Jakob Lorber die geistige Sonne

[GS.01_001,09] Wenn ihr nun dieses Bild ein wenig betrachtet, so wird euch daraus notwendig klar werden müssen, daß hier wieder ein Geistiges das Inwendigste, das Durchdringende und das Umfassende ist. Wir wollen aber noch ein Beispiel nehmen. [GS.01_001,10] Nehmet ein magnetisiertes Stahleisen. Wo ist in dem Eisen die anziehende oder abstoßende Kraft? – Sie ist im Inwendigsten, d.h. in den Hülschen, welche eigentlich die beschauliche Materie des Eisens darstellen. Als solche inwendigste Kraft durchdringt sie die ganze Materie, die für sie kein Hindernis ist, und umfaßt dieselbe allenthalben. Daß dieses magnetische Fluidum die Materie, der es innewohnt, auch äußerlich umfaßt, kann ein jeder leicht aus dem Umstande erkennen, wenn er sieht, wie ein solches magnetisches Eisen ein ferne gelegenes Stückchen ähnlichen Metalles anzieht. – Wäre es nicht ein umfassendes und somit auch ein über die Sphäre der Materie wirkendes Wesen, wie könnte es einen ferne liegenden Gegenstand ergreifen und denselben an sich ziehen? [GS.01_001,11] Wir wollen zum Überfluß noch ein paar kurze Beispiele anführen. Betrachtet einen elektrischen Konduktor oder eine elektrische Flasche. Wenn ein solcher Konduktor oder eine solche Flasche mit elektrischem Feuer von einer geriebenen Glastafel aus angefüllt wird, so durchdringt dieses Feuer die ganze Materie und ist sodann zugleich ihr Inwendigstes und ihr Durchdringendes. Wenn ihr euch aber einer solchen Flasche oder einem Konduktor nur ein wenig zu nahen anfanget, so werdet ihr alsbald durch ein leises Wehen und Ziehen gewahr, daß dieses Fluidum die ganze Materie der Flasche und des Konduktors umfaßt. [GS.01_001,12] Und noch ein sprechenderes Beispiel gibt sich euch in matten Umrissen wohl bei jedem Menschen wie auch bei anderen Wesenheiten kund; am augenscheinlichsten aber wird es bei den Somnambulen. Wie weit nämlich ein Magnetiseur und eine von ihm behandelte Somnambule sich gegenseitig rapportieren können, werden schon so manche von euch die lebendigsten Erfahrungen gemacht haben. Wäre nun der Geist ein bloß inwendigstes und nicht zugleich auch ein durchdringendes Wesen, so wäre fürs erste schon keine sogenannte Magnetisierung möglich; und wäre der Geist nicht auch zugleich das Umfassende und das alles Ergreifende, saget, wie wäre da wohl ein ferner Rapport zwischen einem Magnetiseur und einer Somnambule möglich? – Ich meine, wir haben der Beispiele genug, um aus denselben zu entnehmen, wo, wie und wiegestaltet das Geistige sich überall, somit auch sicher in, durch und bei der Sonne ausspricht. [GS.01_001,13] Die geistige Sonne ist somit das Inwendigste der Sonne und ist ein Gnadenfunke aus Mir. – Dann durchdringt das Geistige mächtig wirkend die ganze Materie der Sonne, und endlich ist es auch das die ganze Wesenheit der Sonne Umfassende. Solches demnach zusammengenommen ist die geistige Sonne. Diese Sonne ist die eigentliche Sonne, denn die sichtbare materielle Sonne ist nichts als nur ein von der geistigen Sonne bedingtes, ihr selbst wohltätiges Organ, welches in all seinen Teilen so beschaffen ist, daß sich in und durch dieselben das Geistige äußern und sich eben dadurch selbst wieder in seiner Gesamtheit völlig ergreifen kann. [GS.01_001,14] Wer demnach die geistige Sonne schauen will, der sehe zuvor ihre äußere Erscheinlichkeit an und bedenke dabei, daß alles dieses von der geistigen Sonne in allem einzelnen wie im gesamten durchdrungen und umfaßt ist, so wird er dadurch schon zu einer schwachen Vorstellung der geistigen Sonne gelangen. [GS.01_001,15] Denke er sich aber noch hinzu, daß alles Geistige ein vollkommen Konkretes ist oder ein sich allenthalben völlig Ergreifendes, während das Naturmäßige nur ein Teilweises, Getrenntes, sich selbst gar nicht Ergreifendes ist. Wenn es als zusammenhängend erscheint, so ist es das nur durch das innewohnende Geistige. Dadurch wird die Anschauung einer geistigen Sonne schon heller werden, und es wird sich der Unterschied zwischen der naturmäßigen und der geistigen Sonne immer deutlicher aussprechen. [GS.01_001,16] Damit ihr jedoch solches stets klarer einsehen möget, so will Ich euch wieder durch einige Beispiele zu einer klaren Anschauung verhelfen. – Nehmet allenfalls eine kleine Stange edlen Metalles. Wenn ihr sie im rohen Zustande betrachtet, so ist sie dunkel und rauh. So ihr aber dieselbe Stange schleifet und sie dann fein polieret, wie sehr wird sie sich jetzt in einem ganz anderen Lichte denn zuvor zeigen und ist doch noch immer dieselbe Stange. Was ist wohl der eigentliche Grund der Verschönerung dieser Stange? Ich sage euch, ein ganz einfacher. Durch das Schleifen und Polieren sind die Teile an der Oberfläche der Stange näher aneinandergerückt und gewisserart miteinander verbunden worden. Dadurch wurden sie ebenfalls mehr konkret und sich gegenseitig mehr ergreifend und auch gewisserart, wenn ihr es so nehmen wollet, wie völlig gleich gesinnt. Im ehemaligen rohen Zustande, der da noch ein getrennter war, standen sie sich wie feindselig gegenüber. Ein jedes also getrennte Teilchen wucherte für sich selbst mit den nährenden Strahlen des Lichtes, verzehrte dieselben nach seiner möglichen Begierde und ließ dem Nachbar nichts übrig. Im polierten Zustand, der ein geläuterter oder gereinigter genannt werden kann, haben sich diese Teile ergriffen. Durch dieses Ergreifen werden die auffallenden Strahlen des Lichtes zu einem Gemeingut, indem nun kein einzelnes Teilchen dieselben mehr für sich behalten will, sondern schon den kleinsten Teil allen seinen Nachbarn mitteilt. Was geschieht dadurch? – Alle haben des Lichtes in übergroßer Menge, so daß sie den Reichtum bei weitem nicht aufzuzehren imstande sind; und der Überfluß dieses nun allgemeinen Strahlenreichtums strahlt dann als ein herrlicher harmonischer Glanz von der ganzen Oberfläche der polierten Goldstange zurück. [GS.01_001,17] Verspürt ihr schon etwas, woher diese Herrlichkeit rührt? Von der Einigkeit oder von der Einswerdung. Wenn demnach das Geistige ein Vollkommenes, in sich Einiges ist, um wie viel größer muß da die Herrlichkeit des Geistigen sein, als die seines Organes, welches nur ein Teil – oder Stückweises ist, und eben dadurch auch ein Selbstsüchtiges, Eigennütziges und somit Totes! [GS.01_001,18] Betrachten wir ein anderes Beispiel. Ihr werdet sicher schon den rohen Kiesstein gesehen haben, woraus das Glas verfertigt wird. Läßt solcher rohe Kies die Strahlen so wie sein Kind, das Glas, ungehindert durchpassieren? O nein; solches wißt ihr recht gut. Warum aber läßt ein solch roher Kiesstein die Strahlen nicht durchpassieren? Weil er in seinen Teilen noch zu getrennt ist und viel zu wenig einig in sich. Wenn die Strahlen auf ihn fallen, verzehrt jedes seiner Teilchen die Strahlen für sich und läßt entweder garnichts oder nur höchstens gewisserart den Unrat der aufgenommenen Strahlen seinem allfälligen Nachbar übrig. Wie ist es demnach aber, daß sein Kind, das Glas, also freigebig wird? Sehet, der Kiesstein wird fürs erste klein zerstoßen und zermalmt. Dadurch hat gewisserart ein jedes Teilchen dem andern absterben müssen oder es hat müssen von ihm völlig getrennt werden. Darauf wird solcher Kiesstaub gewaschen. Ist er gewaschen, dann wird er getrocknet, mit Salz vermengt, kommt in den Schmelztiegel, wo die einzelnen getrennten Stäubchen durch das Salz und den gerechten Grad der Feuerhitze gegenseitig völlig vereinigt werden. [GS.01_001,19] Was will diese Arbeit mit anderen Worten sagen? – Die selbstsüchtigen Geister werden durch die Materie gewisserart zermalmt, so daß sie voneinander völlig getrennt sind. In dieser Trennung werden sie dann gewaschen oder gereinigt. Sind sie gereinigt, kommen sie erst ins Trockene, welcher Zustand da entspricht der Sicherheit. In solchem Zustande werden sie erst mit dem Salze der Weisheit gesalzen und endlich also vorbereitet im Feuer Meiner Liebe vereinigt. Verstehet ihr dieses Beispiel? – Ihr versteht es noch nicht ganz; aber sehet, Ich will es euch noch näher beleuchten. [GS.01_001,20] Die äußere materielle Welt in allen ihren Teilen ist (entsprechend) der rohe Kies; die Trennung desselben ist das Ausformen in die verschiedenen Wesen. Das Waschen dieses Staubes ist das Reinigen oder stufenweise Aufsteigen zu höheren Potenzen der Geister in der Materie. Das Trocknen besagt das freie Darstellen oder das Sichern der Geister in einer Einheit, die sich schon im Menschen ausspricht. Das Salzen ist die Erteilung des Gnadenlichtes an den Geist im Menschen. Das endliche Zusammenschmelzen durch die Hitze des Feuers im Tiegel ist die Einung der Geister sowohl unter sich als auch mit dem Feuer Meiner Liebe. Denn wie sich die Materie in dem Schmelztiegel nicht eher ergreifen kann, bis ihr nicht derselbe Grad der Hitze innewohnt, den das Feuer selbst besitzt, so können auch die Geister untereinander nicht eher einig und somit für ewig verträglich werden, als bis sie von Meiner Liebe gleich Mir Selbst völlig durchdrungen werden. Also heißt es ja auch im Worte: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!“ (Matth.5,48.) Und wieder heißt es: „Auf daß sie eins werden, wie Ich und Du eins sind.“ (Johs.17.) Sehet, aus diesem wird das Beispiel doch sicher klarwerden. [GS.01_001,21] Wodurch aber spricht sich hernach bei dem Glase das Einswerden aus? – Dadurch, daß alle Teile nun auf eine und dieselbe Weise den Strahl aus der Sonne aufnehmen, durch und durch völlig erleuchtet, also überaus lichtgesättigt werden. Dennoch können sie das aufgenommene Licht ganz ungehindert durch sich gehen lassen. Sehet, also lehren euch schon eure Fensterscheiben, wie die himmlischen Verhältnisse geartet sind, und zugleich lehren sie euch auch wieder um eine bedeutende Stufe näher die geistige Sonne beschauen. – Wir wollen uns aber mit diesem Beispiel noch nicht begnügen, sondern wollen bei einer nächsten Gelegenheit noch einige anführen und durch sie dann ganz auf die leichteste Weise uns völlig auf die geistige Sonne selbst schwingen und allda beschauen die unaussprechlichen Herrlichkeiten!

2. Kapitel – Die ganze Natur – ein Evangelium der Ordnung Gottes.

[GS.01_002,01] Wie Ich euch schon so manchesmal gesagt habe, also sage Ich es euch zum wiederholten Male wieder: Die ganze Natur und auch jede mögliche Verrichtung sowohl von Tieren als ganz besonders von Menschen kann ein Evangelium sein und durch seine Verhältnisse die wunderbarsten Dinge Meiner ewigen Ordnung zeigen und erschließen. Ja, es braucht da ein oder das andere Ding für ein vergleichendes Beispiel durchaus nicht gesucht zu werden. Ihr könnt nach was immer für einem zunächstliegenden, noch so unscheinbaren Dinge greifen, es wird sicher dasjenige Evangelium in sich tragen, das zur Beleuchtung eines was immer für geistigen Verhältnisses also vollkommen taugt, als wäre es von Ewigkeit her lediglich für diesen Zweck erschaffen worden. – Also habe Ich gesagt, daß wir noch mehrere Beispiele vonnöten haben, um durch sie uns völlig auf die geistige Sonne schwingen zu können. Darum wollen wir auch gar nicht heiklig sein, sondern ein nächstes bestes hernehmen. [GS.01_002,02] Nehmet ein Wohnhaus an. Woraus wird dieses wohl gebaut? Wie ihr wisset, gewöhnlich aus ganz roher, unförmlicher, klumpenhafter Materie. Diese Materie findet sich wie selbstsüchtig geteilt allenthalben vor. Sie ist der Ton, aus dem die Ziegel bereitet werden, dann eine gewisse Gattung Steine, aus denen da gebrannt wird der Kalk, dann der Sand und unförmliches Holz. Wir bringen nun ein solch rohes Material auf irgendeinem Felde zusammen. Da liegt ein kleiner Berg von aufgeworfener Tonerde, wieder ein anderer Haufen von Kalksteinen, wieder ein chaotischer Haufen von Bäumen, welche aber noch nicht behauen sind, und wieder ein tüchtiger Sandhaufen. In einiger Entfernung davon befindet sich ein kleinerer Haufen rohen Eisenerzes; wieder etwas von diesem Haufen weg ein Haufen von Kiessteinen und nicht ferne davon eine tüchtige Wasserlache. Sehet, da haben wir das rohe Material zu einem Hause haufenweise beisammen. Saget Mir aber, wer aus euch wohl so scharfsichtig ist und erschaut sich aus all diesen rohen Materiehaufen ein wohlgeordnetes stattliches Haus heraus? Alles dieses sieht doch so wenig einem Hause ähnlich als etwa eine Fliege einem Elefanten oder wie eine Faust dem menschlichen Auge, und dennoch hat dieses alles die Bestimmung zur Erbauung eines stattlichen Hauses. [GS.01_002,03] Was muß aber nun geschehen? Über den Tonhaufen kommen Ziegelmacher. Der lose Ton wird angefeuchtet, dann tüchtig durchgeknetet. Hat er sich gehörig ergriffen und ist hinreichend zähe geworden, so wird er zu den euch wohlbekannten Ziegeln geschlagen. Damit sich die Tonteile in den Ziegeln noch inniger und haltbarer ergreifen, wird ein jeder solcher Ziegel noch im Feuer gebacken, bei welcher Gelegenheit er mit dem Erhalt der größeren Festigkeit auch gewöhnlich die euch wohlbekannte Farbe bekommt. – Was geschieht mit den Kalksteinen? Sehet, alldort in einiger Ferne werden schon mehrere Öfen errichtet, wo diese Kalksteine gebrannt werden. Was mit dem gebrannten Kalk geschieht, wisset ihr doch sicher. Sehen wir weiter! Auch über den Holzstamm-Haufen haben sich Zimmerleute hergemacht und behauen die Bäume für den baulichen Bedarf, und bei dem Erzhaufen haben sich Schmiede eingefunden, schmelzen das Erz, ziehen das brauchbare Eisen heraus und bearbeiten dasselbe zu allerlei baulichen Erfordernissen. Weiter sehet ihr andere die Kiessteine zerstampfen und zermalmen und auf die euch schon bekannte Weise zu reinem Glase umstalten. [GS.01_002,04] Nun haben wir das rohe Material in der Umgebung schon kultiviert. Daher kommt auch schon der Baumeister und steckt seinen Bauplan aus. Der Grund wird gegraben, die Maurer und ihre Helfer tummeln sich nun emsig, und wir sehen die rohe Materie sich unter den Händen der Bauleute zu einem geregelten Bau gestalten. Allmählich wächst das stattliche Haus über dem Boden empor und erreicht die vorbestimmte Höhe. Nun legen die Zimmerleute die Hand ans Werk, und in kurzer Zeit ist das Gebäude mit vollkommener Dachung versehen. Bei dieser Gelegenheit haben sich auch unsere früheren rohmateriellen Haufen völlig verloren; nur einen Teil des Sandhaufens sehen wir noch und einen Teil gelöschten Kalkes, aber es geht soeben an das sogenannte Verputzen und Verzieren des Hauses. Bei dieser Gelegenheit schwinden auch noch die zwei letzten materiellen Reste. Sehet, das Haus ist nun völlig verputzt von außen wie von innen. Aber jetzt kommen noch eine Menge kleinerer Handwerksleute. Da haben wir einen Schreiner, dort einen Schlosser, wieder da einen Zimmermaler, allda einen Hafner und wieder dort einen Fußbodenlackierer. Diese Kleinhandwerker tummeln sich noch eine Zeit, und das Haus steht förmlich Ehrfurcht einflößend da. [GS.01_002,05] Wenn ihr nun eure Gefühle vergleichen könnt, vom Anblick der rohesten Materie angefangen bis zur gänzlichen Vollendung dieses stattlichen Gebäudes, so werdet ihr darin doch sicher einen ganz gewaltigen Unterschied finden. Wodurch aber wurde denn dieser Unterschied hervorgebracht? Ich sage euch: Durch nichts anderes als durch die zweckmäßige und gerechte Ordnung und Einung der getrennten rohen Materie zu einem Ganzen. Wenn ihr früher unter den rohen Materienhaufen herumgewandelt seid, war es euch unbehaglich zumute, und eure Gefühle wälzten sich chaotisch durcheinander. Als ihr wieder die ganze rohe Materie durch das Feuer und durch die Handwerkszeuge der Zimmerleute mehr ordnen und tauglich machen sahet, da ward es euch schon heimlicher; denn ihr sahet jetzt schon mehr Möglichkeit voraus, daß aus solch einer geordneten Materie ein Haus werden kann. Aber noch immer konntet ihr zu keiner völligen Vorstellung des Hauses gelangen. [GS.01_002,06] Als ihr aber vom Baumeister den Bauplan habt ausstecken sehen, waret ihr gewisserart schon mehr befriedigend überrascht in eurem Gefühle, denn ihr konntet da schon sagen: Ei, siehe da! Das wird ein ganz großartiges Gebäude! Als ihr aber dann das Gebäude schon im Rohen völlig ausgebaut erblicktet, da sehntet ihr euch nach der Vollendung des Gebäudes. Als das Gebäude vollendet dastand, betrachtetet ihr dasselbe mit großem Wohlgefallen, und als ihr erst in die schönen und zierlichen Gemächer des Hauses eingeführt wurdet, da verwundertet ihr euch hoch und sagtet: Wer hätte solches der vor kurzem noch ganz roh daliegenden Materie angesehen?! [GS.01_002,07] Nun sehet, also verhält es sich auch mit allem dem, was wir bis jetzt in der naturmäßigen Sonne gesehen haben. Es sind rohe Materialklumpen, welche in diesem Zustande ohne Zusammenhang und ohne Einung erschienen. So jemand die Bewohner der Sonne und alle ihre Einrichtungen nacheinander betrachtet, kann er daraus keinen Zusammenhang und kein Aufeinanderbeziehen herausfinden. Also erst in dem Geistigen werden diese noch ganz rohen Klumpen mehr und mehr geordnet. Und aus dieser Ordnung kann dann schon ersehen werden, zu welch einer höheren Bestimmung sie demzufolge da sind, da sie in ihrem Inneren alle auf ein Wesen hindeuten, in welchem erst ihre endliche und völlige Ordnung zu einem vollkommenen Ganzen bewerkstelligt werden kann. [GS.01_002,08] Wir werden daher das vollends fertige Gebäude erst in der geistigen Sonne erschauen, in welcher sich alles dieses ergreifen und in übergroßer Herrlichkeit als ein Ganzes dartun wird. [GS.01_002,09] Sehet nun, wie dieses alltägliche Beispiel ein herrliches Evangelium in sich faßt und dem inneren Betrachter eine Ordnung erschließt, von welcher sich kein Sterblicher noch etwas hat träumen lassen. Aus diesem Beispiel will Ich euch auf etwas dem Geistigen sich mehr Annäherndes aufmerksam machen, und das zwar namentlich an der Sonne selbst. [GS.01_002,10] Ihr habt die verschiedene Einrichtung der ganzen Sonne nun beschaut und auch alles, was auf ihr und in ihr ist. Es ist sicher von zahlloser und beinahe unaussprechlicher Mannigfaltigkeit. Wie spricht sich aber am Ende alle diese sicher denkwürdige Einrichtung der Sonne aus? [GS.01_002,11] Die Antwort erteilt euch ein jeder Blick, den ihr nach der Sonne sendet, nämlich in einem allgemeinen überaus intensiven Licht- und Strahlenkranze. [GS.01_002,12] Sehet, wie das beinahe endlos Mannigfaltige sich allda vereinigt und als so Vereinigtes in nahe endlose Raumfernen hinauswirkt. Es wird nicht nötig sein, alle die zahllos wohltätigen Wirkungen des Sonnenlichtes darzustellen, denn ein jeder Tag beschreibt und besingt dieselben auf eurem kleinen Erdkörper schon zahllosfältig. Würde die Sonne ohne diese Lichteinung über sich mit all ihren zahllosen Teilen auch solche wunderbare Wirkungen hervorbringen? O sicher nicht! Fraget nur eine recht derbe Nacht, und sie wird euch buchstäblich sagen und zeigen, wozu eine lichtlose Sonne tauglich wäre. Doch wir brauchen uns nicht nur mit diesem noch immer etwas harten Beispiel zu begnügen, denn es gibt noch eine Menge bessere. [GS.01_002,13] Damit ihr aber dabei auch desto überzeugender ersehet, wie uns ein jedes Ding unserem Zwecke näherführen kann, wenn wir es nur vom rechten Standpunkte aus betrachten, so sollet ihr für ein nächstes Beispiel selbst einen allernächsten und somit auch allerbesten Stoff wählen, und wir wollen dann sehen, inwieweit er sich für unsere Sache wird brauchen lassen oder nicht. Ich meine aber, es dürfte euch ziemlich schwerfallen, in dieser Hinsicht einen unbrauchbaren Stoff zu wählen, denn was liegt an der Klumpenform eines vorgefundenen Erzbrockens? Nur in den Schmelzofen damit, und der gerechte Hitzegrad wird ihm schon seine sichere Bestimmung geben! Daher suchet auch ihr nicht mühsam einen Stoff, denn wie Ich euch sage, Ich kann gleich einem Packeljuden alles recht gut brauchen! Und so lassen wir die Sache für heute bei dem bewendet sein!

3. Kapitel – Die Uhr – ein Entsprechungsbild der Sonne.

[GS.01_003,01] Ihr habt eine Uhr gewählt. Dieses Beispiel ist besser, als ihr es zu denken vermöget, denn auch Ich hätte einen Zeitmesser genommen. Daher wollen wir nun dieses Beispiel sogleich etwas kritisch durchnehmen, und es wird sich dann alsbald zeigen, ob es uns um eine Stufe höher denn das vorige bringen wird. [GS.01_003,02] Wenn ihr also eine Uhr betrachtet, so erblicket ihr auf diesem kleinen zeitmessenden Werkzeug lauter kultivierte Materie. Ihr sehet einen wohlberechneten Mechanismus, der also beschaffen ist, daß ein Triebrad mit seinen Zähnen in die Zähne eines anderen Rades greift. Ihr sehet, wie das ganze Rädertriebwerk mittels einer verhältnismäßig starken Kette mit der elastischen Feder verbunden ist, die das ganze Werk durch ihre innewohnende Kraft in die zweckmäßige Bewegung setzt. Wenn wir dieses ganze Werkchen noch näher in Augenschein nehmen, so entdecken wir noch eine Menge Ristchen und Häkchen im selben. Alles ist berechnet und hat seine Bestimmung. [GS.01_003,03] Haben wir das innere Werk recht beschaut, so können wir uns zur Besichtigung der äußeren Gestalt verfügen. Was erblicken wir da? Ein flaches Zifferblatt und ein paar ganz einfache Zeiger darüber. – Was verrichten diese Zeiger auf dem ganz einfachen Zifferblatt? – Sie zeigen, wie ihr wißt, die Stunden des Tages und der Nacht an und messen somit die Zeit. Die Zeit, die von diesen Zeigern gemessen wird, ist doch sicher etwas Allumfassendes und ist auch etwas alles Durchdringendes und ist auch das Zentrum allenthalben, wo ihr nur immer hinblicken wollet. Denn es kann niemand sagen: Ich bin am Ende der Zeit, oder: Die Zeit hat mit mir nichts zu schaffen, oder: Die Zeit umgibt mich nicht. Denn sooft jemand etwas tut, so tut er es in der Mitte der Zeit. Warum denn? Weil er von der Zeit allezeit durchdrungen und allenthalben gleich umfaßt wird. Solches zeigt uns auch die Uhr. Im Zentrum des Zifferblattes sind die Zeiger angebracht und beschreiben mit ihren Enden einen genauen Kreis. Da sie aber vom Zentrum aus bis zu dem beschriebenen Außenkreise ununterbrochen als eine konkrete Materie fortlaufen, so beschreiben sie vom Zentrum aus eine zahllose Menge von stets größer werdenden Kreisen. Also ist es ja klar und ersichtlich, daß solche Kreisbeschreibung vom Zentrum des Stiftes, daran die Zeiger befestigt sind, ausgeht, sonach die ganze Zifferblattfläche durchdringt und am Ende von derjenigen Zeit, die sie mißt, wie von einem endlos großen Kreise umfaßt wird. [GS.01_003,04] Gehen wir aber wieder zurück auf unser inneres Uhrwerk. Da werden wir eine unbewegliche Ober- und Unterplatte und unbewegliche Säulchen entdecken, durch welche die Ober- und Unterplatte miteinander befestigt sind. So werden wir auch eine Menge unbeweglicher Stiftchen, Häkchen und Stellschräubchen entdecken. Liegt wohl in diesen unbeweglichen Dingen auch schon etwas von der endlichen Bestimmung des Werkzeuges, welche sich über dem Zifferblatte ausspricht? Ja, auch in diesen unbeweglichen Teilen liegt die endliche Bestimmung wie stumm ausgesprochen zugrunde. [GS.01_003,05] Wenn wir aber ferner in das Uhrwerk blicken, so sehen wir ein verschiedenartiges Bewegen der Räder; fürs erste ein munteres Perpendikelchen, sodann sein nächstes Rad. Das Perpendikelchen ist noch sehr ferne von der Hauptbestimmung, denn es mag noch keinen vollständigen Kreis beschreiben, sondern es wird stets hin- und hergetrieben und kommt trotz seiner im ganzen Werke schnellsten Bewegung dennoch nicht weiter. Das nächste Rad, welches offenbar von dem sich viel zu schaffen machen wollenden Perpendikel beherrscht wird, lauert die lustigen Sprünge des Perpendikels ab und schlüpft bei jedem Sprunge eine Stufe weiter in seinem Kreise, und macht darum schon eine wenn auch noch ziemlich schnelle, aber dennoch fortwährende Kreisbewegung. Man merkt dieser Bewegung wohl noch das Hüpfen des Perpendikels an, aber dieses schadet der Sache nichts. Die kreisförmige Bewegung ist dennoch gewonnen. Das nächste Rad nach dem Perpendikelrade bewegt sich schon viel gleichartiger, beschreibt einen ruhigen Kreis und ist der Hauptbestimmung um vieles näher. Das diesem nächste Rad bewegt sich noch viel langsamer, gleichartiger und ruhiger und ist der Hauptbestimmung darum auch schon um vieles näher, ja es greift schon völlig in dieselbe. Das letzte Rad ist an der Bestimmung selbst, drückt dieselbe in seiner mechanischen Bestimmung schon aus; nur kann diese in dem Mechanismus noch nicht erkannt werden. [GS.01_003,06] Aber eben hier, wo sich gewisserart verborgenermaßen die Hauptbestimmung schon im materiellen Mechanismus ausspricht, dringt aus dem Zentrum des Mechanismus eine Spindel hinaus über das Zifferblatt. Auf dieser Spindel sind die Zeiger angebracht, die in ihrer größten Einfachheit endlich die einige Bestimmung des ganzen künstlich zusammengesetzten mechanischen Werkes ausdrücken. [GS.01_003,07] Sehet ihr nicht schon recht klar, wohinaus sich die ganze Sache drehen will? Alles noch so Mannigfaltige und Zusammengesetzte zeigt in sich ja die endliche Einung zu einem Hauptzwecke; und ein unansehnliches Stiftchen darf nicht fehlen, wenn der letzte Zweck vollends erreicht werden soll. – [GS.01_003,08] Nun gehen wir wieder auf unsere Sonne über. Sehet an diese große goldene Uhr als Messer von für euch undenklichen Zeiten. Wir haben den verschiedenartigen Mechanismus dieser riesigen Uhr gesehen, wir sahen, daß auch hier Meine Liebe die allmächtige lebendige Triebfeder ist, welche innerhalb der zwei großen Platten, die da Ewigkeit und Unendlichkeit heißen, dieses große Werk in Bewegung setzt. Wir haben alle die zahllosen Triebräder gesehen und alle die Stiftchen und Säulchen, wir kennen nun das mechanische Werk. Aber aus der Verschiedenartigkeit von dessen Teilen läßt sich die endliche Hauptbestimmung ebensoschwer erkennen, als so jemand wollte ohne Beachtung des Zifferblattes bloß nur durch die Betrachtung der verschiedenartigen Bewegung des Räderwerkes die stundenweisen Abschnitte der Zeit genau bestimmen. Solches wäre richtig und läßt sich nichts dagegen einwenden, möchte so mancher sagen, aber die Frage geht nun dahin: Wie kommen wir denn bei diesem großen Mechanismus auf die Zentralspindel, die sich aus dem Materiellen erhebt und hinausragt über das große Zifferblatt der endlichen einigen großen Bestimmung? Ich sage euch: Des sei uns nicht bange, denn nichts ist leichter zu bewerkstelligen als gerade das, wenn man schon ein Werk zuvor also durchblickt hat, daß einem alle Bestandteile im wesentlichen bekannt sind. Da wir aber schon einmal die Uhr als ein gutes Beispiel gewählt haben, so wollen wir eben auch mit diesem Beispiel uns zur großen Oberfläche erheben. [GS.01_003,09] Wer je eine Uhr betrachtet hat, der wird zumeist gefunden haben, daß drei Dinge in derselben eine nahe ganz gleiche Bewegung haben. Das erste Ding ist das Kapselrad, in dem die Triebfeder verschlossen ist, das zweite ist dann das Haupttriebrad, welches mittels der Kette mit dem Federkapselrad verbunden ist, und das dritte ist das Zentralspindelrad, welches die Zeiger über dem Zifferblatte in Bewegung setzt. [GS.01_003,10] Wollen wir aufs große Zifferblatt hinausgelangen, so müssen wir sehen, wem diese drei Räder entsprechen. Wem entspricht denn das Federkapselrad? Das ist ja mit den Händen zu greifen, daß solches der Liebe entspricht, daß die Feder die Liebe vorstellt, indem sie verschlossen ist und gewisserart von innen aus das Leben des ganzen Werkes bewirkt. Also liegt demnach in der Liebe schon die ganze Hauptbestimmung des Werkes ganz einig und vollkommen zugrunde. [GS.01_003,11] Wem entspricht denn das zweite Rad von gleicher Bewegung, das mit dem Federrad mittels einer Kette verbunden ist? Dieses Rad entspricht der Weisheit, die aus der Liebe ihr Leben empfängt und somit auch mit derselben in engster Verbindung steht. Wem entspricht das Hauptzentralspindelrad? Der ewigen Ordnung, die aus den erstbenannten zwei Rädern lebendig hervorgeht und das ganze Werk in all seinen Teilen also einrichten läßt, daß endlich alles sich zur Erreichung desjenigen Hauptzweckes fügen muß, der sich aus der Liebe und Weisheit eben in dieser Ordnung ausspricht. Sehet, jetzt haben wir schon das Ganze. Das Spindelrad ist gefunden, es heißt die Ordnung. Auf dieser Spindel wollen wir demnach auch aufwärtsklettern und erschauen die große endliche Bestimmung der Dinge, wie sich dieselbe genau entsprechend der ewigen Liebe, Weisheit und der aus diesen zweien hervorgehenden Ordnung gemäß ausspricht. [GS.01_003,12] Nun hätten wir ja mit dem Beispiel vollkommen unseren Zweck erreicht. Wir befinden uns darum auch schon auf der geistigen Sonne, ohne daß ihr es noch ahnt und einsehet wie und auf welche Art. Ich aber sage euch: Gehet nur einmal flüchtig die gegebenen Beispiele durch, und ihr werdet es vom Anbohren der Bäume angefangen bis endlich zur Uhr leicht finden, daß wir uns gewisserart inkognito eben mit diesen Beispielen auf der geistigen Sonne recht munter herumbewegen, während ihr noch immer harret, auf dieselbe zu gelangen. Wir sind schon am Zifferblatt und brauchen somit nicht mehr an der Spindel heraufzuklimmen. [GS.01_003,13] Aber ihr fraget: Wie denn? Die Sache klingt wie ein Rätsel. Ich aber sage: Wo die Bedeutung der Dinge, wenn auch noch mehr im Allgemeinen denn im Sonderheitlichen, gezeigt wird, wo gezeigt wird, wie endlich alles auf die Einung ankommt, wo sogar diese Einung durch allerlei anschauliche Beispiele dargestellt wird, da scheint nicht mehr die naturmäßige, sondern die geistige Sonne. Die Folge aber wird es in das klarste Licht stellen und wir werden daraus ganz klar ersehen, daß wir uns schon auf der geistigen Sonne befinden. [GS.01_003,14] So jemand eine Fackel in der Hand hält, so wird er doch auch wissen, wozu die Fackel gemacht ist. Wenn er noch in der Dunkelheit wandelt, was ist wohl leichter, als sich im Besitze einer Fackel zu helfen? Man zünde nur die Fackel an, und sobald wird die Dunkelheit in Blitzesschnelle verschwinden. Wir aber haben ja die Fackel in der Hand. Die gegebenen Beispiele sind die Fackel; was braucht es hernach mehr, als diese hell leuchtende Fackel mit einem kleinen Funken der Liebe anzuzünden, und das große bedeutungsvolle Zifferblatt der geistigen Sonne wird sobald erhellt sein. Darum werden wir auch für die nächste Gelegenheit nichts anderes tun, als unsere gute Fackel mit der scintilla amoris anzünden und bei diesem herrlichen Lichte beschauen die große Bedeutung der Dinge auf der geistigen Sonne. Und so denn lassen wir es wieder heute bei dem bewendet sein! –

4. Kapitel – Die natürliche und die geistige Sonne – Unterschied ihrer Erscheinlichkeit.

[GS.01_004,01] Ihr fraget und saget: Es wäre ja gut, die Fackel mit dem Liebesfünklein anzuzünden, aber wo werden wir dieses wohl hernehmen? Ich kann euch darauf wahrlich nichts anderes sagen, als daß wir es gerade daher nehmen werden, woher es eigentlich zu nehmen ist. Wäre es nicht gerade lächerlich zu nennen, wenn wir mit der ganzen, sehr stark feurigen Sonne nicht imstande wären, das bißchen Fackeldocht anzuzünden?! Denn unter dem Liebesfünklein verstehe Ich ja eben die Sonne, die wir nun nach der Länge, Dicke und Breite in unseren Händen haben. Und wenn ihr imstande seid, durch ein talergroßes Brennglas ein Stück Schwamm an den Sonnenstrahlen anzuzünden, während diese in naturmäßiger Hinsicht doch über zweiundzwanzig Millionen Meilen entfernt ist, so wird die nun ganz nahe Sonne wohl auch imstande sein, unseren Fackeldocht brennen zu machen. [GS.01_004,02] Und so denn wollen wir diesen kinderleichten Versuch wagen, unseren Fackeldocht mit dem Feuer der Sonne in Berührung zu bringen. Seht doch, wie leicht die Sache war! [GS.01_004,03] Der Fackel Licht brennt nun, und sehet, für den Geist unübersehbare Gefilde erstrahlen vom Lichte einer ewigen Morgenröte, das diesem Fackellichte entstammt. [GS.01_004,04] Ich Selbst bin die Fackel und leuchte ein gerechtes Licht; wer in diesem Lichte schauet, der sieht allenthalben die Wahrheit und kein Trug darf seinen Augen begegnen! [GS.01_004,05] Was Wunder, saget ihr; in der naturmäßigen Sonne haben wir Riesen geschaut und große Verschiedenheiten in allen Dingen; hier auf der lichten Sphäre ist alles gleich. Nicht eines sehen wir das andere überragen. Es ist ein Licht, es ist eine Größe, und die Liebe spricht sich allenthalben in unnennbarer Anmut aus. Wir sehen fast lauter ebenes Land; wo sind die naturmäßigen Berge der Sonne? [GS.01_004,06] Die endlos zufriedenen Geisterengelwesen wandeln auf den Lichtgefilden umher und machen keinen Unterschied, ob da ist ein Land oder ein Wasser. Leicht erheben sie sich in den lichten Äther empor und schweben, wonnetrunken eine Seligkeit um die andere atmend, im selben herum. Wir sehen nur ganz niedliche Bäumchen; wo sind die Riesenbäume des Naturbodens? Auch sehen wir in all den niedlichen Gewächsen eine wunderbare Übereinstimmung. Aus einem jeden haucht ein unaussprechliches Wonnegefühl, hoch entzückend jeden Geist, der sich demselben naht. Ja, aus jedem Bäumchen, aus jeder zarten Grasspitze strömt ein anders geartetes Wonnegefühl; und doch sehen wir in den Bäumchen, in all den anderen Gewächsen wie an dem Grase nur eine Form und eine gänzliche Einheit im Unzähligen. [GS.01_004,07] Wir wandeln über die endlosen Gefilde. Uns begegnen zahllose Heere von seligsten Engelsgeistern, doch entdecken wir nirgends eine Wohnung. Keiner sagt uns: Dieser Grund ist mein und dieser meines Nachbars, sondern wie überaus fröhlich Reisende auf einer Landstraße ziehen sie allenthalben einher, frohlocken und lobsingen. Wohin wir uns auch nur immer wenden, sehen wir nichts als Leben durch das Leben wallen. Lichte Gestalten begegnen sich, und von allen Seiten her ertönt ein großer Freudenruf! [GS.01_004,08] Doch wir sind da wie gänzlich Laien und wissen nicht, wo aus und wo ein. Wo ist diese lichte Welt, die wir jetzt schauen? Ist dies die geistige Sonne? Also fragt ihr erstaunten Blickes und erstaunten Herzens. [GS.01_004,09] Allein Ich sagte euch ja, daß die geistige Sonne an und für sich betrachtet dem Zifferblatte einer Uhr vollkommen gleicht, allda sich der ganze Zweck des kunstvollen mechanischen Werkes ausspricht. Ihr saget etwas verdutzt: Ist das alles von der geistigen Sonne? Es ist wohl sehr wunderbar erhaben schön, überaus lebendig, aber dabei dennoch sehr einfach. Auf der eigentlichen Sonne haben wir so unnennbar verschiedenartiges Große, ja Wunderbare geschaut. Hier aber kommt es uns vor, als wäre diese ganze unendlich scheinende Fläche eine ebensogroße Landstraße für Geister, auf welcher zwar kein Staub zu entdecken ist. Aber in allem Ernste gesprochen, was die Einförmigkeit, das gewisserart ewig scheinende Einerlei dieser überaus lichten Welt betrifft, in diesem Punkte hätten wir im voraus zufolge der großartigen Vorerscheinungen auf der naturgemäßen Sonne etwas ganz Außerordentliches erwartet. [GS.01_004,10] Ihr habt ja die Uhr zum Muster. Wenn ihr in dem ineinandergreifenden Räderwerk herumwandelt, was müßtet ihr euch denken, welche Effekte dieser Verwunderung erregende Mechanismus bewirken wird, so ihr noch nie ein Zifferblatt einer Uhr gesehen hättet! Werdet ihr da nicht sagen, so ihr das Räderwerk besehet: Wenn das Mittel schon so wunderbar aussieht, von welch unbeschreiblich wunderbarer Art muß da erst der Zweck sein! Und ihr werdet zum Meister des Uhrwerkes sagen: Herr! Unnennbar kunstvoll und überaus wohlberechnet ist dieses Räderwerk; wie groß und überaus kunstvoll muß da erst der Zweck dieses wunderbaren Mechanismus sein! Laß uns daher doch auch dahin sehen, wo sich der sicher große Zweck dieses wunderbaren Mechanismus ausspricht. Und der Uhrmacher vergehäuset das Werk und zeigt euch nun – das Zifferblatt! [GS.01_004,11] Ihr machet schon wieder große und verdutzte Augen und saget: Was?! Ist dies das Ganze, wofür das innere Kunstwerk geschaffen ist? Nichts als ein weißlackiertes rundes Blatt mit zwölf Ziffern; und ein Paar zugespitzte Zeiger schleichen in unmerklicher Bewegung immerwährend auf dieselbe Art die zwölf Ziffern durch. Nein, da hätten wir uns ganz etwas anderes vorgestellt! Ich sage: Etwa ein künstliches Marionettentheater oder etwa sonst eine großartige Kinderspielerei? [GS.01_004,12] O Meine Lieben! Da sind eure Vorstellungen von aller geistigen Welt noch sehr mager. Habt ihr denn aus den gegebenen Beispielen nicht ersehen, wie das ganze Äußere in all seiner Zerstreutheit sich endlich in der Einung aussprechen muß? Ihr habt solches bei der Darstellung eines Baumes gesehen, bei der Polierung einer edlen Metallstange, bei der Verfertigung des Glases, bei der Erbauung eines Hauses und endlich handgreiflich bei der Betrachtung einer Uhr. [GS.01_004,13] Wenn es sich, in das Geistige übergehend, darum handeln würde, dasselbe noch mehr zu zerstreuen, als es zerstreut ist in der äußeren Naturmäßigkeit, wie ließe sich da wohl eine ewige Dauer und ein ewiges Leben denken?! So aber muß ja der wahren innern lebendigen Ordnung gemäß in dem Geistigen sich alles einen, um dadurch kräftig, mächtig und lebendig dauerhaft zu werden für ewig. Ihr saget hier: Solches ist ersichtlich, vollkommen richtig und wahr, dessen ungeachtet aber haben wir bei so manchen Gelegenheiten von den großen Herrlichkeiten der himmlischen Geisterwelt gehört; darum wissen wir nun nicht, wie wir so ganz eigentlich daran sind. Wir können zwar gegen die einfach geschaute Herrlichkeit der geistigen Sonne im Grunde nichts einwenden, aber sie kommt uns auf unsere früheren Begriffe von einer himmlischen Welt gerade so vor wie ein schöner Sommertag, an dem wir in der Luft eine zahllose Menge von den sogenannten Ephemeriden in den Sonnenstrahlen bunt durcheinanderschwärmen sehen, und keine kann uns Bescheid geben, woher sie kam, wohin sie geht und warum sie so ganz eigentlich die strahlenerfüllte Luft in allen erdenklichen Richtungen durchkreist. [GS.01_004,14] Euer Einwurf ist zwar in einer Hinsicht richtig; allein wie diese Einfachheit der von euch geschauten geistigen Sonne mit den von euch schon zu öfteren Malen vernommenen wundervollsten Herrlichkeiten des Himmels zusammenhängt, solches kundzutun ist noch nicht an der Zeit, da wir erst die Grundlage kennen lernen müssen. Wenn ihr bisher nur Ephemeriden geschaut habet, so tut das der Hauptsache keinen Eintrag, denn der Erfolg wird es schon zeigen, was es mit der Einfachheit dieser von uns nun geschauten geistigen Sonne für eine Bewandtnis hat. Solches also beachtet und denket bei euch selbst ein wenig nach. In der nächsten Fortsetzung wollen wir diese Einfachheit mit ganz anderen Augen betrachten und somit gut für heute! 