habe, daß ihnen zufolge die Luft mit der Erde sich zu drehen genötigt wird.
[Gr.01_003,14] Ihr werdet hier freilich sagen: „Warum sind denn zufolge solcher Nützlichkeit die Berge dann nicht alle gleich hoch und laufen nicht gleich den Meridianen von Pol zu Pol?“
[Gr.01_003,15] Auf diese Fragen können drei gültige Antworten gegeben werden.
[Gr.01_003,16] Fürs erste sind sie, die Berge, also gestaltet, wie sie sind, weil Ich beständig mit der Aufstellung eines Dinges keine einseitige Nutzwirkung beabsichtigen kann und will; und so liegt der erste Grund schon in den vorher kundgegebenen Nutzwirkungen der Berge offen vor euch, warum da viele sehr hoch, einige weniger hoch und einige nur unbedeutende Erhöhungen des flachen Landes sind.
[Gr.01_003,17] Der zweite Grund ist aber folgender: Wären alle Berge gleich hoch und möchten sich alle geradlinig von Pol zu Pol ziehen, so würde dadurch eine ewige Luftruhe eintreten, wobei dann bald die unteren Schichten der Luft in Fäulnis übergehen würden so wie in den unterirdischen Katakomben. Saget, wie stünde es bei solcher Gelegenheit mit dem naturmäßigen Leben?!
[Gr.01_003,18] Sehet, aus diesem Grunde sind die Berge scheinbar höchst unregelmäßig über die Erdfläche gestellt. Ich sage euch aber, diese Stellung ist eine mit allerhöchster Wissenschaft so geordnete, daß eben ihr zufolge die Luft immerwährend einen Spielraum hat und kreuz und quer über die Erde ziehen und sich dadurch mischen und reiben muß, durch welche Tätigkeit dann über den ganzen Erdboden die sogenannte Elektrizität, oder besser das natürliche Lebensfluidum in hinreichender Menge stets frisch erzeugt wird.
[Gr.01_003,19] Wenn ihr dieses nur ein wenig betrachtet, so wird euch die Stellung der Berge über dem Erdboden wie ihre verschiedenen Höhen nicht mehr ungeschickt und zufällig, sondern überaus weise geordnet vorkommen.

4. Kapitel – Wesen und Ursache des Gletscherlichtes.

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