5. Kapitel – Vom Reiche Gottes im Menschen. [GS.01_005,01] Wenn ihr je auf einem hohen Berge eine Zeitlang verweilen würdet, und das an einem vollkommen schönen und reinen Tage, was würdet ihr da wohl bemerken? Mancher aus euch würde wohl eine Zeitlang ganz entzückt sein, denn das großartige romantische Naturgemälde würde durch seine vielfach abwechselnden Formen einen hinreichenden Stoff zur erheiternden Betrachtung bieten. Ein anderer würde aber dabei ganz anders denken und würde aus diesen seinen Gedanken sagen: Was, ist denn das so etwas Außerordentliches? Man sieht weit und breit, was denn? Nichts als einen Berg um den anderen; mancher ist höher, mancher wieder niederer; hier und da sind die höchsten Spitzen überschneit, auf einigen anderen Punkten ragen wieder einige plumpe Felsspitzen empor, und diejenigen Berge, die am weitesten davon entfernt sind, nehmen sich darum auch am passabelsten aus, während die näheren nichts als Spuren über Spuren der stetigen Zerstörung aufzuweisen haben. Das ist das immerwährende Einerlei dieser berühmten Gebirgsaussicht. Ein Dritter befindet sich auch in der Gesellschaft auf der hohen Bergesspitze. Dieser, wie ihr zu sagen pfleget, ein Hasenfuß, bereut schon nahe weinend, daß er sich solch eine Mühe genommen hat, die Gebirgshöhe zu besteigen. Fürs erste, sagt er, sieht er hier nichts anderes als auf einem gesunden ebenen Boden in der Niederung, fürs zweite friere es ihn noch obendrauf für solche Strapaze, und fürs dritte möchte er vor Hunger in die Steine beißen, und wenn er gar noch bedenkt, daß er den schauerlichen Rückweg wird machen müssen, so fangen ihm alle Sinne zu schwinden an. [GS.01_005,02] Hier hätten wir also drei Gebirgsbesteiger. Warum findet der erste für sein Gemüt so viel Erhebendes, der zweite nichts als abstrakte plumpe Formen, und der dritte ärgert sich sogar, für solchen Spottpreis sich eine solche Mühe gemacht zu haben? Der Grund liegt einem jeden sehr nahe, weil er in ihm selbst liegt. Wie denn also? Der erste ist mehr lebendigen und geweckten Geistes; nicht die Formen und der Berge hohe Zinnen sind es, die ihn selig stimmen, sondern diese Stimmung ist ein Rapport des höheren Lebens in entsprechender Form über solchen hohen Bergen. Denn wir haben schon bei anderen Gelegenheiten zur Genüge vernommen, welch ein Leben sich auf den Bergen kündet. Und eben von diesem Leben hängt ja das Wonnegefühl desjenigen Besuchers der Höhen ab, welcher selbst mit geweckterem und lebendigerem Geiste dieselben betritt. Der Geist des anderen ist noch in tiefem Schlafe, darum gewahrt er auch nichts anderes, als was seine fleischlichen Augen sehen und sonach sein irdisch trockener Verstand bemißt. Wenn ihr ihn zahlet und gebet ihm dann seinen Kenntnissen als Geometer angemessen mathematische Meßwerkzeuge in die Hand, so wird er euch auf alle Gebirgsspitzen hinaufklettern und ihre Höhen recht wohlgemut bemessen. Ohne diesen Hebel aber dürfte es euch kaum gelingen, ihn wieder auf eine Gebirgsspitze hinaufzubringen. Was den Geist des dritten betrifft, so läßt sich davon nahe gar nichts reden, denn bei ihm lebt nur der Tiermensch, der alle seine Seligkeit im Bauche findet. Wollet ihr ihn wieder einmal auf eine Gebirgshöhe bringen, müßt ihr fürs erste dafür sorgen, daß er ohne alle Beschwerde hinaufkommt, und fürs zweite, daß er in der Höhe etwas Gutes zu essen und zu trinken bekommt. So wird er auch noch einmal eine Gebirgshöhe besteigen, wenn schon nicht mit eigenen, so doch mit den Füßen eines wohlabgerichteten Saumtieres. Da wird er sagen: Bei solchen Gelegenheiten bin ich schon dabei, denn die Gebirgsluft ist vermöge ihrer Reinheit der Verdauung ja viel günstiger als die dumpfe Luft der Täler. [GS.01_005,03] Sehet, aus diesem Beispiel können wir die große und wichtige Lehre ziehen, welche genau auf unsere einfache geistige Sonne paßt. Und diese Lehre stimmt auf ein Haar genau mit dem Text des Evangeliums überein, welcher also lautet: wer da hat, dem wird es gegeben, daß er in der Fülle besitze, wer aber nicht hat, der wird noch das verlieren, was er hat. (Matth.13,5.) In diesem Schrifttext steckt noch ein anderer, der mit dem obigen Beispiele noch mehr übereinstimmt, und dieser Text lautet also: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerem Schaugepränge; denn siehe, es ist in euch! (Luk.17,21.) Merket ihr jetzt, was es mit der einstweiligen Einfachheit der geistigen Sonne für eine Bewandtnis hat? Ihr saget: Wir merken zwar etwas, aber noch nicht völlig klar, was damit gesagt und angezeigt sein soll. Ich aber sage euch: Nur eine kleine Geduld, und die Sache wird sogleich mit wenig Worten so klar wie die Sonne am hellen Mittage leuchtend auftreten. Warum sahet ihr die geistige Sonne also einfach? Weil ihr nur die eigentliche Außenseite gesehen habet. Ich aber sage euch: Es gibt auf derselben eine unendlich großartige und wunderbare Mannigfaltigkeit, von der ihr euch bis jetzt durchaus noch keinen Begriff machen könnet. Diese Mannigfaltigkeit liegt aber nicht auf der geistigen Sonne, sondern sie liegt im Inwendigen der Geister. Wenn ihr somit dieselben erblicken wollet, da müsset ihr mit reingeistigen Augen in die Sphäre eines oder des andern seligen Geistes blicken, und ihr werdet die sonst einförmige geistige Sonnenwelt alsbald in zahllose Wunder übergehen sehen. Denn solches müßt ihr wissen, daß wohl jedem Geiste eine und dieselbe Unterlage gegeben wird, welche da ist pur Meine Gnade und Erbarmung, und diese spricht sich gleichmäßig in der von euch geschauten geistigen Sonne aus. Was aber dann die Ausstaffierung dieser gegebenen Unterlage betrifft oder die eigentliche bewohnbare Welt für den Geist, so hängt diese lediglich von dem Inwendigen eines Geistes ab, welches da ist die Liebe zu Mir und die aus dieser Liebe hervorgehende Weisheit. Damit ihr solches noch klarer ersehen möget, will Ich euch noch ein recht anschauliches Beispiel hinzufügen. Einer oder der andere aus euch befände sich auf irgendeinem weiten ebenen Felde; auf diesem Felde trifft er nichts als in der Mitte einen Baum, unter dessen Schatten ein üppiges Gras wächst. Auf dieses Gras legt sich der Wanderer nieder, schläft ruhig ein und stärkt sich dadurch. Aber in diesem süßen und stärkenden Ruhezustande hat sich ein wunderbarer Traum seiner bemächtigt. In diesem Traume ist der einsame und einfache Wanderer in den herrlichsten Palästen mit lauter Fürsten beschäftigt, verkehrt mit ihnen und genießt dadurch eine überaus große Seligkeit. Ich frage euch nun: Wie kommt denn dieser Mensch auf diesem öden leeren Felde zu solch einer innern Gesellschaft? [GS.01_005,04] Sehet, alles dieses ist ein Angehör seines Geistes und ist im Geiste selbst vorhanden. Es ist eine Schöpfung durch die Kraft der Liebe seines Geistes und ist geordnet nach der Weisheit, die hervorgeht aus solcher Liebe. Wenn ihr nun dieses Beispiel ein wenig durchdenket, so wird es euch sicher klar, wie dereinst im Geiste ein jeder nach seiner Liebe und der daraus hervorgehenden Weisheit der Schöpfer seiner eigenen für ihn bewohnbaren Welt sein wird und diese Welt ist das eigentliche Reich Gottes im Menschen. – [GS.01_005,05] Wer daher die Liebe Gottes in sich hat, dem wird auch die Weisheit in demselben Grade zukommen, in welchem er die Liebe hat. Und also wird es dem gegeben, der da hat, nämlich die Liebe. Wer aber diese nicht hat, sondern allein seinen trockenen Weltverstand, den er als die Weisheit ansieht, dem wird alsdann auch dieser benommen werden, und das zwar auf die allernatürlichste Weise von der Welt, wenn ihm das Weltliche oder sein Leibesleben genommen wird. [GS.01_005,06] Sehet, also verhalten sich die Sachen. Der eine Gebirgsbesteiger geht mit Liebe auf die Berge, und die Liebe ist auf den Höhen die Schöpferin seiner Seligkeit. Wer aber mit seinem Verstande nur auf die Berge geht, der wird sicher keine beseligende Zahlung finden, sondern er wird durch seine Mühe noch in seinem Verstande gewaltig beeinträchtigt werden, indem ihm dieser da oben spottwenig oder gar nichts abwerfen wird. Und der dritte, der gar nichts hat, der wird in der Höhe von allem ledig werden, denn der Tote kann am Leben doch kein Vergnügen finden, indem er stumm für dasselbe ist. Also ist auch ein Stein schwer auf eine Höhe zu bringen; aber wenn er in der Höhe losgemacht wird, stürzt er mit desto größerer Heftigkeit in die Tiefe des Todes hinab. Wenn ihr alles dieses nun genau zusammenhaltet, so wird euch die geistige Sonne sicher nicht mehr so einfach vorkommen wie ehedem. Was alles aber auf derselben sich noch kündet, werden wir durch die nächsten Fortsetzungen klärlichst erfahren. Daher gut für heute. 6. Kapitel – Das geistige Kosmo-Diorama – die Sphäre des ersten Geistes. [GS.01_006,01] Wie werden wir es denn anstellen, damit wir auf unserer bisher noch immer einfachen geistigen Sonne etwas mehr zu sehen bekommen? Werden wir uns daselbst bequemen, etwa große und weitgedehnte Untersuchungsreisen anzustellen, oder werden wir uns auf irgendeinem Punkte aufstellen, den Mund und die Augen recht weit aufsperren, damit wir sehen, wie uns etwa die gebratenen Vögel in den Mund fliegen werden? Ich sage: Wir werden weder das eine noch das andere tun, sondern wir werden uns in ein geistiges Kosmorama und Diorama begeben und wollen uns daselbst, so gut es nur immer sein kann, an den wunderbaren Anschauungen im Herzen vergnügen. Damit ihr euch aber davon eine etwas bessere Vorstellung machen könnet, so will Ich euch wieder durch ein sehr anschauliches Beispiel der Sache näherführen. Ihr habt doch sicher schon ein sogenanntes „optisches Diorama“ gesehen, welches darin besteht, daß mittels eines etwa einen halben Schuh im Durchmesser habenden Vergrößerungsglases gut gemalte Bilder, die hinter einer schwarzen Wand aufgestellt sind, angeschaut werden. Wenn ihr so ein recht gutes Stück ansehet, könnet ihr tun, was ihr wollet, eure Phantasie und Einbildung mäßigen und modulieren nach Möglichkeit, und ihr werdet es mit aller Anstrengung nicht dahin bringen, daß ihr das gemalte Bild als ein bloß gemaltes ansehet, sondern immer wird es vollkommen plastisch erscheinen und die Gegenstände so darstellen, daß ihr sie wie in der Natur selbst erblicket, vorausgesetzt, daß das Bild und das Glas selbst vollkommen tadellos sind. [GS.01_006,02] Wenn ihr euch nun in einer solchen Hütte befindet, wo etwa einige zwanzig solcher Vergrößerungsfensterchen angebracht sind, so werdet ihr dem Außen nach ein jedes Fensterchen doch sicher völlig gleich finden. Wenn ihr aber hinzutretet, so werdet ihr in dem kleinen Raume über die zwanzig Fensterchen hin in wenig Schritten eine Reise machen, die ihr sonst vielleicht in einigen Jahren nicht gemacht hättet. Ähnlich ist zwar jedes Fensterchen dem andern; aber durch das Fensterchen geschaut, repräsentiert sich eine ganze Weltgegend. Ihr gehet zum zweiten Fensterchen und sehet da hinein: wie himmelhoch verschieden von dem vorigen und so fort bis zum letzten Fensterchen. Hat euch nicht ein jeder neue Durchblick auf das Außerordentlichste ergötzt? Ihr müßt solches offenbar bejahen, denn in einem Fensterchen sahet ihr eine vortrefflich dargestellte große Stadt nebst einem weiten Landbezirk ihrer Umgebung und in dem nächsten Fensterchen eine überaus romantische Gebirgsgegend so vortrefflich dargestellt, daß ihr glaubtet, ihr brauchtet nur die schwarze Wand zu durchbrechen, um euch in dieser Gegend ganz natürlich zu befinden. Ihr mochtet euch nicht trennen, aber der Führer sagte euch: Beim nächsten Fensterchen werden Sie noch etwas Großartigeres sehen, und ihr begebt euch zum dritten Fensterchen. Der erste Anblick schlägt euch schon völlig nieder, denn ihr erblicket eine endlos weitgedehnte Meeresfläche. Längs dem Meere eine sich in bläulichen Dunst verlierende Ufergegend mit all ihren Seeherrlichkeiten. Auf der weitgedehnten Meeresfläche erblickt ihr hier und da Inseln und eine zahllose Menge von großen und besonders von kleinen Seefahrzeugen. Dieses alles ist so vortrefflich dargestellt, daß ihr nicht umhin könnet auszurufen und zu sagen: Da hört die Kunst auf Kunst zu sein und tritt völlig in das Gebiet der reinsten, natürlichen Wirklichkeit! Und so geleitet euch der Führer zu einem nächsten Fensterchen; da werdet ihr wieder noch mehr überrascht und so fort bis zum letzten. [GS.01_006,03] Wenn ihr also alles genau durchgeschaut habt, so möchtet ihr dann wohl gehen; aber der Führer hält euch auf und sagt: Meine lieben Freunde! Wollen Sie denn nicht noch einmal zum ersten Fensterchen hingehen? Ihr sagt ihm: Das haben wir ja ohnedies schon betrachtet. Doch der Führer sagt zu euch: Das Fensterchen ist wohl dasselbe, aber die Ansichten sind ganz verändert. Ihr geht darauf hin und seht zu eurem größten Erstaunen wieder ganz Neues und völlig Unerwartetes und so durch die ganze Reihe der etlichen zwanzig Fensterchen hindurch. Hoch erstaunt verlasset ihr wieder das letzte, und der Führer sagt wieder zu euch: Meine Freunde! Die Fensterchen sind zwar noch dieselben, aber es ist schon wieder überall eine neue Welt dahinter zu sehen. Und ihr gehet, von hohem Interesse ergriffen, wieder an die Betrachtung und rufet schon beim ersten Fensterchen: Wunder, Wunder, Wunder!!! Sie, schätzbarer Freund, sind ja unerschöpflich in Ihrem Kunstgebiete! Und er spricht zu euch: Ja, meine lieben Freunde, also könnte ich euch wohl noch tagelang mit stets neuen und großartigeren Abwechslungen unterhalten. [GS.01_006,04] Sehet, in diesem einförmigen, ganz kleinen Raume habt ihr eine Weltanschauung genossen, wie sie manche große Erdumsegler in der Natürlichkeit nicht genossen haben. Eure Augen haben Entfernungen von hundert Meilen und darüber geschaut, und das alles auf einem Raume von wenigen Klaftern und Schuhen. [GS.01_006,05] Nun sehet, dieses anschauliche Beispiel gibt uns einen recht guten Vorgeschmack zu der wundervollsten geistigen Anschauung auf unserer geistigen Sonne. Es sagt uns, wie wir allda auf einem kleinen Raume so überschwenglich vieles können zu Gesichte unseres Geistes bekommen, wie wir eben in unserem optischen Kämmerchen mit der leichtesten Mühe zum wenigsten die halbe Oberfläche der Erde geschaut haben. Wie aber werden wir solches anstellen? Davon ist schon ein kleiner Wink gegeben worden, und diesem Winke zufolge wollen wir denn auch einen kleinen anfänglichen Versuch machen. [GS.01_006,06] Sehet, wir befinden uns noch immer auf unserer einfachen geistigen Sonne, sehen noch immer nichts als selige Geister in vollkommener Menschengestalt durcheinander, miteinander und übereinander wandeln und auf dem Boden unsere Bäumchen, edle Gesträuche und das schöne Gras. Aber sehet, da kommt soeben ein Geistmann auf uns zu. Mich sieht er nicht, daher redet ihr ihn nur an, damit er vor euch stehenbleibe. Wenn er stehenbleiben wird, sodann tretet näher zu ihm, daß ihr seine Sphäre erreichet, und ihr werdet sogleich die geistige Sonne in einem andern Kleide erblicken. [GS.01_006,07] Nun, ihr seid in seiner Sphäre und schlaget eure Hände über dem Kopfe zusammen. Was aber seht ihr denn? Ihr könnet ja vor lauter Verwunderung nahe zu keinem Worte kommen! Es hat auch nicht Not, denn mit Mir ist in dieser Hinsicht leicht reden, weil Ich dasselbe, was ihr schauet, eben also wie ihr und daneben aber auch noch ums Unendliche vollkommener schaue. [GS.01_006,08] Ihr seht die wunderherrlichsten Gegenden, hohe glänzende Berge, weite fruchtbarste Ebenen, wie Diamanten in der Sonne schimmernde Flüsse, Bäche und Meere. Das hellichtblaue Firmament erblicket ihr übersät mit den herrlichsten und allerreinst glänzenden Sterngruppen. Eine herrliche Sonne schaut ihr im Aufgange. Sie leuchtet überhell, mild und sanft, und dennoch mag sie mit ihrem Lichte die schönen Sterne des Himmels nicht ermatten. Ihr sehet große glänzende Tempel und Paläste in einer Unzahl, große Städte, an den weiten Ufern großer Meere erbaut. Zahllose seligste Wesen wandeln über die herrlichen, alle Seligkeit atmenden Gefilde. Ihr höret sogar ihre Sprache, und ihre himmlischen Lobgesänge dringen an euer Ohr. Ihr sehet euch nach allen Seiten in der früher einfachen geistigen Sonne um; aber nirgends zeigt sich mehr etwas von ihrer früheren Einfachheit, sondern alles ist in zahllose Wunder aufgelöst! [GS.01_006,09] Aber tretet jetzt wieder aus der Sphäre unseres Geistmannes! Sehet, nun ist alles wieder verschwunden, wir befinden uns wieder auf unserer einfachen Sonne. Ihr saget nun: Ja, was war denn das? Wie ist solches möglich? Trägt ein solcher Geist denn alles dieses in solchem engen Zirkel, eine unendliche Welt voll der wunderbarsten Herrlichkeiten, in solch engem Kreise ein so weitgedehntes vielfaches Leben? Ist das Wirklichkeit oder ist es nur eine leere Erscheinlichkeit? [GS.01_006,10] Meine lieben Freunde! Ich sage euch jetzt noch garnichts darüber, sondern wir wollen noch eher von mehreren Fensterchen unseres geistigen Dioramas profitieren und sodann erst uns auf ein inwendigstes Beleuchten einlassen. Denn solches ist nur ein leiser Anfang von dem, was sich noch alles unseren Blicken darstellen wird. 7. Kapitel – Die Sphäre des zweiten Geistes. – Der Grund des Lebens ist die Liebe des Vaters. [GS.01_007,01] Sehet, da naht sich uns schon wieder ein anderer Geist. Auch dieser soll hier verweilen, auf daß ihr in seine Sphäre treten könnet. Nun blicket hin, er harret eurer schon und weiß durch einen innern Wink, was ihr wollet. Also nähert euch ihm und tretet in seine Sphäre! Ihr befindet euch nun schon in derselben. Saget Mir, was sehet ihr da? – Ich sehe aber schon wieder, ihr vermöget ob der Größe des Geschauten nichts hervorzubringen; darum werde schon Ich wieder müssen den guten Dolmetsch machen. – Ihr stehet vor lauter Verwunderung und Erstaunen wie völlig starr in der Sphäre dieses Geistes. [GS.01_007,02] Ja, ein solcher Anblick mag euch wohl die Sinne ein wenig schwinden machen, denn ihr sehet Wundergegenden über Wundergegenden; weltenweit gestreckte herrlichste Flurenreihen sind vor euren Blicken ausgebreitet. Allenthalben sehet ihr liebreichste Menschen glänzende friedliche Hütten bewohnen. Ihre unaussprechlich schönen und liebfreundlichen Gestalten hemmen eure Blicke, so daß es euch kaum möglich ist, ein ins Auge gefaßtes Wesen zu verlassen und auf ein anderes überzugehen. [GS.01_007,03] Ihr befasset euch mit einem allerliebreichsten Antlitze wie ganz in dasselbe verloren, und Tausende und Tausende ziehen an euch vorüber, und ihr merket sie kaum ob des Einen! [GS.01_007,04] Auf den sanften, lichtgrünen Erhöhungen bemerket ihr überaus stark leuchtende Tempel, in den Tempeln selbst, daß sie von seligst lebenden Geistern besucht und durchwandert werden. Ihr erhebet eure Blicke zum Firmamente empor, und ihr erschauet wieder ganz neue und noch viel herrlichere Sterngruppen; ja durch die reinen Lüfte sehet ihr mit großer Leichtigkeit und Schnelligkeit stark leuchtende Scharen seliger Geister ziehen, welche zum Teil frei schweben, zum Teil wie auf leuchtenden Wölkchen einherziehen. Ihr blicket hin gegen den Aufgang, und eine große Sonne steht hoch über demselben. Ihr Licht ist gleich dem einer herrlichsten Morgenröte, und alles, was ihr anblicket, widerstrahlt aus dem Lichte dieser Sonne! [GS.01_007,05] Unweit vor euch erschauet ihr einen ziemlich hohen, aber sanft abgerundeten Berg, auf diesem steht ein großartiger Tempel. Die Säulen glänzen wie Diamanten in der Sonne, und anstatt des Daches sehet ihr ein leuchtend Gewölk, über welchem wieder selige Geister schweben. [GS.01_007,06] Ihr saget nun: Endlos wunderbar und unbeschreiblich herrlich ist alles, was wir sehen, nur ist uns dieses alles noch etwas ferne gestellt, und wir mögen in dieser geschauten herrlichen Welt keinen Schritt vorwärts tun; denn tun wir das, so treten wir offenbar aus der Sphäre unseres Geistes, und mit unserer Anschauung hat es dann ein Ende! – Ich aber sage euch: Mitnichten; gehen wir nur auf eben diesen Berg und beschauen da die Dinge näher. Sehet, wir sind schon auf dem Berge; was sehet ihr hier? [GS.01_007,07] Ihr werdet noch mehr stumm und könnet euch vor lauter Verwunderung nicht helfen, denn ihr waret der Meinung, ihr werdet in dem Tempel also herumgehen können wie etwa in einem großen Gebäude auf eurer Erde. Allein, als ihr in den Tempel eingetreten seid, hat sich das Inwendige des Tempels zu einer neuen, noch viel herrlicheren unübersehbaren Himmelswelt gestaltet, darob ihr nun nicht wisset, wie ihr daran seid! Jedoch solches tut einstweilen nichts zur Sache. Das rechte Licht wird alles ins klare bringen. Ihr fraget mich zwar, ob ihr auch in der Sphäre der Geister dieser zweiten Art andere Dinge erschauen würdet. [GS.01_007,08] O ja, sage Ich euch. Die Veränderung dieses Tempels in eine neue wunderbare Himmelswelt ist eben eine Folge dessen, daß ihr in die Sphäre der Geister getreten seid, die sich in diesem Tempel vorgefunden haben. Aber ihr saget und fraget: Warum sehen wir denn diese Geister nun nicht, in deren Sphäre wir uns befinden? Weil ihr aus ihrem Zentrum durch Meine Vermittlung heraus schauet. Rücken wir aber etwas zurück; und sehet nun, da steht schon wieder unser voriger Tempel, und wir sehen ihn erfüllt von überseligen Geistern, welche sich untereinander über allerlei auf Mich Beziehung habende Dinge besprechen. [GS.01_007,09] Nun habt ihr euch überzeugt, daß man auch in einer solchen Geistersphärenwelt wie auf der Erde freien Fußes nach Belieben umher wandeln kann. – Und so denn können wir uns wieder auf unseren früheren Standpunkt zurückziehen. Sehet, wir sind schon da. [GS.01_007,10] Tretet nun wieder aus der Sphäre unseres gastlichen Geistes, und wir werden uns wieder auf unserer ganz einfachen geistigen Sonne befinden. – Da ihr nun aus der Sphäre seid und unser guter Geist sich auch noch in unserer Gesellschaft befindet, so könnet ihr euch mit ihm sogar besprechen. Er kennt euch recht gut, da er ebenfalls von eurer Erde, und zwar aus eurer Blutsverwandtschaft, abstammt. Ich will ihn euch zwar vorderhand noch nicht näher bezeichnen, denn es werden noch bessere Gelegenheiten kommen, wo wir alle uns bei dieser Gelegenheit dienenden Geister werden näher kennenlernen. [GS.01_007,11] Höret aber, was der Geist zu euch spricht, indem er sagt: O Freunde, die ihr noch in euren Leibern wandelt auf der harten Erde, fasset, fasset das Leben in seinem Grunde! Es ist unendlich, und seine Fülle ist unermeßlich! Der Grund des Lebens ist die Liebe des Vaters in Christo in uns! Diesen unendlichen Grund fasset allertiefst in euren Herzen, so werdet ihr in euch dasselbe finden, was ihr in meiner Sphäre gefunden habt. Was ihr geschaut habt, war einfach nur; aber in dem Grunde des Lebens liegt Unendliches über Unendliches! [GS.01_007,12] Es sind noch kaum fünfzig Erdjahre verflossen, da ich gleich euch als ein Bürger des harten Lebens auf der Erde herumwandelte. Oft hat mich der Gedanke an den einstigen Tod des Leibes erschüttert! Doch glaubt es mir, meine Furcht war eitel und leer, denn da der Tod über meinen Leib kam, und ich der Meinung war, für ewig zugrunde zu gehen und zunichte zu werden, da erst erwachte ich wie aus einem tiefen Traume und ging alsogleich erst in dieses wahre und vollkommene Leben über. [GS.01_007,13] Habe ich bis jetzt auch des eigentlichsten Lebens Vollendung bei weitem noch nicht erreicht, so bin ich aber doch der stets klarer und klarer werdenden Vollendung desselben näher. Wie groß und wie herrlich diese sein muß, kann ich euch noch nicht zeigen; nur kann ich aus der Fülle meiner inneren Anschauung wohl schließen, daß des Lebens Vollendung im Vater durch die reine Liebe zu Ihm etwas sein muß, was kein Geist in dieser meiner Sphäre nur im unendlich kleinsten Teile zu fassen vermag! [GS.01_007,14] Wohl demjenigen, ja unendlichmal wohl, der auf der Erde sich die Liebe zum Herrn zum einzigen Bedürfnisse gemacht hat; denn der hat zu solcher Vollendung des Lebens den kürzesten Weg eingeschlagen! Denn, glaubet es mir, meine lieben irdischen Brüder und Freunde! Wer in sich auf der Erde die Liebe zum Herrn trägt, der trägt auch die Vollendung des Lebens in sich; denn er hat dasjenige allerheiligste und allerwundergrößt-vollkommenste Ziel in sich und bei sich, zu dem ich erst langen und weiten Weges bin. [GS.01_007,15] Mein Lebenszustand ist zwar schon mit einer unaussprechlichen Wonne erfüllt; allein alles dieses, was ihr in meiner Sphäre geschaut und noch endlos mehreres, was ihr noch nicht geschaut habt und ich allezeit überseligst durchschauen kann in stets erneuter Wunderfülle, ist nichts gegen einen einzigen Blick nur, der da gerichtet ist auf den Vater! – Darum schauet ihr in eurem irdischen Leben vor allem unverwandt auf Ihn, so werdet ihr dereinst gar leicht und sicher alsbald dahin geführt werden, wo der Vater wohnt unter denjenigen, die Ihn lieben! – [GS.01_007,16] Wie gefällt euch die Sprache des Geistes? – Wahrlich, sage Ich euch, wenn es diesem Geiste nun gegeben wäre, Mich zu erblicken als Führer unter euch, so würde er von zu großer Wonne wie vernichtet werden! Daher fasset und bedenket doch ihr, in welcher Seligkeit ihr euch unbewußt befindet, indem Ich tagtäglich unter euch Mich befinde, euch ziehe und lehre und euch mit Meinem eigenen Finger zeige den allergeradesten und kürzesten Weg zu Mir! [GS.01_007,17] Lasset euch darum doch von der Welt nicht berücken, denn diese ist voll Todes, Schlammes und höllischen Feuers! – Wie aber solche nach dem Abfalle des Leibes sich artet, werden wir noch bei so manchem Geiste unserer geistigen Sonne als eine gute Zugabe vorübergehend zu Gesichte bekommen. Ich sage euch: Wehe der Welt ihres Argen willen, denn ihr Gewinn wird heißen: Schrecklich und überaus elend ist es zu sein im Zorne Gottes! – Doch nun nichts mehr weiter von dem. Es naht sich für ein nächstes Mal schon wieder ein anderer geistiger Gastfreund, und wir wollen bei seiner Gegenwart wieder etwas Neues aus seiner Lebenssphäre gewinnen. [GS.01_007,18] Die zwei früheren Geister aber wollen wir einstweilen in unserer Gesellschaft behalten; denn der Anselm H. W. wird doch die Nähe seines Großvaters ertragen können! Und somit lassen wir die Sache für heute wieder gut sein! –

8. Kapitel – Die Sphäre des dritten Geistes. – Ein Bild der Unendlichkeit.

[GS.01_008,01] Sehet, der dritte Geist ist auch schon hier, und wir wollen darum gleich von seiner Gastfreundschaft etwas profitieren. Tretet somit nur in seine Sphäre, und wir werden erfahren, was sich in derselben alles erschauen läßt. Da ihr euch schon in seiner Sphäre befindet, so gebet Mir auch einmal kund durch euren Mund, was alles sich euren Geistesblicken zur Anschauung darstellt! Ihr staunet schon wieder und blicket wie ganz verwirrt um euch her. – Was ist es denn, das eure Blicke so gewaltig in Anspruch nimmt? Ich sehe Mich schon wieder genötigt, für euch den Dolmetsch zu machen, denn ihr habt ja nicht Zeit und Rast, um Worte zu finden, die das Geschaute bezeichnen möchten! [GS.01_008,02] Ihr stehet auf einer glänzenden Wolke. Erstaunten Blickes sehet ihr ganze Heere überirdischer Welten in endlos großen Kreisen vorüberziehen. Ihr sehet sie allenthalben mit den großartigsten Wunderwerken umgeben; sie sind unzählig auf einer jeglichen Welt. Jede dieser Welten scheint endlos groß zu sein, und dennoch möget ihr sie von Pol zu Pol mit einem Blicke überschauen. Zahllose Scharen von glücklichen Wesen seht ihr auf diesen vorüberziehenden Welten hin und wieder frohlockend wandeln. Jede neue Welt, die sich euch nähert, ist von andern unnennbaren Wundern übersät. Aber ihr saget: Wenn sie nur nicht so schnell vorüberzögen, diese großen, überherrlichen Wohnplätze für zahllose Heere von seligen Geistern! O wartet, auch diesem können wir sogleich abhelfen! – Sehet, dort zieht eben eine überaus große, strahlende, einer Hauptmittelzentralsonne ähnliche Welt! Wir wollen sie aufhalten, damit ihr sie näher betrachten könnet. Nun ist sie da. [GS.01_008,03] Der große Glanz blendet freilich euer Auge, und ihr könnet wegen ihres zu starken Leuchtens ihre Wunderfülle wohl nicht erschauen; auch dem soll abgeholfen sein! Sehet, schon ist ihr starkes Leuchten gemildert und ihr sehet, daß diese große Welt aussieht wie ein endlos großer, unaussprechlich schöner Garten. In den Gärten erblicket ihr viele gar zierliche Wohnungen, und um die Wohnungen wandeln wonneerfüllte selige Geister und genießen in großer Freude die überaus wohlschmeckenden Früchte dieses großen Gartens. [GS.01_008,04] Dort sehet ihr lobsingende Geister sich in den leuchtenden Äther erheben. Auf einem andern Platze wieder seht ihr Liebende allerfreundschaftlichst und wonniglichst Arm in Arm miteinander wandeln. Dort wieder seht ihr eine Gesellschaft Weiser, die mit leuchtenden Angesichtern Meine große Liebe, Gnade und Erbarmung besingen. Auf den Ästen der zahllosartig herrlichsten Fruchtbäume seht ihr es wie leuchtende Sterne funkeln. [GS.01_008,05] Ihr fraget wohl: Was ist das? Und Ich sage euch: Betrachtet die Sache näher, und ihr werdet sobald gewahr werden, was hinter diesen Sternen steckt. Aber ihr verwundert euch schon wieder von neuem, denn nun saget ihr: Großer, heiliger Vater! was ist doch solches? Als wir einen solchen Stern genauer betrachteten, da dehnte er sich samt dem Baume zu einer endlosen Größe aus. Die vorige große Welt wie auch die Größe des einzelnen Baumes mögen wir ob der zu endlosen Größe nicht mehr erschauen, aber dieses Sternlein ist zu einer neuen großen Welt herangewachsen, und wir sehen diese Welt wieder voll neuer Wunder! O Vater, saget ihr weiter, wo hat denn die endlose Größe deiner Wunderschöpfungen ein Ende?! [GS.01_008,06] Ich aber sage euch: Ihr habet recht, daß ihr also fraget. Ich sage euch: die endlose Fülle und Größe Meiner Schöpfungen hat weder einen Anfang noch ein Ende; denn überall, wo ihr eins erblicket, glaubet es, ist Unendliches verborgen! – Also hat nichts, das ihr schauet nun im Geiste, ein Endliches in sich, sondern alles ist unendlich. Wäre es nicht also, so wäre es nicht aus Mir, es wäre darum nicht geistig, und das ewige Leben wäre eine barste Lüge! So euch aber schon die Teilung naturmäßiger Körper sagt, daß ihre Teile ins Unendliche gehen, und daß in einem Samenkorne endlos viele Samenkörner verborgen sind, wie sollte demnach denn das Geistige irgend einer Beendung unterliegen? [GS.01_008,07] Überzeuget euch an dieser neuen Welt. Sehet, dort wandelt ein Geist in unserer Nähe, tretet in seine Sphäre, und ihr werdet euch sogleich überzeugen, von welcher endlosen neuen Fülle von Wundern dieselbe strotzet, und glaubet es Mir, solches geht ins Unendliche! Ihr könnt dies auch in einem naturmäßigen Bilde erschauen. Ich habe ein solches zwar schon einmal angedeutet; dessen ungeachtet könnt ihr es euch nun wieder in die Erinnerung zurückrufen. [GS.01_008,08] Das Bild aber besteht in dem: Stellet zwei überaus wohlgeschliffene Spiegel einander gegenüber und saget Mir, wann diese gegenseitige Widerspiegelung ein Ende hat? [GS.01_008,09] Sehet, also ist es auch hier. Ein jeder Geist hat Unendliches in sich, und das in endloser Mannigfaltigkeit. Ein Geist aber ist dem andern gegenseitig wie ein Spiegel durch seine innere Liebe zu Mir und aus dieser zu seinem Bruder. Also ist da auch ein endloses und ewiges Hin- und Widerstrahlen. Und eben dieses Hin- und Widerstrahlen ist das große, heilige, allmächtige Band Meiner Liebe, durch welches alle diese Wesen mit Mir und unter sich allerseligst verbunden sind! [GS.01_008,10] Aber ihr fraget nun wieder: Sind diejenigen Geister, die wir da geschaut haben und noch schauen aus der Sphäre unseres gastlich dienstbaren Geistes, auch wirklich selbständige Geister, oder sind sie bloß nur Erscheinlichkeiten, die in solchen Aus- und Widerstrahlungen der wirklichen Geister ihren Grund haben? Ich sage euch: Sie sind beides zugleich. Ihr verwundert euch über diese Antwort; allein in dem Reiche der Geister ist es einmal nicht anders, weil in selbem alles lebendig wesenhaft bedingt ist. [GS.01_008,11] Wenn ihr hinauf in Meine unendliche Sphäre treten könntet, so würdet ihr das ganze unendliche Reich der Himmel nur als einen Geistmenschen erblicken. So ihr aber dann in seine Sphäre treten möchtet, da würde sich dieser einige Mensch bald auflösen in zahllose Geisterwelten, welche da aussehen würden wie zahllose einzelne Sterne, ausgestreut durch die ganze Unendlichkeit. [GS.01_008,12] Möchtet ihr euch einem solchen Sterne nahen, so würde er gar bald aussehen wie ein einzelner vollkommener Mensch. Wenn ihr aber dann wieder in die Sphäre dieses Menschen treten möchtet, so würdet ihr an seiner Stelle alsobald wieder einen neuen, von unzähligen Sternen überfüllten Himmel nach allen Seiten erschauen. Und so ihr euch wieder einem solchen Sterne nähern würdet, so möchte er zwar aussehen in der mittleren Entfernung wie ein Mensch. Würdet ihr euch diesem Menschen mehr und mehr nahen, so möchtet ihr beinahe also ausrufen wie einst der Seefahrer Christoph Kolumbus, als er sich dem Festlande Amerika nahte; denn da werdet ihr ebenfalls eine große himmlische Pracht- und Wunderwelt zu schauen anfangen! So ihr euch aber vollends auf diese Welt begeben möchtet, da würde es euch gewaltig zu wundern anfangen, dieselbe von zahllosen Geisterheeren bewohnt zu finden. Und möchtet ihr euch dann in die Sphäre eines oder des andern dort wohnenden Geistes begeben, so würdet ihr wieder neue Herrlichkeiten entdecken. Zugleich aber könntet ihr auch – mit freilich wohl mehr geläutertem Blicke – die erste Grundwelt als eigentlichen Wohnplatz dieser Geister erschauen. [GS.01_008,13] Also geht das fort und fort, und ist demnach ein jeder einzelne Geist wieder ein vollkommener Himmel in freilich wohl für sich selbst kleinster Gestalt. [GS.01_008,14] So möget ihr solches fassen, daß der ganze Himmel ist ein Himmel der Himmel. Und wie der ganze Himmel in sich unendlich ist, ist auch ein jeder einzelne Engelsgeisthimmel unendlich in sich. Daraus ist zu verstehen, wie es lautet in der Schrift: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerem Schaugepränge, sondern es ist in euch! [GS.01_008,15] Aus diesem Grunde wird auch ein jeder Geist dasjenige Reich bewohnen, schauen und nützen, das er sich in sich erworben hat durch die Liebe zu Mir. [GS.01_008,16] Also steht es auch geschrieben: Das Reich der Himmel ist gleich einem Senfkörnlein. Dieses ist ein kleinstes unter den Samenkörnern. So es aber in das Erdreich, d.h. in ein liebeerfülltes Herz gesät wird, so wird es zu einem Baume, unter dessen Ästen die Vögel des Himmels ihre Wohnung nehmen werden. [GS.01_008,17] Sehet ihr nun das Senfkörnlein? Ein jeder einzelne Geist, der da ist ein seliger, ist ein solches Senfkörnlein, was soviel besagt als: Er ist ein Geschöpf Meiner Liebe und ist somit ein lebendiges Wort derselben. Wenn dieses Wort in dem Erdreiche der Liebe, die aus Mir frei hinausgestellt ward, aufgehet, so wird es durch und durch ein lebendiger Baum voll der Liebe und alles Lebens aus Mir. [GS.01_008,18] Wenn ihr in die Sphäre eines solchen Baumes tretet, so mag euch dann freilich wohl wundernehmen, daß ihr in derselben eine endlose Wunderfülle der Himmel erschauet, die da ist gleich Meiner Liebe, Gnade und Erbarmung in einem jeden einzelnen Geiste unendlich. [GS.01_008,19] Solches müßt auch ihr ganz der Ordnung gemäß finden, so werdet ihr erst den wahren inneren Nutzen davon haben und werdet endlich im hellen Lichte in euch erschauen, daß Mein geschriebenes Wort in sich ist gleich Mir und ist zugleich das lebendige unendliche Reich der Himmel bei euch, unter euch und, so ihr es werktätig in eure Herzen aufnehmen wollet, lebendig in euch. [GS.01_008,20] Was sich jedoch aus demselben noch alles Neues und Wunderbares künden wird, werden wir in den Sphären anderer gastfreundlicher Geister hinreichend zur Anschauung bekommen. Und somit tretet ihr wieder aus der Sphäre dieses dritten Geistes, der ebenfalls einer eurer Anverwandten ist. Wir wollen uns bei einer nächsten Gelegenheit sogleich in die Sphäre eines vierten Geistes begeben. Und so denn lassen wir die Sache für heute wieder gut sein! 9. Kapitel – Die Sphäre des vierten Geistes. – Das Geheimnis des Menschensohnes. [GS.01_009,01] Sehet, da steht er schon und winkt euch von selbst gar freundlich, sich ihm zu nahen und in seine Sphäre zu treten. Also tretet hin und habet wohl acht auf das, was ihr in seiner Sphäre werdet zu sehen bekommen. Diesen Geist werdet ihr auch in seiner Sphäre sehen, und er wird euch in seiner Welt ein wenig herumführen. Und so denn, wie gesagt, habet auf alles acht, was ihr da sehen werdet, denn solches wird schon von großer Bedeutung sein. [GS.01_009,02] Nun denn, ihr seid in seiner Sphäre und seid überaus fröhlichen Herzens, denn ihr sehet den Geist, in dessen Sphäre ihr euch befindet, nur mit dem Unterschiede, daß ihr denselben außerhalb seiner Sphäre nicht erkennen mochtet. In seiner Sphäre aber erkennet ihr ihn sogar, da er einst auf Erden ein leiblicher Bruder zu euch war. – Mein wortemsiger Anselm wird seinen Bruder Heinrich gar wohl erkennen, wenn er ihn erst wird sprechen hören. Ich will auch aus diesem Grunde, daß er euch ein wenig herumführe und über so manches eigenmündlich Aufschluß gebe. [GS.01_009,03] Nun, was seht ihr denn? Ihr könnet zwar solches aus zu großer Überraschung eures Geistes nicht kundgeben; doch diesmal will nicht Ich den Dolmetsch machen, sondern euer Führer wird solches tun. Und also spricht er (Heinrich) denn: [GS.01_009,04] Sehet dahin, meine lieben Brüder, diesen großen erhabenen Tempel vor mir, sehet, welche unbeschreiblich herrliche Säulenpracht ihn ziert. Siehst du, mein Bruder, eine Säule reicht so weit hinauf, daß es dir vor ihrer Höhe schwindelt; und siehe nur hin in der geraden Linie, wie nahe zahllos viele solche Säulen diesen herrlichen Tempel umfangen. Sieh, über den Säulen erhebt sich ein rundes, mehr wie tausend Sonnen stark leuchtendes Dach, und über dem Dache erhebt sich ein großes feuriges Kreuz, welches so rot strahlt wie die herrlichste Morgenröte! Wie gefällt dir dieser Tempel? [GS.01_009,05] Du sprichst: Mein Bruder! Seine großartige, unaussprechliche Pracht läßt mich zu keinem Worte kommen, um dir darüber meine Empfindung mitteilen zu können. Aber was gibt es denn in diesem Tempel? Lieber Bruder, kannst du uns da nicht hineinführen? – O ja, meine geliebten Brüder und Freunde; machet euch aber auf das Außerordentlichste gefaßt, denn die innere Herrlichkeit, ja, ich will sagen Heiligkeit dieses Tempels ist so undenkbar erhaben und wunderbar groß, daß ihr dieselbe kaum ertragen werdet. Ihr wißt es ja, daß ich bei meinem Leibesleben ein großer Freund des Wortes Gottes war. Und da der Apostel Paulus vorzugsweise unser Apostel war, durch welchen das Heidentum bekehrt wurde, so war er mir nach dem Evangelisten Johannes auch der liebste. Solches habt ihr ja zu öfteren Malen von mir vernommen; und dieser Tempel ist gegründet aus solcher meiner innersten Hochachtung des göttlichen Wortes. [GS.01_009,06] Bevor wir noch hineintreten wollen, will ich ihn euch ein wenig erläutern: Diese fast unzählig vielen hohen Säulen bezeichnen die einzelnen Schrifttexte des göttlichen Wortes und stellen das Alte Testament vor. Wenn ihr nun mit mir durch die Säulen tretet, so stellt sich euch ein lichter Gang dar; den Gang innerhalb der Säulen aber beschließt eine rot leuchtende Wand. Wie ihr sehet, ist sie so hoch wie die Säulen und ist innerhalb mit strahlenden, festen Bögen mit der äußeren Säulenreihe zuoberst mächtig verbunden. Dieser geräumige Gang zwischen den Säulen und der Wand ist der eigentliche Vorhof zum Tempel. Das Dach, das ihr so stark leuchtend über den Säulen und dem Tempel in gerundeter Form geschaut habt, bedeutet das Gnadenlicht aus der Höhe. Das Kreuz über dem Dache aber besagt den Grund solches Gnadenlichtes, welches da an und für sich ist das Allerheiligste, nämlich die Liebe des Vaters im Sohne! [GS.01_009,07] Da ihr nun, meine lieben Brüder und Freunde, solches wisset, so gehet denn mit mir längs diesem Gange vorwärts bis dahin, wo ihr ein großes Licht der Wand entströmen sehet, welches so rötlich leuchtet, wie das Rot einer allerherrlichsten Frühlingsrose. Da ist der Eingang in den Tempel. – Wißt ihr, was dieses Licht bedeutet? – Dieses Licht bedeutet und besagt die Liebe zu Christo; und es ist sonst nicht möglich, in diesen Tempel zu kommen, denn allein durch die enge Pforte der Liebe zu Christo. – Nun sehet, meine lieben Brüder und Freunde, wir sind an Ort und Stelle. Sehet, da ist die Türe. Ihr verwundert euch wohl, daß in diesen übergroßen Tempel nur ein so schmales Pförtlein führt. Aber ihr wißt auch, daß es heißt: Wer nicht durch die schmale Pforte gehen wird, der wird nicht zum Vater kommen, somit auch nicht in das Reich Gottes und eben also nicht in das Engelreich der Himmel. Bücket euch daher nur, so gut und soviel ihr könnet, und folget mir nach, gleich werden wir das Innere dieses Tempels zu Gesichte bekommen. [GS.01_009,08] Nun, liebe Brüder und Freunde, sind wir in dem großen Heiligtum! Was saget ihr zu dieser Herrlichkeit? – Wie ich sehe, seid ihr völlig ohnmächtig und sprachlos. Ich habe euch darum auch schon zuvor gesagt: Machet euch auf das Außerordentlichste gefaßt. Wie ihr nun selbst mit den erstauntesten Blicken sehet, so ist das Innere dieses Tempels zu endlos groß und wundervoll und selbst für mich zu unaussprechlich erhaben, um euch davon nur eine matte Skizze mitteilen zu können. Das Wunderbarste ist einmal schon fürs erste die ungeahnte endlose Größe des Inwendigen. [GS.01_009,09] Ihr habt geglaubt, wenn ihr in den Tempel gelangen werdet, so werdet ihr da etwa wie auf der Erde eine inwendige Zieratenherrlichkeit schauen. Aber ihr schauet hier im buchstäblichen Sinne der Wahrheit getreu eine endlose Geisterweltenfülle; und diese Welten, die da nahe keinen Anfang und kein Ende haben, sind zu einem Reiche vereint. – Ihr blicket mit erstauntem Auge über die endlosen Fernen hin, welche übersät sind mit zahllosen ungeahnten Herrlichkeiten. Ihr sehet himmelanragende Bäume, auf denen reichliche Früchte voll des herrlichsten Saftes und voll strahlenden Lichtes hängen. Ihr schauet die zahllos vielen herrlichen Tempelgebäude und sehet sie bewohnt von großen Scharen seliger Geister. [GS.01_009,10] Solches alles wundert euch hoch. Aber sehet, meine lieben Freunde und Brüder, dort auf einem sanfthohen Berge gegen Morgen hin steht ein ganz einfacher, schlichter Tempel, aber umso außerordentlicher ist sein Glanz. Dorthin folget mir, und ihr sollet etwas zu sehen bekommen, das euch mehr als all dieses Geschaute entzücken soll! Und so gehen wir. – Ihr sehet wohl, wie ferne dieser Tempel ist; nach irdischem Maßstabe dürftet ihr wohl eher euren Mond erreichen als diesen Tempel. Aber wir Geistmenschen haben es in dieser Hinsicht viel bequemer, denn wir dürfen es nur wollen, und wir sind schon dort, wo wir sein wollen. So wollet denn nun auch mit mir dort sein; und sehet, wir sind schon an Ort und Stelle. [GS.01_009,11] Ihr schlaget die Hände über eurem Kopfe zusammen über die ungeheure Größe dieses Tempels und getrauet euch kaum, euch ihm mehr und mehr zu nahen. Gehet aber nur mutig mit mir auch in diesen Tempel, und ihr werdet vom überaus freundlichen Bewohner desselben sicher gut aufgenommen sein. Also folget mir nur! – Dieser Tempel wird auch innerlich als solcher zu beschauen sein, und ihr werdet in denselben einkehren wie in ein überaus gastfreundliches Haus. – Also sind wir in den Vorhof eingetreten und gehen denn durch diese leuchtende Pforte auch in das vollkommen Innere dieses Tempels. So, meine lieben Brüder und Freunde; wir sind an Ort und Stelle. [GS.01_009,12] Kennet ihr dort in ziemlich weitem Vordergrunde den freundlichen Mann, umgeben von einer Menge großer und kleiner Menschengeister? Sehet, wie er sie allerfreundlichst und liebreichst das große Geheimnis des Menschensohnes lehrt und wie ein jegliches Wort aus seinem Munde gleich einem hellsten Sterne hervorgeht! Aber sehet, unser guter Gastfreund hat uns schon bemerkt. Er erhebt sich von seinem strahlenden Sitze und eilt uns mit offenen Armen entgegen. Kennt ihr ihn noch nicht? Sehet, er ist schon ganz in unserer Nähe. Betrachtet ihn nur recht genau, ihr müßt ihn erkennen. Wenn ihr ihn aber schon nicht erkennet aus seiner sprechenden Gestalt, so werdet ihr ihn doch sicher erkennen aus seinem alten, allezeit gleichen und getreuen Gruße! [GS.01_009,13] So höret, er spricht: O liebe Brüder! Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi sei mit euch und die Liebe des Vaters im Sohne und in der Gemeinschaft des heiligen Geistes! Was hat euch bewogen, hierher zu kommen? Wer war euer Führer? Ihr getraut euch mit der Stimme nicht heraus; aber ich ahne es wohl in mir, Wessen Liebe so groß ist, daß sie Dessen Erlöste zu der heiligen Quelle des ewigen Lebens leitet! – O liebe Brüder! Ich sage euch im Namen meines über alles geliebten Herrn Jesus Christus, haltet euch an Ihn, haltet an Seiner Liebe, und ihr werdet nicht, ja ewig nicht zugrunde gehen. Selig sind zwar diejenigen, die da glauben, daß Er ist Christus als der wahrhaftige ewige Sohn des lebendigen Gottes. Aber diejenigen nur, die Ihn lieben über alles, werden in Ihm den heiligen Vater schauen; denn durch die Liebe erst werden wir zu wahrhaftigen Kindern Gottes! – Und so denn sage ich, der alte Paulus, zu euch: Haltet euch an die Liebe, und ihr habt das ewige Leben in euch! Meinen Gruß; und die Gnade unseres Herrn Jesu Christi im Vater und im Geiste sei mit euch! – – [GS.01_009,14] Nun, meine lieben Freunde und Brüder, habt ihr gesehen, wie gastlich und wie liebfreundlich uns der alte Freund und Apostel des Herrn aufgenommen hat? Seht, wie er sich schon wieder in der Mitte seiner Schüler befindet und sie in der Liebe zum Herrn unterrichtet. – Ihr möchtet wohl wissen, was das für Kinder und Geistermenschen sind? – Sehet, das sind lauter Heiden und heidnische Kinder. Aber das sind bei weitem nicht alle, die ihr sehet, sondern gehet nur mit mir wieder hinaus ins Freie des großen Tempels, und, da wir uns schon wieder allhier im Freien befinden, sehet die nahe zahllose Menge der Tempel allenthalben in den weiten Gebieten hervorglänzen. Sie sind lauter Lehranstalten für allerlei Heiden, und viele Apostel und Jünger dieses Apostels Paulus sind ihre Lehrer. [GS.01_009,15] Es gäbe wohl noch unendlich vieles euch zu zeigen in diesem großen Tempel, in dem wir uns befinden; allein da ihr noch mit dem Irdischen in Verbindung stehet, so würden dazu wohl Millionen und Millionen Jahre erforderlich sein, um mit euch nur den kleinsten Teil oberflächlich durchzugehen! – Einst im Geiste aber werdet ihr solches gleich mir durch die endlose Gnade des Herrn in aller Fülle der Klarheit erschauen. Und so denn bewegen wir uns wieder aus dem Tempel. Sehet, wir sind schon am Pförtlein im Vorhof. Die große Säulenreihe und das leuchtende Dach mit dem großen Kreuze steht wieder frei vor unseren Blicken. [GS.01_009,16] Nun aber noch eines. Solches könnt ihr mir wohl sagen, denn es gibt auch hier so manches, was wir Geister entweder nur schwer und manchmal wohl gar nicht begreifen. Eure Besuchsweise, oder für euch deutlicher zu sprechen, daß ich euch nun sehe, und mit euch sprechen kann, ist mir wohl begreiflich; denn ihr waret schon öfter bei mir in eurem Geiste, und habt mit mir gesprochen wie jetzt, nur durfte euch keine Erinnerung an solch eine Zusammenkunft bleiben. Also ist mir demnach auch euer gegenwärtiger Besuch gar wohl begreiflich. Unbegreiflich aber ist mir, und ich kann es mir nicht erhellen, warum ich diesmal ein so namenloses Wonnegefühl in eurer Nähe empfinde. Ihr könnt es mir als eurem aufrichtigen Bruder glauben, daß ich eine solche Wonne noch nie empfunden habe, solange ich dieses überseligen Ortes seliger Bewohner bin! – Saget es mir doch, saget es, wenn euch überhaupt solches zu sagen möglich ist! [GS.01_009,17] Nun aber sage wieder Ich euch: Solches müßt ihr ihm nicht künden, denn er muß auf einen Blick, in dem er Mich erschauen wird, vorbereitet werden, sonst würde er solche Seligkeit nicht ertragen. Es gibt hier Geister, die Mich so mächtig lieben, daß Ich Mich ihrer Liebe zufolge nur nach und nach erschaulich nähern kann. Und so denn saget ihm, er solle nur noch ein wenig verharren in seinem Wunsche, nach einer kurzen Zeit wird ihm der Grund seiner Wonne schon enthüllt werden. Also saget ihm solches in eurem Geiste! – Sehet, er hat es schon vernommen aus euch und ist damit hochbegierlich zufrieden. – Solcher Zustand heißt die Geduld der Liebe! [GS.01_009,18] Wir sind auch schon wieder auf unserem Gesellschaftsplätzchen; und daher tretet wieder aus der Sphäre eures Brudergeistes und sehet ein wenig zu, Ich will Mich ihm auf einen Augenblick nur zeigen! – Sehet, jetzt erblickt er Mich! Er fällt nieder auf sein Angesicht und liebt, betet und weint, und es ist gut! Einen Augenblick nur für diese Zeit! – Wir aber wollen uns für ein nächstes Mal wieder der Sphäre eines fünften Geistes bedienen. Auch dieser euer Brudergeist soll euch führen wie der hier noch weinende und betende, welcher aber auch in unserer Gesellschaft verbleiben soll. Und so lassen wir es für heute wieder gut sein. – 10. Kapitel – Die Sphäre des fünften Geistes. – Das größte Wunder – das Herz des Menschen. [GS.01_010,01] Kennet ihr nicht diesen Fünften, der sich schon vor uns befindet? Sehet nur hin, wie er euch freundlich anlächelt und einladet, in seine Sphäre zu kommen! Also gehet nur hin und besehet seinen Reichtum. Auch dieser Geist wird euch in seiner eigenen Sphäre erkenntlich und sichtbar bleiben und wird euch ein wenig herumführen in dem Bereiche der Schätze seines inneren Lebens. Und so denn begebet euch in seine Sphäre. [GS.01_010,02] Ihr seid nun in seiner Sphäre, schlaget schon wieder von neuem eure Hände über dem Kopfe zusammen und seid nahe von Sinnen ob der wunderbaren, erhabenen Großartigkeit dessen, was ihr nun oberflächlichhin schauet. – Folget aber nun nur dem freundlichen Brudergeiste, und ihr werdet an seiner Seite Unerwartetes erfahren. Wie der vorige, so wird auch dieser euch ein Dolmetsch sein in Meinem Namen, und so denn höret, was euer Führer spricht. [GS.01_010,03] O liebe Brüder und Freunde! Welch eine Wonne und welche Lust und Freude mir, daß ich euch hier wieder erschaue! Ihr kennet mich doch, daher folget mir in dieser meiner überseligen Sphäre. Ich will euch zeigen, welche Schätze der Liebe zum Herrn entstammen! Sehet, meine lieben Brüder, und du auch ganz vorzugsweise, mein geliebter Anselm, dorthin auf jene herrlichen Gebirge vor uns; da erst werdet ihr die Schätze meiner Seligkeit schauen! [GS.01_010,04] Wir haben die Höhe des Gebirges erreicht. Sehet nun hin in die endlosen Fernen. So weit nur eures Geistes Blicke zu reichen vermögen, ja so weithin sich eure kühnsten und schnellsten Gedanken stürzen können, sehet alles dieses ist wie ein großes Fürstentum mir gegeben. [GS.01_010,05] Ihr fraget mich zwar und saget: Aber lieber, seliger Bruder, bist denn du auch der Eigentümer von all den zahllosen prächtigen Palästen, die gleich aufgehenden Sonnen auf den runden Bergen strahlend prangen und auch der Eigentümer all der zahllosen Myriaden und Myriaden der seligen Geister, die wir allenthalben freundlich gegeneinander ziehen sehen? Gehören wohl all die zahllosen Prachtgärten mit den glänzenden Säulentürmen dir zu, die da unsere erstaunten Augen mit ihrem starken Lichte blenden? [GS.01_010,06] Wie ist es denn mit jenen fernen Welten dort, die wir gleich aufgehenden Sonnen erblicken? Das helle Firmament mit den zahllosen herrlichsten Gestirnen, ist es auch dein? Und diese herrliche Sonne über unserem Haupte, deren Strahlen so mild und sanft die ganze Unendlichkeit zu erfüllen scheinen, wie steht es mit dieser? Zählst du sie auch zu deinem Eigentume? [GS.01_010,07] Ja, meine geliebten Brüder, ich sage euch: Nicht nur dieses, was ihr sehet, sondern noch endlos mehreres, was ihr nicht zu sehen vermöget, ist ein Eigentum meiner Liebe! Liebe Brüder, ihr verwundert euch und saget: Aber lieber, seliger Bruder! Deine Erklärung lautet ja nahe also, als hätten sich Selbstsucht und Eigenliebe dir beigesellt, denn du sagst: Alles dieses und noch endlos mehreres ist ein Eigentum meiner Liebe. Die Liebe aber ist ja dein eigenes Ich und somit auch dein eigentliches Leben. Solltest du denn nicht wissen, daß da alles nur ein Eigentum des Herrn ist? – Wie kannst du denn demnach sagen, alles dieses sei ein Eigentum deiner Liebe? [GS.01_010,08] Ja, meine lieben Brüder, eure Rede ist mir angenehm und euer Einwurf wohl begründet. Nur ist er hier nicht am rechten Platze angebracht. Denn so ihr urteilet von außen nach innen, so hat euer Urteil guten Grund. Hier aber muß jedes Urteil nur von innen nach außen allzeit treffend gehen, und sehet, da ist euer Urteil nicht am rechten Platze. Denn wenn ich sage: Alles dieses und noch endlos mehreres ist ein Eigentum meiner Liebe, so müßt ihr dabei von innen aus also urteilen, daß meine Liebe der Herr Selbst ist und ich keine andere Liebe habe und somit auch kein anderes Leben als nur das des Herrn! [GS.01_010,09] Damit ihr aber, meine lieben Brüder und Freunde, recht gründlich einsehet, daß euer Urteil gegen mich ein äußeres war, so sage ich eurer eigenen notwendigen Beleuchtung halber, daß, so ihr saget: Alles dieses ist ein Eigentum des Herrn, ihr dadurch nur ein äußeres Bekenntnis ableget, daß ihr all solches nur dem Herrn zugestehet; aber bei solch einem Zugeständnisse ist der Herr wie das Geständnis noch außer euch. Wenn ihr aber saget: Solches alles ist ein Eigentum meiner Liebe, so gebet ihr dadurch aus euch kund, daß euer alles der Herr ist und wohne mit Seiner Liebe und Gnade als das ewige Leben in euch. Denn so ihr saget in der Liebe eures Herzens zum Herrn: Solches alles ist ein Eigentum meiner Liebe, so saget ihr damit ebensoviel, als da einst mein lieber, guter Freund, der alte Apostel Paulus, gesagt hatte, da er noch in seinem Fleische auf der Erde gewandelt hat: Nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir! – Solches sagte ich euch nun darum, damit ihr daraus wisset, in welcher Weise alle unsere Rede geartet ist, denn auf der Erde ist nur eine äußere Rede, und muß da erst dringen in das Inwendige von außen her. Daher ist sie auch eine unsichere und selten treffende Rede, wenn sie nicht also gestaltet ist wie das Wort des Herrn, welches den Menschen von allen Seiten erfasset und ihn also durchdringet. Unsere Rede aber ist eine inwendige und hat kein Äußeres, daher ist sie auch allzeit treffend und ihr Ziel erreichend. [GS.01_010,10] Gehet aber nun mit mir auf jenen Hügel dort vor uns, allda ihr einen herrlichen Palast erblicket. Sehet, wir haben kaum das Wort ausgesprochen, und wir sind auch schon da, wo wir sein wollten. Ihr saget nun: Der Palast ist herrlich und großartig, aber jener Tempel, den wir in der Sphäre unseres früheren Bruders geschaut haben, war großartiger. Ich aber sage euch: Urteilet nicht zu vorschnell, erst tretet in das Innere und dann vergleichet. Sehet, auch hier ist ein enges Pförtlein nur, durch welches man in diesen Palast gelangt. Also bücket euch, so gut ihr könnt, und folget mir. – Nun, wir haben das Pförtlein passiert und befinden uns im Palaste. [GS.01_010,11] Was ist euch wohl, daß ihr wie erstarrt hin und wider blicket? Sehet, liebe Brüder, ich habe es euch ja vorausgesagt, daß ihr nicht vorschnell urteilen sollet. Hier liegt der Wert eines Dinges allzeit nur im Inwendigen und nie im Auswendigen. Darum ist auch das Inwendige allzeit erhabener und wunderbar großartiger als das Äußere, denn es verhält sich hier alles also wie das Wort Gottes auf der Erde. Schlicht und prunklos steht dasselbe durch den Buchstaben im Buche. So aber jemand in das schlichte Wort durch die enge Pforte der demütigen Liebe dringet, zu welch einer Wunderfülle gelangt er in einem einzigen Worte Gottes, das einfach und prunklos steht im Buche, aus Buchstaben zusammengesetzt. Ebenso, wie gesagt, verhält es sich auch hier. [GS.01_010,12] Ihr habt es nicht geahnt, daß ihr in diesem einfachen Palaste eine Unendlichkeit, erfüllt von den Wundern Gottes, schauen werdet. Da ihr sie aber nun sehet, die zahllosen Weltenheere in geistig verklärtem Sein und seht Myriaden Herrlichkeiten und zahllose selige Bewohner auf denselben, so erstaunt ihr euch, wie solches möglich in einem von außen her so engen Palaste! [GS.01_010,13] Ich sage euch aber: Dieses ist bei weitem kein so großes Wunder, als daß da das Herz eines Menschen werden kann zur Wohnstätte des heiligen Geistes aus der Liebe des ewigen Vaters, des unendlichen, überheiligen, allmächtigen Gottes! – [GS.01_010,14] Wollt ihr mit mir dorthin wandeln, wo sich auf einem ebenen Grunde voll des herrlichsten Glanzes ein wunderbarer runder Tempel erhebt, der umgeben ist mit drei Reihen der schönsten glänzenden Säulen und kein Dach hat, sondern statt desselben über sich ein leuchtendes Regenbogengefüge, das sich stets zu bewegen scheint? Ihr seid willens, und sehet, wir sind auch schon wieder an Ort und Stelle. – Habt ihr Lust, mit mir auch in diesen Tempel zu gehen? Ihr bejahet solches mit freudigen Herzen. So folget mir denn alsbald auch in diesen Tempel! [GS.01_010,15] Nun sehet, wir sind schon darinnen. Ihr schlaget auch schon wieder eure Hände über dem Kopfe zusammen. Ja sehet, also ist es hier bei uns; im Inwendigen sind wir zu Hause. Darum lasset euch nicht beirren ob der noch größeren Wunderherrlichkeiten, die ihr da sehet; denn je tiefer wir dringen, desto herrlicher und wundervoller wird alles. Die allergrößte Liebe, Gnade und Wunderfülle aber ist in dem Allerinwendigsten, nämlich im Herrn! – Dahin zu gelangen wird keinem Geiste ewig je möglich sein, obschon er sich Ihm stets mehr und mehr nahen kann. [GS.01_010,16] Ihr fraget mich, was wohl das Meer dort bedeute, das so herrlich strahlt, und unferne vom Ufer die herrliche Insel mit mehreren schönen Tempeln, vorzugsweise einem gar schönen auf einer schroffen Höhe? So ihr euch auch dahin mit mir begeben wollet, könnt ihr euch selbst überzeugen, was alles dieses ist. – Ihr wollt es, und seht, wir sind auch schon wieder am Ziele, denn über die Meere hier brauchen wir keine Schiffe; durch unseren Willen können wir überallhin gelangen, dahin wir nur immer wollen. Wollt ihr auch in diesen Tempel mit mir eingehen, so folget mir. Dieser Tempel aber soll seinem Inwendigen nach euch nicht enthüllt werden, sondern ihr werdet euch in selbem befinden wie in einem inwendigen Gebäude. [GS.01_010,17] Nun sehet, wir sind schon darin. Euch gefällt diese wunderherrliche Bauart wohl recht gut. Aber sehet! Dort gegen das große Fenster hin, da ein rotes Licht hereindringt, wen erblicket ihr wohl dort? – Ihr saget, einen gar lieben, freundlichen Mann und eine ebenso liebenswürdige, freundliche Dame. Gehet nur mit mir und scheuet euch nicht im geringsten, denn diese Bewohner sind überaus freundlich und zuvorkommend. Sehet, beide erheben sich und eilen uns mit offenen Armen entgegen. Erkennet ihr sie noch nicht? So werdet ihr sie sicher erkennen, wenn sie vollends bei uns sein werden. Sehet, sie sind da. Lasset euch segnen von ihnen, denn er ist der Liebling des Herrn, der Apostel Johannes, und sie, o Brüder und Freunde, sie ist die Mutter des Fleisches des ewigen Wortes aus Gott! – Sie haben euch nun gesegnet; doch daß wir mit ihnen Worte wechseln möchten, solches ist noch nicht an der Zeit! Es wird sich aber im Verlaufe eures Hierseins wohl sicher fügen, daß ihr sowohl dem Johannes als der Maria näher kommen werdet denn jetzt. Mein Inneres sagt es mir: Bis hierher und nicht weiter soll ich euch führen. Also möget ihr wieder mit mir zurückkehren an die Stelle, da wir ausgegangen sind. [GS.01_010,18] Nur eines möchte ich von euch erfahren. Ihr habt es zwar nicht bemerkt; meinem Blicke aber ist es nicht entgangen, daß diese beiden hohen Lieblinge des Herrn bei eurer Annäherung wie von einer wonnigen Ehrfurcht ergriffen wurden, der zufolge sie auch völlig sprachunfähig waren. Solches habe ich noch nie gesehen und war zu öfteren Malen schon an diesem Orte; ja er ist sogar der ausgezeichnetste Lieblingsaufenthalt für mich. Ihr schweiget und wollet mir nichts sagen. O Brüder! Eben diese eure Sprachlosigkeit läßt mich Großes, ja Allergrößtes ahnen; darum will ich auch nicht näher in euch dringen, und es geschehe darum wie allezeit des Herrn allerheiligster Wille! [GS.01_010,19] Ihr fraget mich und saget: Aber lieber Bruder, wie werden wir wohl nun den Rückweg finden? Sehet, wo ihr euch befindet; dann erst fraget. Ihr saget nun: Wie war solches denn möglich? Wir sind ja schon an der Stelle, von wo wir ausgegangen sind! Ja sehet, da geht es wohl besser als mit euren Eisenbahnen auf der Erde. Wir haben nämlich unsere Stelle eigentlich gar nie verlassen, sondern es ward euch nur gestattet, in eben dieser meiner Sphäre, welche da ist die Gnade des Herrn, stets tiefere und tiefere Blicke in meine innere Liebe zu tun. Ihr brauchet daher nichts anderes als eure Blicke zurückzuziehen, um dadurch zu gewahren, daß ihr euch ganz wohlbehalten noch an der vorigen Stelle befindet. Und so habe ich euch nun nichts mehr zu sagen, als daß ich derjenige bin, der als euer Bruder auf der Erde den Namen Franz hatte. Somit habe ich an euch meinen innern Auftrag erfüllt, und so möget ihr auch wieder aus meiner Sphäre treten. – – [GS.01_010,20] Nun, wie hat euch dieses alles gefallen? Ihr seid ganz wonneentzückt. Ja, solches ist wohl gut; aber es ist noch nicht alles. Sehet, da kommt schon ein sechster Geist in unsere Gesellschaft. Dieser ist nicht mehr heimisch auf dieser geistigen Sonne, sondern er ist ein Einwohner Meiner heiligen Stadt. In seiner Sphäre werdet ihr zwar auch nur Dinge der geistigen Sonne schauen; aber ihr werdet sie in einem ganz anderen Lichte, als es bis jetzt der Fall war, erblicken. Daher bereitet euch wohl vor, denn Ich sage es euch: Es wird alles gar stark ein anderes Gesicht bekommen. [GS.01_010,21] Dieser zweite Bruder von euch hat auch gewünscht, euren Grund zu sehen. Ich sage aber: Er ist noch nicht reif dazu. Ein Augenblick wäre zuviel für ihn; doch aber wollen wir ihn Meine Nähe empfinden lassen. – Sehet hin, wie er verklärt wird, und wie er aus seiner innersten Tiefe wonneseufzend ausruft: O heiliger Vater, Du kannst nicht mehr ferne sein; denn die nie geahnte Seligkeit meiner Liebe sagt es mir, daß Du uns nahe bist! Wann doch werden wir einmal aller Seligkeiten höchste genießen, Dich, o heiliger Vater, zu schauen in der allergrößten Liebe unseres Herzens? – Ich sage euch: Diesen Geistern wird bald, ja gar bald solche Gnade gewährt werden! Wir aber wollen uns vorbereiten für die fernere Anschauung bis zur nächsten Gelegenheit; und somit gut für heute. 11. Kapitel – Die Sphäre des sechsten Geistes. – Der Fels Petri. [GS.01_011,01] Da unser liebreicher geistiger Gastfreund schon hier ist, braucht ihr nicht viel Umstände zu machen, sondern euch alsbald in seine Sphäre zu begeben und da zu schauen Dinge anderen Lichtes. [GS.01_011,02] Nun, ihr seid schon in seiner Sphäre! Warum blicket ihr denn nun auf einmal gar so furchtsam um euch her? – Ihr saget: Weil wir uns auf einer hohen Klippe befinden, und rings um uns erschauen wir nichts als ein endloses wogendes Meer. Dräuend und erschrecklich brausend flutet dasselbe um die einsame Klippe, auf der wir uns befinden, und allenthalben scheint es grundlos tief zu sein. Was soll aus uns werden, wenn dieses Meer unsere schwache Klippe mit seinen starken Wogen überflutet? Wir sehen nichts als den sicheren Untergang vor uns! Wohin sollen wir uns retten, wenn alle die Wogen sich erheben sollten über uns? [GS.01_011,03] Ich aber sage euch: Ihr habt euch mit euren Augen schlecht beraten. Blicket nur ein wenig ruhiger dort gegen Morgen hin, wo sich die große Wasserfläche zu röten beginnt, und ihr werdet sogleich eines anderen belehrt werden. – Ihr habt eure Augen schon hingewendet; nun, was sehet ihr? [GS.01_011,04] Wie Ich sehe, so bemächtigt sich eures Herzens eine noch größere Furcht, und ihr saget mit bebender Stimme: O Herr und Vater, rette uns, sonst sind wir doppelt verloren! Denn so groß und so hoch wie der Berge Scheitel erheben furchtbare Ungetüme ihre Häupter über die endlos weiten Fluten dieses Meeres und scheinen mit großer Hast gerade auf uns zuzusteuern. – O ihr Kleingläubigen und noch Kleinmächtigen, warum fürchtet ihr wohl, so Ich bei euch bin, Dinge, die nichts sind? Ich sage euch: Gebrauchet euer Gesicht nur emsig, denn die Dinge, die ihr jetzt schauet, sind von großer Wichtigkeit. Strenget daher eure Blicke noch tüchtiger an und blicket hin gegen Mitternacht und saget Mir, was ihr allda erschauet. [GS.01_011,05] Ihr erschrecket euch ja noch ärger denn zuvor und möget nun vor lauter törichter Angst nicht einmal mehr Worte von euch geben; was ist es denn? Ihr seht alldort die Wasserflut sich spalten und erschauet den feuchten Wänden entlang in der Tiefe ein dräuend Feuer, das sich mehr und mehr erhebt und die Fluten der Meere dampfend verzehrt. Inmitten dieses Feuers erblicket ihr einen großen, feurigen Drachen. Sieben Köpfe hat er, und an jedem Kopfe hat er zehn Hörner. Mit seinem mächtigen Schwanze teilt er die Fluten, und aus vier Köpfen, die er schon über die Oberfläche des Meeres erhoben hat, speit er heftig große Feuerkugeln nach allen Seiten über die Meeresfläche hin. – Ihr sehet nun auch, wie da eine zahllose Menge Fledermäuse und anderes nächtliches Geschmeiß in seine vier weit aufgesperrten Rachen fliehen, und wie er sie hurtig in seinen flammenden Schlund hinunterläßt. Auf den Häuptern seht ihr dräuende Wolkenbündel sitzen, und diese drehen sich emsig um die Hörner herum und füllen sich mit Blitzen, die sie hinausschleudern auf das Getümmel der Wogen. Solches sehet ihr und seid so voll Angst. – Ich sage euch aber: Verdoppelt noch einmal euren Blick; ihr werdet noch anderes hinter dem Drachen erschauen! Sehet, um seinen Schwanz ist eine starke Kette geworfen, und hinter demselben ist diese Kette in zahllose kleinere Ketten auslaufend. Sehet, wie da am Ende einer solchen Kette zahllose Scharen zusammengebunden sind, welche alle dieser mächtige Drache nach sich zieht auf seinem Feuerwege. [GS.01_011,06] Ihr fraget nun ängstlich: Vater! Was soll denn mit den armseligen Sklaven dieses Drachen geschehen? – Ich sage euch aber: Sehet nur noch einmal recht scharf hin, und ihr werdet bald entdecken, wie diese Sklaven hinter ihrem Drachen mit feurigen Schwertern in der Hand jauchzen und sagen: Ehre dir, du mächtiger Fürst, daß du besiegt hast die Völker der Erde und hast dir zinsbar gemacht die Himmel; denn also bist du ein mächtiger Richter geworden zwischen Gott und aller Kreatur! Himmel, Erde und aller Abgrund müssen sich vor dir beugen; und die Verdienste und Werke des Sohnes aus Gott hast du überwunden und hast sie dir zinsbar gemacht auf der Erde, über der Erde und unter der Erde. – Nun, da ihr solches vernommen habt, was sagt ihr denn jetzt zu diesem Anhange des Drachen? Ihr erschaudert bis in euren tiefsten Grund. Ich aber sage euch: Verharret nur auf eurem engen Standpunkte und sehet festen Blickes gegen den Abend hin, und ihr sollet gleich eine andere Szene vor eure Augen bekommen. [GS.01_011,07] Nun, ihr sehet hin, was gibt es denn da schon wieder Zagenerregendes? Ihr saget mit halb verzweifelter Stimme: Herr, wenn das also fortgeht, so sind wir ohne Rettung verloren, denn der Drache hat sich als eine mächtige, unübersehbar große Schlange über den weiten Kreis der Meeresflut gelegt. Wie von einem unübersehbar großen feurigen Ringwalle sind wir von ihm umfangen. Hier sehen wir nirgends mehr einen freien Ausweg möglich, also sind wir ja unrettbar seine Beute. Über unseren Standpunkt können wir uns nicht erheben; was wird mit uns werden? Schon sehen wir von allen Seiten her die weitgedehnte Meeresfläche mächtig erglühen. Zahllose Wirbel zeigen sich auf der glühenden und gewaltig dampfenden Meeresfläche. Feurige Orkane werfen glühende Wogen himmelanstrebend durcheinander. O Vater, hilf uns, bevor all diese Drangsale uns näher und näher kommen, sonst gehen wir offenbar zugrunde! Und so uns die glühenden Wogen verschlingen werden, die da sind voll Pestilenz und Übelgeruch, voll des Fluches und voll des verheerendsten Feuers, wirst Du uns dann wohl herausziehen aus dem endlosen Abgrunde solch ewigen Verderbens? [GS.01_011,08] O ihr Kleinmütigen, was erhebt ihr für ein erbärmliches Angstgeschrei? Blicket nur gegen Mittag hin, und ihr sollet sogleich eine andere Szene erschauen. – Sehet ihr dort, wie hinter dem weiten und mächtig glühenden Schlangenringe riesige Engelsgeister mit mächtigen Schwertern bewaffnet eines Zeichens nur, eines kleinen Winkes von Mir harren, um der Schlange ein Ende zu machen? Sehet euch nun nach allen Seiten um und zählet die richtenden Engelsgeister! Sind ihrer nicht zwölf? Ja, also ist es! – Aber nun sehet euch um: Die Engel haben den Wink; und sehet, die Schlange liegt zerhauen und getötet da. Ihre Teile sinken hinab in die Tiefe der glühenden Wogen; die Wogen stürzen ihnen von allen Seiten her donnertobend nach und nun sehet, wo ist die Flut, wo das Meer? [GS.01_011,09] Ein friedliches Land erhebt sich anstatt der grausen Flut; und sehet, von allen Seiten her tragen liebliche Boten in ihren Händen Mein lebendiges Wort und streuen dasselbe gleich dem Weizenkorne allenthalben aus. – Und sehet dort gegen Morgen hin: Eine neue, herrliche Sonne geht auf! Aus den Himmeln fällt ein reichlicher Tau auf den neuen Boden Meiner Gnade und Erbarmung und neue, herrliche Früchte entkeimen demselben allenthalben. – Verstehet ihr dieses geschaute Bild? – Ich sage euch: Dieses Bild liegt euch sehr nahe; sein Geschehen liegt vor euren Augen. Daher solltet ihr auch nicht ängstlich sein, denn ihr habt im Bilde höherer geistiger Wahrheit geschaut das Ende der schändlichen Hurerei. – Und nun sehet euch noch einmal um und betrachtet den Geist, in dessen Sphäre ihr solches gesehen habt. – Kennet ihr ihn? [GS.01_011,10] Ihr saget: O Herr und Vater! Er kommt uns sehr bekannt vor, aber dennoch mögen wir uns nicht so recht finden in ihm; daher möchtest wohl Du uns anzeigen, wer da steckt hinter diesem unserm Gastfreunde, der uns in seiner Sphäre ein solch schauerlich erfreuliches Gastmahl bereitet hat. – Ich aber sage euch: Diesen Gastfreund solltet ihr gar leicht erkennen, so ihr nur auf den Standpunkt, auf dem ihr euch noch befindet, ein wenig Rücksicht nehmet. Zu wem habe Ich denn dereinst gesagt, daß er sei ein Fels, auf den Ich Meine Kirche bauen will, die da von den Pforten oder Mächten der Hölle nicht solle überwältigt werden? – Ihr saget: Zu Simon, der darum Petrus genannt wurde. – Nun sehet, das ist auch unser geistiger Gastfreund. Dieser sieht Mich und sieht auch euch. Jedoch, so Ich mit euch rede, da ist er voll des Schweigens, indem er ist voll der Liebe zu Mir. [GS.01_011,11] Und so denn tretet wieder aus seiner Sphäre, denn es naht sich uns schon wieder ein anderer, der siebente Geist, in dessen Sphäre wir wieder ganz andere Dinge erschauen werden. Diesen sechsten Geist aber wollen wir ebenfalls in unserer Gesellschaft behalten. Und so denn betrachtet das heute Geschaute wohl und erwartet in dem nächsten eine tüchtige Löse des Geschauten. – Und somit gut für heute. 12. Kapitel – Die Sphäre des siebenten Geistes. – Rätselhafte Bilder für geistige Zustände. [GS.01_012,01] Sehet, der siebente Geist steht hier und harret euer, daher verfüget euch sobald in seine Sphäre, damit ihr allda schauet die Löse und des Heiles und der ewigen Ordnung untrügliche Wege. – Ihr seid nun in seiner Sphäre und schauet ganz verblüfft und verdutzt um euch her. Was erblicket ihr denn wohl, das euch so sonderbar stimmt, als wüßtet ihr nicht, ob ihr vom Scherze oder Ernste umfangen seid? Ich sehe aber gar genau, was da vorgeht in euch, und euere inneren Worte, um die ihr selber kaum wisset, liegen klar vor Mir. [GS.01_012,02] Demnach saget ihr: Wie aus dieser Anschauung die Löse so sonderbarer Dinge, wie wir ehedem geschaut haben, herauskommen wird, das mag begreifen, wer es will. Wir aber sehen statt der Löse nur einen, wenn schon nicht schauerlichen, so doch viel verworreneren Knoten. Also begreife das, wer es wolle, wie da die Löse herauskommen wird, wir vermögen solches nicht. Denn was soll denn das heißen: Hier und da ragt ein kegelförmiger Berg hervor; die Menschen steigen auf der einen Seite bis zur Spitze hinauf und rutschen auf der andern Seite wieder hinunter. Und die da hinabgerutscht sind, stellen sich auf und lachen über diejenigen, die ihnen nachfolgen und sagen dabei: Also ist es doch wahr, daß ein Narr zehne macht. – Auf einer anderen Seite sehen wir eine Menge Schaukeln, jede zwischen zwei ziemlich starken und hohen Bäumen hängend, und in einer jeden wird über die Maßen geschaukelt. Auch da steht eine Menge Zuschauer, verlacht die Schaukelnden und ruft ihnen zu: Ihr Dummköpfe, warum seid ihr so heiter in solch einer Schaukel, in welcher ihr zwar recht heftig hinundherflieget, aber dabei doch immer auf derselben Stelle bleibet? Der Schwungbereich eurer Schaukel ist die ganze Reise, die ihr stets wieder von vorne beginnend machet. – Dieses ist das zweite Bild, das wir sehen, so sprechet ihr in euch. Und wieder sagt ihr weiter: Auf einer andern Seite erblicken wir einen Ringwall. Innerhalb dieses Ringwalles sind kreisförmige Bahnen, die schneckenförmig gegen ein im Zentrum gestelltes Zelt zulaufen. Auf diesen Bahnen rennen die Menschen dem Zelte zu. Haben sie dasselbe erreicht, so kehren sie wieder um und rennen nach auswärts gegen den Ringwall zu. Auf dem Ringwalle herum stehen hier und da zerstreute Menschengruppen, welche diese Ringbahnrenner unterschiedlich verlachen und sie fragen, was sie damit erreichen wollen. Manche werden dieses Rennens überdrüssig, steigen auf den Ringwall hinauf und sagen dann: Aber wie habe ich denn so dumm sein können und habe mich da für nichts und wieder nichts fast zu Tode gerannt? [GS.01_012,03] Auf einer vierten Stelle erblicken wir ein etwa tausend Klafter im Durchmesser und etwa eine Klafter in der Tiefe habendes rundes Wasserbassin. In der Mitte des Wasserbassins ist ein großes Schaufelrad angebracht, welches etwa zehn Klafter im Durchmesser hat. Dieses Schaufelrad wird an einem über demselben angebrachten Gebälk in stets gleichen Umschwung gebracht. Dadurch wird die ganze Wassermasse im Bassin genötigt, eine gleiche Wirbeldrehung zu machen, die in der Gegend des Rades am geschwindesten und je weiter weg von selbem stets langsamer wird. [GS.01_012,04] Auf der Oberfläche des Wassers ist eine Menge Kähne vorhanden. In den Kähnen sitzen Menschen und bemühen sich, von den Ufern dem Schaufelrade näherzukommen. Wenn sie aber in dessen Nähe gekommen sind, ermatten sie bald und werden dann von der nach außen gehenden Wirbeldrehung des Wassers wieder ans Ufer gespült. Am Ufer gibt es wieder eine Menge Zuschauer, welche solche törichte Seefahrer recht weidlich verlachen. [GS.01_012,05] Die Seefahrer scheinen sich hier und da nicht viel daraus zu machen. Einige aus ihnen aber, wenn sie schon zu öfteren Malen ans Ufer gespült worden sind, steigen endlich mit langweiligen und verdrießlichen Gesichtern aus ihrem Kahne ans Ufer und können sich da nicht genug verwundern, wie sie sich so lange für nichts und wieder nichts haben können von dem Wasserrade auf der Oberfläche des Wassers herumfoppen lassen. Einige von ihnen schauen dem tollen Treiben noch eine Zeitlang zu und verlachen mit den übrigen Zuschauern die noch sehr beschäftigten Seefahrer. Andere aber entfernen sich kopfschüttelnd und suchen sich irgendein ruhiges Plätzchen, um da von ihrer tollen und nichtigen Strapaze auszuruhen. – Das ist aber auch alles, was wir in der vielversprechenden Sphäre dieses siebenten Geistes erblicken. Daß sich solche Erscheinungen sehr vielfach vorfinden, das sehen wir wohl, aber sie sind immer dieselben. Wer demnach aus diesen Erscheinungen eine Löse und noch mehr die untrüglichen Wege der göttlichen Ordnung ersehen mag, der muß mehr Licht in seinen Augen haben als eine ganze Legion von Hauptzentralsonnen auf einem Punkte zusammengenommen. Alles, was wir aus der ganzen Geschichte herausbringen können, ist das, was schon einst die alten Weisen gesagt haben: Unter der Sonne gibt es nichts Neues, sondern es geht alles seinen stetigen alten Kreislauf durch, denselben allezeit wieder auf dieselbe Art von vorne beginnend. [GS.01_012,06] Nun aber sage Ich euch dagegen ein anderes, auch altes Sprichwort, welches sehr aus der Natur der Dinge genommen ist und also lautet: Wer blind ist, der sieht nichts! – Sehet, gegen dieses Sprichwort läßt sich nichts einwenden, denn also verhält es sich allgemein in der Welt und ganz besonders, was die innere Anschauung des Geistes anbelangt. Die ganze Welt gleicht einem Thomas, der da sagte: Solange ich nicht meine Hände in Seine Wundenmale und in Seine Seite lege, so lange glaube ich nichts; was mit anderen Worten gesagt gerade soviel heißt: Was ich nicht mit meinen Händen greifen und beim hellen Sonnenschein mit meinen Augen sehen kann, das ist für mich so gut wie nichts, heißt nichts und sagt nichts. [GS.01_012,07] Ich möchte aber fürs erste einen jeden solchen Einwender fragen: Kannst du die Sterne des Himmels mit deinen Händen greifen und kannst du sie schauen beim hellen Sonnenscheine? Siehe, du kannst weder das eine noch das andere. Sind darum die Sterne nichts, weil du weder das eine noch das andere kannst? – Du sagst Mir: Die Sterne sehe ich wenigstens bei der Nacht und kann da ihren Lauf bemessen. Ich aber sage dir: Solches Zeugnis von deiner Seite gereicht dir für deinen Scharfsinn eben nicht zur größten Ehre, indem du dadurch offenbar kundgibst, daß du Meine Ordnung nur von deiner Nachtseite aus berechnest, aber die Ordnung des Tages bleibt dir fremd. Und hättest du keine Nacht, so ständest du am hellen Tage wie ein Blinder da und möchtest nicht einmal träumen von der Ordnung Meiner Dinge. Es ist traurig, wenn ihr eure Weisheit in der Ordnung Meiner Dinge nur der Nacht, nicht aber dem Tage verdanket. Und sehet, solches geben auch die von euch geschauten Dinge gar treulich kund. [GS.01_012,08] Dort steigen Wißbegierige und Erfahrungslustige auf einen Berg und glauben, da werden sie die Geheimnisse der Himmel beim gerechten Zipfel fassen und daran alles heraussaugen bis auf den letzten Tropfen, was alles sich in demselben vorfindet. Daher bemühen sie sich auch, über all die Steilen des kegelförmigen Berges hinaufzuklettern. Je weiter sie kommen, desto weniger Standpunkt haben sie. Und wenn sie vollends die Spitze erreicht haben, da haben sie endlich gar keinen Stand mehr, werden bald schwindelig, und da sie in der Höhe keinen himmlisch zipfelhaften Anhaltspunkt treffen, so lassen sie sich auf der anderen Seite des Berges schnell rutschend wieder hinab in dieselbe Ebene, von der sie ausgegangen sind. Am Ende wissen sie nicht, wozu ihr Bergklettern gut war, und können auch nicht umhin, sich fürs erste selbst zu belachen und dann zu sich zu sagen: Jetzt wissen wir so viel wie früher, all unser Bemühen war töricht und lächerlich. Wir haben im Aufklimmen einer dem andern zuvorzukommen gestrebt; warum? Damit wir dann allesamt gleich schnell wieder auf der andern Seite abfahren mußten. Was haben wir nun denen voraus, die ihre Füße nicht versucht haben auf den Berg hinaufzubewegen? Nichts, als daß wir fürs erste nun mit ihnen ganz gleich stehen, und fürs zweite, daß wir von ihnen noch als Törichte belacht werden, darum wir zur Erreichung eines und desselben Zieles uns so viel beschwerliche Mühe gemacht haben, das wir auf eine viel bequemere Art hätten erreichen können. [GS.01_012,09] Merket ihr aus dieser Darstellung noch nichts? Ich werde euch nur etwas sagen, und ihr werdet der Sache leicht näher auf die Spur kommen Wie versteht ihr den Text: „Mein Joch ist sanft und Meine Bürde leicht?“ Wenn ich solches kundgegeben habe, wer nötigt hernach diejenigen, die zu Mir kommen wollen, auf Berge zu klimmen, um zu Mir zu gelangen, während Ich auf dem ebenen Lande und auf dem kerzengeradesten Wege ihrer harre? – Sehet nun ferner, warum geschieht sonach unter der Sonne nichts Neues? Ich sage euch: Aus dem sehr weisen Grunde, damit die menschliche Weltweisheit sich endlich dadurch nach und nach von selbst abstumpfen muß, weil sie es am Ende mit den Händen greift, daß sie nichts anderes erreichen kann, als was auf gleichem Wege schon lange vorher ist erreicht worden. [GS.01_012,10] Weiter könnet ihr aus diesem ersten Bilde auch eine tüchtige Löse des in der Sphäre des sechsten Geistes Geschauten finden. Wenn ihr die Geschichte der Bemühungen des Drachen nach der Offenbarung Johannis durchgehet, da werdet ihr doch auch mit den Händen greifen können, wie oft sich derselbe schon die Mühe gemacht hat, von neuem wieder aus seinem Abgrunde emporzutauchen, oder, nach dem heutigen ersten Bilde, die Spitze eines oder des anderen Berges zu erklimmen. Was aber war noch allzeit die Folge solch seiner Bemühung? – [GS.01_012,11] Je höher er es trieb, desto weniger hatte er einen Grundstand, und wenn er die Spitze erreicht hatte, was war da die Folge? Daß er gar schnell wieder in die Tiefe hinabfuhr, von der er aufgestiegen war, denn auf der Spitze kann sich nichts halten. Will sich etwas auf derselben festmachen, da hört doch sicher aller Wirkungskreis auf und kann unmöglich größer sein als der spitze Standpunkt selbst ist, auf dem sich der wirken Wollende befindet. Solches aber wird auf der Spitze einem jeden wirken Wollenden klar, daher ist auch für keinen eines Bleibens auf der Spitze. Ein jeder wird ganz sicher auf derselben vom Schwindel ergriffen. Die Folge des Schwindels ist, daß er die Spitze wieder verläßt und im Gegenteile schnell wieder in die Tiefe hinabgleitet. Solches ist eine gar weise Schule der ewigen Ordnung! Ihr Name heißt Abödung, welches so viel besagt als eine Abtötung aller selbstsüchtigen Begierlichkeit. [GS.01_012,12] Es nützt da nichts, wenn auch einer vor der Besteigung des Berges sagt: Höret, Brüder, steiget mit mir, ich weiß den rechten Weg. Kommet nur mit mir, nur auf diesem Wege werden wir einen rechten und haltbaren Standpunkt finden auf der Höhe. Wir haben schon anfangs diese Geister ausrufen gehört in der Tiefe: Ein Narr macht zehn; – und sehet, nicht nur zehn, sondern eine ganze Menge klettert einem solchen Wegekundigen nach. Da aber der Berg als ein Kegel guterdings nur eine Spitze hat, so wird auf allen Wegen dieselbe richtig erreicht; aber allda heißt es dann auch allwegs: Bis hierher und nicht um ein Haar weiter! Das Los aber ist – auf der anderen Seite wieder gar schnell hinabzugleiten zur Erreichung des Zustandes, von dem man ausgegangen ist. – Sehet, in diesem Bilde liegt schon eine Hauptlöse des vorhin Geschauten in der Sphäre des sechsten Geistes. Die nächsten Bilder werden uns solche Löse noch viel klarer vor die Augen stellen; daher verweilet nur noch in der Sphäre dieses siebenten Geistes so lange, bis wir alle Bilder werden gelöst haben. – Nächstens kommt somit die Schaukel an die Reihe, dann der Ringwall mit seinen Schneckenringbahnen und endlich das Wasserbassin. Und somit gut für heute! 13. Kapitel – Die Schaukel in der Entsprechung. Zeremonieller Religionskult und Weltleben. [GS.01_013,01] Ihr habt sicher nicht nur einmal, sondern schon zu öfteren Malen ein monotones Gartenluftschiff gesehen, welches euch unter dem Namen Hutsche oder Schaukel gar wohl bekannt ist; auch werdet ihr schon manchmal eine solche sich stets wiederholende Luftfahrt mitgemacht haben. Wie kam es euch denn vor, wenn dieses Luftschiff von einem verständigen Direktor so recht gewaltig hinundhergetrieben wurde? – Ihr saget: Unsere Empfindung war dabei nichts weniger als behaglich; und als wir dieses Fahrzeug verließen, da mußten wir uns nahe erbrechen auf solch eine gewaltige Hin – und Herfahrt. Aus dem Grunde haben wir auch die Lust verloren, je wieder eine solche Luftreise mitzumachen. [GS.01_013,02] Ich sage: Diese Kundgabe ist recht gut, und wir werden sie auch zu unserem Zwecke überaus gut verwenden können. Habet ihr aber noch nicht bemerkt, was eine solche Schaukel für ein Experiment macht, wenn sie von dem enthusiastischen Direktor in einen etwas zu heftigen Schwung versetzt wird? – Ihr saget: O ja, sie schlägt um, und ein solcher Umschlag kommt dann den hin und her Luftsegelnden ganz übel zustatten. – Gut, sage ich, auch dieses können wir überaus gut brauchen. Noch eine dritte Frage bleibt uns in dieser Hinsicht übrig, und diese lautet: Wie weit kommen die Reisenden in einem solchen Luftschiffe? – Antwort: Sie kommen bei einer stundenlangen Bewegung gerade so weit, daß sie dann nach zurückgelegter Hin- und Herreise auf dem nämlichen Punkte wieder aus dem Schiffe steigen, von dem sie in das Schiff eingestiegen sind. Was ist das somit für eine Reise? – Antwort: Eine Blindreise, da man zwar heftig bewegt wird, aber trotz der heftigen Bewegung dennoch nicht außer den Schwungbereich eines solchen Luftschiffes gelangt und sich am Ende muß gefallen lassen, sogar von einer Schnecke verlacht zu werden, welche mit einer unvergleichbar langsameren Bewegung in einem Zeitraum von ein paar Stunden schon lange den Schwungbereich unserer Schaukel überkrochen hat. – Also sehen wir auch aus der Sphäre unseres geistigen Gastfreundes, wie auf den bedeutend großen Schaukeln eine Menge Menschen sich toll hinundherschwingen läßt. Sehet nur hin: solange die Schaukel noch einen mäßigen Schwung hat, schreien die Schaukelnden dem Schwinger zu: Nur stärker, nur stärker schwingen! Wenn die Schaukel aber einmal schon einen förmlichen Halbkreis zu beschreiben anfängt, so schreien sie wieder alle: Aufgehalten, aufgehalten!, sonst schlägt die Schaukel um und wir sind verloren! [GS.01_013,03] Merket ihr diesem sonderbaren Bilde noch nichts ab? Oh, es liegt klarer wie die Sonne vor den Augen! Wenn ihr nur einen Blick auf den zeremoniellen Religionskultus werfet, so werdet ihr unser Bild gleich zu begreifen und zu fassen anfangen. [GS.01_013,04] Ein Kind, in einer solchen zeremonienvollen Kirche geboren und getauft, wird in geistiger Hinsicht schon in eine solche Schaukel gelegt; und wenn es darin ist, wird die Schaukel auch sobald nach und nach in eine immer größere Bewegung gesetzt. Bei solcher Bewegung meint dann der Mensch, weiß der Himmel welch große Fortschritte er macht und wie er vorwärts geht! Allein ein jeder sieht es auf den ersten Blick leicht ein, wie weit eine solche Reise gehen wird! Zwischen zwei Pfeilern hängt unser Luftschiff. Der eine Pfeiler bedeutet den sogenannten Religionsfelsen, der andere Pfeiler aber die staatlich politische Notwendigkeit. Diese beiden sind so fest als möglich gestellt und durch Querbalken miteinander verbunden. So geht denn hernach die Reise zwischen diesen zwei Pfeilern hindurch, und man kann sich nicht um ein Haar weiter bewegen als der Strick reicht, an dem die vielsagende Schaukel hängt. Manchen Schaukelnden wird bald übel, und wenn sie den ersten Ruhepunkt der Schaukel erhaschen können, springen sie hinaus. Einige kehren für allzeit solchem Fahrzeuge den Rücken. Nur die Schaukelinteressenten bleiben pro forma darinnen sitzen, lassen sich nur ganz gemächlich zum Scheine hinundherziehen und lobpreisen über die Maßen solche Bewegung, wie zuträglich sie der Gesundheit ist. Dadurch locken sie die Fremden und sagen auch denjenigen, die so töricht sind, dieses Fahrzeug wieder zu besteigen: Wollt ihr den wahren Hochgenuß und somit die vollkommene Befriedigung solcher Fahrt empfinden, so müsset ihr euch die Augen verbinden lassen. Da solches dann viele Toren anlockt, in der Schaukel mit verbundenen Augen zu sitzen, so geschieht es denn, daß diese enthusiastisch auszurufen anfangen und sagen: Ja, jetzt begreifen wir erst, was für große Geheimnisse hinter dieser Einförmigkeit stecken, denn jetzt hat das Hinundherbewegen aufgehört, und wir fliegen mit Blitzesschnelle endlose Räume hindurch! Das heißt doch ein Wunder sein! Wer hätte sich das je träumen lassen, daß hinter solcher Einförmigkeit solch Großes verborgen liegt? [GS.01_013,05] Wenn solche geblendete Luftfahrer schon eine hinreichend weite Reise gemacht zu haben glauben, dann ersuchen sie die Schaukelinteressenten, sie möchten ihnen doch die Augen wieder freimachen. Die Interessenten aber, wohl wissend, welchen Erfolg für ihre geblendeten Luftfahrer die Augenentblendung haben wird, widerraten ihnen solches auf das Allerdringendste und sagen ihnen: Wehe euch, wenn ihr solches nun zu tun waget, denn in der Sphäre, in der ihr euch jetzt befindet, würdet ihr für ewig erblinden, so ihr euch die Binde von den Augen wegnehmen ließet. Erst wenn wir an das große Ziel des Lebens gelangen werden, möget ihr die Binde wegtun, damit ihr dann erschauen werdet, wie sicher wir euch für den geringen Lohn, den ihr uns für die ganze große Fahrt bezahlet, an das Ziel gebracht haben. [GS.01_013,06] Nun sehet, einige lassen sich betören und behalten fleißig ihre Binde. Andere aber, überdrüssig solcher sonderbaren Blindfahrt, nicht wissend wohin, reißen die Binde weg und bemerken zu ihrem großen Ärger, daß sie sich noch zwischen den zwei Pfeilern befinden. Sie möchten nun gern aus diesem Fahrzeuge springen. Dasselbe ist aber noch in einer zu starken Bewegung, und so sind sie genötigt, trotz alles Sträubens diese monotone Fahrt mitzumachen. Und wenn sie sich zu beschweren anfangen gegen die Schaukelinteressenten, so wird ihnen aus allerlei Gründen das Schweigen anbefohlen, widrigenfalles sie aus der Schaukel gewaltsam hinausgestoßen werden, welcher Akt ihnen nicht am besten zustatten kommen möchte. Und sehet hin, damit solche Protestierende sich in den Ausspruch der Schaukelinteressenten gewaltsam fügen müssen, so ist auf der einen Schwungseite der Schaukel ein Feuer angemacht, auf der entgegengesetzten Seite aber ist eine Menge Spieße aufgestellt! Was bleibt nun den Protestierenden übrig? Nichts als sich noch länger hinundherschaukeln zu lassen und für jeden Schaukler wider ihren Willen den Zins zu entrichten. Wie sehnlich erwarten nun die Sehenden den Zeitpunkt des Schaukelstillstandes! Wann aber wird dieser erfolgen? [GS.01_013,07] Wir werden die Sache auf eine ganz leichte Art berechnen. Sehet, die uns zunächst liegende Schaukel schwingt nun sehr stark, erreicht beinahe links und rechts die volle Halbkreishöhe. Aber sehet, durch dieses starke Schaukeln wackeln die Pfeiler schon überaus stark mit der Schaukel, und die starke Reibung hat schon sehr viele Fäden des Schwungstrickes durchgefressen. Sehet, solchen Leibschaden und solchen Leck unseres Luftschiffes bemerken sogar die Interessenten. Sie getrauen sich daher nicht mehr, demselben einen zu starken Schwung zu geben, denn sie sagen: Wenn wir die Sache zu hoch treiben, so reißen die Stricke, und wir liegen samt unseren Passagieren entweder im Feuer oder auf den Spießen. Daher lenken wir die Sache unvermerkt dem Ruhepunkte zu und fügen uns, mehr gemeine Sache machend, ebenfalls unvermerkt den Protestierenden und lassen die Sache gehen, solange es geht; denn wir sehen gar wohl ein, daß da mit Gewaltstreichen nicht mehr viel zu erreichen ist. [GS.01_013,08] Und nun sehet wieder hin. Die Schaukel bewegt sich in einem viel kürzeren Distrikte ganz nachlässig hin und her, und die Entblendeten springen einer nach dem andern aus. Wir erblicken nun schon beinahe niemanden außer den Interessenten und einigen wenigen Geblendeten darinnen. Ihr seht auch, daß die Direktoren der Schaukel eifrig bemüht sind, die beiden wackelnden Pfeiler mit allerlei Spreizen soviel als möglich festzuhalten. An den Leitern steigen bezahlte Knechte hinauf und suchen mit schwachen Schnüren den sehr beschädigten Strick soviel als möglich an die beiden Pfeiler anzufestigen. Aber da der Strick keine Ruhe hat und sich stets noch hinundherbewegt, so können sie nirgends einen sicheren und festen Knopf machen; bald ist er zu lang, bald zu kurz gelassen und mag darum zur ferneren Haltbarkeit des Hauptstrickes gar wenig beitragen. Das ist doch ein sicheres Kennzeichen, wie nun die Dinge stehen. [GS.01_013,09] Wer etwa solches bloß nur als ein Bild einer leeren Phantasie ansehen möchte, der werfe einen flüchtigen Blick über das Tun und Treiben der gegenwärtigen Welt; und er wird dieses gegenseitige Anbindeln und allerlei Knöpfemachen zwischen Ländern, Völkern und Religionskonfessionen auf das Augenscheinlichste sehen. – Ich will euch nur auf allerlei gegenseitige Staatsunterhandlungen aufmerksam machen, die da bestehen in allerlei Übereinkommnissen. Wer solches nur mit einem Auge betrachtet, der wird obbesagtes Strickbefestigen mit allerlei Schnür- und Bändelwerk auf das Augenscheinlichste ersehen. – Aber es wird Mir ein oder der andere einwenden und sagen: Wenn sich solches also verhält, warum sind denn die hellsehenderen Protestierenden dann mit diesen Anbändlungen und Strickbefestigungen einverstanden? – Die Antwort liegt offenkundig vor den Augen: Weil die Schaukel nun noch ziemlich stark geht und sie sich auch in dieser fatalen Schaukel befinden, so befürchten sie den vorzeitigen Strickbruch nahe ebensostark wie die Schaukelinteressenten selbst. Sie lassen sich daher das Anknüpfen gefallen, um nicht durch den zu frühzeitigen Strickbruch einen grellen Mitfall zu machen, d.h. mit den Schaukelinteressenten. – Daß demnach solches Anbändeln und Anknöpfeln ein sicheres Zeichen von der Unhaltbarkeit des Hauptstrickes ist, könnet ihr wohl gar leicht nun mit den Händen greifen. Würde sich ein Land oder ein Volk dem andern gegenüber hinreichend stark finden, so würde es diktieren nach seiner ihm wohlbewußten Macht und würde sich sicher nicht aufs Anbindeln und Anknöpfeln verlegen. Da es aber seine innere Schwäche wohl merkt, so nimmt es seine Zuflucht zu den Afterbefestigungen, welche aber alles dessen ungeachtet dem Stricke nicht um eine Sekunde längere Haltbarkeit geben werden, als er zufolge seiner starken Abnützung noch in sich schwächlich birgt. [GS.01_013,10] Wenn der Hauptstrick reißen wird, werden alle die Bändel und Schnürchen auch sogleich mit zum Bruche kommen. Sehet, solches bietet uns das zweite Bild. – [GS.01_013,11] Fasset alle eure kirchlichen und politischen Dinge zusammen oder vergleichet jede mögliche Einzelheit derselben mit unserem Bilde, und ihr werdet finden, daß es dem Allgemeinen ebenso richtig als jeder Einzelheit entspricht. Damit ihr aber solches noch erschaulicher findet, will Ich euch nur beispielsweise sowohl aus der kirchlichen als staatlichen Sphäre einiges anführen. – Aus der kirchlichen nehmen wir z.B. die Ohrenbeichte. Derjenige Zustand der Schaukel, welcher bei jedem Hinundherschwingen dem Boden der Erde am nächsten kommt, ist der sündige Zustand. Man beichtet und schwingt sich dadurch auf der einen Seite gegen den Himmel, rutscht aber ebensogeschwind wieder zurück. Auf dem untersten Standpunkt beichtet man wieder und schwingt sich dann andererseits gegen den Himmel. So wiederholt der Mensch in seinem Schaukelzustande diesen Akt so lange fort, als er lebt, und beschließt sein Leben beim Ruhezustande der Schaukel gewöhnlich wieder mit der Beichte. Aber die Schaukel schwingt sich da nicht mehr höher, sondern der Mensch verläßt dieses Leben auf demselben Punkte, wo er dasselbe angefangen hat. Welche Fortschritte aber dadurch der geistige Mensch gemacht hat, das ersehet ihr eben aus unserem Bilde in der Sphäre unseres Geistes auf der geistigen Sonne, nämlich daß er sich noch gar lange fortschaukeln wird, bis entweder der Strick reißen, oder bis er seiner förmlich angewachsenen Augenbinde los wird. Nach diesem gegebenen Maßstabe möget ihr alles Zeremoniell – Kirchliche bemessen, und ihr werdet darin nichts anderes entdecken als „das Schaukeln“. Den kompletten inneren Sinn all des gegenwärtig Kirchlichen besingt auch ganz treffend eine jede Turmglocke, die bei jedem Hinundherschwunge stets einen und denselben Ton ganz gewaltig lärmend von sich gibt. Das harmonische Ohr kann da lauschen, wie es will und sich alle möglichen Plätze zu solchem Geschäfte wählen, so wird es aber dennoch nichts anderes erlauschen und gewinnen als eben dieselbe stetige Toneinförmigkeit, welche schon der erste Glockenschlag auf das Allergenügendste bezeichnet hat. Alles, was ein solcher Lauscher am Ende herausbringen wird, wird also lauten: In der Entfernung ist der Ton noch anzuhören, in der Nähe aber ist er unausstehlich; was ebensoviel sagen will als: Weit weg ist gut vor dem Schusse! Also hätten wir ein kirchliches Beispiel; nun noch ein staatliches. [GS.01_013,12] Sehet einmal eure Industrie an und alle die Geldgeschäfte, welche eigentlich der Zentralpunkt alles staatlichen Lebens sind. Wer da das Handwerk des beständigen Schaukelns nicht ersieht, der muß mit siebenfacher Blindheit behaftet sein. Ihr werdet überall sowohl im allgemeinen wie im sonderheitlichen ein Sichaufschwingen und wieder baldiges Zurücksinken bemerken. Ein Reich schwingt sich empor, das andere schwingt sich zurück und kommt wieder auf den niedersten Punkt seiner Schwungschaukel. Bald fällt wieder das vormals sich aufgeschwungene Reich und ein anderes schwingt sich empor. Sooft ihr noch immer bemerkt habet, daß sich ein Reich zum höchsten Gipfel emporgeschwungen hat, so war das auch das sicherste Signal seines noch viel geschwinderen Falles, als wie geschwind da war sein Aufschwung! [GS.01_013,13] Wenn ihr einzelne reich gewordene Privatmenschen betrachtet, die sich ihre Privatschaukel zunutze gemacht, sehet, in ihrer eigenen Schaukel aber, da sie sich befinden, haben sie bei dem vermeinten höchsten Standpunkte ihrer Wohlhabenheit sich auch soeben rückwärts zu schwingen angefangen. Es kommt bei allen nur auf die Länge der Schwungstricke an; sind die Schwungstricke sehr lang, so ist die Schwingung eine viel langsamere und weiter hinausreichende. Aber möchte ein Schwungstrick auch von der Sonne bis zur Erde reichen, so wird die an ihm befestigte Schaukel, wenn sie den höchsten Punkt erreicht hat, sich dennoch sobald wieder in ihre nichtige Tiefe zurück begeben. Und so ist das ganze Leben der Welt nichts als ein pures Schaukelwerk! – Ihr möget es betrachten, wie ihr wollet; wer aus euch mir aus demselben irgendeinen Fortschritt zeigen kann, dem gebe Ich ein zehnfach ewiges Leben zum Geschenke! Allein ihr werdet auch hier den Wahlspruch der alten Weisen bemerken, der da lautet: Nichts Neues unter der Sonne! Ich bin auch der Meinung; denn bei solchen allgemein selbstsüchtigen Scheinbewegungen und Fortschritten wird sich unter der Sonne ganz entsetzlich wenig Neues vorfinden lassen. [GS.01_013,14] Wohl dem, der sich der Schaukel entwinden kann; denn am freien Platze wird er mit wenig Schritten mehr tun in einigen Minuten als durch all das Schaukelwerk in vielen tausend Jahren. – Wer demnach vollkommen werden will, wie der Vater im Himmel vollkommen ist, der fliehe nichts so sehr als das schaukelnde Treiben aller Welt. Besser ist es, ein schweres Kreuz vorwärts zu schleppen für den Geist und für dessen ewiges Leben, als sich noch so sanft in den ewigen Tod hineinzuschaukeln. [GS.01_013,15] Nun, ihr werdet hoffentlich dieses Bild verstehen. Und so wollen wir denn das nächste in den helleren Augenschein nehmen. Für heute aber lassen wir die Sache bei dem bewendet sein! 14. Kapitel – Der Ringwall in der Entsprechung. Gestalten der verschiedenen christlichen Kirchen. [GS.01_014,01] Wenn ihr unserem Ringwall eine bedeutendere Aufmerksamkeit schenket, so werdet ihr sehen, daß innerhalb desselben nicht nur eine, sondern mehrere Bahnen am inwendigen Flächenrande den Anfang nehmen und schnecken- oder spiralförmig sich gegen das verschlossene Gezelt drehend hinaufziehen. Wenn ihr noch aufmerksamer hinsehet, so werdet ihr dazu noch entdecken, daß alle diese Bahnen auf eine wohlberechnete Weise gegen das Gezelt also angelegt sind, daß man auf gar keiner zur Eingangstür in das Zelt gelangen kann. Dennoch heißt es am Rande der bedeutenden Fläche: Wer da die schmalste Bahn ersehen kann und dann, ohne sich auf eine Seitenbahn zu verirren, fortwandelt, der gelangt sicher und unfehlbar in das Gezelt, allda ein großer Lohn seiner harret. [GS.01_014,02] Was etwa doch diese sonderbare Schneckenbahn – Durchlauferei besagt? Ich will darauf keine absolute Antwort geben; ihr werdet sie ohnehin finden, so ihr die Sache näher betrachtet haben werdet. Sehet somit nur recht aufmerksam hin auf diesen zwar törichten, aber eben in diesem Törichten vielsagenden Tummelplatz! [GS.01_014,03] Sehet, wo immer eine solche Bahn von außen nach einwärts beginnt, da auch befinden sich ein sogenannter Bahnchef, ein Bahndirektor und noch eine ziemliche Menge anderer Helfershelfer. Sehet, wie sie alle außerordentlich ernste und ganz wichtige Mienen machen. Auf dem breiten Walle sehet ihr eine große Menge Menschen beiderlei Geschlechtes. – Sehet, wie dort bei einem Bahnanfange die sämtlichen Bahninteressenten und hauptsächlich der Bahnchef ihre Bahn als die allein richtige anpreisen und sagen: daher kommet alle! Diese Bahn ist die allein richtige, auf welcher ihr ganz sicher zu der Türe des Gezeltes und somit auch in das Gezelt selbst gelangen könnet wo ein unermeßlicher Preis euer harret! – Aber sehet, gleich der nächste nachbarliche Bahnchef schreit und sagt den Gästen: Lasset euch nicht anführen! Zahlet uns das viel billigere Bahngeld, denn unsere Bahn ist die älteste, somit auch approbierteste; auf ihr sind schon so viele Tausende und Tausende in das Gezelt gelangt und haben sich dort ihren hohen Preis abgeholt. Doch der erste Bahnchef erhebt sich sogleich, ganz gewaltig protestierend, und warnt auf das Allerdringendste die Gäste, den betrügerischen Lockungen des zweiten Bahnchefs zu folgen. Der zweite Bahnchef steht ganz erregt auf gegen solche Verunglimpfung und schreit mit gewaltiger Stimme: Ich sage nicht, daß ihr hierher gehen sollt; ich stelle es nicht eurem freien Willen anheim, ob ihr auf dieser meiner Bahn gehen wollt oder nicht, sondern weil ich wohl weiß, daß meine Bahn die älteste und alleinrichtige ist, so will ich euch bei den Haaren dazuziehen. Es ist traurig genug, daß man solchen Dummköpfen, wie ihr seid, solch ein namenloses Glück ordentlich mit Gewalt auf den Rücken nachwerfen muß! Wieder erhebt sich der erste Bahnchef und schreit über die Maßen: Folget nur diesem meinem Nachbar. Ihr wisset aber nicht, daß seine Bahn in der Nähe des Zeltes einen verborgenen und überdeckten Abgrund hat, in welchem ein jeder unwiederbringlich zugrunde geht, der diese Bahn wandelt. Bei solcher Äußerung erhebt sich der zweite Bahnchef noch gewaltiger, sendet, ohne ein weiteres Wort zu reden, seine Adjunkten hinauf auf den Wall, läßt von ihnen eine Menge gewaltsam zusammenfangen und sie auf seine Bahn hinziehen. Wenn sie den Bahnzins entrichten wollen, da tut er prahlerisch großmütig und sagt: Ich nehme von euch nichts an, sondern ich will nur euer Glück; und so wandelt denn diese meine Bahn. Ihr könnt laufen und langsam gehen, wie ihr wollt, und ich hafte euch mit allem dafür, daß ihr auf dieser meiner Bahn nirgends einen verderblichen Abgrund treffen, sondern alle wohlbehalten in das Zelt gelangen werdet. Nur mache ich euch das zur Bedingung, daß ihr ja nicht aus meiner Bahn tretet. Tretet ihr unvorsichtiger oder eigenmächtiger Weise aus derselben, dann stehe ich für nichts gut, denn auf jeder andern Bahn gelanget ihr statt in das Gezelt auf irgendeinen verdeckten Abgrund. – Und so sehet ihr denn die Menge fortwandeln. [GS.01_014,04] Aber sehet, gleich daneben ist schon wieder ein dritter Bahnchef. Der schlägt zwar keinen Lärm, macht dabei ein ganz gutmütiges und mitleidiges Gesicht und die Gäste fragen ihn, warum er solches tut, was ihm denn so sehr am Herzen liegt? Und dieser ruft ihnen ganz bescheiden mit stilleren Worten zu und sagt: Wer sollte da nicht traurig sein?! Diese Armen gehen ja alle den falschen Weg, während doch nur dieser der allein richtige ist und beinahe schnurgerade zur Türe des Gezeltes hinlenkt. Ich sage euch nicht: Kommet hierher; sondern wenn ihr es allenthalben werdet erfahren haben, daß ihr nichts erreicht habt als eine vergeblich leere Plackerei, so werdet ihr euch schon selbst zu meiner Bahn verfügen. Ich sage euch: Mir ist es sogar nicht einmal recht, so jemand zu meiner Bahn läuft und macht dadurch meine ränkesüchtigen nachbarlichen Bahnchefs eifersüchtig. Wenn er sich überall überzeugen wird, daß er geprellt worden ist, wird er ohnehin zu mir kommen und wird mir noch gern einen hohen Bahnpreis bezahlen, so ich ihm nur meine Bahn eröffnen will. [GS.01_014,05] Aber sehet da einen vierten Bahnchef, wie er heimlich verschmitzt auf seinen Nachbar herübersieht, seinen Kopf schüttelt und endlich spricht: Nur zu! Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Ich sage euch, meine Adjunkten, lasset alle diese Wallgäste unangefochten. Sollen die Narren machen, was sie wollen; wir laden ja keinen ein, sondern übersteiget den Wall hinaus ins Freie. Dort draußen fischet und bringet sie daher. Wenn diese auswendigen Dummköpfe sobald hierher gebracht werden, da sind wir wohl sicher, daß sie keine andere Bahn suchen werden und keine andere betreten als die unsrige. Wir pflanzen nur eine Fahne auf mit der Inschrift: Einzig richtige Bahn zum Ziele!, machen dabei aber so wenig Spektakel als möglich, und die fetten Fische gehören alle uns! [GS.01_014,06] Sehet aber weiter! Daneben ist schon wieder eine andere, ganz schmale und dürftig ausgestattete Bahn. Der Bahnchef sitzt gar kümmerlich am Eingang und scheint sich um niemanden zu kümmern; seine wenigen Adjunkten folgen seinem Beispiele. Sehet, wie sich mehrere Gäste zu diesem Bahnchef hinunterziehen und ihn ganz verstohlen fragen: Wie steht es mit deiner Bahn? Er sagt darauf gar nichts als nur die wenigen Worte: Meine Bahn spricht für sich selbst; wer sie wandeln will, der wird sich überzeugen, ob sie ihn zum Ziele bringen wird oder nicht. Diese sonderbaren und geheimnisvollen Worte machen viele stutzen, und bei ihm fangen bedeutend viel Bahngäste an, sich einzufinden. [GS.01_014,07] So sie um den Preis fragen, da sagt er: Hier ist kein Preis, sondern wer diese Bahn betreten will, der gebe alles, was er hat, denn er wird auch alles wiederfinden; ich für mich aber brauche nichts! Diese Bedingung macht dann die Bahnlustigen wieder stutzen, und es zieht sich einer um den andern wieder auf den Wall zurück. [GS.01_014,08] Aber sehet, daneben ist gleich wieder eine andere Bahn. Sie hat einen ganz griesgrämigen alten Bahnchef. Dieser hat eine förmliche Einnahmskasse vor der Bahn aufgerichtet. Er ladet zwar niemanden ein, aber wer dahin kommt und fragt ihn: Was ist das für eine Bahn, und führt sie wohl in das Gezelt? zu dem spricht der Bahnchef ganz leise und geheimnisvoll: Freund, es war noch keine Bahn als diese, und diese allein ist die älteste und verbindet sich mit der Pforte des Gezeltes. Willst du sie wandeln, so wird es dein Schade nicht sein; nur mußt du das Bahngeld, welches so und so viel beträgt, in feiner, klingender Münze bezahlen. Dafür aber bekommst du einen Wechsel gleichlautenden Wertes. Wenn du die Bahn richtig wandelst und dich am Wege nicht von einer andern verlocken läßt, so kommst du ohne weiteres ins Gezelt und machst somit den Haupttreffer. Solltest du dich aber doch verirren, so hast du dabei noch gute Hoffnung, denn mit diesem Wechsel in der Hand wirst du dennoch für deine hier eingelegte klingende Münze allzeit so und so viel an Interessen zu beziehen haben. Dieser Bahnchef, wie ihr sehet, hat einen sehr bedeutenden Zulauf von groß und klein, aber nicht etwa der Bahn wegen, sondern allein des reinen Geldgeschäftes wegen; daher strotzt er von Gold und Silber und allerlei Edelgestein. Was aber das Gezelt betrifft, um das bekümmert er, der Chef, sich sozusagen nicht im geringsten mehr, denn seine Sache sind nur Geldgeschäfte. Und so denn machen sich auch seine Bahnwandler eben nicht viel daraus, ob sie das Gezelt günstig erreichen oder nicht, denn sie haben ja die Wechsel in ihren Händen. [GS.01_014,09] Aber sehet ferner hin; da gibt es noch mehrere wenig betretene Bahnen. Ihre Bahnchefs werden von den Hauptbahnchefs gewisserart nur geduldet; daher sitzen diese auch ganz still bei ihren Bahnen. Kommt ein Wallfahrer zu einem oder dem andern, so ist es wohl und gut; kommt aber niemand, so lassen sie sich darum auch kein graues Haar wachsen. Sie stehen im Grunde nicht auf den Bahnertrag an, sondern sie unterhalten sich so ganz gemächlich mit ihren allerlei Krambuden, die sie bei ihren Bahnen aufgestellt haben. Werden sie von jemandem heimlich gefragt: Ist diese deine Bahn die richtige? so sagen sie ganz gleichgültig: Wenn diese nicht die richtige ist, welche soll es denn sein? – Und sehet, so ist diese Kreisbahnebene umlagert von lauter Bahnchefs, Großen, Schreienden, Beklagenden, Schweigenden, Heimlichtuenden; mit Ausnahme einer einzigen Bahn, welche nämlich die schmalste ist, findet ihr überall Wandler und Zielsucher. Da aber zu Ende alle Bahnen eingezäunt sind, so geschieht es, daß alle diese Bahnwandler am Ende an die Wand des Gezeltes anstoßen. Zur Türe gelangt keiner. Und so viele ihr eilig dahinwandeln sehet, ebenso viele werden an der schroffen Wand abgestumpft und suchen umkehrend wieder die Freiheit, indem sie durch ihr Bemühen nichts erreicht haben. Alles drängt sich hin zu jenem Bahnchef, der gegen klingende Münzen Wechsel ausstellt. Und sehet, sogar alle die übrigen Bahnchefs senden unvermerkt ihre Adjunkten mit Beuteln voll Silbers und Goldes hin und lassen sich von ihm dafür Wechsel ausstellen. [GS.01_014,10] Aber nur zu unserm armseligen Bahnchef, der am Eingang der engsten Bahn ruht, begibt sich niemand hin. Dieser allein hat somit auch wenig zu tun, und so noch jemand hingehen will, so wird er entweder verlacht oder aber von den ersteren Bahnchefs gewaltsam davon abgezogen. [GS.01_014,11] Nun aber sehet noch einmal hin, wie auf dem Wall eine bedeutende Menge tüchtiger Späher sich aufgestellt hat, und verfolgen mit ihren Augen die schmale, völlig unbetretene Bahn. Einige darunter sagen: Sehet hin, eine Bahn führt richtig zur Türe. So aber alle die Bahnen rings umher an die blanke Wand nur führen, wer weiß, ob nicht gerade diese schmale Bahn zur Türe führt? [GS.01_014,12] Sehet, eine Menge zieht sich schon um den Wall herum und verfolgt mit ihren Augen die Bahn. Die Bahnchefs begreifen nicht, was dieses Herumwandeln bedeutet. Aber wehe allen, wenn diese glücklichen Spione den richtigen Gang der schmalen Bahn werden ausgekundschaftet haben. Dann wird es arg mit ihnen sein, denn sie werden zur Rechenschaft gezogen werden. Alle ihre Bahnen werden zerstört und gleichgemacht werden der engen Bahn; und der unansehnlichste Bahnchef wird alles Geschäft an sich ziehen. – [GS.01_014,13] Daher wundert euch nicht, daß man auf dem Ringwalle schon häufig ein Gelächter vernimmt, besonders über die am meisten schreienden Bahninhaber. Solches Gelächter hat seinen guten Grund, und ihr könnet es glauben: Alle diese gegenwärtigen Hauptbahnen müssen mit Hohn und Gelächter belegt werden; alle ihre Bahnlehren und großen Verheißungen müssen zuschanden werden, wenn die Hauptlinie gefunden wird! Glaubet es aber, wie euch diese geistige Erscheinlichkeit lehrt, also verhält es sich auch in der Tat. [GS.01_014,14] Es gibt schon gar viele scharf sehende Bahnforscher auf dem Walle, und sie haben nurmehr die letzte halbe Schneckenbahnwende zu erforschen. Wenige Blicke und Schritte mehr, und ihr werdet die schmale Bahn ganz reichlich betreten erblicken! – Ihre Wandler werden unfehlbar zur Türe und ins Gezelt gelangen, werden da die großen Schätze nehmen und sie zeigen allen Gästen. [GS.01_014,15] Wenn solches geschehen wird, dann wird es auch geschehen sein um alle anderen Bahnen. Die Gäste werden über alle die Bahnen hereinbrechen, alle Zäune niederreißen und sich so von allen Seiten der Türe des Gezeltes nahen! [GS.01_014,16] Es braucht kaum näher bestimmt zu werden, daß die erstbesprochene Bahn das Hierarchentum, die zweite die griechische Kirche, die dritte die protestantische, die vierte die englische Kirche bezeichnet; und daß die anderen kleineren Bahnen noch verschiedene andere Sekten bezeichnen. Wenn ihr nun solches wisset, so wißt ihr somit auch alles, was da dieses Bild bezeichnet. Und so ihr es recht beachtet, wird euch wieder noch eine bedeutendere und größere Löse dessen werden, was ihr geschaut habt in der Sphäre des sechsten Geistes. – Nächstens das vierte Bild; und somit gut für heute! 15. Kapitel – Das Bassin mit dem liegenden Schaufelrad. Die prophetische Sphäre des Daniel. [GS.01_015,01] So ihr das vierte Bild recht wohl beachtet habt von der ersten Ansicht an, so muß euch doch die Frage aufgefallen sein, welche sich ganz von selbst aufwirft und also lautet: Warum wird denn in diesem runden Wasserbassin das Wasser mittels eines in der Mitte des Bassins angebrachten Schaufelrades in eine stete Rundbewegung gebracht? In dieser Frage liegt eine sehr bedeutende Antwort fürs erste darin, damit sich kein Seefahrer mit seinem Kahn dem Radwerke nahen kann, fürs zweite, daß durch diese gezwungene Bewegung der Wasseroberfläche alles, was sich nur immer dem Zentrum des Wasserbassins nahen will, durch die vom Zentrum ausgehende Wirbeldrehung des Wassers trotz allen Mühens wieder nach außen getrieben wird. [GS.01_015,02] Es mag da ein Kahnfahrer sich so viele Mühe nehmen als er will, so kann er dennoch das Radwerk nicht erreichen, um es aufzuhalten und dadurch eine Ruhe des Wassers zu bewerkstelligen, wodurch es einem jeden solchen Seefahrer möglich würde, sich dem Zentrum zu nahen und all das Radwerk anzugreifen, es mit vereinigter Kraft aus dem Bassin zu schaffen und somit die ganze schöne, ruhige Wasseroberfläche der allgemeinen Wohlfahrt freizugeben. [GS.01_015,03] Es läßt sich aber wieder eine andere Frage aufwerfen, und diese lautet also: Was liegt denn gar so Außerordentliches an dem Zentrum dieses Wasserbassins? Da mag das Rad ja immer bestehen; es gibt dessen ungeachtet des Wasserflächenraumes um dasselbe in großer Menge. Wer Lust hat, auf dem Wasser mit seinem Kahne herumzufahren, der kann solches ja noch immer nach seiner Lust zur Übergenüge tun und braucht dazu des Mittelpunktes nicht. – [GS.01_015,04] Solches wäre alles richtig, solange man nicht weiß, was der Mittelpunkt, über dem gerade das Wasserrad angebracht ist, in sich birgt. Erst wenn man solches weiß, dann auch kann man in sich selbst den dringenden Wunsch aussprechen und sagen: Hinweg mit dem vielschaufeligen Rade! Es ist uns zu nichts nütze. Die Angabe, daß durch die stete Bewegung desselben das Wasser gerührt wird, damit es nicht faule, ist eine arg blinde, so man den Schaden, ja den großen Schaden dagegenhält, was diejenige Stelle, über welcher das Wasserrad angebracht ist, ausbeuten würde. Was denn würde diese Stelle ausbeuten? – Solches wird erst dann vollends begriffen, wenn dargetan wird, was das für eine Stelle ist, über welcher das Schaufelrad angebracht ist. Damit ihr euch aber darüber nicht gar zu lange die Köpfe zerbrechet, so sage Ich es sogleich rund heraus. [GS.01_015,05] Diese Stelle ist eine Quelle, voll des lebendigen Wassers. Diese Quelle aber ist gut verstopft und förmlich mit Blei vergossen, und es kann auch nicht ein Tropfen herausquellen. Dennoch aber sagen alle die großtuenden Wasserradinteressenten: Das sämtliche Wasser in dem Bassin ist ein pur lebendiges Wasser, und das Leben dieses Wassers hängt bloß von ihnen ab; sie haben die Macht, das Wasser zu beleben und zu töten. Das Rad sei ihnen von Gott eingeräumt und habe die Macht, das Wasser zu beleben, solange es von ihnen getrieben wird; wird es aber nicht von ihnen getrieben, so wird dadurch das Wasser tot werden und niemandem mehr zum Leben gereichen. Sie sagen auch: Nur dieses einzige Wasserbassin unter den vielen andern, die sich noch um dieses herum auf eine ähnliche Weise befinden, ist dasjenige, welches das wahre lebendige Wasser hat. In allen anderen ist dasselbe tot, und die Bewegung desselben nach der Art dieses lebendigen Wassers ist nichts als eine pure Nachäffung, somit ein purer Betrug. Wer immer sich verleiten läßt, seinen Kahn auf ein solches andere Wasserbassin zu setzen, der geht offenbar zugrunde. [GS.01_015,06] Daß aber dies das alleinig wahre und rechte, vom lebendigen Wasser volle Bassin ist, das beweiset fürs erste sein Alter, fürs zweite die außerordentliche Pracht und Erhabenheit des aufgestellten Gerüstes, das dem mächtigen, lebendigen Rade dient. Fürs dritte beweiset die überragende Größe des Bassins seine alleinige Echtheit, fürs vierte seine Allgemeinheit, welche daraus zu ersehen ist, daß auf der Oberfläche des lebendigen Wassers sich stets die allergrößte Anzahl Kahnfahrer eingefunden hat, und fürs fünfte, daß alle anderen Wasserbecken aus diesem hervorgegangen sind; was da beweist ihre diesem alleinig wahren, lebendigen Wasserbassin ziemlich ähnliche Gestalt. [GS.01_015,07] Nun sehet aber wieder hin. Die stets ans Ufer getriebenen Kahnfahrer sind schon fast mehr denn zu zwei Dritteilen ihrer einförmigen und nichts erreichenden Wasserfahrt überdrüssig geworden und entsteigen daher ihren Kähnen. Sie betreten ganz verdutzt und überdrüssig das Ufer, kehren demselben sobald den Rücken und sagen: Was hätten wir denn tun können, was da besser gewesen wäre, denn diese langandauernde lebendige Wasser-Fopperei? Man hat uns gesagt: Nur ausharren und soundso oftmal den Kreis herum machen, sich dabei aber hüten und ja nicht nachlassen an der gerechten Kraft, daß man in erster Hinsicht nicht zu nahe ans Rad kommt, in zweiter Hinsicht aber auch nicht an das Ufer, sondern fortwährend den Zwischenraum des Wassers benützt, der zwischen dem Rade und zwischen dem Ufer ist. Eine zu große Annäherung an das Radwerk würde den Menschen bald an seiner Kraft erlahmen. Diesem Zustande zufolge würde er dann unvermeidlich aus dem Bereiche des Lebens hinaus an den Bereich des Todes geführt werden. [GS.01_015,08] Nun aber sind wir wohlweiser Maßen ans Ufer herausgeführt worden; und was wunder, daß wir noch leben! – Und weiter sprechen die aus ihren Wasserkähnen Entstiegenen: Wenn es doch nur auch den anderen beifallen möchte, ans Ufer herauszublicken, damit sie ersehen möchten, daß es da um vieles lebendiger zugeht, denn auf der dummen Wasseroberfläche. Sie würden sicher gar bald all ihre Kähne an dieses viel glücklichere Ufer lenken und sich aus den mächtigen Großsprechereien derjenigen, die sich auf den Wasserradgesimsen befinden, ganz entsetzlich wenig machen. [GS.01_015,09] Und sie reden weiter und sagen: Dem Herrn alles Lob und alle Ehre, daß Er uns solches eingegeben hat! Aber es fragt sich: Woher werden wir nun ein anderes, besseres Wasser nehmen? – [GS.01_015,10] Und mancher aus ihnen sagt: Sehet, dort gegen Morgen hin, eben nicht gar zu ferne von hier, sind Berge; wer weiß es nicht aus uns, daß Berge stets gute Quellen haben? Ziehen wir daher nur schnurgerade darauf zu, wir werden sicher ein reineres und lebendigeres Wasser antreffen, als diese alte, durch das Wasserrad ab- und durchgepeitschte lebendige Suppe ist. Und sehet, wie da eine ganze Menge sich vom großen Bassin heimlich aus dem Staube macht und sich hinzieht gegen die Berge. Dieses ist schon ein günstiges Zeichen. – Aber wir wollen uns dessenungeachtet noch bei unserem Wasserbassin aufhalten und noch ein wenig zusehen, was da alles noch vor sich geht. – [GS.01_015,11] Bemerket ihr nicht unter den Ufergästen eine ziemliche Menge solcher, die mit tüchtigen Fernrohren versehen sind, von allen Seiten das Rad beobachten und erblicken, daß dessen Schaufeln schon sehr morsch und schadhaft geworden sind. Über die Hälfte derselben fehlt schon gänzlich. Was folgt wohl aus dem? – Wir wollen unsere Betrachter ein wenig behorchen, was sie untereinander sprechen. – [GS.01_015,12] Sehet, da sind eben ein paar recht Scharfsinnige; sie reden mit heiterer Miene. Der erste spricht: Sieh, was hab ich denn gesagt? Der Zeitpunkt ist eingetreten, diesen Hauptschreiern geht nun der Faden aus. Das Rad können sie nicht stillhalten, um demselben neue Schaufeln einzusetzen, denn würden sie solches tun, so würde das Wasser im Bassin auch stehen bleiben, und ein jeder törichte Wasserfahrer würde dann ja bald die Nichtlebendigkeit des Wassers mit den Händen greifen. Stark treiben dürfen sie das Rad auch nicht mehr, sonst brechen demselben noch die wenigen lecken Schaufeln ab. Wenn aber solches gar sicher geschieht, dann sage mir, lieber Freund, wie wird es hernach mit der Lebendigkeit des Wassers aussehen? Denn das schaufellose Rad wird dasselbe bei einer noch so schnellen Umdrehung so wenig mehr zu einer Rundbewegung nötigen und ihm eine scheinbare Lebendigkeit verleihen als diejenigen unserer Gedanken, die wir noch nicht gedacht haben. [GS.01_015,13] Und der zweite spricht: Bruder, ich merke ganz fein, wo die Sache hinauswill. Wenn die Kahnfahrer merken werden, wie es jetzt schon, meiner Betrachtung nach, sehr häufig der Fall ist, daß das Wasser in seiner Bewegung immer träger und träger wird, so werden sie sich zum Teil überzeugen, daß es mit der Lebendigkeit dieses Wassers seine geweisten Wege hat, nämlich ans Ufer heraus. Teils aber werden sie sich zufolge des geringen Widerstandes dem sogenannten Heiligtume des Radwerkes mit wenig Mühe nähern und werden dort wenigstens mit ihrer Nase erfahren, was wir hier vom Ufer aus deutlich ausnehmen, nämlich was es für eine Bewandtnis hat mit dem so überaus angepriesenen mächtigen Rade. Du weißt es, die hochtrabenden Interessenten sagen von selbem, es ist für alle Zeiten der Zeiten völlig unschadhaft und hat daher immer die gleiche Gewalt, das Wasser lebendig zu machen. Was werden diese dann wohl sagen, wenn sie die Schaufeln nachzählen und werden zu ihrem Erstaunen einen solchen Mangel entdecken und noch hinzu gewahr werden die bedenkliche und sehr bedeutende Schadhaftigkeit der noch vorhandenen Schaufeln am blinden Rade? Bist du nicht mit mir einverstanden? – Sie werden ihre Kähne schnell von dem Radgerüste wegwenden und ans Ufer steuern. [GS.01_015,14] Und der andere spricht: Das wird etwa doch so klar sein wie die Sonne am hellen Mittage; besonders wenn das gegen die Ufer heraus zu wenig bewegte Wasser ihren Nasen etwas sagen wird, was ungefähr so lautet: Höret, ihr Schiffleute! Machet euch hurtig über meine Fläche hinweg, sonst laufet ihr Gefahr, am Ende statt über ein lebendiges Gewässer über eine stark übelriechende Pfütze zu fahren! [GS.01_015,15] Wie gefällt euch dieses Zwiegespräch? Ich meine, daß es nicht übel sei. Aber es gibt noch eine andere Partie am Ufer, diese untersucht mit kleinen Stangen die Tiefe des Bassins; fährt mit leeren Kähnen nach allen Richtungen und tut dabei, als wäre sie ein rechtmäßiger lebendiger Wasser-Fahrer. Aber sehet, dort steigen soeben einige solche Bassingrund-Visitierer aus und fangen an, ein wichtiges Gespräch miteinander zu führen. Begebet euch hin und höret, was alles sie miteinander sprechen. [GS.01_015,16] Höret, was der erste spricht: Ich habe es ja immer gesagt, diese ganze Rundlacke ist ein seichtes Zeug, das Wasser ist nur künstlich dunkel gemacht, hat aber in sich selbst durchaus keine Tiefe. Weil dieses Wasser eine leicht in Fäulnis übergehende Beimischung hat, so mußte es freilich wohl fleißig gerührt werden, um seinen äußeren lebendigen Anstrich so gut als möglich zu erhalten. – Nun wissen wir aber, wie es mit der Sache steht; daher sind wir auch über alles im klaren. Was meinet ihr denn, auf welche Weise wäre denn dieser lange andauernden Torheit zu steuern? [GS.01_015,17] Höret, ein anderer spricht: Auf zweifache Art; sehet, die Wasserradinteressenten sind ohnehin von tausend Ängsten befangen und wissen sich nicht mehr Rat zu verschaffen, auf welche Weise sie das alte, morsche Rad wieder ausbessern könnten. Was ist da nun leichter zu tun, als eine heimliche Mine zu machen und ihnen auf die schönste Weise gegen die Niederung hinab ihr tolles Wasser abzuzapfen. Wenn sie in ihrem Bassin kein Wasser mehr haben werden, dann können sie ihr Rad herumtreiben wie sie wollen, und ihr könnet versichert sein, alle die gegenwärtig sich noch auf der Oberfläche des Wassers herumtreibenden Kahnfahrer werden mit großer Hast dem sicheren Ufer zu steuern und sich da überzeugen, daß allenthalben des Lebens in großer Menge vorhanden ist. [GS.01_015,18] Und höret, ein dritter spricht: Habt ihr aber nie gehört, an der Stelle, wo das Rad sich befindet, soll im Ernste eine lebendige Wasserquelle vorhanden sein? – Wenn man sich derselben bemächtigen könnte, so wäre das wohl der größte Gewinn. Und höret weiter, ein vierter spricht: Ich bin soeben auf einen sehr guten Einfall gekommen. Wie wäre es denn, wenn wir das Wasserabzapfen stehenließen und führten unsere Mine mit leichter Mühe bis unter das Rad? Wenn da die lebendige Quelle sich vorfindet, so werden wir sie dadurch unfehlbar an das Tageslicht fördern, wo sie sich gar bald zufolge ihrer lebendigen Reichhaltigkeit über alle diese weit ausgedehnten Täler und Ebenen gleich einem Meere ausbreiten wird. Wird solches geschehen, dann sollen diese Radtreiber ihr Rad herumschleudern, wie sie wollen, und wir sind sicher, daß wir die Narren an den Fingern werden abzählen können, die sich noch auf das dunkle Gewässer in den morschen Kähnen werden hineinlullen lassen. [GS.01_015,19] Und der erste spricht: Bravo! Bruder, das heißt einen gescheiten Einfall haben! Nur sogleich die Hand ans Werk gelegt, denn umsonst haben sie nicht gerade auf jener Stelle das Rad hingestellt; unter demselben steckt sicher etwas, das sie ganz gewaltig fürchten, daß es ans Tageslicht käme. Sie ahnen dadurch gar wohl ihren Untergang und haben es daher sorglich vermieden und fleißig zugestopft. – Aber wir haben den Entschluß gefaßt; also ist es in dem Himmel beschlossen, und es wird begonnen die Mine anzulegen. [GS.01_015,20] Und sehet noch weiter: Diese begeben sich mit noch vielen anderen hinab in die Niederung und entdecken da schon auf den ersten Blick, gleich guten Bergkundigen, Spuren vom Dasein des lebendigen Wassers. Schon stechen sie hinein, und beim ersten Stiche entdecken sie eine reichliche Quelle, welche sich gleich dem Lichte der Sonne gewaltig strahlend hinaus ergießt. Sie graben weiter, legen die Mine größer an und da sie auf kein Gestein stoßen, geht die Arbeit hurtig vor sich. [GS.01_015,21] Sehet, wie schon aus den vielen aufgefundenen Quellen ein ganzer strahlender Bach sich über die Täler hinab ergießt! Viele, die nicht ferne davon sind, eilen nach Möglichkeit zu diesem Bache, der sich dort in ziemlicher Entfernung bereits zu einem bedeutenden See ansammelt. Sein Wohlgeruch erfüllt weit und breit die Gegend, und seine Ufer werden schon immer bevölkerter und bevölkerter. – Nun sind unsere Mineure nur noch ein paar Klafter von der Hauptquelle entfernt. Sehet hinein in die stark erleuchtete Mine, wie sie sich stets mehr und mehr der Hauptquelle nähern. [GS.01_015,22] Und sehet, jetzt tut einer einen Hauptschlag; die Quelle ist eröffnet! Die Arbeiter trägt sie, mit dem ewigen Leben lohnend, hinaus in die ewig unendliche Freiheit. Mit großer Gewalt und überreicher Fülle stürzt sie sich über alle die Täler und Ebenen hin, Berge reißt sie mit sich fort, und alles, was tot war, macht ihr Gewässer lebendig! [GS.01_015,23] Aber sehet, nun merken es die Wasserradinteressenten und schreien Zeter auf ihren Wasserradgerüstbühnen! Doch es nützt nichts. Sie treiben das alte Wasserrad kräftig herum, aber es fliegt eine morsche Schaufel um die andere hinweg. Die Oberfläche des Wassers an den Ufern ist voll leerer Kähne. Alles, was nur Füße hat, drängt sich hinaus zum großen, lebendigen Gewässer. Nur die Wasserradinteressenten sitzen jetzt, wie ihr zu sagen pflegt, im Pfeffer und im eigenen Schlamme. Einige ergreifen die schlechten, abgebrochenen Schaufeln vom Rad und schwimmen selbst, so gut es nur immer gehen kann, hinaus ans glückselige Ufer. Nur für die Hauptinteressenten wird am Ende schier kein Rettungsmittel übrig bleiben, denn die Kähne haben sie alle ans Ufer getrieben, und niemand will ihnen einen zusteuern, auf daß sie sich auf demselben ans Ufer retten möchten. Ihr Gewässer wird gewaltig stinkend, und das lebende Gewässer will sich nicht hineinergießen. [GS.01_015,24] Sehet, also stehen die Dinge; und das ist auch die vollkommene Löse des ganzen geschauten schauerlichen Bildes aus der Sphäre unseres sechsten geistigen Gastfreundes! [GS.01_015,25] Ihr versteht nun diese Bilder, und das ist genug; denn auch solches bietet uns der Anblick der geistigen Sonne. Wie ihr in der Sonne alle materiellen Verhältnisse mit jeglichem Erdkörper entsprechend angetroffen habt, also steht es auch ganz besonders mit den geistigen Verhältnissen. [GS.01_015,26] Wer aber ist dieser siebente Geist, aus dessen Sphäre ihr nun solches geschaut habt? Sehet, es ist ein alter Geist, vorbehalten für diese Zeit; – es ist der Geist des Propheten Daniel. – Da wir nun solches wissen, so möget ihr wieder aus seiner Sphäre treten und auch fürs nächste Mal in die Sphäre eines achten Geistes begeben, der uns soeben naht. – Und so lassen wir die Sache für heute wieder gut sein!

16. Kapitel – Die Sphäre des achten Geistes. – Die Weltenuhr und „die letzte Zeit“. „Das neue Jerusalem“ aus der Sphäre Swedenborgs.

[GS.01_016,01] Unser gastlicher Freund ist schon hier; daher tretet nur sogleich in seine Sphäre. Diesen Geist sollet ihr auch wieder in seiner Sphäre sehen und von ihm ein wenig herumgeführt werden. Habt aber wohl acht auf das, was er euch zeigen und was er euch sagen wird, denn aus dem wird euch so manches bis jetzt noch unrichtig Aufgefaßte klar werden. – Ihr befindet euch schon in seiner Sphäre, so denn haltet euch auch an ihn; denn er ist ein tüchtiger Wegweiser und ist viel Weisheit in ihm aus Mir. Unterwegs werdet ihr schon noch erfahren, wer eigentlich dieser Geist ist. Und so denn höret ihn nun und folget ihm auch! [GS.01_016,02] Der Geist spricht soeben zu euch: Kommet, kommet liebe Brüder, nach dem Willen des Herrn; ich will euch führen in das Reich der Wahrheit und in das Reich der Liebe! [GS.01_016,03] Sehet dort gegen Morgen hin ein überaus majestätisch schönes Gebirge. Sehet, wie die göttliche Sonne, in welcher der Herr ist, schon hoch über dem Gebirge steht, und wie herrlich ihre Strahlen gleich denen einer lieblichen Morgenröte hereinfallen in die Täler und andere Vertiefungen der Welt! [GS.01_016,04] Sehet auch bei dieser Gelegenheit ein wenig zurück; da erblicket ihr ein großes Meer, welches gar viele und große Wogen auf seiner Oberfläche bewegt. Über den Wogen erblicket ihr viele Schiffe, da sind etliche groß und etliche klein. Ihr sehet, wie die Wogen sich dem Ufer zudrängen, um diese herrlichen Sonnenstrahlen in sich zu saugen. Die Schiffe auf dem großen Meere haben auch ihre Segel also gerichtet, daß sie gleich den Wogen dem erleuchteten Ufer zusegeln. Dadurch möget ihr die heimliche Kraft der Strahlen aus jener göttlichen Sonne erkennen, in welcher der Herr wohnt. [GS.01_016,05] Aber nun begeben wir uns auf jenes Gebirge dort. Da wollen wir Dinge von ganz anderer Art schauen und sehen, wie sich dort die göttliche Wahrheit artet. Ihr fraget und saget: Aber unser lieber geistiger Freund und Bruder! Jenes glänzende Gebirge scheint noch gar ferne zu sein; wie werden wir es sobald erreichen? O liebe Freunde und Brüder! Sorget euch dessen nicht, denn unser eigener Wille wird uns alsobald dahin bringen. Ihr wollet mit mir, und sehet, wir sind schon an Ort und Stelle! [GS.01_016,06] Ihr saget: O lieber geistiger Freund und Bruder, hier ist es unendlich herrlich, hier möchten wir wohl bleiben; denn so etwas Herrliches, wie die Aussicht von diesem hohen Gebirge ist, ist noch nie in unsere Sinne auch nur ahnungsweise gekommen. [GS.01_016,07] Ihr erblickt dort gegen Mittag etwas Sonderbares und wißt euch nicht zu raten, was es ist. Ihr sehet an einer vom hohen Firmamente herabhängenden Goldstange eine Sonne hängen, und diese bewegt sich ernst langsam gleich einem Uhrperpendikel hin und her. Da möchtet ihr wohl wissen, was das sei? – Ich sage euch: Bewegen wir uns nur näher hin, und ihr sollet der Sache alsbald auf die Spur kommen. [GS.01_016,08] Sehet ihr dort hinter diesem großartigen Sonnenperpendikel ein überaus großes viereckiges Gebäude, welches sich staffelartig und pyramidenförmig auch bis unter das hohe scheinbare Himmelsfirmament mit seiner Spitze erhebt? Dorthin wollen wir gehen und dieses Gebäude ein wenig näher beschauen. Die Inschrift auf der einen Seite wird uns vorerst sagen, was es damit für eine Bewandtnis hat. Ihr wollet, und sehet, wir sind auch schon an Ort und Stelle! [GS.01_016,09] Da sehet einmal hinauf. Auf der zehnten Staffel sehet ihr zwei große leuchtende Pyramiden stehen; leset, was auf einer jeden geschrieben steht. Ihr saget: Die Schrift ist uns unbekannt. Nun wohl denn, so will ich es euch vorlesen. Auf der Pyramide zu unserer linken Seite steht geschrieben: Das ist der große Zeitmesser für die geschaffenen Dinge. Und auf der anderen Pyramide steht: Einzig richtige Bewegung aller Dinge und Ereignisse nach der göttlichen Ordnung! Aus diesen beiden Inschriften werdet ihr schon leicht erraten können, was diese Erscheinung besagt. [GS.01_016,10] Nun aber erhebet euch mit mir wenigstens bis zur halben Höhe dieses Gebäudes, da werden wir das Zifferblatt dieser großen Weltenuhr erschauen, und ihr werdet daraus sehr leicht ersehen, um welche Zeit es nun ist! [GS.01_016,11] Sehet, wir sind schon wieder an Ort und Stelle. Ihr wundert euch, daß dieses Zifferblatt nur auf der einen Seite, auf der linken nämlich, mit Ziffern, und zwar ebenso wie eure Uhren von eins bis zwölf bezeichnet ist. Die Seite rechts, welche dem Morgen zugewendet ist, ist aber gänzlich zifferleer. Dies kommt daher, weil hier die abendliche Seite nur das Zeitliche besagt, die gegen Morgen aber das Ewige und somit Geistige. [GS.01_016,12] Als alle materielle Schöpfung gegründet ward, da stand dieser große leuchtende Zeiger abwärts auf der Zahl eins, welche ihr noch stark leuchtend erblicket. [GS.01_016,13] Wo steht aber dieser Zeiger jetzt? – Ihr saget: Er steht ja schnurgerade aufwärts, und zwar schon nahe am Ende der letzten Zahl. Zwei kleine Punkte hat er noch zu überschreiten, und seine Spitze ist draußen am zifferlosen leuchtenden Felde. Wißt ihr wohl, was solches bedeutet? – Sehet, das bedeutet „die letzte Zeit“! [GS.01_016,14] Aber ihr fraget: Werden denn hernach alle Dinge aufhören zu sein, wenn der Zeiger in das freie, weiße Feld hinaustreten wird? – Solches wird uns ein nächstes, höherstehendes Zifferblatt kundgeben. Gehet daher mit mir um einige Stufen höher! [GS.01_016,15] Sehet, da ist schon ein anderes Zifferblatt. Was erblicket ihr auf diesem? – Ihr saget: da erblicken wir ja gerade ein umgekehrtes Verhältnis; die Seite gegen Abend gewendet ist dunkel und zifferlos, die Seite gegen Morgen aber ist hier mit neuen helleuchtenden Ziffern bezeichnet. Da aber steht die Einheit zuoberst und die Zahl zwölf zuunterst. Der große Zeiger berührt ja schon die erste Spitze der Einheit, welche leuchtet wie ein heller Morgenstern. Jede Ziffer, die von der Einheit fort nach abwärts den großen Kreis steigt, leuchtet stets mehr und mehr, und der Glanz der letzten Zahl ist gleich dem der Sonne, die dort im Morgen so überaus herrlich strahlt! Ihr habt die Sache richtig befunden; aber was besagt sie? [GS.01_016,16] Solches sollet ihr sogleich erfahren. Sehet, so greift eine alte, finstere Zeit in eine neue, lichte. Darum also werden die Dinge nicht vergehen, sondern es wird ihnen nur „eine neue Zeit“ gegeben werden. – Und wie die erste Zeit war eine Zeit des Unterganges, eine Zeit der Nacht, so wird diese kommende Zeit eine Zeit des Aufganges sein und eine Zeit des Tages! – Nun begreifet ihr dieses große Uhrwerk. Lasset uns darum unsere Blicke wieder von da hinweg wenden, und die Dinge näher betrachten, die noch um uns in einer endlosen Fülle wunderbarst zu schauen sind. [GS.01_016,17] Ihr sehet dort gegen Mittag hin ein außerordentlich großes viereckiges Gebäude, das einem überaus großen Würfel gleicht und eine Länge von nahezu zwölftausend Klaftern hat. Es ist so hoch und so breit, wie es lang ist. In der Höhe auf den vier Ecken erblicket ihr vier riesige Menschengestalten, und zu ihren Füßen seht ihr vier verschiedene Tiere. Wir wollen uns sogleich hinbegeben und sehen, was die ganze Sache ist. Ihr wollet, und so denn sind wir auch schon, wie ihr sehet, auf der glänzenden Fläche dieses großen Würfels. Da sehet hin, in der Mitte dieser glänzenden Fläche ist noch ein kleiner, überstark leuchtender Würfel, auf dem Würfel liegt ein vollends entsiegeltes Buch. [GS.01_016,18] Das siebente Siegel seht ihr ebenfalls schon entsiegelt; und aus diesem Siegel sehet ihr entsteigen allerlei riesenhaftes Gebilde. Viele Geister, mit weißen Kleidern angetan und mit großen Posaunen in ihrer Hand, fliehen nach allen Seiten hin. Sehet, dort stößt einer in die Posaune, und der Posaune entstürzen allerlei, als: Krieg, Teuerung, Hungersnot, Pest; – sehet, dort stößt ein anderer in seine Posaune, und dieser entstürzt ein verheerend Feuer; wo es hinfällt, verzehrt es alles, und die härtesten Steine macht es zerfließen wie Wassertropfen auf glühendem Eisen. Sehet wieder dort, ein anderer stößt in seine Posaune, und eine große Wasserflut, welche angefüllt ist mit allerlei Geschmeiß, entstürzt derselben; – und sehet, dort in der Tiefe unten die alte Erde, wie sie ersäuft in dieser Flut. – Und sehet dort, ein vierter stößt in seine Posaune, und ein großer feuriger Drache stürzt gebunden und geknebelt dort hinab, wo ihr sehet in endloser Tiefe ein unermeßliches Feuermeer wallen. [GS.01_016,19] Aber nun sehet die vier großen, riesigen Gestalten an den Ecken; auch sie sind mit großen Posaunen versehen. – Sehet, der gegen Mitternacht stößt gewaltig in dieselbe; und ein Geist entstürzt der Posaune, mit einer großen Geißel zu züchtigen die Erde; – und sehet, der gegen Abend stößt ebenfalls in seine Posaune, und derselben entstürzt ein anderer Geist, einen glühenden und feurigen Besen in seiner Hand tragend, zu fegen das Erdreich vom Unrate. – Und sehet, dort gegen Mittag stößt der große Geist ebenfalls in seine Posaune, und eine Menge Geister entstürzt derselben mit allerlei Samenkörben versehen, um zu legen eine neue Frucht in das gefegte Erdreich. – Und nun sehet, der Geist gegen Morgen hin stößt ebenfalls in seine Posaune; derselben entstürzt ein leuchtendes Gewölk. Zahllose Scharen erblicket ihr auf demselben. Zuoberst dieses Gewölkes erblicket ihr ein leuchtendes Kreuz, und auf dem Kreuze steht ein Mensch so sanft, so mild wie ein Lamm! [GS.01_016,20] Sehet, dieses ist das Zeichen des Menschensohnes. Und somit haben wir auch auf diesem Platze alles gesehen, was euch hier zu sehen und zu schauen zugelassen werden kann; – und das alles ist das Licht der Wahrheit, aus dem ihr diese Dinge schauet. – [GS.01_016,21] Aber ihr richtet soeben eure Blicke gegen Morgen hin und erschauet zu eurer größten Verwunderung eine überaus herrliche, große Stadt, welche leuchtet wie die herrliche Sonne über ihr! – Ihr möchtet wohl wissen, was diese Stadt ist und möchtet sie auch näher beschauen? Ihr wollet! – und sehet, die Stadt ist vor unseren Augen! [GS.01_016,22] Wie gefällt es euch hier? – Ihr saget: Unendlich, unaussprechlich wohl und gut, denn hier atmen wir ja lauter Liebe; und alles, was wir ansehen, hat einen überaus sanften, milden und liebeatmenden Charakter. Ihr sprechet weiter: Wie herrlich erglänzen die Mauern dieser Stadt; wie überaus erhaben und prachtvoll sind die Tore, und welch ein unbeschreiblich herrliches Licht strahlt uns aus jeglichem Tore entgegen! Welche zahllosen überseligen Engelsgeisterscharen wandeln da aus und ein! – Oh, da muß es sich wohl gut wohnen lassen! [GS.01_016,23] Ihr saget, daß ihr wohl auch das Innere dieser Stadt beschauen möchtet. Auch solches könnt ihr nun tun. Aber ich sage euch voraus: Diese Stadt ist so endlos groß, daß wir sie wohl in alle Ewigkeit der Ewigkeiten mit der größten Gedankenschnelligkeit nicht umfassend durchwandern können. Denn diese Stadt wird erst groß, ja stets unendlich größer und größer, je tiefer jemand in ihr Inneres dringt. Daher werden wir uns auch nur einem Tore nahen und durch dasselbe einen Blick in das Innere der Stadt tun. [GS.01_016,24] Ihr saget nun: Um des allmächtigen Herrn willen! Welch eine endlose Pracht und welch unübersehbare Häuserreihe! Diese Gasse, die wir hier erblicken, scheint ja nimmer ein Ende zu haben. Ja, ich sage es euch auch: Ihr dürftet durch diese Gasse ewig fortwandeln, und nimmer würdet ihr zu einem entgegengesetzten Ende gelangen; und solche Gassen und Plätze gibt es unzählbar viele in dieser Stadt. – Wollt ihr aber wissen, wie diese Stadt heißt, da leset nur die Inschrift über diesem Tore; sie lautet: Die heilige Stadt Gottes, oder das neue Jerusalem. – [GS.01_016,25] Ich aber, der euch hierhergeführt hat, bin der Geist Swedenborgs; und somit habt ihr auch alles das gesehen, was zu sehen euch vom Herrn aus in meiner Sphäre vergönnt war. – Und so kehren wir wieder zurück. Sehet, hier sind wir schon, von wo wir ausgegangen sind. Tretet nun aus meiner Sphäre zu Dem hin, der euer harret und dessen Name ist: Heilig, heilig, heilig!!! – Nun, ihr seid wieder hier; habt ihr euch alles wohl gemerkt? [GS.01_016,26] Ihr bejahet es. Ich aber sage euch: Was ihr noch nicht verstehet daran, das wird euch zu seiner Zeit, und zwar in der Sphäre des nächsten Geistes leuchtender werden. Und somit gut für heute! 17. Kapitel – Die Sphäre des neunten Geistes (Ev. Markus). – Führung in die eigentliche Geisterwelt. Jenseitige Gestaltung des Lasters der Fleischesliebe. [GS.01_017,01] Auch diesen neunten Geist sollet ihr in seiner Sphäre sehen und sprechen. Er wird euch in verschiedene Orte führen, wo ihr so manches erschauen und erkennen werdet, was euch bis jetzt noch fremd geblieben ist. Aus dem werdet ihr auch so manches bisher Geschaute in einem helleren Lichte erblicken. [GS.01_017,02] Sehet, da unser neuer gastlicher Freund schon dasteht, so begebet euch nur sogleich in seine Sphäre und folget ihm nach seiner Weisung. [GS.01_017,03] Ihr befindet euch nun schon in seiner Sphäre. So beachtet denn, was dieser neue Führer zu euch spricht, indem er sagt: Liebe Freunde und Brüder, kommet, kommet mit mir zu schauen, was alles die unendlich große Vaterliebe bewirket und wie lieblich sie ist allenthalben! Freuet euch über die Maßen, daß es dem Herrn gefallen hat, eurem Geiste solches zu zeigen; denn ihr werdet es mit eigenen Augen erschauen, wie unergründlich die Wege des Herrn sind und wie unerforschlich die Ratschlüsse Seiner unendlichen ewigen Weisheit! [GS.01_017,04] Schauet links um euch her, so weit nur eure geistigen Augen reichen, und saget mir dann, was alles sich euren Augen zeigt. Ich sehe wohl, daß ihr ob der Größe des Anblickes verlegen seid und nicht wisset wo aus und wo ein, wo anfangen und wo enden! – Also will denn ich nach guter Ordnung euch die Dinge, die ihr schauet, wörtlich darstellen. [GS.01_017,05] Gegen Mitternacht hin erblicket ihr eine ziemlich kahle Gegend; hohe, schroffe Gebirge türmen sich hintereinander auf und blicken wie drohende Richter in die herrlichen Ebenen hinab. Hier und da zwischen den Bergen und auf den kleineren Hügeln entdecket ihr Gebäude nach der Art eurer Wohnungen auf dem Erdkörper; hier und da, mehr gegen die Niederung herab, steht auch ein kleines Kirchlein. In der höheren Sphäre dieser Berge entdecket ihr halbdunkle Wolken ziehen, und über denselben scheinen die Berge aus lauter Schnee und Eis zu bestehen, etwa wie die hohen Gletscher bei euch auf der Erde. – Ferner erblicket ihr diese ganze nördliche Gegend durch einen großen und breiten Strom abgeschnitten von dieser Gegend, in der wir uns soeben befinden. [GS.01_017,06] Wenn ihr die Richtung dieses Stromes verfolget, so kommt er aus der Gegend zwischen Morgen und Mitternacht hervor und richtet seinen Lauf nahe halbkreisförmig zwischen Abend und Mitternacht hin. Seine Fluten sind gewaltig wogend und stürmend, darum nur eine einzige fliegende Brücke oder vielmehr ein freies Schiff den Übergang für die Bewohner möglich macht, die jenseits des Stromes hausen. [GS.01_017,07] Ihr möchtet wohl wissen, was das für Bewohner sind? Solches können wir ja bald erfahren. Gehet nur mit mir, der Kahn ist soeben diesseits und wir werden den Strom mit leichter Mühe überfahren. Ihr wollt solches, und sehet, wir sind schon am Ufer des Stromes. Steiget nur recht beherzt in den Nachen ein, und scheuet weder die schäumenden Wogen noch die schwarze Tiefe dieses Stromes. Wir werden den Nachen so geschickt leiten, daß auch nicht ein Tropfen in denselben hereinkommen soll. [GS.01_017,08] Nun denn, ihr seid herinnen. Sehet, die Fahrt geht besser, als ihr es euch gedacht habt, denn wir sind schon in der Mitte des Stromes. Erschrecket euch aber nicht vor den Ungeheuern, welche ihre Häupter über die Wogen erheben, ihre Rachen gar gewaltig aufsperren, als wollten sie ganze Welten verschlucken; denn sehet, wir sind nahe dem jenseitigen Ufer, und nun haben wir es auch völlig erreicht. Steiget nun ans Land vor mir, und ich will euch folgen und zugleich den Nachen am Ufer befestigen. [GS.01_017,09] Sehet, wir sind nun auf dem Lande. Dort, ziemlich tief in einem Tale erblicket ihr ein schmutziges Dorf, dorthin lasset uns gehen und beschauen, was es allda gibt. Wir sind schon da; wie gefällt es euch hier? Ihr bekommt ein förmliches Fieber. Ich aber sage euch, da sieht es noch gut aus; es wird aber schon noch besser kommen! [GS.01_017,10] Ihr saget: Lieber Freund und Bruder! Wir sind schon mit dem zufrieden, denn die überaus schmutzigen Häuser des Dorfes sehen ja aus wie bei uns auf der Erde eine Brandstätte, allda ein Dorf in irgendeinem schlechtesten Winkel der Erde abgebrannt wäre. Und die Menschen, die wir hier erblicken, sehen ja so lumpig aus, daß man sich auf der Erde nicht leicht etwas Lumpigeres vorzustellen imstande ist. – Da kommt eben ein Paar auf uns zu; der Mann ist halb nackt. Die nackten Teile seines Leibes sind abgemagert und schmutzig, und über der Brust scheint er eine Brandwunde zu haben. Die Haare sind über die Hälfte wie vom Feuer versengt; auch das halbe Gesicht scheint verbrannt zu sein. – Sein Begleiter scheint ein Weib zu sein. Herr! welch eine klägliche weibliche Gestalt! Sie sieht ja doch aus, als wenn sie im Ernste schon drei Jahre lang eingegraben gewesen wäre. Nur über die Schultern hängen noch einige schmutzige Lumpen herab und haben das Ansehen, als wenn sie soeben aus einer Kloake gezogen worden wären. Ihre nackten Füße scheinen fleischlose Knochen zu sein; und ihre Arme! Der eine ist ein halbverbrannter Skelettarm und der andere ist voll Eiter und Geschwüre; und ihr Kopf, welch eine Physiognomie! Wahrlich, wer aus dieser irgendeinen Charakterzug außer dem des barsten Todes zu entnehmen imstande ist, der muß sich in einem hohen Grade der Weisheit befinden. [GS.01_017,11] Ja, meine geliebten Freunde und Brüder! Laßt euch diesen Anblick nicht gereuen; denn so sehen hier die Bewohner dieser Gegend noch am vorteilhaftesten aus, und dies ist somit nur ein erster Anfang des großen Elends, welches diese Gegend in sich birgt. – Bewegen wir uns aber jetzt in das Dorf selbst hinein, und ihr sollet wahrhafte Wunderdinge schauen. [GS.01_017,12] Da ist eben das erste Haus. Seht einmal bei diesem niederen Fenster hinein, was erblicket ihr? Oh, ihr schaudert zurück; was ist denn? – Ich weiß es wohl, hier gibt es keine Parfümeriegewölbe. Ihr sehet auf dem Boden dieses Zimmers halbverweste menschliche Wesen durcheinander kauern und in ihrem stinkenden, von den Knochen halb abgelösten und abgefaulten Fleische herumwühlen. Das ist freilich wohl kein löblicher Anblick. Aber es ist einmal nicht anders, denn so artet hier die Liebe des Fleisches. [GS.01_017,13] Ihr fraget, ob diese Wesen denn gänzlich verloren sind? Ihr wisset ja, wie groß die Liebe und Erbarmung des Herrn ist! Sehet, von allen diesen muß ihr Fleisch oder vielmehr ihre fleischliche Lust gänzlich auf die ekelhafteste Weise aufgezehrt sein, bevor sie in einen solchen Zustand kommen können, in welchem für sie eine Hilfe möglich ist. [GS.01_017,14] Meinet ihr, diese von eurem Blicke aus betrachtet höchst elenden Wesen fühlen sich etwa unglücklich in diesem Zustande? O mitnichten! Würden sie das fühlen, so möchten sie auch bald fliehen; denn so viel Kraft hat noch ein jeder, daß er erstehen und sich weiter gegen den Strom hin bewegen kann, dessen Wasser für sie eine reinigende und heilende Kraft hat. – Allein die Fleischeslust ist ihr Element; und so nagen sie so lange an ihrem Fleische herum, bis es gänzlich verzehrt wird. [GS.01_017,15] Ihr fraget: Haben diese Menschen wohl auch etwas zu essen, und vermögen sie noch irgendeine Speise zu sich zu nehmen? Da kommt nur her zum zweiten Hause und schauet beim Fenster hinein, und ihr sollet sogleich einer Mahlzeit ansichtig werden. [GS.01_017,16] Nun, was seht ihr da? Aber ihr könnt doch nichts standhaft ansehen! Warum seid ihr denn gar so plötzlich vom Fenster zurückgesprungen? Ja sehet, solches bringt auch die Fleischeslust mit sich. Ihr habt ein Sprichwort auf eurer Erde: Aber dieser und jener und diese und jene haben sich ja zum Fressen gern! Also könnt ihr euch ja hier nicht gar so entsetzen, so ihr gesehen habt, daß die Einwohner dieses Hauses gegenseitig ihre abgefaulten Fleischteile, welche voll Maden und Würmer waren, aufzehrten. So muß sich das Fleisch verzehren, wenn je noch das Fünklein besseren Geistes in ihnen frei werden soll. [GS.01_017,17] Ihr fraget nun wieder, ob denn diese unglückseligen Wesen keine Beschäftigung haben? Auch solches werden wir erblicken. Da ist schon wieder ein anderes Haus. Sehet nur bei diesem halbzerfallenen Fenster hinein, und ihr werdet sogleich eine Beschäftigung der Bewohner dieses Hauses erblicken. Aber ihr fliehet schon wieder vom Fenster hinweg. Was gibt es denn da, das euch gar so schnell vom Fenster hinweg getrieben hat? Ist es denn etwas gar so Außerordentliches, wenn man im wahren Lichte erschaut, wie die Bewohner dieses Hauses aus der stinkenden Bodenkloake abgelöste und halbverweste Fleischfetzen herausziehen, dieselben um die kahlen Knochen wickeln, und wenn sie irgendein Knochengestell mit solchen vereiterten Fleischfetzen umwickelt haben, alsbald wieder der sinnlichen Begattung gedenken, und alle ihre Kräfte anstrengen, um sich noch einen wollüstig fleischlichen Genuß zu verschaffen. [GS.01_017,18] Warum wundert ihr euch denn gar so sehr über diesen Anblick? Geht es denn auf der Erde besser zu? Ihr solltet nur so manches zarte Fleisch, das auf der Erde so viel Aufsehen macht, mit den geistigen Augen betrachten können, und ihr würdet noch bei weitem größere Wunder erblicken denn hier! [GS.01_017,19] Ihr fraget: Haben denn diese armen Wesen gar keinen Begriff vom Herrn und auch gar keine Sehnsucht nach Ihm? Da gehet nur ein wenig vorwärts; sehet, allda steht etwas auf einem Hügel wie die schmutzige Ruine eines Bethauses. Wir wollen uns ihr nähern; wer weiß, was an Merkwürdigem wir darin entdecken werden! Sehet, hier rückwärts gegen den Berg ist eine schon etwas verfallene Eingangspforte. Wir brauchen nur hineinzuschauen, und wir werden über eure Frage sogleich die gehörige Antwort bekommen. – Nun, ihr fallet ja hier gar zurück. Was habt ihr denn Wunderliches erblickt? [GS.01_017,20] Ihr könnet ja kaum atmen, geschweige reden. Also müßt ihrs nicht immer machen, sonst werden wir in dieser unserer Wanderung nicht so bald ans Ende gelangen; denn was ihr hier gesehen habt, ist nichts mehr und nichts weniger als ganz natürlich. Denket nur einmal nach; der fleischlich sinnliche und begierliche Mensch trägt solches ja allenthalben mit sich herum. Auch wenn er in ein Bethaus geht, so mag er ansehen, was er will, und seine Fleischliebe wird dabei fortwährend tätig sein. Jeder Gegenstand wird von ihr nach ihrer Art bemalt; und so wird sich auch an jedem Gegenstande solch ekelhafte Liebe geistig erschauen lassen, den ein sinnlich begierlicher Mensch angeblickt hat. Aus diesem Grunde habt ihr auch in dieser Art Bethaus an der Stelle des Altars nichts als lauter beiderseitige Geschlechtsteile erblickt; ja ein überaus mager gestelltes kleinwinziges Kruzifixlein war von allen Seiten her mit solchen Lustteilen behangen und verziert. Ihr habt sogar auch einige Menschen darin erschaut, welche wie in einem Kunstmuseum in diesem Bethause sich herumschleppten und ihre Augen an den obgesagten Kunstgegenständen wie ganz in dieselben versunken und vertieft weideten. [GS.01_017,21] Findet ihr etwa solches übertrieben? – Ich sage euch: Da ist nicht die geringste Übertreibung, sondern die allerprunkloseste und buchstäbliche Wahrheit; denn so gibt es ja eine übergroße Menge Menschen bei euch auf der Erde, die wohl dann und wann des Herrn gedenken, besonders so sie irgendein geschnitztes Bild sehen, das Ihn freilich wohl nur grob außenmateriell darstellt; wie lange aber dauert solche Erinnerung? – Nur ein Blick auf ein auf irgendeiner Seite befindliches reizendes Weiberfleischchen, und sobald wird die Erinnerung an den Herrn wie dessen Bildnis mit allerlei reizenden Fleischteilen behangen und durchwebt sein! – Auf der Erde verbirgt solches die Haut; aber für den Geist steht dies alles in der nackten Beschaulichkeit offen da. – [GS.01_017,22] Ihr fraget: Lieber Freund! Da tiefer in diesen schmutzigen Graben hinein gibt es ja noch eine Menge also verzweifelt zierlich aussehender Kneipen; ist da etwa eine Fortsetzung von diesen fleischlichen Löblichkeiten? [GS.01_017,23] Habt ihr noch Lust, das nächste Haus zu beschauen? Ihr schüttelt mit eurem Kopfe, und so will ich euch denn auch nicht weiterführen, sondern sage euch nur kurz, daß ihr nichts Besseres, sondern stets nur Schlimmeres erschauen würdet. So würdet ihr z.B. schon in dem nächsten Hause alle möglichen Arten von sogenannten Knabenschändungen erblicken. Wenn ihr weiterdringen würdet, da würdet ihr erschauen, wie junge Mägde von den Fleischsüchtigen zur Unzucht verleitet und verlockt werden. Da aber jedoch der Anblick der ferneren fleischlichen Greuel euch mehr schaden als nützen könnte, so ist es besser, daß ihr solches nicht schauet. [GS.01_017,24] Solches aber muß ich euch dennoch berichten, daß, je weiter man da hineindringt, man die Menschen dem außen nach gewisserart noch stets fleischiger und vollkommener erblickt als dort weiter gegen den Strom zu. Der Grund liegt darin, weil diejenigen gegen den Strom zu schon mehr enthüllt und ihres Fleisches lediger sind denn diese, die da tiefer hinein wohnen. [GS.01_017,25] Sehet nur dahin, recht weit in diesen schmutzigen Graben hinein, da werdet ihr sogar mehrere Häuser in Flammen erblicken. Ihr fraget: Was bedeutet denn solches? Das bedeutet, daß dort diese fleischliche Lust in Böses ausartet, welches da ähnlich ist der Eifersucht bei euch auf der Erde. In ein solches Haus dürftet ihr nicht hineinblicken; denn ein solcher Anblick würde euch in unvorbereitetem Zustande das Leben kosten! – Somit haben wir in dieser Schlucht auch nichts mehr zu tun, und wir wollen uns daher fürs nächstemal einem andern Dorfe nähern; wir werden sehen, wie es dort etwa zugeht. Ich sage euch: Machet euch ja keine gute Hoffnung; denn da werden wir noch ganz andere Dinge zu schauen bekommen! Und so lasset es gut sein! 18. Kapitel – Die jenseitige Gestaltung des Wuchers. [GS.01_018,01] Bevor wir uns diesem anderen Tale nähern, will ich euch noch eine Frage, die ihr an mich gestellt habt, kurz beantworten. Ihr möchtet wissen, ob solches etwa gar die Hölle ist, was ihr vordem gesehen habt. Ich kann euch darauf weder ja noch nein zur Antwort geben, sondern euch nur sagen; daß solches, was ihr da gesehen habt, wohl höllischer Art ist, aber die Hölle an und für sich ist es nicht; denn was sich da zeigt, ist nichts anderes, als eine für sich abgeschlossene Anschauung des Lasters, vorzugsweise in Hinsicht auf die Begierlichkeit des Menschen. Wo ihr die verzehrtesten Wesen gesehen habt, da ist auch das Laster schon in ähnlichem Zustande; wo ihr aber noch vollkommenere Erscheinungen fleischlich tätig gesehen habt, da ist die Lastertatkraft aus der argen Begierde heraus auch noch mit der Lastertätigkeitsfähigkeit mehr und mehr verbunden. Solches gibt sich ja auf eurer Erde klar und deutlich kund; denn ihr werdet doch schon sicher auf Menschen gestoßen sein, die durch ihr vielfaches Sündigen ihre fleischliche Natur so ganz und gar verwüstend herabgestimmt haben, daß sie dieselbe durch alle künstlichen Reizmittel nicht wieder für einen völligen Fleischeslustgenuß zu erwecken imstande sind. Sehet, solche erscheinen hier im Vordergrunde, weil sie dann und wann doch einen Gedanken in sich aufkommen lassen, der ihnen die Nichtigkeit und Vergänglichkeit alles solchen Genusses zeigt. Im Hintergrunde aber habt ihr diejenigen erschaut, bei denen die Kraft der Begierde auch mit der Lastertatkraft noch mehr im Einklange steht. Da sehet nur ähnliche Menschen auf der Erde; so lange sie noch bei solchen Kräften sind, wie sie förmlich hazardieren und, wie ihr zu sagen pfleget, Schindluder treiben mit ihrem Leibe. [GS.01_018,02] Aus diesem könnt ihr nun ersehen, daß das von euch Geschaute weder die Hölle noch die Nichthölle, sondern nur das Höllischgeartete des Lasters erscheinlich ist. – Und da wir nun solches wissen, so verfügen wir uns eben mit dieser Kenntnis zum nächsten vorbesagten Tale. – [GS.01_018,03] Sehet, dieses Tal ist von dem uns bekannten nur durch einen niederen und ziemlich schmutzigen Gebirgsrücken getrennt. Wir dürfen somit nur diesen übersteigen, und wir werden sobald das Wesen des anderen Tales erschauen. – Ihr wollt es, und wir sind schon auf der Höhe des Bergrückens. Sehet da unten das neue Dorf; wie gefällt es euch? Ihr saget: In der Entfernung nimmt es sich beinahe besser aus, als das vorige; nur der Umstand, daß es sich mehr abendlich befindet, läßt uns nicht viel Gutes erwarten vom selben. – Ja, ihr habt recht; also wird es auch sein. [GS.01_018,04] Ihr fragt mich, warum diese Gebäude viel größer sind und im ganzen viel respektabler denn die des früheren Dorfes. Ich sage euch: Bewegen wir uns nur gleich hinab ins Dorf, und zwar zu seinem Anfange, und ihr werdet sobald die Antwort auf eure Frage finden. – Nun, da wären wir schon vor dem ersten Hause. Es hat eine nach vornehin abgerundete, schmutzigweiß übertünchte Wand, hat aber kein Fenster wie auch keinen Eingang von dieser vorderen Seite. Ihr fraget: Warum denn solches? Weil diese Seite dem Morgen zugekehrt ist, und dieser ist ein Greuel für die Bewohner dieses Dorfes. Sonach müssen wir uns schon hinter das Gebäude begeben, das freilich wohl etwas bergan steht, um das Innere eines solchen Wohnhauses zu erspähen. Da ist schon ein geräumiges Fenster; seht einmal hinein und saget mir, was ihr da erblickt. [GS.01_018,05] Oh, ihr fallet gleich beim ersten Hause schon zurück. Was wird es dann erst beim nächsten Hause mit euch für eine Bewandtnis haben? Ihr saget ganz erstaunt: Um Gotteswillen, das ist unerhört, unmenschlich, undenkbar! Im Hintergrunde saß auf einer breiten Bank ein menschliches Ungeheuer. Es hatte eine übermenschliche Dicke, einen mehr als das halbe Zimmer einnehmenden, abscheulich herabhängenden Bauch. Am Halse saß eine schmutzige Fettwulst auf der andern. Vor ihm standen eine Menge abgemagerter Skelettmenschen, drängten sich zu diesem allergrauslichsten Fettwanste hin und sie baten ihn, daß er sie auffressen möchte! – Und wirklich hatte dieses Ungeheuer auf einem starken Tisch vor sich mehrere schon ganz abgenagte Menschengerippe. Einige im Hintergrunde aber fluchten diesem Ungeheuer und wollten wütend auf dasselbe losstürzen. Doch sie wurden abgehalten von denjenigen, welchen das Ungeheuer versprach, von ihrem Fleische auch etwas zu verzehren und dasselbe in sein Fett zu verwandeln. [GS.01_018,06] Ihr fraget nun freilich: Was soll es denn mit diesem sonderbaren greuelhaften Bilde für eine Bewandtnis haben? Solches mag begreifen, wer es will; wir begreifen es einmal nicht. Ich aber sage euch, meine lieben Brüder und Freunde, wenn ihr solches nicht auf den ersten Augenblick begreifet und fasset, so müsset ihr ja völlig blind auf eurer Erde herumwandeln. [GS.01_018,07] Ist das nicht ein vortreffliches Bild eines Wucherers, und ganz besonders eines selbstsüchtigen Hauptindustrieritters, der sich zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat, alles aufzuspeisen, was ihn nur immer zinserträglich umgibt? Bestimmet einmal die sättigende Grenze eines solchen Wucherers; geht seine Begierlichkeit nicht ins Unendliche? Würde er sich wohl nur das geringste Gewissen machen, so er die Schätze und Reichtümer der ganzen Welt an sich zu reißen vermöchte? Wird er wohl eine Träne vergießen, wenn er das Leben aller Witwen und Waisen der Erde an sich reißend aufzehren könnte? [GS.01_018,08] Ich sage euch: Die Armen laufen noch haufenweise zu ihm hin und opfern ihm all ihre Habe und Kräfte: für den schnödesten Sold lassen sie sich von ihm nahe gänzlich aufreiben und aufzehren. Andere tragen ihre wenigen Schätze zu ihm hin und preisen sich glücklich, so er dieselben nur gegen einen elenden Zins angenommen hat. Ja viele Betrogene gehen so weit, daß sie es förmlich für eine Notwendigkeit ansehen, daß sie von ihm nach Gestalt der Dinge ohne sein Verschulden haben geprellt werden müssen. [GS.01_018,09] Einige ebenfalls Habsüchtige, aber dabei doch weltlich unkluge arme Teufel, die Lumperei dieses Reichen einsehend, drohen ihm mit der Vernichtung und mit dem Tode. Allein die Interessenten unseres Wucherers, erkennend, daß sie mit dem Tode desselben noch eher zugrunde gingen denn bei der vollkommenen Sättigung desselben, verhindern soviel als möglich einen solchen Gewaltstreich. [GS.01_018,10] Nun, was sagt ihr denn zu diesem Bilde? Ist es nicht vortrefflich und zeigt dieses Laster im enthüllten Zustande, wie es ist? – Solches aber ist nur ein gutmütiger Anfang. Gehen wir daher zum nächsten, etwas größeren Hause und betrachten dessen Inneres. [GS.01_018,11] Sehet, wir sind schon am richtigen Fenster. Ihr müßt recht scharf hineinsehen; denn weil das Haus größer ist, und, wie ihr sehet, von rückwärts nur zwei verhältnismäßig kleine, schmutzige Fenster hat, darum ist es inwendig recht finster. Habt ihr schon gesehen, was sich da drinnen alles vorfindet? Ihr bebet zurück; das gilt mir schon für ein sicheres Zeichen, daß ihr das Innere gehörig gesehen habt. Aber ihr könnt nicht reden. Ich will es euch auch recht gerne glauben, denn derlei Anblicke machen selbst uns starke Geister gewaltig stutzen und das besonders aus dem Grunde, weil sie eben jetzt stets vielfältiger und merkwürdiger werdcn. Ich sehe aber hier, daß es notwendig sein wird, euch das Geschaute vorzusagen, weil ihr für ein solches Bild nicht leicht die rechten Worte finden dürftet. [GS.01_018,12] Ihr sahet hier ebenfalls im Hintergrunde ein scheußlich fett gemästetes Wesen. Dieses Wesen hatte einen entsetzlich aufgetriebenen Bauch, sein Kopf einen großen Rachen gleich dem einer Hyäne, seine Arme waren gestaltet wie ein Paar kräftigste Riesenschlangen, seine Füße waren gleich denen eines Bären. Auf seinem überaus großen Bauche war eine Art Altar aufgerichtet. In der Mitte dieses Altars ging ein zweischneidiger Spieß in die Höhe. Auf diesem Spieße erblicktet ihr eine Menge abgemagerter Menschenwesen aufgesteckt. Ein Schlangenarm war stets beschäftigt, die Gespießten vom Spieße herabzunehmen und sie dem Rachen des Vielfraßes zuzuführen. Ein anderer Schlangenarm griff nach allen Seiten umher nach den armseligen, in dieses schauerliche Gemach unglücklich verbannten Menschen, und den nächsten besten, den er ergriff, erdrückte er und schleuderte ihn dann auf den Spieß seines Bauchaltars. Das große Jammern der Unglücklichen machte seinen Arm nur um so tätiger. Sehet, das ist das Bild, das ihr geschaut habt. [GS.01_018,13] Wie gefällt es euch? Ihr saget: Ganz entsetzlich schlecht! und ferner: Das ist denn doch etwas zu stark. Auf der Erde geht es zwar arg zu; aber was dieses Bild betrifft, so scheint es doch offenbar eine bedeutende Übertreibung zu sein! [GS.01_018,14] Ich sage euch aber: Hier ist weder zuviel noch zuwenig, sondern allezeit die nackte Wahrheit. Blicket nur auf eurer Erde gewisse Handelsindustriehelden an. Nehmet einen Maßstab und bemesset den Rachen der Habsucht an demselben. Dann prüfet seine Arme, wie dieselben beschaffen sind, und ihr werdet finden, ob sie nicht völlig diesen gleichen. Der eine ist beschäftigt, stets einzuscharren, der andere, auf allen Wegen durch Schlauheit, List oder Gewalt Beute zu machen. Wenn er gar einen Fang gemacht hat, so wird dieser sogleich als ein Opfer der Habsucht auf den euch schon bekannten Altar gesteckt. [GS.01_018,15] Ihr fraget: Warum befindet sich denn dieser Altar gerade auf dem Bauche dieses Ungeheuers? Weil unter dem Bauche zu verstehen ist die allerschmutzigste Art der Habsucht, Selbstsucht und Eigenliebe. Der große Bauch bezeichnet die übermäßige Art solcher Liebe, und der Altar auf dem Bauche bezeichnet das weltlich Ehrsame und Erhabene und somit die stolze und hochmütige Art derlei großartiger Industrieritter. [GS.01_018,16] Was bedeutet denn das aufgestellte zweischneidige Schwert oder der Spieß am Altare? Solches solltet ihr wohl auf den ersten Augenblick erraten; habt ihr denn noch nie etwas vom Handels- oder Wechselrecht gehört? – Sehet, da ist es auf dem Altare! Daher darf sich nur irgendein armseliges Wesen fangen lassen, so wird es ergriffen, ohne alle Gnade, Schonung und Pardon auf das Recht hinaufgesteckt und somit mit solchem Rechte sogleich zu Tode gespießt. [GS.01_018,17] Ihr fraget noch: Wer sind denn dann die vielen Armseligen, die da fleißig abgefangen werden, und warum ist der Spieß zweischneidig? Die vielen Armseligen sind allerlei Menschen. Ein Teil, die dem Fange zunächst ausgeliefert sind, sind die Kleinhändler, ein Teil die, welche ihre Produkte notgedrungen an einen solchen Großspekulanten abliefern müssen, ein dritter Teil sind allerlei arme auswärtige Völker, die mit solch einem Hause in Handelsverbindungen stehen, ein vierter Teil sind andere kauflustige Menschen, ein fünfter Teil anderweitige Handelskompagnons, ein sechster Teil die dem Hause dienende Klasse und noch ein siebenter Teil sind solche, die unter allerlei Rücksichten und Beziehungen von einem solchen Hause abhängen. Für alle diese Klassen ist der zweischneidige Spieß in steter Bereitschaft. Aber wir hätten bald vergessen, was die doppelte Schneide des Spießes bedeutet. [GS.01_018,18] Solches ist ja doch auch leicht mit den Händen zu greifen. Die eine Seite bedeutet die kaufmännische Handelspolitik. Was bedeutet dann die zweite Schneide? Dasjenige, worauf sich die Handelspolitik stützt. Worauf stützt sie sich aber? Auf das ihr eingeräumte Recht, jeden Zweig ihrer Handlung so zu ergreifen, daß es ihr die sicheren Wucherprozente abwirft. Versteht ihr solches? Solltet ihr solches nicht genau verstehen, so schlaget irgend nach und sagt es mir, wo dem Handelsstande der Gewinn gesetzlich vorgeschrieben ist? Also schneidet der Spieß auf beiden Seiten; fürs erste durch die euch wohlbekannte kaufmännische Politik und auf der anderen Seite durch die unbeschränkte Gewinnsucht; und diese beiden Schneiden sind mit dem Handelsrechte so eng verbunden wie die zwei Schneiden mit einem Schwerte. Ist das Bild nicht treffend und zeigt, wie ich gesagt habe, nicht mehr und nicht weniger als die nackte Wahrheit? [GS.01_018,19] Ihr saget nun: Das Bild ist richtig; aber hier bleibt uns auch kein Zweifel mehr übrig, daß es in die unterste Hölle gehört! – Im Grunde habt ihr nicht ganz unrecht, allein, es bleibt beim früheren Ausspruche. Denn dieses alles bezeichnet nur das Laster an sich, ohne auf diejenigen Personen abzusehen, welche solch ein Laster wirklich verüben. Daher ist es höllischer Art, aber nicht die Hölle selbst; denn würdet ihr solches in der wirklichen Hölle zu schauen bekommen, da erginge es euch ganz anders schon bei einem fernen Anblicke, als es euch hier ergeht in der vollen Nähe eines solchen Lasterbildes. [GS.01_018,20] Sehet, es gibt noch eine Menge solcher Häuser in dieser schmutzigen Schlucht. Aber da in denselben das Laster der Habsucht stets innerlicher und daher ums Unaussprechliche greuelhafter dargestellt wird, und ihr schon den nächsten Anblick nicht mehr ertragen würdet, so lassen wir die Sache mit diesen zwei geschauten Häusern beschlossen sein. Denn wenn dieses Laster erst in die Sphäre der brennend habsüchtigen Eifersucht übergeht, da wird es dann auch schon rein höllisch und ist somit nicht geeignet für eure schwachen Augen. – Daher wollen wir uns fürs nächste Mal lieber in ein drittes Tal begeben; da werden wir wieder ganz neue Erscheinungen zu Gesichte bekommen, und so lassen wir es für heute bei dem bewendet sein! 19. Kapitel – Die jenseitige Gestaltung der Herrschsucht. [GS.01_019,01] Um dieses dritte Tal zu erreichen, werden wir wieder nichts zu tun haben, als uns über diesen freilich wohl etwas höheren Gebirgsrücken zu begeben. Ihr wollet, und sehet, wir sind schon auf der Höhe. Da sehet nur hinab, noch mehr gegen Abend, und das besagte nächste Dorf kann euren Blicken nicht entgehen. [GS.01_019,02] Ihr saget: Lieber Freund und Bruder! Außer einigen plumpen Erdaufwürfen können wir nichts entdecken, das da einem Dorfe gliche. Ich sage euch aber: Ihr sehet schon recht; denn sehet nur hinein, so weit ihr es vermöget, in den stets enger und finsterer werdenden Graben, und ihr werdet dergleichen Erdaufwürfe in großer Menge entdecken. Ihr saget: Da kann doch niemand darin wohnen unter was immer für einer Lastergestalt. Ich aber sage euch: Lasset die Sache nur gut sein! Bis wir diese Erdaufwürfe erst vollends werden erreicht haben, wird sich die Sache sogleich anders gestalten. Und so ihr denn wollet, da begeben wir uns hinab. [GS.01_019,03] Nun sehet, wir wären da, und zwar vor dem ersten Erdaufwurfe; was saget ihr dazu? Ihr zucket mit den Achseln; ich aber sage euch: Tretet nur ein wenig näher, aber nicht gar zu nahe, so werdet ihr sobald mit dem Achselzucken aufhören. Ihr fraget, warum ihr denn zu solch einem ganz unschuldig scheinenden Erdaufwurfe nicht zu nahe hinzutreten dürfet? Auch darüber werdet ihr bei der gerechten Annäherung sogleich den gehörigen Aufschluß bekommen; und so denn tretet ein wenig näher! [GS.01_019,04] Warum springt ihr denn so heftig zurück? Ich habe es euch ja gesagt, daß diese Erdaufwürfe nicht so leer sind, als sie dem Auge aus einer Entfernung erscheinen. Ihr saget jetzt: Aber um Gottes willen! Was ist solches? Wie wir uns nur um ein paar Schritte diesem Erdhaufen genaht haben, da steckte sobald eine Anzahl der uns bekannten giftigsten Schlangen ihre Köpfe aus den kleinen unsichtbaren Löchern heraus und sperrten ihren giftigen Rachen auf. Wahrhaftig, wenn wir nicht so schnell davongesprungen wären, wären sie sicher auf uns losgestürzt und hätten uns Schaden zufügen können. Sind denn diese Erdhaufen lauter Schlangenwohnungen? Gibt es da nirgends etwas dem Menschen Ähnliches? [GS.01_019,05] Ich sage euch: Um solches zu erfahren, müssen wir den Erdhaufen von der nördlichen Seite betrachten, wo er freilich am gefährlichsten zugänglich ist. Daher müsset ihr hinter mir einhergehen und ganz verstohlen hinter meinem Rücken hervorblicken, und ihr werdet dann schon das Rechte erschauen. Also kommet! Seht, wir sind schon an der rechten Stelle. Nun merket wohl, da zuunterst des Erdhaufens geht ein Loch in denselben, nach der Art eines Fuchsbaues bei euch; da sehet recht genau hinein, und ihr werdet sobald etwas anderes erblicken. Wenn ihr aber etwas erschaut habt, und möge es von noch so entsetzlicher Art sein, da müßt ihr euch aber dennoch ganz still und ruhig verhalten, denn eine zu heftige Bewegung oder ein unzeitiges Angstgeschrei könnte die Folge haben, daß wir alle eiligst die Flucht ergreifen müßten. [GS.01_019,06] Nun, habt ihr schon hineingesehen? Ihr bejaht es dumpf; – nun ist’s gut. Bevor wir die Sache ausmachen wollen, begeben wir uns so schnell als möglich hübsch fern von dem Haufen. In der Nähe ist nicht gut reden darüber, denn dieser Erdhaufen hat viele tausend Ohren ausgesteckt und ist auf der Lauer; daher kann man nur in einer gerechten Entfernung über sein Verhältnis sprechen. Erzählet mir nun, was ihr gesehen habt. [GS.01_019,07] Ihr saget: O lieber Freund und Bruder! Schrecklich, überschrecklich, ja entsetzlich war der Anblick! Im Hintergrunde sahen wir ein Wesen kauern, dieses hatte das Aussehen eines allerscheußlichsten und schrecklichsten Drachens. Dieser Drache hatte wohl einen menschenähnlichen Kopf, aber anstatt der Haare war eine unzählige Menge der giftigsten Schlangen zu sehen, welche sich nach allen Seiten krümmten und herumschauten mit ihren feurigen Augen, ob sich kein Raub oder keine Beute dieser schauerlichen Wohnung nahe. [GS.01_019,08] Mehr gegen den Vordergrund an den Wänden herum sahen wir dann wieder eine Menge elender menschlicher Gestalten, welche an Händen und Füßen mit Ketten geknebelt waren. Eine Menge freier Schlangen kroch um dieselben herum, biß ihnen die Adern auf und saugte ihnen das Blut aus. Das scheußliche Wesen im Hintergrunde aber hatte in seiner rechten, mit einer Schlange umwundenen Hand ein glühendes Schwert und in der andern Hand wie eine zusammengewundene Schriftrolle. Diese Rolle entblätterte nicht selten eine Schlange, die um seinen linken Arm gewunden war, und züngelte in der entblätterten Schriftrolle herum, als wollte sie das im Hintergrund sitzende Ungeheuer auf etwas ganz besonders aufmerksam machen. Nach solchem Akte sahen wir, daß aus einem finsteren Hintergrunde bald mehrere höchst unglücklich scheinende menschliche Wesen von einer Menge Schlangen hervorgezogen wurden. Über diese schwang das im Hintergrunde sitzende Ungeheuer alsbald sein glühendes Schwert, zerfleischte einige, andere ließ es durch die Schlangen, die Menschenarme hatten, wieder mit Ketten belegen und den andern beigesellen. – Solches haben wir gesehen, und nicht mehr und nicht weniger. [GS.01_019,09] Ich sage euch: Ihr habt recht gut geschaut und alles gehörig entdeckt, aber ihr saget nun: Lieber Freund und Bruder! Ein Laster unter diesem Schauerbilde kann es auf der Erde ja doch wohl nicht geben! Ich aber sage euch: Noch ums Unbegreifliche viel Ärgeres, als dieses Bild es bezeichnet, gibt es in eben dieser Hinsicht auf der Erde. Ratet aber nun einmal, was unter diesem Bilde für ein Laster steckt? Sehet, dieses Bild entspricht der weltlich tyrannischen Herrschsuchtspolitik. Alles, was sich der Herrschsucht nähert, nähert sich auch dem Inwendigen nach ganz charakteristisch diesem Bilde. Ihr dürfet aber darunter nicht etwa die weise Staatsklugheit gerechter, von Gott gesalbter Könige und Regenten verstehen, welche natürlicherweise ihre Völker überwachen müssen, damit die Völker durch ihre gegenseitige große Bosheit sich nicht allzusehr verderben oder gänzlich zugrunde richten. Unter dem Bilde wird nur diejenige höllische Verschmitztheit verstanden, wenn Menschen, was immer für eines Standes oder Ranges, sich auf dem Wege der schändlichsten Kriecherei suchen irgendeinen Herrschposten zu verschaffen. Haben sie sich irgendeinen solchen verschafft, so verschanzen sie sich sogleich mit einer nach außen scheinenden Demut, Unansehnlichkeit und Anspruchslosigkeit. Aber diese ihre Wohnung ist voll lauschender Schlangen, die gleich sind den kriechenden, verschmitztesten geheimen Spionen, welche auf das Sorgfältigste nach außen blicken, ob sich nichts Gefährliches einer solchen scheinbaren Anspruchslosigkeit verderblich nahen möchte. Hat sich etwas genaht, so wird dasselbe gleich ergriffen und durch ein verdecktes, geheimes Geschleif vor den anspruchslosen Inhaber dieser Wohnung gebracht. Daß es der Beute in solch einer anspruchslosen Wohnung nicht am besten ergeht, solches habt ihr an dem Bilde gesehen. Die Schlangen auf dem Kopfe statt der Haare bezeichnen das rastlose Streben nach noch stets größerer Gewalt. Das glühende Schwert in der Hand, die mit einer Schlange umwunden ist, bezeichnet eine erschlichene Herrscherstelle, d.h. irgendein Amt oder Fach, welches solch einen Herrschsüchtigen berechtigt, die ihm anvertraute Macht auszuüben. Daß das Schwert glühend ist, bezeichnet die unerbittliche Strenge oder das tyrannische Wesen. Daß die Hand mit einer Schlange umwunden ist, bezeichnet, daß solch ein Schwert mit großer Schlauheit gehandhabt wird. Die Rolle in der linken Hand, welche Hand ebenfalls mit einer Schlange umwunden ist, bedeutet die Verschmitztheit solch eines Herrschsüchtlers, in dessen Pläne niemand hineinblicken darf als nur seine große Schlauheit. [GS.01_019,10] Daß ihr die Menschen habt von Schlangen aus einem Hintergrunde hervorschleppen gesehen, besagt, daß des Tyrannen vielfache Schlauheit sie gefangengenommen hat. Die großen Schlangen mit den Menschenarmen, welche den Gefangenen die Ketten anlegen, sind die gedungenen Helfershelfer des Tyrannen. Die Ketten aber bezeugen den vollkommenen Sklavenzustand derjenigen, die unter dem Schwerte eines solchen stehen. [GS.01_019,11] Nun hätten wir alles entziffert. Ihr saget: Das Bild ist zwar richtig, aber es scheint bei allem dem dennoch etwas stark aufgetragen zu sein. Doch ich will euch nur auf einzelne Beispiele aufmerksam machen, deren die Erde besonders in eurer jetzigen Zeit in großer Fülle besitzt, und ihr werdet daraus gar leicht ersehen, ob dieses Bild zuviel sagt. [GS.01_019,12] Damit ihr nicht zu lange zu denken braucht, mache ich euch fürs erste auf alle die bösartigen Meuterer aufmerksam, die, zumeist von höherem Standpunkte ausgehend, sich nach der Durchführung ihrer bösen Pläne zu den größten Scheusalen der Menschheit aufgeworfen haben. Robespierre ist noch bei weitem nicht der Ärgste unter den zahllos vielen, welche die arme Menschheit der Erde vielfach leiblich und geistig ins namenlose Unglück gestürzt haben. Und eben solche wahrhaft höllischsatanische Politik von derlei Menschen wird unter diesem Bilde nur oberflächlich gezeigt. [GS.01_019,13] Wenn es rätlich wäre, euch diese in den tiefer liegenden Erdaufwürfen zu zeigen, wahrlich, ihr könnt es mir glauben, schon bei dem nächsten Haufen wäre auch der Beherzteste aus euch nicht imstande, nur einen Buchstaben mehr auf das Papier zu bringen. Solches alles gehört der alleruntersten und somit auch bösartigsten Hölle an. – Ihr habt von der Höhe hinabgesehen, welch eine große Menge solcher Erdaufwürfe diese schaudererregende Talschlucht in sich enthält. Darüber kann ich euch nur das sagen, daß es in einem jeden solchen Erdaufwurfe ums Zehntausendfache ärger zugeht als in einem vorhergehenden. [GS.01_019,14] Und solches ist genug. Ich muß es euch offen gestehen: nur die allermächtigsten Engelsgeister, welche mit aller möglichen Kraft vom Herrn eigens dazu ausgerüstet werden, können unbeschädigt dieses Tal passieren; ich aber möchte mit euch nicht einmal bis zum dritten Erdaufwurfe dringen. Solange solche Herrschsucht nur Weltliches im Auge führt, wie ihr es in diesem ersten Erdaufwurfe gesehen habt, so lange ist es dem Geistigen bei gehöriger Vorsicht auch nicht schädlich. Wenn aber, was schon beim zweiten Erdaufwurfe ziemlich stark der Fall ist, diese Herrschsucht auch ins Geistige ihre Schlangenarme streckt, da muß sich auch schon ein jeder Geist streng in acht nehmen, sich einem solchen Erdaufwurfe zu nahen! – Und so denn wollen wir uns mit der Aussicht dieses Tales zufriedenstellen. Für das nächstemal aber will ich euch in dieser nördlichen Gegend auf eine sichere und günstige Anhöhe führen, von welcher aus wir einen allgemeinen Überblick über die mannigfachen Verhältnisse eben dieser nördlichen Gegend gewinnen wollen. – Und somit gut für heute! 20. Kapitel – Gang zur Hölle. [GS.01_020,01] Um auf diese günstige Anhöhe zu gelangen, werden wir uns gegen die morgendliche Seite dieser allgemeinen Nordgegend ziehen und von dort aus erst unsere Höhe besteigen. Die Gegend mehr nordwärts ist zu schaurig, um in selbiger irgendeine Reise weiter fortsetzen zu können, und zudem werden wir sie von der Höhe ohnedies überblicken können. – Und so denn gehet mit mir, wir wollen nach geistiger Art sobald als möglich an Ort und Stelle sein. [GS.01_020,02] Wir sind schon da beim ersten Tale, und da sehet hin zu dem Flusse, da werdet ihr das uns zuvor begegnete Paar erschauen, wie sich dasselbe in dem Wasser des Flusses reinigt und zum Teil auch schon ein merklich besseres Aussehen gewinnt. Ihr fraget, was solches bezeichne? [GS.01_020,03] Solches bezeichnet denjenigen Zustand des Menschen, wenn er des fleischlichen Lasters satt und müde geworden ist und bekommt dann eine reuige Sehnsucht, sich zu bessern, solcher Sünde völlig zu entsagen und sich darum nach aller Möglichkeit zu reinigen von allem Übel der Sünde. Ihr sehet, wie schwer solche Reinigung ist. Nur wenige Buchten hat dieser Strom, welche für solche, wie ihr zu sagen pflegt, abgelebte Sünder zugänglich sind. Und da darf er sich ja nicht zu weit hineinwagen. Fürs erste sind die Fluten des Stromes zu reißend und zugleich voll solcher Erscheinlichkeiten, die solche Büßer zu verschlingen drohen. [GS.01_020,04] Wenn sie aber mutig in ihrer Bucht beharren, so werden sie immer stärker und gesünder, bekommen stets mehr Mut, und wenn sie zur vollen Kraft gelangt sind, so können sie sich gegen den Strom aufwärts bewegen nach der Richtung hin zwischen Morgen und Mitternacht, von wannen der Strom herkommt. Wenn sie sich bis dahin gebracht haben, wo ihr vor uns in ziemlicher Ferne zu beiden Seiten des Flusses einen Hügel erblicket, so haben sie die einzige Brücke über den Fluß erreicht, über welche sie an das jenseitige Ufer und sodann in die abendliche Gegend gelangen können. [GS.01_020,05] Was es da mit der abendlichen Gegend für eine nähere Bewandtnis hat, werden wir gar wohl erkennen, wenn wir dieselbe nach dieser nördlichen Gegend bereisen werden. Da ihr nun solches wisset, so lasset uns sogleich auf unsere bedingte Höhe uns erheben, um von da diese Nordgegend näher zu beschauen. [GS.01_020,06] Ihr fragt schon wieder, ob man von da diese Höhe nicht erblicken kann? O ja, sehet nur da hinauf in ziemlicher Ferne jene höchste weißlich-graue Gebirgskuppe; das ist unser bestimmter Standpunkt. Es graut euch wohl ein wenig vor solch einer steilen und schwindelnd hohen Gebirgsspitze. Allein solches tut nichts zum Schaden der Sache, denn wir werden sie ebenso leicht ersteigen wie diesen Punkt, auf dem wir gegenwärtig stehen, und so ihr wollet, machen wir uns auf den Weg. – Ihr wollet, und wir sind schon an Ort und Stelle. Sehet, es ist ziemlich viel Raum auf dieser Spitze; nur müßt ihr euch nicht allzusehr einem oder dem andern Rande nahen und besonders demjenigen am allerwenigsten, der da nach dem tieferen, wie ihr seht, ganz stockfinsteren Norden zugewendet ist. [GS.01_020,07] Und so tretet denn hierher zu mir und sehet da hinab. Sehet die drei Gräben in ziemlicher Ferne von uns dort gegen Abend hin; es sind die uns schon bekannten. Aber nach diesen dreien erblicket ihr noch sieben; und wenn ihr recht genau schauet, so werdet ihr sie voll Löcher erblicken, aus welchen sich ein graudunkler Rauch erhebt. – Ihr fraget, was solches bezeichne? [GS.01_020,08] Solches bezeichnet jenen Zustand des Menschen in seinem Leibesleben, da er das Wahre kennt, dasselbe absichtlich ins Falsche verkehrt, und dann aus seiner inneren Bosheit dagegen handelt. Die Löcher, die gegen das einfallende Licht vom Mittag her offenstehen, bezeichnen die Erkenntnis der wirklichen Wahrheit; der entsteigende Rauch aus diesen Löchern aber bezeichnet die freiwillkürliche Verkehrung göttlicher Wahrheit in eitel Falsches. Das verborgene Feuer aber, dem dieser Rauch entsteigt, ist das verborgene Grundböse, das dem höchsten Grade der Eigenliebe folgt und der daraus hervorgehenden Herrschsucht. Aus diesem Grundbösen heraus wird aller gute Same des Lichtes in den Samen des Unkrautes verwandelt. Dieses Unkraut wird dann von diesem Feuer entzündet, verbrannt und löset sich in diesen euch sichtbaren Rauch auf. [GS.01_020,09] Diese sieben Täler erblickt ihr durch Gebirgsrücken voneinander abgesondert, und einen jeden Gebirgsrücken seht ihr bestehen aus zehn Hügeln. Ein jeder Hügel ist wie mit einer Kapelle geziert. – Was bedeutet wohl dieses? Diese zehn Hügel bezeichnen allenthalben das erhabene mosaische Gesetz. Die Kapellen auf den Hügeln bezeichnen die Weisheit dieses Gesetzes, die sieben Täler, durch welche diese Hügelreihen abgesondert sind, aber bezeichnen das Siebengesetz der Nächstenliebe. [GS.01_020,10] Nun aber seht ihr in eben diesen Tälern unter einem jeden solchen Hügel ein dampfendes Loch gehen. Solches besagt die Untergrabung des göttlichen Gesetzes und die gänzliche Verfinsterung und Zugrunderichtung der Nächstenliebe, welches alles zusammengenommen die große Hurerei zu Babel benamset wird. Dieser Rauch aber ist ärger denn alle Pestilenz. Wer ihn einmal eingesogen hat, der wird sobald also sehr betäubt und blind gemacht, daß er nicht nur im Tale selbst keine freie Stelle finden kann, sondern er kann sich drehen wie er will, und er mag nicht diejenige Stelle verlassen, auf welcher er von dem Rauche verpestet wurde. [GS.01_020,11] Ihr fraget: Was dann mit einem solchen? – Blicket nur genauer hinab, und ihr werdet leichtlich erschauen, wie aus den freilich wohl verschlossenen Kapellen rettende Wesen in die Tiefe eilen, sich solchen Bedampften nahen und sie von der Stelle hinwegziehen auf freiere Plätze. Aber, wie ihr auch sehet, nur wenige lassen sich weiterbringen, die meisten beharren ganz eigensinnig auf ihrem Standpunkte und lassen sich eher von den schwarzen Boten, die diesen Löchern entsteigen, in diese Löcher geleiten, als daß sie möchten dem rettenden Zuge der stets wachenden Bewohner dieser Kapellen folgen. [GS.01_020,12] Sehet, das ist das eigentliche Bild eurer gegenwärtigen Welt und bezeichnet das Wesen aller Lasterhaftigkeit bei Leibesleben der Menschen auf der Erde. [GS.01_020,13] Ihr sehet aber diesen hohen Gebirgszug endlos weit diese mitternächtliche Vorgegend trennen von der wahren finsteren Mitternacht, welche ihr hinter unserem Rücken allerschauerlichst und schrecklichst erschauen möget. [GS.01_020,14] Bevor wir aber noch in diesen Hintergrund einen Blick senden wollen, werden wir noch unsere Blicke gegen die morgendliche Seite hinabsenden. [GS.01_020,15] Sehet, da erblicket ihr nach unseren schon bekannten drei Mitteltälern, d.h. denjenigen, die wir persönlich besucht haben, ebenfalls sieben Täler. Diese stehen im Verhältnis zu den von uns soeben beschauten abendlichen, wie ihr sehet, ums Bedeutende höher und sind allenthalben mit zahlreichen Dörfern bevölkert. Aber ihr sehet auch mit nur ein wenig angestrengten Augen gar leicht, wie da nirgends eine rechte Ordnung anzutreffen ist. Nirgends zeigt sich viel Lebendiges. Die Äcker seht ihr zumeist brach liegen, und wo noch ein Weizen- und Kornfeld ist, ragt allenthalben mehr denn drei Viertel Unkraut über das edle Getreide empor. In dem letzten Tale gegen Morgen hin nur sieht es ein wenig besser aus; aber selbst da ist noch mehr Unordnung als Ordnung zu erschauen. [GS.01_020,16] Zugleich erschaut ihr auch auf den ähnlichen Hügeln zwischen den Tälern wie gegen den Abend hin Kapellen; aber nur sehr wenige, wenn ihr recht genau schauet, sehet ihr zu denselben hinaufwandeln. Die wohlwollenden Kapellwächter haben zwar allenthalben soviel als möglich die bequemsten Wege angelegt; aber selbst diese sind den Bewohnern dieser Dörfer viel zu unbequem und viel zu beschwerlich. Und wie ihr sehet, die schönen Gärten um die Kapellchen herum, vollbesetzt mit guten Fruchtbäumen, und die schöne Aussicht von diesen Hügeln hinüber über den Strom in die glücklichen Gefilde des ewigen Morgens vermögen diese langweiligen Siebenschläfer nicht dahin zu bringen, daß sie sich aus ihren Schlafwinkeln erheben möchten und wandeln hinauf zu diesen Kapellchen. [GS.01_020,17] Ihr saget: Dies ist alles richtig, und wir sehen es mit unseren Augen. Aber was besagt denn solches? [GS.01_020,18] Liebe Brüder und Freunde! Hier bin ich der Meinung, daß ihr solches wohl auf den ersten Augenblick erkennen sollet. Darum will ich euch darüber nichts anderes sagen, als was der Herr zu Johannes gesprochen hat bezüglich der Gemeinde von Sardes, wo Er sagte: „Weil du weder kalt noch warm bist, sondern lau, so will ich dich aus Meinem Munde speien.“ Mehr brauche ich wahrlich nicht zu sagen; vergleichet nur eure sogenannte gute oder bessere Welt mit diesem Bilde, und ihr werdet es buchstäblich bestätigt und wahr finden. [GS.01_020,19] Heißt es nicht auf der Welt: Ich tue ja ohnehin nichts Schlechtes; was gehen mich demnach die sogenannten göttlichen Gebote an? Wenn ich ruhig bin und niemandem schade, was will man denn noch mehr von mir? Sehet, unter diesem Grundsatze liegt die ganze Bevölkerung dieser Gegend in ihren Kneipen drinnen und kümmert sich nicht einer um den andern. Wenn da jemand geht und um Hilfe ruft, so kommt ihm entweder niemand zu Hilfe, oder es raunt ihm jemand aus irgendeinem solchen Schlafwinkel zu: Helfe dir selbst, so gut du kannst, ich werde mir auch selbst helfen, so mir was fehlt. Du gehst mich nichts an und ich dich nichts, ein jeder kümmere sich für sich. [GS.01_020,20] Sehet, aus diesem könnt ihr eure Welt sicher gar leicht erkennen, aber wo befindet sie sich? Ihr sehet, daß sie fürs erste durch diesen verhängnisvollen Strom so gut von allen glücklichen Gefilden abgeschnitten ist wie die anderen gar argen Gegenden, und fürs zweite stößt diese Gegend ebenso allernächst an dieses Grenzgebirge zwischen Dies- und Jenseits wie diejenige Gegend, die wir gegen Abend hin betrachtet haben. Und alle diese Täler, wie ihr sie sehet, mündet am Ende ein jedes an dieser hohen Gebirgswand in einen finsteren sogenannten Tunnel oder unterirdischen Gang, welcher geradewegs in dieses überaus finstere Jenseits führt, das sich nun hinter unserem Rücken befindet. [GS.01_020,21] Ihr fraget: Was ist dieses? Ich aber sage euch: Nachdem wir die Vorgegend betrachtet haben, wenden wir uns ein wenig um und blicken in diese jenseitige Gegend. Drei kurze Blicke werden euch mehr sagen, als ihr wissen möchtet. [GS.01_020,22] Nun, ihr habt euch umgedreht; was habt ihr da erblickt? Ihr saget: Vor der Hand noch nichts als eine stets dichter und dichter werdende Nacht. Blicket noch einmal; was sehet ihr jetzt? [GS.01_020,23] Oh, jetzt schreiet ihr: Schrecklich, schrecklich, und Elend über Elend! Wir sehen nichts als ein Feuer um das andere und glühende Schlangen sich krümmen in den Flammen. Gut, jetzt blicket aber noch einmal; was sehet ihr jetzt? Dieser Anblick läßt euch, wie ich sehe, kein Wort mehr finden; und jetzt sage ich euch: Was sich auf euren dritten Blick eurem Auge gezeigt hat, das ist der erste Grad der wirklichen Hölle! – Es gibt noch einen zweiten und einen dritten. Solchen aber möget ihr nicht erschauen; denn schon ein kürzester Blick würde euch das Leben kosten, denn dort wohnt schon der allerintensivste Tod. Solches aber habe ich euch darum gezeigt, damit ihr entnehmen möget, wohin die unterirdischen Gänge aus all diesen Tälern unwiderruflich führen! [GS.01_020,24] Wie schwer dem Geiste, ja dem materiell bösartig schweren Geiste der Rückweg wird, solches möget ihr aus der unermeßlichen Tiefe gar leicht ersehen, die sich von diesem Gebirgsrücken allersteilst hinabzieht in einen ewig finsteren Abgrund. Mehr brauchet ihr vor der Hand davon nicht zu wissen. [GS.01_020,25] Dieser Standpunkt aber, auf dem wir uns befinden, ist jene freie Höhe des Menschen bei seinem Leibesleben, von welcher aus er gleichermaßen das Wahre und das Falsche, das Gute und das Böse vom Grunde aus in sich erkennt. [GS.01_020,26] Wer auf dieser Höhe ist, der hat des Lebens wahre Bedeutung gefunden und kann nimmerdar verloren gehen, außer er müßte gleich einem Wahnsinnigen sich hinabstürzen aus dieser Höhe in den Abgrund. Solches wird er aber doch bleiben lassen. Und so denn begeben wir uns wieder von dieser Höhe hinab, allda der Nachen unser harret. Ihr wollet, und sehet, wir sind schon wieder an Ort und Stelle. [GS.01_020,27] Steiget nur sobald hinein, ich werde ihn loslösen und euch wieder an das jenseitige glückliche Ufer führen. Ihr seid darinnen, der Nachen ist gelöst und die Fahrt beginnt. [GS.01_020,28] Seht, diesmal tauchen noch mehr Ungeheuer auf denn bei der früheren Überfahrt und drohen uns zu verschlingen. Allein, da ist schon das glückliche Ufer, jetzt mögen sie ihre Zähne in den Nachen schlagen, wir sind im Trockenen! – Und so denn wollen wir von hier aus uns gegen Abend wenden und denselben besichtigen. Doch werden wir unsere Tritte in diese bessere Gegend erst das nächste Mal fortsetzen, – und somit gut für heute! 21. Kapitel – Besuch in der abendlichen Gegend. [GS.01_021,01] Sehet, da ist schon ein recht guter Weg, diesen wollen wir ganz gemächlich fortwandeln. So ihr da hinüberblicket über die linke Hand, so erschauet ihr als Begrenzung einer weitgedehnten Ebene ziemlich hohe, aber dabei doch sanft abgerundete Gebirgszüge, welche gar schön bewachsen sind mit Zedern und allerlei anderen herrlichen Bäumen. Die Scheitel sind überall frei und jeglicher ist mit einer Pyramide geziert, über deren Spitze allenthalben ein heller Stern leuchtet. Wenn ihr aber hier gerade voraus schauet, so erblicket ihr ein breites Tal, welches sich ganz gerade fortzieht und überall, so weit eure Augen reichen, recht fruchtbar aussieht. An verschiedenen Stellen dieses Tales erblicket ihr auch niedlich schöne Gebäude und sehet recht emsig Menschen aus- und eingehen und sehet auch, wie gar viele recht emsig tätig sind mit der Kultur der Felder. Nicht wahr, da kommt es euch beinahe vor, als wenn ihr auf der Erde in einem schönen Tale fortwandeln möchtet, in welchem ebenfalls friedliche Landleute ihre Felder recht emsig bebauen und bearbeiten. [GS.01_021,02] Wenn ihr eure Blicke auf die rechte Seite hinüberwendet, so erschauet ihr ebenfalls eine weit, ja unabsehbar weit gedehnte Gebirgskette, deren Niederungen ebenfalls mit guten Bäumen überwachsen sind, und hier und da zwischen den Wäldern zeigt sich eine ländliche Wohnung. Aber über den Waldungen erhebt sich ein außerordentlich schroffes Steingebirge, dessen oberste Scheitel mit ewigem Schnee und Eise bedeckt sind. [GS.01_021,03] Ihr saget: die Gegend ist wunderherrlich und schön, nur fehlt hier und da ein See oder irgendein schöner, breiter Strom. Wäre solches auch noch in dieser Gegend vorhanden, so könnte man sich nicht leichtlich eine anmutigere und zugleich auch romantisch schönere Gegend vorstellen, als diese da ist. [GS.01_021,04] Ich aber sage euch, meine lieben Brüder und Freunde! Habt nur eine kleine Geduld, wir werden bald auch dergleichen in der reichlichsten Menge antreffen, denn wir gehen sehr geschwind und sind in dieser abendlichen Gegend über alle eure Begriffe weit vorgedrungen. Sehet euch nur einmal um und bemesset die linke Seite nach dem sanften, mit Pyramiden gezierten Gebirgszuge, und ihr werdet sogleich gewahr werden, wie weit wir schon vorgedrungen sind. [GS.01_021,05] Ihr saget: Aber wie ist denn das möglich? Wir können ja kein Ende dieses Gebirgszuges mehr erblicken, und es kommt uns vor, als ziehe sich dasselbe endlos weit hinter uns fort. In weitester Ferne erblicken wir kaum noch die schönen Sterne über den Pyramiden gleich beleuchteten Sonnenstäubchen schimmern. Ja, liebe Brüder und Freunde, hierzulande reist man außerordentlich schnell, ohne daß der Reisende die Schnelligkeit seiner Bewegung merkt. Obgleich wir nun, wie ihr wohl sehet, ganz gemächlich Schritt für Schritt wandeln, ist aber unsere Bewegung dennoch so außerordentlich schnell, daß sich von dieser Schnelligkeit auf der Erde niemand einen Begriff machen kann. Ihr könnt es glauben: Wenn es euch möglich wäre, leiblicher Weise diese Schnelligkeit auszuüben, so würdet ihr dadurch in einem Augenblicke viele Milliarden Sonnenweltgebiete durchzucken. Wie aber solches möglich ist, darüber werden wir schon noch ein Wort wechseln. [GS.01_021,06] Nun kehren wir unsere Blicke wieder nach vorne und setzen unsere Reise ganz ruhig wieder fort. Ihr fraget mich: Was ist denn dort im tiefen Hintergrunde für eine schimmernde Fläche, über welcher sich im noch tieferen Hintergrunde am etwas abendlich dunklen Firmamente eine Menge recht hell leuchtender Sterne zeigt? – Geduldet euch nur; wir werden schon noch dahin kommen. Seht euch aber etwas nach rechts um und saget mir, wie euch solches behagt? Ich lese Beifall aus euren Augen. Ist das nicht ein See, wie sich’s gebührt? [GS.01_021,07] Sehet die Menge der schönen Inseln, welche sich über die ruhige und reine Wasseroberfläche erheben, wie sie alle bebaut sind und eine jede Insel noch dazu mit einem niedlichen Hause geziert ist. Sehet die vielen schönen Fahrzeuge auf dem Wasser, wie dieselben recht gut besetzt sind und sich von einer Insel zur anderen bewegen. Ihr wundert euch, ihr sehet noch nicht den hundertsten Teil; je weiter wir vorwärts dringen werden, desto ausgedehnter wird der See. [GS.01_021,08] Aber wie ihr sehet, das linke Ufer bildet noch immer eine breite Talgegend bis zur linken Gebirgskette hin, und wir haben noch eine gute Weile zu wandeln, bis wir dieses Tal mehr eingeengt, dafür aber den See mehr ausgebreitet vor uns erschauen werden. Da auf einem schönen grünen Hügel zu unserer linken Seite befindet sich ein recht schöner Tempel mit einem goldenen Dache. Und wie ihr sehet, befindet sich auch eine Menge Menschen in diesem offenen Tempel, die mit weißen Kleidern angetan sind. Ihr möchtet wohl wissen, was sie da tun? [GS.01_021,09] Sehet aber nur an das nahe Seeufer, da entsteigt soeben einem niedlichen Wasserfahrzeuge eine Gesellschaft, die sich ebenfalls zu diesem Tempel hinbegeben wird. Fraget sie nur, und wir werden sogleich erfahren, was sie zu diesem Tempel hinzieht. So ihr euch aber nicht getrauet, da will ich solches auch wohl tun; und so habet denn acht! Ich will einen anreden. [GS.01_021,10] Höre, guter Freund und Bruder im Herrn! Was zieht euch hin in den Tempel, der da erbauet ist auf der Höhe des grünen Hügels? Er antwortet: Freund und Bruder in dem Herrn, wie du sagst, woher bist du, daß du solches nicht wissest? Ich entgegne: Was siehst du dahin, woher ich komme? Er antwortet: Ich sehe dahin gegen Morgen. Ich entgegne: Gut, so du gegen Morgen siehst, daher ich komme, wie magst du mich fragen, woher ich käme? Ich aber will es derer wegen, die mit mir sind, daß du mir gegenüber offener Sprache sein sollst. [GS.01_021,11] Der Gefragte verneigt sich und spricht: Mächtiger Bote des Herrn! Ein Weiser von Morgen her, sicherlich ein dir wohlbekannter Bruder, lehrt hier die Liebe des Herrn; darum gehen wir hin, um zu hören solche hohe Weisheit. Ich sage zu ihm: Wie lange seid ihr schon unsterbliche Bewohner dieser Inseln? Er spricht: Mächtiger Bote des Herrn! Wir bewohnen diese Gegend nach entsprechender Weltrechnung schon über hundert Jahre. Ich entgegne: Möget ihr denn nicht dem Morgen näherrücken? [GS.01_021,12] Er spricht: Wir sind des Weges unkundig. Diese Insel aber ward uns beschieden zur Wohnung und zu unserem Unterhalte. Es kam niemand, der uns weiterbrächte, und uns gebrach es allzeit am Mute, daß wir aus eigenem Antriebe solch eine uns endlos weit vorkommende Reise hätten unternehmen können. Die Weiseren unter uns sagen, daß der Morgen, dessen Licht wir von hier aus wohl erblicken, endlos weit entfernt ist. Darum gedenken wir, daß solcher für unsere Kräfte nimmerdar zu erreichen ist, und es bleibt uns daher nichts übrig, als unsere große Sehnsucht dahin soviel als möglich zu beschwichtigen. Zudem aber denken wir noch, daß dieses, was wir hier besitzen, schon viel zu viel für uns ist, und ist alles pure Gnade und Erbarmung des Herrn; und darum sind wir auch dankbarst zufrieden mit dem. Nur eines möchten wir einmal genießen, und wir wären für ewige Zeiten ums Unendliche glücklicher, und dieses eine wäre, daß wir nur einmal den Herrn zu sehen bekämen! [GS.01_021,13] Ich entgegne: Also ziehet nur hin in den Tempel, da die Liebe zum Herrn gelehrt wird; diese ist der Weg, auf welchem sich euch der Herr nahen wird. Sehet, die Gesellschaft zieht nun schon eilend hin über die schönen Felder zum Tempel. [GS.01_021,14] Ihr fraget mich: Welcher Klasse Menschen haben denn diese bei ihrem Leibesleben auf der Erde angehört? Ich sage euch: das sind die sogenannten gläubigen Christen, welche in dem alleinigen Glauben die Rechtfertigung suchten und die Liebe nicht wohl anerkennen wollten, als tauge sie nichts fürs ewige Leben, sondern allein der Glaube. Und solche Begründung hält sie hier. Der See bezeichnet die Unzugänglichkeit derjenigen, die sich in irgend etwas begründet haben. Die Inseln aber bezeichnen, daß die Begründung aus dem Worte des Herrn hervorgegangen ist. Weil aber die Wahrheit nicht in Verbindung mit der Liebe ist, oder das Glaubenswahre nicht in der wahren himmlischen Ehe steht mit dem Liebeguten, so ist das bewohnbare Ländertum dieser Völker allenthalben durch das dazwischenstehende Wasser getrennt. Die Fahrzeuge, die ihr auf dem See erblicket, bezeichnen die freundlich gute Handlungsweise solcher Menschen auf der Erde. Diese Handlungsweise bringt, wie ihr seht, diese Inselbewohner in wechselseitige Verbindung. [GS.01_021,15] Diese Gegend hier zur linken Seite aber bezeichnet diejenigen, welche aus den Glaubenswahrheiten nach und nach in einiges Liebtätigkeitsgute übergegangen sind und glauben darum auch an die Liebe des Herrn; aber es bleibt mehr beim Glauben als bei der Liebe. Solches bezeichnen allenthalben die hohen und starken Bäume, welche aber dennoch keine genießbare Frucht tragen; daher die Lebensmittel, wie ihr sehet, nur kleinwüchsig auf dem Boden in gehörig reichlicher Menge vorkommen. So bezeichnen auch die Pyramiden auf den runden Gebirgshöhen zur linken Seite mit den leuchtenden Sternen über den Spitzen, daß das oberste Prinzip dieser Menschen „der Glaube“ ist, und ebenfalls das alleinige Licht. Die mit Zedern wohlbewachsenen übrigen Teile dieser Berge bezeichnen die Macht des Glaubens. [GS.01_021,16] Daß sie aber keine genießbare Frucht haben, solches besagt, daß der Glaube allein das Leben nicht bewirkt. Und wenn schon in dem Glauben allein für sich ein geistiges Leben waltet, so hat es aber doch nur wenig Früchte, durch deren Genuß sich das Leben zu einer höheren Potenz kräftigen könnte. [GS.01_021,17] Die Gegend zu unserer rechten Seite mit dem schroffen Gebirge grenzt zunächst an den Norden. Daher ist dieses Gebirge auch so schroff und hoch und bezeichnet die Grenzlinie zwischen dem Abend und Norden. [GS.01_021,18] Ihr fraget, ob diese Gegend auch bewohnt ist. O ja; aber zumeist von gutmütigen Heiden, wie auch von solchen, die durch den Bilderdienst ihre Herzen bewahrt haben vor Bosheit und dabei übrigens rechtschaffene Weltbürger waren. Die Tempel, die ihr jenseits hier und da über den Waldungen hervorragen sehet, sind ebenfalls Lehrplätze, in denen solche Wesen von ihren Irrtümern befreit werden können, so sie ernstlich wollen! [GS.01_021,19] Solange aber solches nicht der Fall ist, werden sie belassen wie sie sind, und es wird ihnen kein Zwang angetan. Da wir solches nun wissen, so können wir füglichermaßen wieder unsere Füße weiter vorwärts setzen. [GS.01_021,20] Ihr fraget schon wieder: Was ist denn dort zur linken Seite, wo der See breiter wird und das Land zur linken Seite sich zuenget, für eine überaus hohe Säule? – Gehen wir nur fleißig darauf zu; wir werden sie bald erreichen. Sehet, sie kommt uns näher und näher zu stehen, und wie ihr sehet, sind wir bereits bei ihr. Leset, was da oben steht! Ihr leset richtig, denn es heißt: „Grenzmarke zwischen dem Reiche der Kinder und dem Vorreiche“ welches ist ein Wohnort derer, die eines Überganges noch unfähig sind. [GS.01_021,21] Und nun sehet weiter vorwärts, wie sich da ein unübersehbares großes Meer ausbreitet, und ihr nicht möget irgendein Land erschauen. Das ist die nämliche schimmernde Fläche, die wir ehedem von weiter Ferne her erschauten. Sehet nur hin, dort vorwärts, ganz im Hintergrunde werdet ihr auch die Sterne erblicken. Für heute jedoch wollen wir bei dieser Säule ausruhen, und fürs nächste Mal erst unsere Seereise gegen den tiefen, besternten Hintergrund beginnen. Und somit gut für heute! 22. Kapitel – Vorgrenze des Kinderreiches. [GS.01_022,01] Ihr fraget: Lieber Freund und Bruder! Wie werden wir denn über diese ungeheure Meeresfläche kommen, da nirgends ein Boot oder Schiff zu entdecken ist, dessen wir uns bedienen könnten oder das uns aufnähme? – Ich aber sage euch: Dessen werden wir auch nicht vonnöten haben. Es kommt nun auf euch an, ob ihr über dieses Gewässer also wandeln wollet wie dereinst das israelitische Volk durch das Rote Meer oder also, wie dereinst Petrus gewandelt ist mit dem Herrn auf der Oberfläche des Wassers. Beides kann stattfinden, und es wird geschehen, wie ihr wollet. Ihr saget, daß ich solches bestimmen möchte, und anzeigen, welches wohl das Beste ist? [GS.01_022,02] Wenn es auf mich ankommt, so will ich lieber dem Herrn als dem Moses folgen. Also versuchet mit mir die Oberfläche des Wassers zu betreten und habet nicht die geringste Angst, denn wir werden über dessen Oberfläche leicht wandeln wie auf dem Lande. Nun sehet, wir stehen schon auf dem Wasser; wie kommt euch dieser Boden vor? Ihr saget: Es ist überaus gut gehen darauf. Der Boden ist allenthalben, wo wir hintreten, zwar sehr subtil, aber dabei dennoch wie federhart und läßt sich nicht eindrücken. Das Wasser ist sehr klar und scheint auch überaus tief zu sein. Aber es wandelt uns dennoch keine Furcht an, nachdem wir uns überzeugen, daß es, um uns zu tragen, von einer hinreichenden Festigkeit ist. [GS.01_022,03] Solches ist richtig, meine lieben Freunde und Brüder, solang man noch knapp am Ufer steht, noch eine große Menge Gegenstände und festes Land um sich erblickt und des Wassers Oberfläche ganz spiegelruhig daliegt. Aber wenn man so recht in die weite Ferne hinausgekommen ist und die Oberfläche dieses Gewässers stets wogender wird, da muß man sich wohl zusammennehmen, um nicht wasserscheu zu werden und dabei das Gleichgewicht zu verlieren. Jedoch so fest, wie das Wasser hier ist, so fest bleibt es allenthalben; und so denn versuchen wir, unsere Reise fortzusetzen. Haltet euch aber nur so recht fest an mich und machet keine furchtsamen, sondern recht feste Tritte, denn mit zarten Tritten würdet ihr da nicht viel ausrichten. Wie ihr sehet, ist die Oberfläche des Wassers überaus glatt; und so man da die Füße nicht feststellt, kann man leicht ausgleiten und fallen, wo es einem dann auf diesem glatten Boden recht viele Mühe macht, sich wieder emporzurichten. Nun, wir sind fest bei Fuß, und wie ich sehe, so macht ihr recht gute Fortschritte. [GS.01_022,04] Also nur gerade vorwärts, bis wir diejenige Stelle erreichen werden, die dort am fernen Horizonte ziemlich stark wogend erscheint. Und sehet, es geht recht gut vorwärts; hie und da schwankt der Boden wohl zufolge der allgemeinen Bewegung des Meeres, allein wie ihr sehet, so hindert solches unsere Tritte nicht im geringsten. [GS.01_022,05] Aber was sehet ihr so emsig hinab ins Wasser? – Ist euch vielleicht etwas hineingefallen und hinabgesunken in die Tiefe? Ihr saget: Lieber Freund, mitnichten; wir sehen nur hinab, ob sich unter uns im Wasser nirgends Fische oder andere Wassertiere befinden. Ich sage euch: Seid dessen unbesorgt, von Ungeheuern des Gewässers ist hier gar keine Rede, aber kleine edle Fischlein gibt es in zahlloser Menge. Ihr möchtet wohl gerne einige sehen? Wenn ihr solches wollet, da müßt ihr euch ein wenig umkehren, da werdet ihr sie gleich erblicken, wie sie vom Morgen her dem Abende zuziehen. – Nun, ihr habt euch umgekehrt. Seht, welch eine ungeheure Menge schön glänzender Fische da aus der morgendlichen Gegend her dieses ganze unübersehbare Gewässer belebt! Haben sie nicht eine Ähnlichkeit mit den Goldfischlein bei euch auf der Erde? – Ihr saget: O ja, nur ist der Glanz bei weitem stärker. [GS.01_022,06] Ihr möchtet wohl gern erfahren, was diese Fischlein hier besagen? – Diese Fischlein besagen das ausgehende Leben vom ewigen Morgen, welches dieses Element durch und durch belebt und sodann hinaustritt als ein freies Leben in alle die unendlichen Räume der ewigen Schöpfungen Gottes. [GS.01_022,07] Da wir aber jetzt schon einen kleinen Halt gemacht haben, so sehet euch ein wenig auf der Oberfläche dieses großen Gewässers um. – Nun, ihr erschrecket ja und saget: Um Gotteswillen, es scheint die ganze Unendlichkeit von diesem Gewässer erfüllt zu sein, denn nirgends ist ja von einem Lande mehr etwas zu entdecken. Wie weit auch immer das Auge seine Sehkraft in die Ferne der Fernen hin anstrengt, erblickt es nichts als die wogende und weißlich schimmernde Oberfläche eines unendlichen Meeres. Ich aber sage euch: Machet euch nichts daraus und denket euch, daß es uns bei dieser ungeheuren Wasseroberfläche um uns her dennoch nicht so schlecht geht, als es dem Christoph Kolumbus gegangen ist mit seinen schlechten Fahrzeugen in der Mitte des Atlantischen Meeres, allda er gar ängstliche Blicke tat, um irgendein Land zu entdecken. [GS.01_022,08] Setzen wir aber unsere Reise nur fort. Sehet, wir sind den Wogen schon ziemlich nahegerückt. Wenn wir dahin gelangen werden, müßt ihr euch recht fest an mich halten, denn wir werden daselbst gar tiefe Wassertäler und Wasserberge zu passieren bekommen. [GS.01_022,09] Nun sehet, immer deutlicher und deutlicher werden die Wogen. Jetzt haltet euch fest, denn ein paar Schritte noch nach unserer geistigen Bewegung und wir sind bei den Wogen. – Nun, da ist schon der erste Wogenrand; sehet, welch ein tiefes Wassertal, und wie sich da das Gewässer in dieses Tal hinab ergießt, und sehet, wie dort ein Wasserberg in schäumender Wogenflut sich nahe bis an das Firmament hinauf zu erheben scheint. [GS.01_022,10] Ihr saget: O lieber Freund und Bruder, da hinüber zu kommen, wird wohl keine Möglichkeit sein! Denn hier sieht es ja erschrecklich aus. Dort schlagen ein paar himmelhohe Wogen übereinander zusammen. Da bildet sich eine Wasserkluft so tief, als wenn man von einem höchsten Berge hinabschauen möchte in die schauerlichste Tiefe! [GS.01_022,11] Ich sage euch aber: Hier wird es uns recht gut gehen, denn wie ihr sehet, fließt die Wasserschlucht schon wieder zusammen, da können wir jetzt unseren Weg gar leicht fortsetzen. Bis wir diesen vor uns schwebenden Wasserberg erreichen werden, wird auch er sich ebnen; und sehet, er hat sich schon erniedrigt, nun haben wir wieder ebenen Weg. Aber da ist schon wieder eine große Wasserschlucht; wildschäumend stürzen die feuchten Wände hinab in die Tiefe. Allein, gedulden wir uns nur ein wenig. Diese Schlucht soll sobald wieder zu ebenem Boden werden. Sehet, die Wände haben sich schon wieder ergriffen, und wir können unseren Weg weiter fortsetzen. Aber dort wogt schon wieder ein ungeheurer Wasserberg gegen uns her, und hinter uns hat sich soeben wieder eine neue Wasserschlucht gebildet. – Ihr saget: Dieser ungeheure Wasserberg wird uns wohl auch in die Schlucht hinabtreiben. – Sorget euch nicht; der Berg wird die Schlucht nur ausfüllen, und wir werden wieder ebenen Weg bekommen. [GS.01_022,12] Nun sehet, nach Ungewitter und Regen kommt Sonnenschein. Mit diesem Wogenberge haben wir auch die ganze Wogenpartie dieses Meeres überschritten, und wir haben schon wieder ruhiges Gewässer vor uns. Aber dort in weitester Ferne, wo ihr eine Menge Sterne erblicket über dem Wasser, kommt noch eine gefährliche Stelle, nämlich große Meereswirbel. Allein, sorget euch auch dieser Wirbel wegen nicht, sie werden uns so wenig schaden wie diese Wogen. Nun sehet, nach unserer vermehrten Schnellreise sind wir auch schon bei diesen Wirbeln. Hier müssen wir immer auf dem Rande der Wirbel vorwärtsgehen, so werden sie uns nichts anhaben. Erschreckt euch nicht vor dem donnerartigen Getöse dieser Wirbel und sehet empor zum Firmament, wie wir uns schon unter den Sternen befinden, die wir vor kurzem noch so fernestehend erblickten. Und nun strenget eure Augen abermals an und blicket nach vorwärts. Was seht ihr? [GS.01_022,13] Ihr schreiet: Land, Land! – Nun ja, also war dieses Meer denn doch nicht so unendlich, als ihr es euch noch vor kurzem vorgestellt habt. Sehet, dort an einer Landzunge, die ziemlich weit in das Meer hereinreicht, abermals eine Säule. – Ihr fraget, was sie bedeute? – Wir werden sogleich dort sein, und ihr könnet die Inschrift selbst lesen. Nur noch ein paar Schritte, und wir sind schon wieder auf trockenem Lande! – Und sehet, da ist auch schon die Säule! [GS.01_022,14] Was steht auf ihr geschrieben? – „Vorgrenze des Kinderreiches.“ – Nun wisset ihr, wo wir uns befinden. Ihr saget: Aber um des Herrn willen, das ist ja eine entsetzlich gebirgige Gegend! Sollten wir uns etwa auch noch tiefer hinein in dieses Gebirgsland begeben? – O ja, das ist eben die Hauptsache, darum wir hierher die weite Reise gemacht haben. Das müsset ihr sehen, denn hier erst wird sich des Abends wahre Bedeutung kundgeben. – Fürs nächstemal werden wir uns sonach in diese Gebirgsgegenden wagen. Und somit ruhen wir heute bei dieser Säule wieder aus! – 23. Kapitel – Wer sparsam sät, wird mager ernten. [GS.01_023,01] Da wir uns hier gehörig von unserer Reise ausgeruht und bei dieser Gelegenheit haben so manchen weitgedehnten Rückblick dahin senden können, von wannen wir hergekommen sind, so wird uns die Weiterreise ja eben keine so großen Beschwerden mehr machen. – Sehet, da zieht sich gleich ein ziemlich breites Tal, mit einer kleinen Meereseinbuchtung versehen, landeinwärts. Gehen wir unseren Weg zur rechten Seite der Bucht vorwärts. Hier möget ihr schon wieder freier wandeln, denn nun haben wir festen Boden. – Da sehet einmal in die Tiefe des Tales hinein nach vorwärts, wo es sich ganz zusammenengt. Dorthin müssen wir sobald gelangen und unsere erste kleine Station machen. Also nur munter darauf losgeschritten, und wir werden bald an Ort und Stelle sein. – Sehet, wie das Tal immer enger und enger wird und von allen Seiten her die furchterregendsten Hochgebirgsfelsen also herabhängen, als wollten sie jeden Augenblick herabstürzen. Allein, lasset euch alles dessen nicht bange werden; es wird niemandem dabei auch nur ein Haar gekrümmt. [GS.01_023,02] Nun sehet, da sind wir schon bei unserer engen Kluft; wie gefällt es euch hier? Ihr saget: Eben gerade nicht am besten. Das tut aber nichts zur Sache, wenn wir erst einen schärferen Blick in diese Gegend tun werden, so wird sie euch schon ein wenig besser zu munden anfangen, als es soeben der Fall ist. Sehet, da neben der Kluft geht zur linken Hand ebenfalls ein enger Graben, sich gegen Mittag hinziehend, hinein. Was erblickt ihr da? Ihr sagt, wie ihr sehet: Wir sehen abhängende Gebirgstriften, hier und da sparsame Äcker über denselben; hier und da, mehr in der Niederung, ist ein kleines Häuschen wie gegen den Berg hinzugedrückt erbaut. Hier und da wieder sehen wir große und überaus hoch herabstürzende Wasserquellen; Bäume und Gesträuche gibt es auch hier und da. Dieses Tal hat also das Aussehen einer höchst eingeengten Gebirgsgegend in der Schweiz auf dem Erdkörper. [GS.01_023,03] Sehet ihr keine Menschen? – Ihr saget: Bis jetzt hat sich noch nichts Ähnliches unseren Blicken dargestellt; aber, wie es uns vorkommt, da nicht ferne bei der ersten Bauernhütte erblicken wir soeben einige ganz armselige Landleute der Hütte entsteigen. Sie sind ebenso mit graulodenem Kleide angetan wie auf der Erde. Auch dort, weiter vorne, erblicken wir ganz ähnliche Landleute, die auf dem Acker damit beschäftigt zu sein scheinen, einiges Unkraut aus dem besseren Getreide zu jäten und, wenn wir uns nicht täuschen, so erblicken wir dort auf einer mehr im Hintergrunde befindlichen Gebirgstrift eine etwas mager aussehende Kuhherde. Das, lieber Freund und Bruder, wie du dich selbst überzeugen kannst, ist aber auch alles, was wir von lebenden Wesen hier erschauen. – Geht dieses Tal noch tiefer hinein oder hat es mit der letzten Ansicht schon ein Ende? [GS.01_023,04] Liebe Freunde und Brüder, dieses Tal geht noch gar tief hinein, wird nach und nach stets breiter und freundlicher, jedoch nicht zu vergleichen mit denjenigen Gegenden, die wir vor der ersten Säule erschaut haben. Ihr fraget: Was bedeutet denn dieses Tal? Ich sage euch: dieses Tal und noch gar viele seinesgleichen ist nichts als eine vollgültige Enthüllung desjenigen Textes in der Schrift, der also lautet: „Wer sparsam säet, der wird auch sparsam ernten.“ – Ihr fraget mich abermals: Wer waren denn diese Leute auf der Erde? Ich sage euch: Das waren auf der Erde sehr angesehene und wohlhabende Menschen und taten der armen dürftigen Menschheit manches Gute. Die größten Wohltäter aber waren sie dennoch ihrer selbst. [GS.01_023,05] So war der Besitzer der ersten Hütte, die ihr da im Vordergrunde erschauet, ein überaus reicher Mann. Dieser Mann hat bei jeder Gelegenheit den Armen mitunter ganz ansehnliche Stipendien gegeben. Aber alle diese Stipendien zusammengenommen machten nicht den zehntausendsten Teil seines Vermögens aus. Nun sehet, dieser Mann hatte wohl Nächstenliebe; wäget aber die Nächstenliebe ab mit seiner stark vorherrschenden Eigenliebe, so werdet ihr sobald den Grund einsehen, warum er nun hier ein gar so dürftiger Landmann ist. Ihr saget: Beiläufig sehen wir ihn wohl ein; aber so ganz gründlich noch nicht. – Gut, ich will euch den Grund sogleich ganz klar darstellen. Solches müßt ihr aber zuvor wissen, daß man hier im Reiche des Geistes sich auch ganz außerordentlich wohl auf die Kapital- und Zinsenrechnung versteht, und zwar mit einer solchen Genauigkeit, daß sogar auf die Atome der kleinsten Zinsmünze Rücksicht genommen wird. [GS.01_023,06] Und so denn merket wohl auf: Dieser hier dürftige ,Landmann‘ besaß auf der Erde ein Vermögen in runder Zahl von zwei Millionen Silbergulden. Nach eurem gesetzlichen Zinsfuße warf ihm dieses ansehnliche Kapital jährlich einmalhunderttausend Silbergulden an Zinsen ab. Die Früchte dieses Kapitals hatte dieser Mann auf der Erde volle dreißig Jahre hindurch genossen. Dadurch hat er sich sein ursprüngliches Vermögen noch um drei Millionen Silbergulden vergrößert. Sein Hauswesen bestritt er mit den Zinseszinsen. Von diesen Zinseszinsen, welche ebenfalls sehr ansehnlich waren, machte er auch allerlei wohltätige Spenden, welche am Ende seines Lebens zusammengenommen bei fünfzigtausend Gulden ausmachten. – Wie verhält sich diese Summe zu seinem Hauptkapitale und zu den alljährlichen Zinsen, welche dasselbe abwirft? – Es ist ein Fünftel seines jährlichen Haupteinkommens. Er bekommt aber das Fünffache als Hauptzinsenertrag seines Kapitals nach den erworbenen fünf Millionen alljährlich, während diese Summe von fünfzigtausend Gulden, für wohltätige Zwecke verwendet, sich auf seine ganze Lebenszeit erstreckt. Diese Summe wird bei uns genau auf die dreißig Jahre ausgemessen, und was da entfällt auf ein Jahr, wird als Kapital angenommen. Von diesem Kapitale kommen ihm nun die Zinsen zugute. Das Kapital stellt seine ganze Wirtschaft dar, und der Ertrag dieser Wirtschaft steht mit den gesetzlichen Zinsen stets in der genauen Übereinstimmung. Die zwei Personen, die noch an seiner Seite sind, das sind sein Weib und ein verstorbener Sohn. Diese haben gewisserart mit dem Geiste des Vaters mitgearbeitet, daher haben sie gar kein eigenes Kapital, sondern müssen alle drei von dem Zinsertrage leben, welchen diese Bauernwirtschaft abwirft. [GS.01_023,07] Ihr fraget: Können diese Menschen nie zu einem größeren Gute gelangen? Die Möglichkeit ist wohl vorhanden; aber es geht solches hier noch ums Bedeutende schwerer als bei euch auf der Erde. Ihr wißt aber, wie schwer es einem ist, auf dem gesetzlichen Zinswege sich mit einem Kapitale von etwas über tausend Gulden zu einer Million zu erheben. Sehet, noch schwerer ist es hier, zu einem größeren Besitztume sich emporzuarbeiten, denn was dieser magere Grund trägt, reicht mit der genauesten Not kaum hin, um diesen drei Personen die allernötigste Subsistenz zu geben. Daher ist da mit der Ersparnis nicht wohl weiterzukommen. [GS.01_023,08] Es bietet sich nur ein Fall dar, durch welchen sich die armseligen Bewohner dieser Gegend nach und nach emporhelfen können, und dieser Fall besteht darin: Es kommen von Zeit zu Zeit ganz entsetzlich arme Pilger durch diese enge Kluft herein. Diese sind gewöhnlich nackt und voll des drückendsten Hungers. Wenn diese Pilger solche Häuser erblicken, so verlegen sie sich alsbald aufs Betteln. Wenn dann einem solchen Bettler ein solcher Landmann bei aller seiner Dürftigkeit dennoch mit offenen Armen entgegengeht, ihn führt in seine ärmliche Hütte, ihn daselbst mit der nötigen Kleidung versieht und sein kärgliches Mahl brüderlich mit ihm teilt, so wird durch eine solche Unterstützung sein Kapital um die Hälfte vergrößert, jedoch ihm unbewußtermaßen. – Tut er solches öfter oder behält sogar einen gar Armseligen in seiner Pflege, indem er zu ihm spricht: Lieber Bruder! Siehe, ich bin arm und habe wenig; bleibe darum aber dennoch hier, und ich will dieses wenige allzeit brüderlich mit dir teilen solange ich etwas haben werde, und habe ich mit dir alles verzehrt, was ich habe, so will ich dann auch mit dir gern den Bettelstab ergreifen. [GS.01_023,09] Wenn solches der Fall ist, so wird sobald das Kapital eines solchen Landmannes heimlich verhundertfacht. Und wenn bei einer solchen Gelegenheit noch mehrere Dürftige zu ihm kommen, und er nimmt sie liebfreundlich auf und bietet alles Mögliche auf, sie zu versorgen, so daß er z.B. mit den Pilgern im Falle seiner gänzlichen Versorgungsunfähigkeit zu den andern Nachbarn geht und für sie um Unterkunft und mögliche Versorgung bittet, so wird dadurch sein Kapital vertausendfacht; jedoch ohne sein Wissen. [GS.01_023,10] Wenn es dann geschieht, daß er zufolge seiner Nächstenliebe sich aller seiner Habseligkeit also entblößt hat, daß er dann im Ernste mit seinem Pilger den Bettelstab ergreift, so wird er einige Zeit belassen, auf daß er bettele um den Unterhalt vorerst seines armen Aufgenommenen und so nebenbei erst auch für sich; – für sich aber dennoch also, daß er stets den größeren Teil seinem armen Bruder zuwendet. Da geschieht es denn, daß ihm unbekanntermaßen vom Herrn ein Engelsgeist entgegenkommt, sich nach seinen Umständen erkundiget und er dann spricht: Lieber Freund, du siehst, daß ich arm bin, jedoch solche Armut drückt mich nicht; aber daß ich diesem meinem Bruder nicht mehr helfen kann, solche Armut drückt mich. – Was glaubet ihr, was da geschieht? – Hier kehrt sich der arme Bruder um und spricht zu ihm: Ich kam nackt zu dir, du hast mich bekleidet, hast mich, den Hungrigen und Durstigen, gespeiset und getränket und achtetest nicht auf deine Gabe, auf daß du sogar mit mir den Bettelstab ergriffest und suchtest allenthalben Brot für mich. Siehe, also bin Ich aber nun auch dein großer Lohn, denn Ich, dein armer Bruder, bin der alleinige Herr Himmels und aller Welten und kam zu dir, auf daß Ich dir helfe. [GS.01_023,11] Dieweil du auf der Erde warst, hast du zwar sparsam gesät, und eine sparsame Ernte mußte daher notwendig dein Anteil sein. Mit deiner sparsamen Ernte aber hast du keinen Wucher mehr getrieben, sondern hast erweichen lassen dein Herz und mochtest keinen Armen vor deiner Hütte vorüberziehen sehen, ohne mit ihm zu teilen deine sparsame Ernte. Siehe, solches hat dir geholfen und dich zu einem reichen Einwohner des Himmels gemacht. Siehe, dieser Bruder, der dir hier entgegenkam, wird dich führen in dein neues Besitztum. [GS.01_023,12] Hier verschwindet der Herr, und der abgesandte Bote führt den liebtätigen armen Bewohner dieser Gegend hinüber in den goldenen Mittag, allda für ihn ein dem Kapitale seiner Liebtätigkeit wohl angemessenes neues Besitztum harrt. – [GS.01_023,13] Wenn der also Beglückte zum Boten spricht: Lieber Freund und Bruder, siehe, ich bin unendlich glücklich, darum mir die unendliche Gnade und Erbarmung des Herrn solches beschert hat; ich weiß, daß dieses neue Besitztum sicher von gar herrlicher und reichlicher Art sein wird. Allein siehe, hier sind andere arme Brüder; an diese trete ich dieses mir bestimmte Gut ab, mich aber lasse wieder zurückziehen in meine ärmliche Hütte; denn es könnte ja geschehen, daß sich unter den vielen Armen, die vielleicht noch meine ärmliche Hütte besuchen werden, wieder einmal der Herr einfinden könnte. Und so will ich zurückziehen und in meiner armen Hütte noch jeglichem armen Bruder mit hundertfach größerer Liebe entgegenkommen, als solches bis jetzt der Fall war. Wahrlich, ich kann dir sagen, wenn ich solch eines Glückes noch einmal in meiner ärmlichen Hütte möchte gewürdigt werden, so werde ich in dieser meiner ärmlichen Hütte in alle Ewigkeit glücklicher sein, als gäbest du mir die größten und herrlichsten Güter in einem allerschönsten Teile des Himmels! Und so denn lasse mich wieder zurückziehen. [GS.01_023,14] Alsdann geschieht es auch, daß der Geist den armen Landmann mit seiner kleinen Familie zurückziehen läßt. Wenn dieser aber dann in seine ärmliche Hütte kommt, so harrt seiner auch schon der Herr mit offenen Armen und macht ihn sogar zu einem Bürger des ewigen Morgens! [GS.01_023,15] Sehet, solche Szenen gehen da wohl öfter vor sich, aber ihr möchtet es kaum glauben, welch ein hoher Grad der Selbstverleugnung dazu erfordert wird. Denn die Armut hat nur gar zu häufig die fast notwendige Eigenliebe unzertrennlich bei sich; darum da auch ein Armer nur für sich um Unterstützung bittet. Hat er sich dann ein kleines Stipendium zusammengebettelt, so reicht dieses kaum für seinen Bedarf hin, und die eigene Not und Armseligkeit läßt es ihm beinahe gar nicht zu, seine höchst sparsame Gabe mit einem andern armen Bruder zu teilen; aus welchem Grunde ihr schon auf der Erde unter der armen Klasse der Menschen nicht selten einen verheerenden Neid antreffet. – Aus dem geht aber hervor, daß solche armbestellte Einwohner dieses Tales vor den Bettelnden sich soviel als möglich verbergen. Aus dem Grunde sehet ihr auch wenige außer den Häusern, die ihr aber außerhalb erblicket, sind schon von solch guter Art. [GS.01_023,16] Nächstens wollen wir das sehr schroffe Tal zu unsrer rechten Hand gegen den Norden zu beschauen. Und somit gut für heute. 24. Kapitel – Jenseitiger Ort und Zustand der Stoiker. [GS.01_024,01] Also wendet euch nur um und sehet über eure rechte Hand in das vorbesagte Tal und gebet mir kund, wie ihr dasselbe findet. Ihr saget: Lieber Freund und Bruder, hier sieht es ganz entsetzlich öde aus. Wir sehen wohl hier und da auf den Gebirgsabhängen eine Art Krummholz wachsen, und mehr in der Tiefe dieses überaus engen Tales erblicken wir hier und da Dornhecken, welche einige uns bekannte Beeren tragen. Noch mehr in der Niederung des Tales erschauen wir mancherlei distelartiges Unkraut ziemlich häufig vorkommen. – Der nördlich abendliche Abhang sieht überaus kahl aus; fast nichts als Felswände über Felswände türmen sich übereinander auf, und zwischen den Felsenklüften stürzt hier und da ein mächtiger Bach in die Tiefe herab. Nur die gegen Morgen gelegene Gebirgserhöhung ist etwas sanfter und hier und da mit einer unansehnlichen Hochalpenhütte geziert. Aber Einwohner sind da keine zu erblicken. Vielleicht befinden sie sich tiefer im Tale; da im Vordergrunde ist nichts Lebendiges zu erschauen. [GS.01_024,02] Ja, ihr habt recht. Von diesem Standpunkte aus, wo wir uns gegenwärtig befinden, ist solches wohl nicht leicht möglich. Daher wollen wir uns ein wenig taleinwärts begeben, und wir werden sobald auf etwas Lebendiges stoßen. Sehet nur da hinauf, wo auf einem bemoosten Felsenvorsprunge die erste uns erreichbare Wohnhütte steht; dahin wollen wir uns begeben. Wir sind bereits in ihrer Nähe, schärfet daher eure Blicke und habt wohl acht, was sich denselben darstellen wird. – Nun, ihr habt meinen Rat befolgt. Saget mir denn auch, was ihr gesehen habt. [GS.01_024,03] Ihr sagt schon wieder: Aber um Gottes willen, das sind ja doch keine Menschen, denn sie sehen aus wie belebte Skelette und sind dabei so klein wie Zwerge. Wir möchten sie eher zu den Affen zählen als zu irgendeinem menschlichen Geschlechte. Was hat es denn mit diesen armen Wesen wohl für eine Bewandtnis? So armselig, ausgehungert und völlig nackt; nein, mit diesen Wesen scheint es durchaus keine vorteilhafte Bewandtnis zu haben. [GS.01_024,04] Einesteils habt ihr wohl recht, aber andernteils wieder nicht. Denn diese Wesen, so armselig sie euch auch erscheinen, sind aber dennoch in ihrer Art, d.h. von ihnen selbst aus betrachtet, es mitnichten. Denn da sind die sogenannten Stoiker zu Hause, oder mit anderen Worten gesagt: Menschen, die sich selbst vollkommen genügen. Sie handelten bei ihrem Leibesleben auf der Erde rechtschaffen, aber nicht etwa aus Liebe zu dem Nächsten und noch weniger aus irgendeiner Liebe zu Gott, sondern lediglich darum, weil sie darin den Sieg ihrer Vernunft erkannten. Sie sagten: Der Mensch braucht nichts, weder Himmel noch Hölle noch einen Gott, sondern allein sich selbst und die ihn leitende Vernunft als oberstes Handlungsprinzip, und er wird also handeln, daß er mit seiner Handlungsweise niemand anderen beeinträchtigt, aus welchem Grunde er solches auch von seinem Nebenmenschen erwarten kann. [GS.01_024,05] Denn, sagen sie ferner noch, wenn ich mich zufolge des höchsten Prinzipes meiner Vernunft über alle weltlichen Nichtigkeiten hinaussetze und von der Welt nichts verlange als eine kärgliche Sättigung meines Magens und eine einfachste Decke über meinen Leib, so bin ich dafür niemandem eine Steuer schuldig. Was mein Magen verzehrt, das gebe ich wieder der Erde zurück, und die Decke meines Leibes mag das Erdreich mit der Zeit düngen. Ich aber bin zwischen diesen zwei Bedürfnissen ein mich selbst leitender und vollkommen beherrschender Gott und bin somit ein unumschränkter Herr meiner eigenen Wesenheit! [GS.01_024,06] Sie sagen ferner noch: So es irgendeinen Gott gibt oder geben soll, was kann der mir geben und was nehmen, wenn ich in mir selbst groß bin, mit Verachtung auf alles hinzublicken, was er mir geben oder nehmen will? Was aber sollte auch mir ein Gott geben oder nehmen? Das Höchste wäre dieses matte Leben, das ich schon lange mit meiner Vernunft tief zu verachten gelernt habe. Oder steht es nicht bei mir, so lange zu leben, als ich will? Wenn ich es mit dem obersten Prinzip meiner Vernunft vereinbart finden würde, mir das Leben zu nehmen, so würde ich es auch tun. Allein die von mir aus selbst erkannte Rechtschaffenheit lehrt mich, daß solches wider das Recht der obersten Vernunft wäre; wer mir das Leben gegeben hat, der soll auch das Recht haben, es mir wieder zu nehmen. Es hat ja die Natur das Recht, diejenige Nahrung, die ich von ihr entlehnt habe, auf dem natürlichen Wege zurückzufordern, und die Decke meines Leibes ist ein Eigentum der Zeit, und sie nimmt dieses Pfand ebenfalls wieder zurück. Solches muß die reine Vernunft billigen, muß sagen und sagt es auch: Jedem das Seinige! Aber eben dadurch, daß der Mensch in seiner Vernunft auch nicht ein Sonnenstäubchen ihm zu eigen anspricht, ist er das erhabenste Wesen, ja erhaben über jeden Gott, über jeden Himmel und steht mächtig über aller Hölle. Wenn jeder Mensch so dächte, so hätte ein jeder genug, und keiner würde dem andern je zur Last fallen. Fern wären da alle Habsucht, aller Neid, aller Geiz, aller Hochmut, alle Herrschsucht, aller Fraß und alle Völlerei, alle Unzucht, alle Lüge und aller Betrug. Wo aber lebt ein Gott, so er ist der Vernunft alleroberstes Prinzip, der da gegen solche Grundsätze des Lebens etwas einzuwenden hätte? Hat er aber etwas einzuwenden, dann ist er kein Gott und steht tief unter der Erhabenheit der menschlichen Vernunft. [GS.01_024,07] Nun sehet, diese Menschen haben auf der Welt so gelebt, daß sie sogar einer Fliege nie etwas entzogen haben; sind nie jemandem zur Last gefallen, haben auch nie jemanden nur im geringsten beleidigt. Über Leidenschaften von was immer für einer Art waren sie hoch erhaben. Hat sie jemand um irgendeine Gefälligkeit oder um einen Dienst ersucht, so versagten sie ihm denselben nie, wenn er mit ihren Vernunftsrechtsprinzipien nicht im Widerspruche war und verlangten nie ein Entgeld dafür. Hat man sie zu Ämtern und Ehrenstellen erheben wollen, so nahmen sie solche nie an, zeigten einem solchen Mäzen mit zwei Fingern an die Stirne und sagten zu ihm: Freund, dahier wohnt des Menschen höchstes Amt und seine größte Ehrenstelle. [GS.01_024,08] Wenn ihr nun diese Menschen betrachtet, so urteilet selbst, ob sie sich einer Züchtigung teilhaftig gemacht haben. Ihr müsset sagen: Solches sicher mitnichten. Weitere Frage: Haben sie sich eines Lohnes fähig gemacht? Hier fragt es sich, mit welchem Lohne sollen sie belohnt werden? Den Himmel verachten sie, und Gott wollen sie auch nicht über ihre Vernunft anerkennen. Somit ist ja doch das Billigste, daß sie belassen werden in dem Lohne, den ihnen ihre eigene Vernunft beschert. [GS.01_024,09] Aber ihr saget und fraget: Fällt diesen armseligen Wesen ihr kläglicher Zustand nicht auf? – O nein, das ist eben ihr größter Triumph, denn schon auf der Erde haben sie die Glückseligkeit einer Mücke für höchst beneidenswert gefunden und sagten: Sehet, eine überaus herrliche Mahlzeit für dieses Tierchen ist ein kaum sichtbarer Tautropfen auf einem Blatte. Dieses Tierchens ganzer Bau scheint ein sehr geringes Bedürfnis zu haben. Wenn wir dagegen unseren überaus verschwenderischen Körperbau betrachten, so kann da die Vernunft denselben nur mit allem Rechte tadeln. Also muß ich einen großen Bauch haben, um viel zu fressen und darauf viel Kot zu lassen. Einen sonstigen Zweck findet hier die Vernunft nicht, und zwar aus dem Grunde, weil sie sich gern mit dem Kleinsten begnügen möchte, wenn es ihr der höchst unökonomisch eingerichtete Bau ihres nutzlosen Leibes gestattete. [GS.01_024,10] Sie bekritteln ferner das viele Fleisch an den Füßen, am Gesäß, auf den Händen und allenthalben, wo es sich vorfindet, und sagen: Die Mücke entbehrt alles dessen, und sie ist schon darum um vieles glücklicher als der plump und unökonomisch gestaltete Mensch. [GS.01_024,11] Wenn ihr nun dieses wisset, so wird euch auch die kleine Skelettgestalt dieser Menschen nicht mehr so kläglich und armselig vorkommen wie gleich beim ersten Anblicke, denn sie entspricht so viel als möglich vollkommen ihren Vernunftprinzipen. – Ihr saget nun: Solches ist alles richtig, und wir sehen es jetzt klar ein, daß es hier nun also nicht anders sein kann, und daß sich diese Menschen in einer anderen Gestalt und unter anderen Verhältnissen unglücklicher fühlen würden, als gerade in diesen, die sie als die ihnen am meisten zusagenden erkennen. – Aber eine andere Frage steckt hier im Hintergrunde, lieber Freund! [GS.01_024,12] Ist diesen Menschen denn auf keine Weise beizukommen, um sie auf einen besseren Weg zu bringen? [GS.01_024,13] Liebe Freunde und Brüder! Es ist nicht leichtlich etwas Schwereres als dieses. Sie haben nur eine einzige zugängliche Seite, und dieses ist der wissenschaftliche Weg. Es gehört aber eine grenzenlose Geduld und Ausharrung dazu, um diesen Vernunftkrämern auf diesem Wege etwas so darzustellen, daß sie es für richtig und ihrer Vernunft nicht widersprechend erkennen. Sie sagen: Es kann gar vieles wissenschaftlich vollkommen richtig sein, ob es aber auch mit den Prinzipien der Vernunft vollkommen übereinstimmt, das ist eine andere Frage. Um diesen Ausspruch als vollgültig zu bekräftigen, zählen sie eine Menge wissenschaftlicher Fälle auf, welche an und für sich vollkommen richtig sind, aber dennoch mit den obersten Grundsätzen der Vernunft im größten Widerspruche stehen. Ich will euch beispielsweise nur einige solcher Einwürfe kundgeben. [GS.01_024,14] Sie sagen z.B.: Die Berechnung einer Finsternis ist wissenschaftlich vollkommen richtig; fraget aber die Vernunft und ihren Handlanger, den Verstand, wozu die zufällige Finsternis gut ist, und was hat durch die Wissenschaft die ganze Menschheit dabei Erhebliches gewonnen? – Also ist es auch wissenschaftlich richtig, daß der Mensch in der zu sich genommenen Nahrung so und so viel zur Unterhaltung seiner Leibesteile aufnimmt und so und so viel von der zu sich genommenen Nahrung als Unrat wieder von sich wegschafft. Wenn ihr aber die Vernunft fraget, so kann diese nur lachen über solch einen übel und unzweckmäßig berechneten Verhältnisstand. – Ferner ist es wissenschaftlich richtig, daß das Wasser und auch andere bewegliche Teile der Tiefe zugetrieben werden durch ihre eigene ihnen innewohnende Schwere. Was sagt aber die Vernunft dazu, wenn sie ihre Augen an den kahlen Gebirgswänden weiden muß, auf denen nicht einmal ein Moospflänzchen fortkommen kann, weil solche erhabenen Weltteile einer gerechten, stetig nährenden Feuchtigkeit entbehren müssen. – Sehet, aus diesen wenigen Beispielen könnet ihr zur Genüge erschauen, wie schwer es ist, für diese kritischen Vernunftköpfe ein wissenschaftliches Beispiel aufzustellen, welches von ihnen als vollkommen mit der Vernunft im Einklang stehend erkannt wird. Damit ihr aber die Art und Weise einer solchen Bekehrung völlig erschauen und begreifen möget, so wollen wir fürs nächste Mal einer solchen beiwohnen. – Und somit gut für heute! 25. Kapitel – Ein Bekehrungsgang zu den besseren Stoikern. [GS.01_025,01] Sehet, da unten im Tale gehen soeben drei abgesandte Boten auf einen solchen Fang aus. Wir wollen ihnen folgen und ihrer Operation ein gutes Gehör leihen. Sie ziehen sich mehr taleinwärts, und von hier aus bei der dritten Hütte, die ihr ebenfalls auf einem abgerundeten bemoosten Felsen erblicket, werden sie zusprechen. Sehet nur, wie sie sich ganz behutsam der Hütte nähern und sich dabei so klein als möglich machen. Und so denn eilen wir nur sobald hinzu, damit uns auch der erste Empfang nicht entgeht. Wir wären an Ort und Stelle, also nur aufgepaßt! [GS.01_025,02] Der Anführer begrüßt das scheinbare Oberhaupt dieses Häuschens, d.h. den Allervernünftigsten, und zugleich den Vorsteher und Lehrer der andern zehn Personen, die ihr in seiner Gesellschaft erschauet. – Wie lautet der Gruß? Höret ihn: Überaus weiser Mann, der du die Dinge vom rechten Standpunkt aus betrachtest und wohl erkennest mit der scharfen Spitze deiner Vernunft, was da recht und unrecht, billig und unbillig und wohlgeordnet und unwohlgeordnet ist. Wir haben in eine weite Ferne hin vernommen, welch ein weiser Mann du bist, daher sind wir hierher gezogen, uns bei dir über so manches besseren Rat zu holen! [GS.01_025,03] Der Vernunftpräses spricht dagegen: In dieser Hinsicht seid ihr mir völlig willkommen; was in meinen Kräften steht, will ich euch gerne helfen, jedoch nicht über die Kräfte hinaus. Ihr wisset und werdet es erfahren haben, daß meine Schätze nicht etwa in Gold und Silber und aller Art edlem Gesteine bestehen; auch werden bei mir keine Mahlzeiten und mit wohlschmeckenden Speisen besetzte Tafeln geboten. Was ich aber habe, nämlich den Sieg der reinen Vernunft, davon sollet ihr schöpfen, soviel ihr wollt. Ihr könnt versichert sein, daß euch diese Schätze glücklicher machen werden, als so ihr im Vollbesitze wäret von allen geträumten sogenannten himmlischen Herrlichkeiten, die da an und für sich nichts sind als heimlich ausgesprochene Bedürfnisse eines mit dem Gegebenen unzufriedenen Geistes. Ihr wisset, daß der Raum unendlich ist und der Mensch in diesem Raume denkt. Wer seine Gedanken ins Unendliche trägt, der vergißt fürs erste, daß er selbst nur ein endliches Wesen ist, und fürs zweite beachtet er nicht und wird nicht gewahr, daß für ihn aus solchen Gedanken am Ende nichts als eine beständige Unzufriedenheit, daher eine stets größere Forderung von unerreichbaren Gütern und aus dieser endlich auch ein immerwährend unglückseliger Zustand erwächst, welchen die menschliche Torheit nur durch weit gedehnte und groß gemachte leere Hoffnungen blindlings sättiget. Sonach ist denn auch der Himmel nichts anderes als solch ein geträumtes Gut und dient bloß zur Sättigung der Einbildungskraft der mit dem Gegebenen unzufriedenen Geister. [GS.01_025,04] Nur die reine Vernunft bemißt die wahren Grenzen der Bedürfnisse ihres subjektiven Wesens und verlangt dann von aller Objektivität nur das richtige Maß ihrer eigenen Beschränktheit, und dieses Maß heißt die volle Zufriedenheit. Wer mit dem zufrieden ist, was er nach dem richtigsten Maßstabe seiner eigenen Beschränktheit am Wege der reinen Vernunft erkennt, der hat den wahren Himmel gefunden und wird sich sicher ewig nie einen andern wünschen, weil er klar einsehen wird, daß für das Maß seiner eigenen Beschränktheit nichts anderes taugt als das, was eben diesem Maße als völlig ebenmäßig entspricht. [GS.01_025,05] Auf diese weise Rede spricht wieder der Anführer (Bote): Wir erkennen schon aus dieser deiner kurzen Vorbemerkung, daß du dir den Sieg der reinen Vernunft vollkommen zu eigen gemacht hast; daher wagen wir auch, mit großer Zuversicht auf deine Weisheit, dir unser Anliegen vorzutragen. Der Vernunftrepräsentant spricht: Willkommen sei mir alles, worin ich euch immer dienen kann, daher sprechet ganz frei und ungehalten euer Anliegen aus! Der Anführer (Bote) spricht: So höre denn! In der Gesellschaft, von der wir abgesandt worden sind, um uns bei dir besseren Rat zu holen, hat sich ein großer Streit über die Notwendigkeit und Nichtnotwendigkeit des Lichtes erhoben. Die Gründe für das Licht sind so triftig als die gegen das Licht, und wir können durchaus nicht entscheiden, welche Partei da recht hat. – Der Vernunftrepräsentant spricht: Lasset einige solche Gründe und Gegengründe hören, und ihr könnet versichert sein, daß mein Urteil den Nagel auf den Kopf treffen wird. [GS.01_025,06] Der Anführer spricht: So höre denn! Ein Grund für das Licht lautet: Was wären alle Dinge ohne Licht? Sie wären so gut, als wenn sie nicht wären. Ferner sei das Licht das Grundprinzip aller Wirkung und somit auch alles Denkens; denn ohne das Licht als die alles bewegende und erregende Kraft wäre nie etwas entstanden und somit auch kein vernünftig denkendes Wesen; denn das Licht sei ja auch das Grundprinzip der Vernunft und ist im geistig reinsten Zustande die reine Vernunft selbst. – Siehe, das ist der Grund für das Licht. [GS.01_025,07] Der Gegengrund aber lautet: Nachdem das Licht offenbar aus der Finsternis hervorgegangen ist, und somit vor dem Lichte nur ein gänzlich lichtloser Zustand die ganze Unendlichkeit durchdrang, so läßt sich fragen, ob die Unendlichkeit im lichtlosen Zustande weniger Unendlichkeit war als nun im lichtvollen. – Ferner lautet der Gegensatz: Es ist jedermann bekannt, daß das Inwendige der Weltkörper zuallermeist vollkommen lichtlos ist; und dennoch findet sich die Materie in solchem lichtlosen Zustande ebenso und noch intensiver als auf der Oberfläche eines Weltkörpers, der im Lichte schwimmt. So aber der ganze Weltkörper seinem Inwendigen nach ohne Licht gar wohl bestehen kann, so erscheine das Licht als eine pure Luxussache unter den Dingen der Natur. Ferner lautet dieser Gegensatz: Solches wisse jedermann, daß er in der Nacht des Mutterleibes gezeugt worden ist und hat in eben dieser Nacht das Leben empfangen. Aus welchem Grunde muß denn dann das in der Nacht lebendig Gewordene ans Licht hervorgehen? Wer solches nur ein wenig beachten möchte, der müßte auf den ersten Augenblick einsehen, daß das Licht nicht nur gänzlich entbehrlich, sondern auch den Dingen schädlich ist, weil sie sich an dasselbe gewöhnen und dann offenbar unglücklich werden, so sie durch irgend einen Zufall dasselbe verlieren. Sie sagen ferner noch hinzu: Wenn die Menschen durchaus blind geboren wären, so hätten sie auch nie etwas wegen dem Verlust des Lichtes zu sorgen, sei es doch für ein lichtgewohntes Auge das größte Unglück, blind zu werden. Dagegen wenden freilich wieder die Gegner ein und sagen: In solch einem blindglücklichen Zustande wäre dann ja zwischen einem Menschen und einem Polypen im tiefen Meeresgrunde gar kein Unterschied; denn wenn ein Mensch keine Dinge sehen würde, so könnte er sich auch nie irgend einen oder den andern Begriff machen. In Ermangelung der Begriffe aber ließe sich dann eine große Frage stellen, nämlich, wie es mit dem Denken aussehen möchte in Ermangelung aller Begriffe und Formen desselben? Bezüglich des Unglückes zufolge einer allfälligen Erblindung sprechen sich die Lichtverteidiger also aus: Wenn man sie als ein Unglück betrachten will und dies als einen Mitgrund gegen das Licht aufstellt, so kann man solches ja auch bezüglich der andern Sinne tun, welche nicht vom Lichte abhängen. Um aber demnach jedem Unglücke zu begegnen, müßte der Mensch vollkommen sinnenlos in die Nacht hineingeboren werden. Wie sich aber das Denken eines sinnenlosen Menschen gestalten möchte, solches könnte man am besten von einem Steine erfahren. – Siehe nun, hochweiser Mann, in solchem Wirrwarr schwebt unsere große Gesellschaft. Wir hoffen mit großer Zuversicht, daß du diesen Knoten lösen wirst. [GS.01_025,08] Der Vernunftrepräsentant spricht: Höret, meine schätzenswertesten Freunde! Das ist ein überaus kritischer Fall, denn da hat eine jede Partei für sich recht. Da aber zufolge der Erkenntnis der reinen Vernunft es nur ein Recht und nicht zwei Rechte gibt, so wird es hier ziemlich schwer sein, zwischen diesen zwei unrechten Rechten das rechte Recht zu bestimmen. Wir werden dieses nur dann finden, wenn wir unsere eigene Wesenheit als ein individuelles Dasein in die gerechten Schranken ziehen, und so höret denn! Wir wollen hier Grundsätze aufstellen und aus diesen Grundsätzen dann ein rechtes Resultat folgern. Um aber solches tun zu können, müssen wir zuerst ein Nichtdasein, ein konsumierendes Dasein und ein freies, denkendes Dasein voraussetzen. Ein Nichtdasein bedarf auch nichts; also keine Konsumtion. Ein bloß natürlich-konsumierendes Dasein setzt schon durch sein Dasein notwendig voraus, daß es nur da ist durch eine ihm entsprechende Konsumtion. Ein solches Dasein hat die ganze Materie, welche sowohl in der Nacht als im Lichte bestehen kann. Da aber der Mensch ein denkendes und sich selbst frei bestimmendes Wesen ist, so setzt ein solch höheres Dasein auch eine solche Konsumtion voraus, welche diesem Dasein entspricht, und der zu konsumierende Stoff kann da kein anderer sein als – das Licht. Und so bedarf das Nichtdasein vollkommen nichts; ein bloß konsumierendes Dasein als ein Produkt der Nacht braucht auch nichts als seine seinem Dasein vollends entsprechende Kost; und ein helles, freidenkendes Dasein bedarf dann auch notwendig derjenigen Kost, welche das Prinzip seines Daseins ist. So genügt jedes Prinzip seinem Produkte und muß notwendig für dasselbe da sein, und geht demnach aus dem Nichtdasein ein Nichtdasein, aus dem Dasein der Nacht ein Dasein des Nächtlichen und aus dem Dasein des Lichtes ein Dasein des dem Lichte Verwandten hervor. Insofern dann der Mensch zufolge seiner reinen Vernunft erkennt, daß er notwendigerweise dem Lichte entstammt, so muß er auch erkennen, daß das Licht in dieser Hinsicht ein ihm notwendiges Substrat ist; inwieweit er sich aber bloß als einen tierischen Konsumenten erschaut und sich selbst ein höheres, freidenkendes Leben streitig machen kann und kann sich wieder bilden zu einem Embryo im Mutterleibe, bedarf er des Lichtes nicht. Ein Nichtdasein aber bedarf weder des einen noch des andern. Und sehet nun, meine lieben Freunde, da ist der unumstößliche Grund fürs Licht so klar als möglich vor euere Augen und Ohren gestellt. [GS.01_025,09] Der Anführer spricht: Höre, weiser Mann! Wir haben deine überragende Vernunft aus deiner Äußerung wohl erkannt und wissen nun genau, wie wir daran sind, aber nur ein einziger Punkt ist noch im Hintergrunde, und da wissen wir uns noch nicht einen vollgültigen Bescheid zu geben. Dieser Punkt besteht darin, nämlich: Warum benötigen auf den Erdkörpern all die zahllosen vegetativen Produkte samt dem zahllosen Tiergattungsreiche zuallermeist des Lichtes zu ihrer Vegetation und zu ihrem tierischen Gedeihen? Es ist allen Naturgelehrten nur zu bekannt, daß in einem gänzlich lichtlosen Raume beinahe keine Vegetation vonstatten geht, und die Tiere in gänzlich lichtlosen Räumen gar bald erkranken und gänzlich zugrunde gehen. Und dennoch scheinen sie nach deinem Ausspruche keine notwendigen Konsumenten des Lichtes zu sein, indem sie durchaus keine denkenden Wesen sind, und auch zur gründlichen Folge ihrer scharf beurteilten Wesenheit nicht sein können. Diesen Einwurf machen wir ja nicht, als wollten wir dadurch deine reine Ansicht bemängeln, sondern um uns selbst aus jeder uns erwartenden Schlinge zu ziehen. [GS.01_025,10] Der Vernunftpräses spricht: Mir ganz willkommen dieser Einwurf; wir wollen ihn sobald vor das helle Richteramt der reinen Vernunft ziehen, und so höret denn! Vermöge der notwendigen Stummheit in Hinsicht der eigenen Existenz würden diese Dinge sowenig des Lichtes bedürfen, als dessen bedarf der finstere Mittelpunkt eines Weltkörpers. Da aber neben ihnen auch wir als Produkte des Lichtes existieren, so können wir doch unmöglich den umgekehrten Schluß annehmen, daß wir ihretwegen da sind, sowenig, als irgendein Mensch sagen kann: Ich bin da, damit dieses Haus von mir bewohnt wird und ich demselben diene, sondern daß das Haus des Menschen wegen da ist, aber nicht der Mensch für das Haus. Wenn uns demnach aber das Licht gezeugt hat, so mußte es ja doch notwendig voraus diejenigen Bedingungen aus sich aufstellen, welche zu unserer lichtverwandten Existenz notwendig sind. Und so bedürfen die von euch ausgesprochenen Dinge auch notwendig des Lichtes, damit sie unserem lichtverwandten Bedürfnisse zur Konsumtion dienen können. Ich meine aber hier etwa nicht die Konsumtion des tierischen Magens, der auch in einer finsteren Kammer gesättigt werden kann, sondern die höhere Konsumtion des Geistes, der sich nur an den Begriffen und Formen, die gleich ihm dem Lichte entstammen, sättigen kann. Ein Baum im Mittelpunkte der Erde wird dem Geiste mit all seinen Früchten so lange zu keiner Sättigung dienen bevor er nicht selbst ans Licht gebracht und dem Lichte verwandt wird. Seht, meine lieben Freunde, da habt ihr euren zweifelhaften Punkt gelöst. Sollte euch noch etwas dunkel sein, so wollet es nur ganz offenherzig kundgeben! [GS.01_025,11] Der Anführer spricht: Geschätzter, hochweiser Mann! Nachdem du allerrichtigst dein Urteil für das Licht ausgesprochen hast, so wirst du mir auch eine Frage in bezug auf dich selbst gütigst gestatten wollen. Diese Frage lautet: Worin liegt denn wohl der Grund, demzufolge du als weisester Licht-Rechtsprecher dir deine Wohnung in diesem ganz lichtabseitigen Winkel errichtet hast? [GS.01_025,12] Der Vernunftrepräsentant spricht: Der Grund ist weiser, als du ihn zu fassen vermagst. Wenn wir die Dinge im Lichte schauen wollen und sie rein beleuchtet voneinander unterscheiden, so müssen wir den mathematisch richtigen Grundsätzen der Optik zufolge uns selbst nicht ins Licht stellen, sondern auf einen Punkt, der hinreichend beschattet ist. Dadurch wird unser Sehvermögen gestärkt und die uns gegenüberstehenden Objekte werden wir also in den schärfsten Umrissen erblicken! So du aber deine Augen gegen das Licht wendest, so werden sie von selbem geblendet, und du wirst die Gegenstände dunstig, unrichtig erblicken, und wirst dich stets mit deren Schattenseite begnügen müssen. Und so ist meine Wohnung nur dem leuchtenden Körper, nicht aber dem praktischen Lichte abgewandt. Aus diesem kannst du ersehen, daß meine Wohnung nicht lichtabseitig, sondern nur dem dienstbaren Lichte allerwohlberechnetst zugewandt ist. – Wenn du noch andere Anstände findest, so sollst du an mir allzeit den unermüdet bereitwilligsten Mann finden, der dich in allem, was nur immer in seinem Vermögen steht, zufriedenstellen wird. [GS.01_025,13] Und der Anführer fragt den Vernunftpräses und sagt: Ich habe nun wieder ersehen, wie du alles nach den wohlberechnetsten Grundsätzen denkst, sprichst und handelst; und so habe ich noch eine große Lust, von dir zu erfahren, warum du dich als Lichtkostverteidiger in solch einer unwirtlichsten Gegend angesiedelt hast, die für den tierischen Magen ebensowenig wie für den geistigen darbietet. Ist es nicht jammerschade für dich, daß du dich nicht zum wahren Segen vieler gar schwach vernünftiger Menschen in einer reicheren Gegend niedergelassen hast, wo du selbst mehr Nahrung für deinen Geist finden würdest und könntest dadurch auch für die schwachen Geister eine kräftige Kost aus den vielfachen, deinem Geiste begegnenden Lichtstrahlen bereiten? [GS.01_025,14] Meine lieben Freunde! Über diesen Punkt eurer Frage soll euch sogleich ein hinreichendes Licht gegeben werden. – 26. Kapitel – Fortsetzung des Besuchs bei Stoikern. [GS.01_026,01] Der Vernunftpräses: Wie findet ihr euch hinsichtlich des Unendlichen? – Ihr saget: Nicht anders als endlich und begrenzt. Sehet, ihr gebet in dieser Antwort schon selbst den allgemeinen Grund an, warum ich mir diese Gegend zum Aufenthalt erwählt habe. Ich sage euch darum: Wahrhaft weise ist nur derjenige, der die Grenzen seiner Vernunft gefunden hat und erkennt dann mit dieser seiner Vernunft, wieviel da not tut zu der Sättigung seines Geistes. Diese Gegend hier entspricht den wohlerkannten Grenzen meiner Vernunft ganz genau, und ihr Wahlspruch daraus lautet: Begnüge dich allezeit mit dem, was deiner Beschränktheit entspricht; überschreite nie den Kreis deiner Erkenntnisse und erkenne und finde dich selbst in diesem deinem Kreise, so hast du das Glück deines Lebens im vollkommensten, dir am meisten zusagenden Grade gefunden. Sehet, aus dem Grunde ist diese Gegend, die ihr für sehr unwirtlich findet, für mich vollkommen passend, weil sie nicht mehr bietet, wie gerade nur so viel, als den Grenzen meiner Vernunft entspricht. Wenn ich demnach irgend jemandem nützlich sein kann, so kann ich solches ja nur innerhalb des Horizontes meiner Erkenntnisse; außerhalb desselben müßte ich ein Laie sein und wäre außerstande gesetzt, jemandem auch nur im geringsten nützlich sein zu können. – Aus diesem nun könnt ihr ersehen, warum ich mir gerade diese Gegend und keine andere zum Aufenthalt erwählt habe. So ihr aber etwa meinen würdet, mich könnte allenfalls eine Weisheitseitelkeit bestechen, um vor anderen als ein Licht zu glänzen, da würdet ihr euch an mir sehr gewaltig irren. Denn mein unerschütterlicher Grundsatz lautet also: So du jemandem nützen willst, da erkenne wohl die ganze Sphäre, da du ihm nützen möchtest; kennst du aber die Sphäre nicht, da bleibe mit deiner Philanthropie hübsch zu Hause, denn wer mehr geben will, als er hat, der ist entweder ein Narr oder ein Betrüger. [GS.01_026,02] Der Anführer spricht: Unser allerschätzbarster Freund! Du hast schon wieder überaus weise gesprochen, und wir können dir durchaus keine Einsprache tun; nur ein Punkt kommt uns etwas dunkel vor. Und da du bisher schon so gefällig warst, uns zu berichtigen und unsere Anliegen vollgültig aufzuklären, so wirst du schon auch so gütig sein und uns gestatten, daß wir uns auch über diesen Punkt bei dir Rat holen. [GS.01_026,03] Und der Vernunftpräses spricht: Liebe Freunde, solange ihr auf diesem meinem Territorium euch befindet, könnt ihr mir jede Frage stellen und könnt versichert sein, daß ich euch über jeden Punkt eine für diesen meinen Bezirk vollgültige Aufklärung zu geben imstande bin. Und so gebet mir denn euren zweifelhaften Punkt kund. [GS.01_026,04] Der Anführer spricht: Du hast in deiner weisen Erörterung über eine bestimmte Begrenzung deines Erkenntnishorizontes gesprochen, und es sei durchaus unweise, sich über diesen Horizont hinauszuschwingen. Das letzte ist uns begreiflich, denn wahrlich, niemand kann über seine Kräfte etwas tun, und will er solches, so ist er schon sicher insoweit ein Tor, insoweit er solche seine Grenzen überschreiten will. Aber siehe, als du geboren wardst, da hatte deine Vernunft sicher nicht einen so weit ausgedehnten Horizont, als sie ihn eben jetzt hat. Du mußtest also den kleinen Horizont deiner Erkenntnisse offenbar stets mehr und mehr erweitert haben, auf daß du durch solches Erweitern deinen Erkenntnishorizont bis zum gegenwärtigen erstaunenswürdigsten Umfang getrieben hast, und es läßt sich demnach fragen, ob solch ein Horizont schon als ein vollends fixierter oder als ein einer noch größeren Erweiterung fähiger anzusehen ist. Ich meinesteils bin der Meinung: wenn das Begrenzte seinen Horizont noch so weit hinaustreibt, so wird es deswegen noch immer ein Begrenztes bleiben und wird nie Gefahr laufen, die Unendlichkeit zu erfüllen. [GS.01_026,05] Der Vernunftpräses spricht: Liebe Freunde! Ihr habt hier einesteils recht, einesteils wieder unrecht. Wenn der Mensch sich selbst gegeben hätte, so könnte er sich auch so viel geben, als er wollte; denn er hätte im Unendlichen keinen Mangel gefunden, und somit stünde es auch bei ihm, seinen Erkenntnishorizont nach seinem Belieben unablässig zu vergrößern. Da aber der Mensch nicht ein sich selbst Gebendes, sondern ein Gegebenes ist, so ist auch sein Horizont ein gegebener. Wenn ihr auf einem Erdkörper beispielsweise nur einen Apfel betrachtet, so werdet ihr sehen, daß er von seinem Ursprunge an gleich nach dem Abfalle der Blüte seinen Horizont stets mehr und mehr vergrößert. Hat er aber einmal seine Vollreife erlangt, da könnet ihr dem Apfel vorpredigen wie ihr wollt, und er wird euch durch seinen Stand nichts anderes sagen können als: Bis hierher und nicht weiter! Denn mein Maß ist erfüllt. Warum aber würde euch der Apfel eine solche Antwort geben? Weil er ebenfalls ein Gegebenes, aber nicht ein sich selbst Gebendes ist. Möchtet ihr nun den Apfel weiter auseinandertreiben, so würdet ihr ihn offenbar zerstören müssen. – Und sehet, ganz derselbe Fall ist es mit dem Menschen. Er ist ein Gegebenes und kein sich selbst Gebendes; somit ist auch sein Reifebezirk ein gegebener. Der, welcher diesen Bezirk erreicht und dann in sich erkennt, daß dies sein gegebener Bezirk ist, der ist in sich selbst als das, was er ist, so vollkommen als möglich. Bleibt er innerhalb dieses Bezirkes, denselben nicht ausfüllend, so ist er ein verkrüppelter Sklave seiner selbst und wird nicht einmal für sich selbst eine hinreichende Tüchtigkeit haben. Wer sich aber über seinen gegebenen Bezirk aufblähen will, der ist ein hochmütiger Tor und richtet sich selbst zugrunde, und es wird mit ihm nichts anderes sein als mit einer hohlen Kugel, die mit Pulver gefüllt und angezündet würde, wodurch dann wohl die Oberfläche der Kugel auseinandergerissen wird und die Teile ihrer Oberfläche in einen weiten Horizont hingehoben werden. Aber fraget euch selbst, wie es nach solch einem Akte mit der Totalität der Kugel steht? [GS.01_026,06] Der Anführer spricht: Wir haben gegen deine Äußerung im Grunde abermals nichts einzuwenden, denn sie ist an und für sich vollkommen richtig. Aber du, lieber Freund, stellst deine Antworten immer sicherlich absichtlich weise also, daß wir darin stets einen neuen Anhaltspunkt finden, über den wir uns bei dir ferneren Rat zu holen für notwendig finden. So hast du dich in dieser deiner weisen Erörterung darüber ausgesprochen, daß der Mensch wie auch alles andere Begrenzte ein Gegebenes und nicht ein sich selbst Gebendes ist. Wenn es aber sicher also der Fall ist, so fragt es sich ja offenbar, wer da der Geber ist; denn das Gegebene setzt einen Geber so sicher voraus, als was immer für eine Erscheinung ihren entsprechenden Grund. Und so möchten wir denn wohl von dir uns über den Geber einen näheren Aufschluß erbitten. [GS.01_026,07] Der Vernunftpräses spricht: Liebe Freunde! Was da den Geber betrifft, so steht derselbe über dem Horizont unserer Erkenntnisse, und wir haben alles getan, so wir uns als gegeben erkannt haben. Wollen wir aber den Geber erforschen, so tun wir nichts anderes, als so wir mit einem Zirkel in der Hand möchten den Kreis der Unendlichkeit bemessen. Solches ist sicher wahr, weil sich über einen bestimmten Kreis ins Unendliche fort größere Kreise denken lassen, mit denen der engste Kreis Ähnlichkeit hat. Wenn aber dieser engste Kreis solle einem größeren über sich vollends gleich werden, so wird er zuvor zerrissen werden müssen, seine viel kürzere Linie nach der Rundung des größeren Kreises ausgestreckt und mit derselben gleichlaufend gemacht. Solches läßt sich wohl tun; aber die Erfahrung wird es zeigen, daß die also ausgestreckte Linie des engsten Kreises vielleicht kaum den tausendsten Teil einer bedeutend größeren Kreislinie berühren wird; und so wird ihr auch nur dieser Teil gleichlaufend werden, alle anderen Tausendteile aber werden für diese viel kürzere Linie dennoch für ewig unerreichbar bleiben. – Und sehet, in diesem Beispiele haben nur zwei begrenzte Kreise miteinander zu tun. Nun nehmet aber diesen engsten Kreis und messet mit seiner ausgestreckten Kreislinie den unendlichen, unbegrenzten Kreis und fraget euch darnach selbst, als was eine solche Arbeit oder ein solches Unternehmen von seiten unserer Vernunft betrachtet werden müßte. Ich meine, eine größere Torheit kann im menschlichen Gehirne nicht gedacht werden; – und also ist es auch, so wir den unendlichen Geber erforschen wollten, wer Er ist. Und so ist es, wie ich ehedem gesagt habe, für jeden Menschen genug, wenn er sich als ein bestimmt Gegebenes erkennt und somit auch sein Erkenntnis-Grenzgebiet. Was aber den Geber betrifft, so geht dieser den Gegebenen nicht im geringsten an, indem er offenbar endlos erhaben sein muß über alles Gegebene. Was sollte aus einem Apfel wohl noch werden, wenn er seine Reife erlangt hat, was aus einem Kreise, wenn die von einem Punkte ausgehende Linie sich selbst wieder erreicht hat? – Er bleibe das, was er ist, so wird er vollkommen sein als das, als was er gegeben wurde. [GS.01_026,08] Der Anführer spricht: Du hast uns jetzt über alles den richtigen Bescheid gegeben; aber wir hätten dessen ungeachtet noch eine Frage an dich und diese lautet also: In der Gegend, da wir her sind, wird von dem sogenannten besseren Teile fortwährend die Liebe zu Gott gepredigt, und wir wissen nicht, was man damit sagen will auf dem Wege deiner weisen Art; denn wir verstehen unter Liebe ein Ergreifen und Ansichziehen. Wie kann aber ein begrenztes Wesen oder eine begrenzte Kraft eine unbegrenzte Kraft ergreifen und an sich ziehen? 27. Kapitel – Überwindung und Erlösung eines weisen Stoikers. [GS.01_027,01] Der Vernunftpräses spricht: Liebe Freunde, bei dieser Frage ist eine gehörige Unterscheidung als vorangehend notwendig, um darauf eine gültige Antwort geben zu können. Vorerst muß der Begriff ,Liebe‘ vollkommen der Vernunft gemäß erörtert sein, dann erst wird man daraus ersehen können, wie sich solcher verhält zu sich selbst und zu alledem, was ihn umgibt. Der Begriff ,Liebe‘ ist nichts anderes und kann unmöglich etwas anderes sein als ein sich aussprechendes Bedürfnis, dessen Grund offenbar nichts anderes sein kann als der Mangel an dem, wonach sich das Bedürfnis ausspricht. Das Bedürfnis gleicht einem Hunger. Wenn ein Mensch einen starken Hunger hat, so hat er einen so ungeheuren Appetit, daß er in sich gewisserart eine Überzeugung trägt, er müsse wenigstens eine Welt verzehren, bis er sich seinen Hunger gestillt haben wird. Was aber sagt die wirkliche Erfahrung zu dieser phantastischen Vorstellung? Nichts anderes als: Du hungriger Mensch, verzehre nur ein einziges Pfund Brot, und du wirst hinreichend gesättiget sein! – Sehet, ein ganz ähnlicher Fall ist es mit dem mehr geistigen Bedürfnisse unter dem Begriffe ,Liebe‘. Der liebehungrige Mensch ist der Meinung, er müsse den Magen seines Herzens mit der ganzen Unendlichkeit anfüllen, bis er gehörig gesättiget wird. Worin aber liegt der Grund dieses irrwähnigen Verlangens? Der Grund liegt in nichts anderem als in der Nichtsättigung des eigenen Erkenntnishorizontes, wodurch dann notwendigerweise eine Leere die andere nach sich zieht, ein Mangel den anderen, und somit ein Bedürfnis das andere. Die Liebe begehrt Sättigung. Da sie aber ein pur mechanisches Begehrungsvermögen des Geistes ist, so wohnt in ihr auch nicht die Fähigkeit, zu beurteilen, was es zur Sättigung begehren soll. Da sich aber eben durch dieses Begehrungsvermögen eine Leere in der Erkenntnis ausspricht, so kann da ja auch diese Erkenntnisleere, was ebensoviel als gar keine Erkenntnis heißt, den zu seiner Sättigung notwendigen Stoff nicht beurteilen. Bei solcher Gelegenheit wenden sich dann solche Hohlköpfe mit ihrem blinden Begehrungsvermögen freilich wohl an das Gebiet des Unendlichen und sind der Meinung, aus diesem ewigen Füllhorne werde ihnen das Mangelnde gleich den sogenannten gebratenen Vögeln in den Mund fliegen. – Wie leer aber solch eine wahrhafte Wahnmeinung ist, ist ja daraus mit den Händen zu greifen, daß solche ,Unendlichkeitsliebhaber‘ anstatt irgendeiner vollkommenen Sättigung nur einen stets größeren Hunger bekommen, was auch ganz natürlich ist, und zwar durch ein naturmäßiges Beispiel ersichtlich klar. – Nehmet ihr nur einen naturmäßig hungrigen Menschen, der voll Hungers neben einem Brotkorbe sitzt, dabei aber seinen Mund in den unendlichen Raum hin stets weiter und weiter aufsperrt und tut, als wollte er die ganze Erde, die Sonne und den Mond und das ganze gestirnte Firmament verschlingen, des Brotes aber an seiner Seite achtet er nicht. Da ist es ja dann offenbar, daß er mit solch einem Unendlichkeitsappetite von Stunde zu Stunde hungriger wird, und wenn er nicht bald nach dem Korbe greift, am Ende gar dem Verhungern preisgegeben ist. Aus diesem aber könnt ihr, meine geehrten Freunde, ja nun ohne weitere Erörterung gar leicht entnehmen, welch eine Bewandtnis es mit der sogenannten ,Gottesliebe‘ hat. Die wahre Gottesliebe kann demnach ja nichts anderes sein und in nichts anderem bestehen, als daß ein jeder gegebene Mensch den ihm gegebenen Horizont seiner Erkenntnisse erfüllen soll. – Diese Erfüllung aber kann unmöglich eher vor sich gehen, als dann nur, so der Mensch sich selbst und somit seinen ihm gegebenen Kreis erkannt hat. Um aber solches zu können, muß der Mensch sorgfältigst alle Hindernisse aus dem Wege räumen, sich von allen äußeren, kleinlichen Bedürfnissen lossprechen und dann sich in seinen eigenen Mittelpunkt begeben, von welchem aus es ihm dann erst möglich wird, seinen ganzen Horizont zu überblicken und diesen dann auszufüllen mit dem, was ihm gegeben ist. – Hat er das ausharrend, und in allem Albernen sich selbst verleugnend, zuwege gebracht, dann hat er auch seine Liebe oder sein begehrendes Bedürfnis vollkommen gesättigt. – Was er von alledem verdauen wird, das wird er leichtlich sobald mit der eigenen, ihm gegebenen Fülle ersetzen; und solches ist dann – vom Standpunkte der reinen Vernunft aus betrachtet – eine vollkommene und gesättigte Liebe, die sich nicht mehr als ein Hunger, sondern stets als eine erfreuliche Sättigung ausspricht. Sehet nun, das ist meine für meinen Horizont möglichst klarste Ansicht; könnt ihr jedoch derselben etwas einwenden, so könnt ihr, wie gesagt, solches ebenso frei tun, als wie frei ich jedem Einwurfe zu begegnen imstande bin. [GS.01_027,02] Der Anführer spricht: Lieber Freund! Du hast deine Antwort gut bemessen, und wir können ihr im Grunde nichts entgegen stellen. Da du uns aber ferner zu reden gestattet hast, so wollen wir uns noch in einer gar außerordentlichen Hauptsache mit dir beraten; und so wolle uns denn anhören! [GS.01_027,03] Siehe, bei uns wird noch etwas anderes hauptsächlich gelehrt, und gegen diese Lehre will sich niemand stemmen; dessen ungeachtet aber wissen wir nach deiner Art dennoch nicht, was wir daraus machen sollen. Diese Lehre aber besteht darin: [GS.01_027,04] Gott oder das allumfassende Kraft- und Machtprinzip habe Sich Selbst in Seinem Zentrum ergriffen, habe im selben einen Kulminationspunkt aller Seiner unendlichen Kraft und Macht gebildet, und sei dann als eben solcher Kulminationspunkt aller göttlichen Wesenheit in menschlicher Form, und zwar in der Person eines gewissen Jesus Christus, auf dem Planeten Erde aufgetreten, habe da Selbst gelehrt, sei unter den Menschen als Seinen Geschöpfen wie ein Bruder zu ihnen gewandelt und habe Sich am Ende gar – aus übergroßer Liebe zu Seinen Geschöpfen – von ihnen dem angenommenen Leibe nach töten lassen! [GS.01_027,05] Zum Beweise Seiner Göttlichkeit wirkte Er Dinge und Taten, welche keinem Menschen möglich sind, erweckte Sich nach drei Tagen Selbst vom Leibestode und fuhr dann im Angesichte vieler wieder in Sein göttliches Zentrum zurück! [GS.01_027,06] Er lehrte auf der Welt oder vielmehr auf dem Planeten Erde die Menschen nichts anderes, als daß sie Ihn über alles lieben sollten und verhieß denen, die solches tun, Sein Reich, welches da bestehen soll in der stets tieferen Erkenntnis Gottes, in der stets wachsenden Liebe zu Ihm und in der aus der Erkenntnis und Liebe entspringenden unaussprechlich wonnigsten Seligkeit, welche das ewige Leben in Gott genannt wird. – [GS.01_027,07] Und siehe, diese Sache ist nicht so leer als du glaubst. In der Gegend, da wir her sind, wohnt derselbe Christus; und wie wir uns noch allzeit auf das Klarste und Lebendigste überzeugt haben, gehorcht Ihm alle Kreatur in der ganzen Unendlichkeit. Es bedarf von Seiner Seite nur eines Winkes, und zahllose Weltenheere sind aus dem Dasein verschwunden, und wieder eines Winkes, und zahllose Heere erfüllen wieder die endlosen Tiefen des ewig unendlichen Raumes. Was sagst du nun zu diesem unserem Anstande, den wir dir in dieser deiner Sphäre eröffnet haben? [GS.01_027,08] Der Vernunftpräses spricht: Wenn eure ganze Erzählung kein Hirngespinst ist, so liegt bezüglich des sich Ergreifens der unendlichen Macht und Kraft in irgendeinem Zentrum gerade nichts Unmögliches, da von einem jeden gegebenen Punkte ausgehend unendliche Linien denkbar sind. Aber bezüglich der Menschwerdung dieses göttlichen Kraft- und Machtzentrums ließe sich wohl so manches einwenden, obschon die reine Vernunft solches eben nicht als einen völligen Widerspruch aufnehmen kann. Daß aber dieses Wesen dann hauptsächlich die Liebe zu Ihm gelehrt hat, dieses erscheint dem reinen Denker von seiten des göttlichen Wesens wie ein barster Egoismus. Nehmen wir aber bei dem göttlichen Wesen oder bei der sich selbst konzentrierten Urkraft das egoistische Bedürfnis an, so hört sie fürs erste auf, absolut zu sein; und ließe sich solches bestreiten, so steht aller Wesenheit die gänzliche Vernichtung bevor. [GS.01_027,09] Es muß demnach mit dieser Liebe eine andere Bewandtnis haben, und das göttliche Zentrum kann sich dann gar wohl in der menschlichen Form äußern. Wenn es aber mit dieser von euch dargestellten Liebe nur die hungernde Bewandtnis hat, so müßt ihr es ja doch mit den Händen greifen, in welchen Händen sich da die ganze Wesenheit aller Dinge befinden dürfte, wenn die unendliche Macht und Kraft gleichsam notgedrungen sich an ihnen sättigen sollte. [GS.01_027,10] Da ihr mir aber von diesem Christus ferner ausgesagt habt, daß Er gewisserart zufolge Seiner Verheißung Sich als die allzeit aussprechende Allmacht und Allkraft unter euch wirkend befinde, so müßt ihr solches doch offenbar einsehen, daß ich aus diesem meinem gegebenen Kreise weder dafür noch dagegen etwas sagen kann. Es kommt bei dergleichen Sachen allzeit auf die eigene Erfahrung an. [GS.01_027,11] Könnte ich diesen Christus oder das vermenschlichte göttliche Zentrum selbst schauen, so wüßte ich dann auch ganz sicher, wieviel daran gelegen ist; so aber müßt ihr euch, meine geehrten Freunde, mit dem Gesagten begnügen. – Könnet ihr aber diesen Christus hierher zu mir bringen, so könnt ihr versichert sein, daß ich Seine Wesenheit, soviel es in meiner Sphäre steht, nicht unklug beurteilen werde; nur über meine Sphäre soll nichts gestellt sein! [GS.01_027,12] Der Anführer spricht: Setzen wir den Fall, dieser Christus als das liebevollste Wesen würde hierherkommen und hieße dich Ihm folgen; was würdest du dann tun? [GS.01_027,13] Der Vernunftpräses spricht: So Er das ist, und ich Ihn als das erkenne, was ihr von Ihm ausgesagt habt, so läßt sich ja nichts Klareres denken, als daß die endlos geringere Potenz der endlos größeren notwendig durch sich selbst getrieben folgen muß, weil da kein Ausweg möglich und denkbar ist. – Verhält sich aber die Sache nicht also, da ist es dann ja auch klar, daß ich aus meiner Sphäre nicht eigenmächtig treten kann, weil ich samt meiner Sphäre, wie schon hinreichend erklärt, ein Gegebenes, aber nicht ein sich selbst Gebendes bin. [GS.01_027,14] Der Anführer spricht: So sehe denn her! – Ich bin der Christus! Was willst du nun von Mir? [GS.01_027,15] Der Vernunftpräses spricht: So Du der Christus bist, so zeige mir solches, und ich will Dir folgen. – [GS.01_027,16] Und Christus als der Anführer spricht: Es werde Licht in dieser Sphäre und du öde Gegend werde zu einem Paradiese! – [GS.01_027,17] Nun sehet der Vernunftpräses fällt vor dem Herrn nieder und betet Ihn an und spricht: Also ist es, daß Gott alle Dinge möglich sind! – – Herr! Da Du mir, einem armseligen, durch sich selbst Verbannten also gnädig warst, so nehme mich denn auf in Deinen Kreis! [GS.01_027,18] Aber lasse mich in Deinem Gnadenkreise der Allergeringste sein! Ich weiß, daß Du meinen Horizont so erweitern kannst, wie Du mich selbst also, wie ich bin, aus Dir gegeben hast; ich aber habe mich dieses Kreises angewöhnt als des engsten einer lebendigen Sphäre, und so belasse mich denn auch in diesem Kreise als den Allergeringsten unter all denen, die Du Deiner Gnade gewürdiget hast! Glaube es mir, o Herr, und sehe es in meinem ganzen aus Dir gegangenen Wesen, mein Geist war allzeit unfähig des Gedankens, Dich unendlichen Geber je in Seiner Urwesenheit zu erschauen; da ich Dich nun aber also erschaut habe, so sind auch durch diesen Anblick alle die größten Lebensbedingungen meines Geistes erfüllt. [GS.01_027,19] Und der Herr spricht: Also folge Mir, und du sollst mitnichten der Geringste allda sein, wo Ich bin unter Meinen Kindern! Doch nicht hier, sondern dort erst sollst du in Mir den liebevollsten heiligen Vater erkennen! – [GS.01_027,20] Sehet nun, meine lieben Freunde, das ist noch eine der allerbesten Arten der Erlösung eines solchen reinen Vernunftgeistes aus seiner Sphäre. Es gibt aber deren eine gar große Menge in dieser euch beschaulichen Gegend, mit denen es nicht so leicht geht wie mit diesem. Solches ist besonders dann der Fall, wenn solche stoische Vernunftgeister auch noch, was eben nicht selten der Fall ist, einen bedeutenden Grad gelehrten Hochmutes in sich vereinigen. Einer solchen Bekehrung wäre es auch für euch nicht gut beizuwohnen; denn ihr könnt es gläubig annehmen, daß da nicht selten mehrere hundert Versuche scheitern. – Und so wollen wir auch diese Gegend wieder verlassen und uns in die Mittelschlucht tiefer einwärts begeben. Und somit gut für heute! – 28. Kapitel – Die Täler der Reichen, Gelehrten, Vernunft- und Verstandesmenschen. [GS.01_028,01] Sehet! da sind wir schon wieder auf dem ersten Standpunkte. Es graut euch wohl ein wenig, euch da hineinzubegeben; allein so viel Raum hat die Schlucht noch immerwährend zwischen schroffen Felswänden, daß wir recht bequem über den etwas riffigen Weg werden ziehen können. Auf dem Wege dorthin werdet ihr viele enge Talschluchten links und rechts entdecken. Zur linken oder mittägigen Seite haben diese Täler ganz dieselbe Bedeutung, wie wir sie gesehen haben im ersten Tale links, allda die Reichen der Erde wohnen. Der Unterschied besteht nur darin, daß die Bewohner dieser tiefer liegenden Täler an Wohltaten stets ärmer sind, obschon sie desto reicher waren auf der Erde an irdischem Vermögen. [GS.01_028,02] In den Tälern rechts ist die Wohnung für allerlei Gelehrte, Vernunft- und Verstandesmenschen. In einem je tieferen und mehr im Hintergrunde gelegenen Tale solche wohnen, desto mehr waren ihre Wißtümlichkeiten auf der Erde vom Herrn entfernt. Und da ihr solches wisset, so können wir unsern Weg auch mit gutem Erfolge beginnen und uns in jene Gegend begeben, allda ihr überaus Wichtiges sollt kennen lernen. Und so denn gehen wir! [GS.01_028,03] Ihr fraget, woher wohl diese Wasser kommen, die aus diesen Tälern von beiden Seiten her in diese enge Schlucht schießen und sich durch diese als ein reißender Gebirgsbach hinaus ergießen in des großen Meeres Bucht? Diese Wasser bedeuten die Wißtümlichkeiten und daraus entsprungenen Nutzwirkungen, welche solche Menschen vermöge ihres Verstandes und Vernunftlichtes auf dem Wege der Erfahrungen von der Naturmäßigkeit der Dinge entnommen haben. Die von der rechten Hand herkommenden sind, wie ihr sehet, viel trüber. Solches bezeichnet das viele Falsche, welches in all den gelehrten Wißtümlichkeiten vorhanden ist, und die etwas weniger trüben von der linken Seite her bezeichnen, daß die Reichen der Welt bei ihrem geringen wissenschaftlichen Reichtume aber dennoch besser zu rechnen verstanden denn die eigentlichen nackten Gelehrten. Daß die Wasser hier in dieser Schlucht zusammenstoßen, bedeutet, daß das Vermögen der Wissenschaft und das Vermögen an den Schätzen der Welt sich allzeit vereinigen und am Ende auf eins hinausgehen. Denn der Gelehrte sucht die Wissenschaft, um durch sie weltschatzreich zu werden, der Weltschatzreiche aber sucht die Wissenschaft, um mittels derselben sein Vermögen noch mehr zu erhöhen. Aus diesem Grunde erschaut ihr auch, daß die Wasser von der Linken her bei weitem nicht so stark brausen als die von der Rechten. Solches besagt auch noch, daß der Weltschatzreiche sich stets auf eine politische Weise unter den Gelehrten zu stecken weiß, um von dessen Gelehrsamkeit eines oder das andere für seinen spekulativen Bedarf zu gewinnen. – Solches wüßten wir jetzt auch, und so können wir wieder unsere Reise fortsetzen. [GS.01_028,04] Sehet, dort noch ziemlich weit im Hintergrunde steigt eine gerade, hohe Steinwand auf. Da hat unser Talwerk links und rechts auch ein Ende. Zuweilen öffnet sich diese Wand und bildet einen geräumigen Sprung. Wenn man zu der Zeit hinzukommt, so kann man da weiterdringen; wenn man aber einen solchen Zeitpunkt nicht trifft, so ist da kein Durchgang möglich. – Ihr fraget: Auch nicht auf diese Weise, wie wir uns in der nördlichen Gegend auf die Berge gehoben haben? – Ich sage euch: Hier auch auf diese Weise nicht, und zwar aus dem Grunde, weil ihr noch Irdisches an euch habt. Wir werden aber ohnehin den Zeitpunkt antreffen, wenn sich die Wand öffnen wird. Und da hinter der Wand sich sogleich eine überaus große Ebene ausbreitet, so werden wir bis zur Zeit des Sichwiederschließens der Wand leichtlich durch die ziemlich weite Spalte kommen. – Und sehet, hier sind wir schon bei der Wand. Geduldet euch nur ein wenig, und alsbald soll sie sich öffnen. Ich sage nun: Tue dich auf! – Und schon trennt sich die mächtige Wand; nun ist die Spalte groß genug, also nur hurtig durchgesetzt! Wir haben die Spalte glücklich passiert, und nun sehet euch um, wie die Wand schon wieder fest geschlossen ist. [GS.01_028,05] Aber jetzt seht vorwärts in die Gegend, in der wir uns befinden; wie gefällt sie euch? Ihr saget: Was ist das für eine Frage? Wie soll uns diese Gegend gefallen, in der es so finster ist, daß wir offenbar weiter greifen als sehen. Wir müssen uns bloß an dich anhalten, sonst wären wir offenbar verloren, denn wir sehen ja nicht einmal den Boden, den wir betreten, und wissen daher nicht, auf was wir gehen, sind es Steine, Sand, Unflat oder Gewässer. Denn, wie gesagt, wir sehen hier nichts, nicht einmal dich und uns selbst. [GS.01_028,06] Ja, meine lieben Freunde, hier ist es denn einmal so. Ihr fraget mich, ob auch in dieser Gegend allenfalls lebende Wesen existieren? Ich aber sage euch: Es ist nicht leichtlich irgendeine Gegend so bevölkert wie diese; denn hier kann man im Ernste sagen: In diesem Markte der Finsternis wimmelt es von Menschen. [GS.01_028,07] Ihr möchtet wohl ein wenig Licht haben, damit wir doch örtlicher Weise etwas auszunehmen vermöchten? Ich aber sage euch: Es würde uns nicht gut zustatten kommen, so wir uns hier eines Lichtes bedienten, denn wir würden sodann alsbald von den Bewohnern dieser Gegend nahe also umringt sein wie ein Würmchen, wenn es auf einen Ameisenhaufen fällt. Allein geduldet euch nur ein wenig; es wird sich unser Auge gar bald so erweitern, daß wir, einer Nachteule gleich, auch in dieser Finsternis etwas zu schauen bekommen werden; und so denn bewegen wir uns noch ein wenig vorwärts. Nun, seht ihr schon etwas? Ihr saget: Ganz schwach fangen wir wohl an, wahrzunehmen, daß der Boden, auf dem wir stehen, zumeist lauter Sand ist; und da vor uns scheint sich etwas zu bewegen. [GS.01_028,08] Ja, ihr habt recht; gehen wir daher nur darauf zu und ihr sollt sobald mehr ins Klare kommen, was sich da bewegt. – Nun sehet, das sich Bewegende bewegt sich auf uns zu. Sehet, es ist eine zuammengebückte, armseligst aussehende Menschengestalt. Wollt ihr sie fragen, wer sie ist? Ihr getrauet euch nicht, so will ich solches tun. Und so höret denn; ich will die Gestalt anreden. [GS.01_028,09] Was machst du hier, armseliges Wesen? Woher bist du? Die Gestalt spricht: Ich bin schon bei drei Erdjahren in dieser Gegend und laufe umher als ein wildes Tier und finde nichts, damit ich meinen großen Hunger stillen könnte. Warum ich nach meinem Ableben auf der Erde in solch eine miserable Gegend habe kommen müssen, weiß ich durchaus nicht. Ich war auf der Erde ein großer Herr und hatte ein großes Amt inne. Dieses Amt habe ich stets als ein rechtlicher und treuer Beamter verwaltet; ich ließ mich durch gar nichts bestechen, sondern handelte strenge nach dem Gesetze und erfüllte somit meine Pflicht zur allseitigen Achtung, wurde sogar von meinem Monarchen geachtet und ausgezeichnet. Ich tat aus meinem amtlich verdienten Einkommen freiwillig so manches Gute und lebte in jeder Hinsicht als ein nachahmungswürdiges Beispiel. Als ich aber dann das Zeitliche verließ, da kam ich in diese schauerliche Gegend, in der ich schon, wie gesagt, bei drei Jahre lang umherirre, und nirgends ist ein Ausweg zu finden. [GS.01_028,10] Und ich, euer Führer, frage ihn weiter: Mein guter Freund, solches mag ja alles sein; hast du aber auch bei all deiner Amtierung je an Christum, den Herrn, gedacht und geglaubt? Hast du je aus Liebe zu Ihm etwas getan? Und hast du wohl alle noch so gemeinen Menschen als deine Brüder betrachtet? Sage mir, wie steht es da? – Der Armselige spricht: Wie kann ein gebildeter Mann an so einen Alten-Weiber-Christus glauben? Dessen ungeachtet aber habe ich, um niemandem ein politisches Ärgernis zu geben, alle christlichen Torheiten mitgemacht. Wer könnte wohl so töricht sein und von einem Manne, der ein hohes Staatsamt bekleidet, verlangen, daß er die rohen Gassenschlingel für seine Brüder betrachten sollte? Und aus Liebe zum Alten-Weiber-Christus etwas zu tun, da müßte man doch erst im Ernste also närrisch werden, an einen solchen Christus zu glauben, dann erst sehen, ob man aus einer gewissen Liebe zu Ihm etwas tun könnte. Ich glaubte aber dessen ungeachtet an einen Gott und dachte oft bei mir selbst: Wenn dieser Gott gerecht ist, was er doch offenbar sein muß, so muß er einem gerechten Manne, wie ich einer bin, falls es nach dem Tode ein Leben gibt, auch die volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. – Daß es nach dem Tode ein Leben gibt, solches erfahre ich drei schauerliche Jahre schon; denn so lange dürfte es wohl sein, daß ich hier gleich einem wilden Tiere umherirre. Aber leider muß ich in diesem Zustande erfahren, daß es keinen Gott gibt; denn wäre irgendein Gott, so müßte er mich so gut ansehen, wie mich mein Monarch angesehen hat. Da aber sicher alles nur ein Werk des blinden Zufalls ist, so bin ich auch wieder in diesen blinden Zufall zurückgekommen und muß nun erwarten, was dieser wieder aus mir machen wird. Habt ihr aber etwas für den Magen, so gebt mir etwas zu essen; denn ich bin übermäßig hungrig und habe keine Nahrung außer ein zufällig angetroffenes Moospflänzchen. [GS.01_028,11] Und ich, euer Führer, spreche zu ihm: Höre, Freund! Es gibt einen Gott, der gerecht ist, und dieser Gott ist kein anderer als dein Alter-Weiber-Christus! Solches sei dir ein Gnadenstrahl, auf daß du wissest, an wen du dich zu wenden hast, wenn es dir noch schlechter gehen sollte denn jetzt. [GS.01_028,12] Siehe, was du getan hast, wenn es auch an und für sich noch so gerecht war, so hast du solches alles lediglich aus deiner Eigenliebe getan; denn deine Liebe war dein rechtliches Ansehen und darnach das allseitige Wohlgefallen und die hohe Schätzung der Welt. Daher hast du auch nichts mitgebracht als deine eigene Liebe, welche seit der Zeit kein Licht hat, da ihr das Licht der Welt genommen ward. Das Licht des Geistes und seine Gerechtigkeit aber ist Christus! Wende dich in deinem Herzen an Ihn, so wird dir – nach dem gerechten Maße deiner Wendung – Licht und Brot werden; und nun verlasse uns! [GS.01_028,13] Sehet, wie er nun nachdenkend dahinschleicht; und merket ihr, wie über ihm das schwarze Gewölk eine leichte Grauhelle bekommt? Das rührt daher, weil er nun angefangen hat, über Christum nachzudenken. Doch gehen wir weiter, und es werden sich uns noch bei weitem interessantere Fälle darbieten. 29. Kapitel – Im Reiche der Finsternis des Unglaubens. [GS.01_029,01] Sehet, in geringer Ferne von uns rührt sich schon wieder etwas, merket ihr es? Ihr saget: O ja! Wenn uns unser Auge nicht täuscht, so sind es diesmal zwei überaus hagere und völlig bis auf die Knochen abgezehrte männliche Wesen. – Ihr habt recht; daher machen wir nur eine Bewegung, und wir werden sie alsbald eingeholt haben. Seht, hier sind sie schon. Noch merken sie nichts von unserer Gegenwart, und das ist vor der Hand gut; denn so können wir sie belauschen, was sie miteinander für Worte führen. Diesen Zweien werden wir uns auch nicht zeigen, sondern am Ende bloß auf ihr Gefühl eine Einflüsterung ergehen lassen, welche so gestellt sein soll, daß sie einen oder den andern möglicherweise auf einen andern Gedanken bringt. Und so denn öffnet euer Ohr und höret, denn soeben werden sie von der Hauptsache miteinander Worte zu wechseln beginnen. [GS.01_029,02] Der A spricht: Also geht’s dir, mein schätzbarer Freund, nun auch nicht besser denn mir; wie lange verweilst du schon an diesem Orte? Der B spricht: Mein geachteter Freund, nach meinem Gefühle dürften es noch kaum einige Wochen sein; wie lange aber bist denn du schon hier? Der A spricht: Mein schätzbarer Freund! Es dürften nach meinem Gefühle wohl schon etliche zwanzig Jahre sein. Der B spricht: Mir ist es rein unbegreiflich, wie ich hierher gekommen bin; denn du kannst mir glauben, da du als ein greiser Mann mich noch als einen tätigen Jüngling von etlichen zwanzig Jahren gar wohl gekannt hast, ich habe stets also gelebt, wie ich es meiner Erkenntnis zufolge für rechtlich und billig gefunden habe. Ich verrichtete mein geistliches Amt mit großer Treue, hatte nie, was die Satzungen der Kirche betrifft, nur einen Buchstaben unerfüllt gelassen. Ich predigte allzeit vollkommen im Geiste der alleinseligmachenden Kirche; ich unterstützte, soviel es nur immer tunlich war, nach Möglichkeit diejenigen, die ich wahrhaft als dürftig erkannte, d. h. mit andern Worten, die ohne ihr Verschulden in die Armut versunken sind. Ich gab doch tagtäglich in dem heiligen Meßopfer Gott die Ehre und weiß mich keines Tages zu erinnern bis zu meiner letzten Stunde, daß ich das Brevierbeten hintangesetzt hätte. Ich fügte mich allen Anordnungen der kirchlichen Oberhäupter und wäre imstande gewesen, auf Leben und Tod zu kämpfen für die Rechte der heiligen Kirche. Ich war streng im Beichtstuhle und glaube auch, gar viele Seelen für den Himmel gewonnen zu haben; und ich habe im Sinne der Lehre Christi die Dürftigen beteilt, die Hungrigen gespeist, die Durstigen getränkt, die Nackten bekleidet, die Gefangenen erlöst, und erwartete dadurch nach dem Ableben, besonders da ich mich noch obendrauf eines vollkommenen Ablasses von seiten seiner Heiligkeit des Papstes versichert habe, ganz sicher in den Himmel zu kommen. [GS.01_029,03] Allein was für eine Bewandtnis es mit dem von mir sicher erhofften Himmel hat, das siehst du hier so gut wie ich. Ich habe es, weißt du, lieber Freund, bei mir so ganz heimlich wohl oft gedacht, aber freilich nie öffentlich ausgesprochen, daß das Christentum samt Christus nichts anderes ist als ein kultiviertes Heidentum und habe daher auch auf Christum samt der Dreieinigkeit wenig Vertrauen gesetzt; und da ist es jetzt klar genug vor mir, wie sehr ich in diesem meinem heimlichen Mißtrauen recht hatte. – Nun, was sagst denn du dazu? [GS.01_029,04] Der A spricht: Ja, mein lieber, schätzbarer Freund, was sollte ich dazu sagen? Ich war kein Priester, lebte aber dessen ungeachtet, man kann sagen, beinahe strenge also, wie mich, versteht sich von selbst, die besseren Priester belehrt haben. Ich hatte wohl auch gewisserart so manchen Zweifel; aber ich dachte mir dabei, es sei dem, wie es wolle, ich lebe ganz ruhig also, wie ich zu leben von den Priestern gelehrt wurde; es kann für mich ja unmöglich gefehlt sein. Denn ich dachte mir: ist ihre Lehre falsch und ein Unsinn, so haben sie es zu verantworten; ich selbst aber wasche mir die Hände. Und wenn Gott im Ernste ein so gerechter Richter ist, wie alle die Priester auf den Kanzeln von Ihm geprediget haben, so muß Er mich belohnen, vorausgesetzt, daß Er wirklich ist; gibt es aber keinen Gott, dann ist ja ohnehin alles eins, wie man lebt. Gibt es ein Leben jenseits, so muß dieses doch sicher entsprechend sein dem allzeit ehrlichen Charakter eines Menschen; und gibt es kein Leben nach dem Leibestode, so wird es auch sicher wenig daran gelegen sein, wie jemand auf der Erde gelebt hat. Du kannst nun daraus ersehen, daß ich auf der Welt als ein vollkommen ehrlicher, kluger und treuegehorsamer Mann gelebt habe; nun bin ich schon so lange hier, und das ist der Lohn! [GS.01_029,05] Nichts als eine beinahe undurchdringliche, überaus frostige Nacht, von keinem noch so trüben Tage mehr abgewechselt außer einigem besandeten Moose keine Nahrung, und dieses alles sollte etwa mit der von euch Priestern oft gepredigten Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes übereinstimmen?! Ich denke jetzt schon über zwanzig Jahre nach, ob es einen Gott gibt oder keinen; und wo ich immer jemandem begegne und mich mit ihm über diesen Punkt bespreche, so weiß er am Ende um kein Haar mehr denn ich. Es nimmt mich daher auch um so mehr wunder, daß du, ein gewesener Priester, der doch immer für das sogenannte Reich Gottes gearbeitet hat, eben mit demselben Lose beteiligt bist wie ich. Ich meine, wir sind alle zusammen mit Christus angeschmiert; denn es ist mir gar oft rätselhaft vorgekommen, wie sich ein Gott habe können töten lassen! Die alten, weisen Hebräer kannten Christum sicher besser als wir und wußten daher Ihn als einen jüdischpietistischen Schwärmer gehörig aus dem Wege zu räumen und haben Ihn dann schön sauber den früher glücklichen Römern als eine pfiffige Prämie darum in die Arme gespielt, weil ihnen diese ihre Königsstadt zerstört haben. Sie blieben für sich bei ihrem alten Gott, der doch offenbar ein viel göttlicheres Aussehen hat, denn unser Gekreuzigter. Nur wir mußten hernach zufolge des jüdischen Geniestreiches den Gott annehmen, der bei ihnen das schimpflichste Wesen war. – Ich meine, solches ist bereits mit den Händen zu greifen; denn wäre an dem Christus etwas, so müßte hier in dieser, ich kann dir sagen, endlos großen Weltsphäre doch einer etwas Reelles von Ihm wissen. Aber da kannst du Tausenden begegnen, die du alle als lauter nüchterne und bescheidene Menschen erkennen mußt, und nicht einer weiß eine Silbe von Ihm. Ich kann dir sagen: Ich bin schon mit Menschen zusammengekommen, die ein- bis zweitausend Jahre schon sich in dieser Gegend befinden und sich das Moosfressen auch schon vollkommen angewöhnt haben. Diese waren doch gleichzeitig mit dem Christus auf der Erde, falls es, unter uns gesagt, je einen Christus gegeben hat, und diese wissen von Ihm geradesoviel wie wir; manche darunter geben vor, diesen Namen nie gehört zu haben. Siehe, das sind so meine Ideen, die ich im Verlaufe meines Hierseins und mitunter auch wohl schon in meinem Leibesleben ganz heimlichermaßen zuwegegebracht habe; wie gefallen sie dir? [GS.01_029,06] Der B spricht: Mein schätzbarer Freund, ich muß dir offen gestehen, daß deine Ideen sehr viel für sich haben. Anderseits kann ich jedoch das wieder von den weisen Juden, die die Kenntnis von dem rechten Gotte hatten, nicht als völlig wahr annehmen, daß es ihnen darum sollte zu tun gewesen sein, aus Rache gegen eine große Nation, wie die Römer waren, einen quasi Galgenschlingel denselben als einen Gott an den Hals zu werfen. Es hat gerade um dieselbe Zeit unter den Römern auch die weisesten Männer gegeben, und darnach wäre es eben nicht zu vernunftgemäß, diese große und weise Nation für so dumm zu halten, daß sie statt ihrer gepriesenen und viel besungenen bedeutungsvollen Götter einen so erbärmlichen Austausch hätten machen sollen. [GS.01_029,07] Da du mir aber schon deine Meinung in dieser Hinsicht kundgetan hast, so will ich dir mich auch näher aufschließen und will dir kundgeben, was ich bei mir in meinem Leibesleben eben nicht selten gedacht habe, und dieses Gedachte lautet also: Die Römer, namentlich der römische Priesterstand, haben es heimlich gemerkt, daß es für die Länge mit all ihren Gottheiten sich nicht mehr tun wird. So suchten sie nach und nach für das stets mehr sinnlich gewordene Volk eine sinnlichere Mythe, machten es dabei so, daß sie vorgaben, als habe sich der oberste Gott Jupiter der Menschheit überaus erbarmt. Und da unter allen Völkerstämmen die jüdische Nation dem wahren Göttertume am entferntesten war, so habe sich Jupiter selbst herabgelassen und habe sich in die Gestalt eines Juden begeben und das Volk die Wahrheit der rechten Gotteslehre Roms gelehrt. Solche Lehre war den Juden ein Greuel, besonders weil sie die Römer zu der Zeit gar übel im Magen hatten. Sie boten daher alles auf, um diesen wahren Gott Jupiter in der menschlichen Gestalt zu verdächtigen. Pilatus habe gar wohl gewußt, was hinter Christus steckte; darum habe er Ihn auch soviel als möglich verteidigt. Da aber die Juden sich durchaus nicht besänftigen ließen und den Pilatus selbst als einen Mitrebellen bei dem Kaiser zu verklagen drohten, so dachte Pilatus bei sich: Ich übergebe euch den Allmächtigen; Er wird es sicher besser wissen als ich, was Er mit Sich wird machen lassen. Dieser hatte Sich dann pro forma auf die römische Art von den Juden kreuzigen lassen, stand aber dann als Jupiter gar leichtlich wieder vom Tode auf und ließ dann den Hohenpriestern zu Rom melden, was sie nun zu tun hätten. Diesen Priestern war das ein gewünschtes Wasser auf ihre Mühle, und sie lehrten dann das Volk also, wie sie sich diese Mythe im Einverständnisse mit den Römern im Judenlande ausgedacht hatten. Sie erdichteten mit der Zeit noch eine Menge Blutzeugen hinzu, mochten wohl auch im Einverständnisse mit den Kaisern entweder einige wirkliche oder blinde Grausamkeiten verübt haben und schwatzten hernach dem dummen Volke eine Menge Wundererscheinungen bei solchen Gelegenheiten vor. So ging das alte, schon morsch gewordene Heidentum unter immer demselben Pontifikate auf uns über, und wir sind notgedrungen Tölpel genug gewesen, solch einen wahren Philisterstreich als bare Münze anzunehmen. Dafür aber repräsentiert sich meines Erachtens hier auch vollkommen der Lohn unseres neukreierten Heidentums. [GS.01_029,08] Der A spricht: Mein schätzbarer Freund! Ich muß dir offenherzig bekennen, deine Meinung hat offenbar mehr für sich als die meinige, nur verstehe ich dann nicht, wie man bei solch einem pfiffigen Unternehmen dann das neukreierte Heidentum auf das Judentum hat basieren können. Meines Wissens, soviel ich aus den sogenannten Evangelien weiß, bezieht sich der Christus ausschließend auf die sogenannten Propheten der Juden, und es läßt sich dann wohl nicht leichtlich annehmen, daß die stolzen, weisen Römer zur Kreierung einer einträglichen Religion sich der Religion der ihnen über die Maßen verächtlichen Juden bedient hätten. Ferner muß ich dir ganz offen bekennen, daß die absolute Lehre Christi, bis auf manche unbedeutende Wunderalbernheiten, an und für sich eine ganz menschlich kluge Lehre ist und taugt meines Erachtens am allerwenigsten für die nur allzubekannte römische Habsucht. Aus dem Grunde läßt sich eben nicht gar zu leicht erweisen, daß sie ein Werk des römischen Priestertumes ist, wohl aber ist sie sicher ein Werk der Juden; denn man weiß es aus der Geschichte nur zu bestimmt, wie sehr sich die Römer gegen den Eingang dieser Lehre gesträubt haben! [GS.01_029,09] Der B spricht: Mein geschätzter Freund! In dieser Hinsicht bist du viel zu wenig eingeweiht in die geheimen Schleichwege des Priestertums. Du hast in der Geschichte wohl gelesen, daß sich verschiedene römische Kaiser tätigst gegen die Einführung dieser Religion gesetzt haben; nenne mir aber auch einen römischen Pontifex, der sich namentlich dawider gesträubt hätte. Siehe, also war die Sache fein abgekartet, und diese neukreierte Religion hätte nie einen besseren Eingang gefunden als eben durch die notwendig scheinbar grausame Widersträubung der römischen Kaiser. – Daß diese neukreierte Religion auch auf das Judentum basiert wurde, hat ja den mit Händen zu greifenden Grund, weil die römischen Weisen bei der Gelegenheit ihrer vielseitigen Eroberungen eine hinreichende Gelegenheit hatten, mit vielen Religionen Bekanntschaft zu machen und konnten dadurch sehr leicht finden, daß eine neu zu kreierende Religion auf keine besser zu basieren ist denn gerade auf diese jüdische. Darum haben sie auch ihren menschgewordenen Zeus aus sehr weisen Gründen im Judenlande auftreten lassen; denn sie wußten es genau, daß es mit allen anderen Religionen ein noch morscheres Verhältnis habe denn mit der ihrigen. [GS.01_029,10] Der A spricht: Ja, geachteter Freund, jetzt bekommt deine Sache freilich ein ganz anderes Gesicht, und ich kann nun nicht umhin, ganz deiner Meinung beizupflichten. Ja, ja, wäre es nicht also, woher käme sonst diese Gold- und Silbergier des noch gegenwärtigen römischen Pontifikats? Dessen ungeachtet aber muß ich dir doch auch hinzu bekennen, daß die eigentliche reine Sittenlehre Christi, rühre sie, woher sie wolle, über alle Kritik erhaben gut ist. Solches hat mich auch noch zuallermeist an das Christentum gehalten. Daß sich mit der Zeit manche eigennützige Schmarotzerpflanzen auf diesen reinen Baum angeklebt haben, solches, erlaube mir, ist auch unverkennbar, und so muß ich dir sagen, und es kommt mir eben dazu gerade jetzt eine Idee: Wenn ich möglicherweise je irgend einem solchen reinen Christus begegnen würde, wahrlich, ich könnte Ihm unmöglich feind sein! [GS.01_029,11] Und der B bemerkt: Ja, wenn es einen gäbe, da wäre ich auch dabei; aber darin liegt ja eben der Hund begraben! Und der A bemerkt: Weißt du was, nehmen wir uns vor, das Grab dieses deines Hundes zu suchen; und haben wir es gefunden, so haben wir doch wenigstens ein Sinnbild der Treue gefunden! – Sehet, über dem A wird es schon etwas heller, aber über dem B noch lange nicht; und da wir hier nichts mehr zu tun haben, so begeben wir uns wieder weiter! 30. Kapitel – Ein geistlicher Philosoph und eine Betschwester. [GS.01_030,01] Sehet, wenn ihr bestimmen könnt, etwa fünfzig gewöhnliche Schritte vor uns könnt ihr schon wieder ein anderes Pärchen erschauen. Gehen wir nur gerade darauf zu, und wir wollen sie sogleich erreicht haben. Auch dieses Pärchen soll unser nicht ansichtig werden. Es hat schon ein Ständchen in der Absicht; also gehen wir nur munter darauf zu, damit wir wieder etwas Neues erfahren. – Nun, wir sind schon bei ihm, und wie ihr sehet, so ist diesmal an diesem Paare ein geschlechtlicher Unterschied zu bemerken. Ein überaus hageres, mühselig aussehendes Weib und ein nahe bis auf den letzten Blutstropfen abgezehrter Mann, der noch kaum so viel Kraft zu haben scheint, um sich mühseligst mit der genauesten Not fortzuschleppen. Sehet, sie reicht ihm ihre Hand und heißt diese Begegnung willkommen. [GS.01_030,02] Horchet nun, was diese zwei miteinander alles abmachen werden. Sie spricht: Grüß‘ euch der liebe Himmel! Mich freut es recht von ganzem Herzen, daß uns der liebe Zufall endlich einmal zusammengeführt hat! Aber ich muß Ihnen gestehen, ich hätte nicht geglaubt, an solch einem Orte Sie zu treffen; denn ich habe immer geglaubt, Sie sind schon Gott weiß wie selig im Himmel, weil Sie, soviel ich mich erinnern kann, auf der Welt ein gar so frommer und rechtschaffener Mann waren. Sie waren ja ein hochgelehrter Herr Professor für die Geistlichkeit, und es sind von Ihnen so viele brave und würdige Geistliche in die Seelsorge übergegangen. Und nun, du mein lieber Himmel – muß ich Sie so elend hier in diesem miserablen Orte antreffen, in welchen ich, weiß der liebe Gott warum, auch vor zwei Monaten gekommen bin. [GS.01_030,03] Und er spricht: Ja, meine schätzenswerte Freundin, es tut mir recht leid, daß Sie sich auch hier befinden; aber es ist denn einmal also. Sie sind hier als eine Betrogene und ich ebenfalls als ein Betrogener. Wir haben uns auf der Welt (der Himmel wird es wissen, wenn es irgend einen gibt) was alles für goldene Hoffnungen von einem jenseitigen glücklichen Leben gemacht. Allein wie glücklich dieses Leben und was der Lohn für alle guten Handlungen auf der Welt ist, solches erfahre ich nun schon mehrere Jahre und Sie, meine schätzenswerte Freundin, nach Ihrer Aussage auch schon zwei Monate lang. [GS.01_030,04] Sie spricht: Nein, aber du mein lieber Himmel! Wenn ich zurückdenke, was für ein strenges Leben Sie geführt haben und haben auf der Welt nichts Gutes gehabt. Wenn Sie gepredigt haben, so haben ja doch alle in der Kirche geschluchzt und geweint, und was für schöne Lehren und Ermahnungen Sie einem in der Beichte gegeben, und wie andächtig Sie das heilige Meßopfer verrichtet haben, so kann ich wirklich nicht begreifen, wie Sie da hergekommen sind. Für unsereins ist das schon begreiflicher, denn man hat so manche Sünden vielleicht in der Beichte verschwiegen, weil man sich derselben trotz aller Gewissenerforschungsmühe nicht hat erinnern können. Aber wie Sie, der das doch alles gekonnt und sicher sein Leben und all sein Tun und Lassen bis auf ein Haar durchforscht hat, da hergekommen sind, das, wie ich schon einmal gesagt habe, wird der liebe Himmel wissen, wenn es einen gibt, wie Sie gerade gesagt haben. Haben Sie denn gar keine Mutmaßung, warum Sie da hergekommen sind? [GS.01_030,05] Er spricht: O meine schätzbare Freundin! Ich habe nur zuviel Mutmaßung; aber diese meine Mutmaßung werden Sie nicht leichtlich verstehen. Sie spricht: Oh, ich bitte Sie, sagen Sie mir nur keckweg etwas davon; wer weiß, ob mir solches nicht frommen kann. Er spricht: Nun wohl, ich will Ihnen ja so manches mitteilen, will aber übrigens nicht schuld sein, wenn es Ihnen nichts nutzen sollte; und so sage ich es Ihnen denn rund heraus, was meine Mutmaßung ist. [GS.01_030,06] Ich mutmaße, daß es weder einen Gott noch irgendeinen Himmel gibt, und mutmaße aus gar guten Gründen, daß wir Menschen nichts als Werke der Natur sind. Wenn das Grobmaterielle von der naturmäßigen Lebenskraft gleich einer Hülse hinwegfällt, so erhält sich die naturmäßige Lebenskraft noch eine Zeitlang fort. Nach und nach aber stirbt sie auch ab; die Kraft zerstreut sich im Raume so wie die Kraft des Pulvers außer der Mündung einer Kanone, und mit den sich viel erhoffenden und erwartenden Menschen ist es dann auf ewige Zeiten aus. Wenn Sie mich so recht ansehen und betrachten, wie ich mich schon der endlichen gänzlichen Auflösung und Vernichtung nahe, so wird Ihnen meine Mutmaßung selbst in dieser stockfinsteren Nacht noch klarer werden als auf der Welt die Sonne am hellen Mittage. [GS.01_030,07] Sie spricht: Ach du mein lieber Himmel, wenn es einen gibt, was Sie da sagen! Das ist ja schrecklich; ja, ja, Sie müssen’s denn doch besser wissen als ich. Ich habe mir wohl auch auf der Welt so manchmal gedacht, wie es mir einmal ein recht gescheiter und vornehmer Herr gesagt hat, daß nämlich nach dem Tode nichts mehr ist. Jetzt sehe ich es erst ein, daß dieser Herr die Wahrheit geredet hat; und so wird es mir mit der Zeit auch so gehen, wie es jetzt Ihnen geht. Auf der Welt habe ich doch, wenn’s mir recht übel ergangen ist, sagen können: Mein Gott und mein Herr! Verlaß mich nicht! – Aber was kann ich jetzt tun, so es keinen Gott gibt? Möchten Sie, mein schätzbarer Freund, denn nicht auch noch sagen, was es denn hernach mit Christus und Seiner allerseligst sein sollenden Jungfrau und Mutter Maria für eine Bewandtnis hat? Und warum haben wir denn müssen auf der Welt zu diesen beiden so viele Rosenkränze beten, und warum haben Sie so viele und andächtige Messen gelesen, wenn das alles sich so verhält, wie Sie mir gesagt haben? [GS.01_030,08] Er spricht: Ja, meine liebe Freundin, darüber bin ich auch erst hier so recht ins klare gekommen. Die großen Herrn auf der Welt könnten das gemeine Volk ja nicht bändigen, wenn sie nicht irgendeinen Gott und sonach irgendeine Religion für dasselbe erfunden hätten. Durch die Religion aber haben sie ein leichtes Spiel, den dummen Pöbel im Zaume zu halten. Dieser arbeitet dann recht fleißig für sie, damit sie sich, unbekümmert um irgendeine Arbeit, in ihren Palästen und Schlössern auf weichen Betten und Stühlen recht mästen können. Darum werden auch allenthalben Geistliche und Lehrer aufgestellt, die selbst in der gehörigen Dummheit erhalten werden, um mit dieser Dummheit dann auch den gemeinen Pöbel zu verdummen. Wenn aber irgend solche Geistliche recht gescheite Leute werden, so werden sie auch bald befördert, damit sie dann auch recht gut leben können, um durch ihren Verstand den Großen nicht gefährlich zu werden. Um aber einer solchen Religion, die an und für sich nicht ist, irgendeinen bedeutungsvollen Anstrich zu geben, muß sie mit allerlei mystischer, d.h. nichtssagender Zeremonie geschmückt sein; sonst würde sie bei dem gemeinen Pöbel nicht die erforderliche Wirkung hervorbringen. – Sehen Sie, meine schätzbarste Freundin, also war es ja auch mit mir der Fall. [GS.01_030,09] Ich habe auf der Welt bei mir selbst recht gut eingesehen, daß es mit dem jenseitigen Leben eine ganz andere Bewandtnis hat, als ich es selbst von der Kanzel gepredigt habe. Ich habe mich darüber, versteht sich, nur ganz vertraulich bei den großen, machthabenden Herren geäußert und habe darüber um Aufklärung gebeten. Allein was die Aufklärung betrifft, da ist mir keine zuteil geworden, aber dafür kam mir bald, ich weiß selbst nicht wie und warum, eine bedeutende Beförderung zu; ich ward ein gut besoldeter Professor und endlich gar ein Direktor des Seminariums. Ich meine aber, die Herren haben eingesehen, daß ich für einen unteren Posten zu gescheit war, daher gaben sie mir einen besseren, damit ich, durch das eigene Interesse genötigt, mit meiner Gescheitheit nur nützen, aber nicht schaden möchte. Ich habe zwar allezeit als ein grundehrlicher Mann gelebt; aber was von mir dumm war und ich noch jetzt bedaure, war das, daß ich fürs erste dennoch nicht vollkommen eingesehen habe, daß ich mit solch einer Beförderung betrogen war; und fürs zweite, daß ich in meiner gut einträglichen Stellung ein, wenn auch nur scheinbar, so dennoch für mein eigenes Wohl zu töricht geistlich strenges Leben geführt habe. Ich habe mir dabei freilich gedacht, solch ein sich verleugnendes Leben wird mir sicher in kurzer Zeit eine bischöfliche Würde zuschanzen. Allein ich habe mich gewaltig verrechnet, denn die großen Herren haben es genau berechnet, daß ich für den mir erteilten Posten den gehörigen Grad der Dummheit besitze, von wo ich ihnen nicht mehr gefährlich sein kann; daher beließen sie mich auch sorglos in meiner Stellung. Sehen Sie, meine geschätzte Freundin, so steht es mit allem auf der Welt, was die Religion betrifft; darum sagte ich auch gleich anfangs, daß wir beide betrogen sind. [GS.01_030,10] Sie spricht: Nein, jetzt gehen mir auf einmal alle Lichter auf! Hätte ich das doch nur auf der Welt gewußt, wie hätte ich da lustig leben können! Denn ich war, wie man gesagt hat, ein schönes und dabei auch recht wohlhabendes Mädchen. Wieviel saubere junge Männer haben sich um meine Gunst beworben; aber ich getraute mich aus lauter Religion beinahe keinen anzuschauen, bin unserem Herrgott und der seligsten Jungfrau Maria zulieb eine alte Jungfrau geblieben und habe obendrauf noch fast mein ganzes Vermögen schon bei meinen Lebzeiten der Kirche vermacht. – [GS.01_030,11] O wie dumm war ich! Wäre ich lieber eine lustige Hure geworden, so hätte ich doch einmal etwas genossen! So aber hat sich an mir das gemeine Sprichwort bestätigt, daß nämlich eine langsame und dumme Sau nie zu einem warmen Bissen kommt. Na, mein bester Freund, wenn es wirklich so ist, wie Sie sich da ausgesprochen haben, da möchte ich doch alles zu verwünschen und zu verfluchen anfangen, aber nein! Ich will es nicht tun. Wenn es mir recht schlecht gehen wird, so will ich mir, wenn auch gewohnheitshalber, dennoch mit der Anrufung Gottes und der seligsten Jungfrau Maria helfen. Auf der Welt, kann ich mich denn doch erinnern, hat mir einige Male die Anrufung Christi und der lieben Frau offenbar geholfen, und ich meine, ist daran nichts gelegen, so habe ich durch diese Anrufung, wenn schon nichts gewonnen, so doch auch nichts verloren. – Ich kann mir freilich wohl gerade keinen Vorwurf machen, als hätte ich durch meinen Lebenswandel mir etwa solch eine Strafe verdient, nun in diesem finstern Orte zu sein, außer daß ich’s mit den Geistlichen vielleicht manches Mal zuviel gehalten habe, d.h. Ehre und Sittlichkeit ausgenommen, denn in diesen Stücken habe ich mir nie etwas vergeben. Aber so manches Mal habe ich mir schlecht vorkommende Menschen verunglimpft, habe über sie losgezogen und sie manchmal auch, freilich allzeit nur bei der Geistlichkeit, recht ausgerichtet. Ich habe mit ihnen auch alle Lutheraner, Juden, Türken und Heiden im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des hl. Geistes verdammt; aber das haben die geistlichen Herren gesagt, daß man als eine rechtgläubige Christin solches gar tun müsse. Sie sagten wohl freilich auch, daß man dabei auch für sie beten solle, damit sie zur rechten Religion übertreten könnten; und so habe ich auch das getan und habe sie zuerst, wie sich’s gehört, verdammt, und dann habe ich für sie gebetet. Es müßte also nur das etwa gefehlt gewesen sein, sonsten wüßte ich wirklich nichts. Den Armen habe ich auch gegeben, freilich eben nicht zuviel, habe lieber mein Vermögen der Kirche vermacht, weil ich mir gedacht habe, daß die Geistlichen es besser werden verteilen können als ich. – Und so bin ich, je mehr ich über mich nachdenke, richtig „ganz unschuldig“ da hergekommen; aber natürlicherweise, wenn es also ist, wie Sie es früher gesagt haben, da hätte mir das eine so wenig als das andere geschadet oder genützt. [GS.01_030,12] Aber, wie gesagt, ich bleibe bei der Anrufung Gottes und der lieben Frau und will mich denn auch auf diesem Orte so lange fortschleppen, wie es sich tun wird. Vielleicht komme ich mit der Zeit wieder zu jemand anderem, der mir etwas Besseres wird sagen können als Sie, mein übrigens ganz schätzbarer Freund. – Und so leben Sie denn wohl; denn das sehe ich schon ein, daß ich in Ihrer Gesellschaft nicht glücklicher werde. Mir wäre es auch viel lieber gewesen, wie ich’s jetzt empfinde, daß ich mit Ihnen gar nicht zusammengekommen wäre! Denn jetzt sehe ich es recht klar ein, daß die Dummheit glücklicher ist als aller noch so scharfe Verstand. [GS.01_030,13] Ich bin nur froh, daß ich nicht in das von mir so oft gefürchtete „Fegefeuer“ gekommen bin, oder gar in die Hölle; denn mir geht’s im Grunde doch nicht gar so schlecht, da ich keinen Schmerz empfinde, außer den Hunger. Den muß ich freilich wohl mit Gras stillen, was sich hier noch reichlich vorfindet; wenn’s aber nur sonst nicht ärger wird, an diese Kost will ich mich schon noch recht gewöhnen. Und so leben Sie denn wohl! [GS.01_030,14] Er spricht: Ja, ja, leben auch Sie wohl und sehen Sie zu, daß sie mit ihrem Grasfressen recht zunehmen; ich wünsche Ihnen allzeit einen guten Appetit. – Übrigens war ich noch nicht so glücklich, auf reichliche Grasplätze zu kommen, sondern Moos, und das sehr sparsam, war bisher meine einzige Nahrung. [GS.01_030,15] Sehet, die beiden entfernen sich; er zieht sich gegen die mehr nördliche, sie aber gegen die mehr mittägige Seite hin [GS.01_030,16] Ihr fraget und saget: Wie sich diese in dieser Gegend befindet, sehen wir selbst so ganz eigentlich nicht ein; was ihn betrifft, so scheint solches nach seiner Äußerung seinen guten Grund zu haben. [GS.01_030,17] Meine lieben Freunde! Solches solltet ihr wohl auf den ersten Blick einsehen. Wie ist wohl die Liebe desjenigen beschaffen, der ein allfälliges von ihm erkanntes Gutes entweder eines gleich erfolgbaren oder eines künftigen Lohnes wegen tut? Ist das nicht Eigenliebe? – Denn wer das Gute und Rechte tut was immer für eines eigenen Nutzens wegen, der liebt sich selbst über die Maßen und bietet alles auf, um sich selbst möglichst wohl zu versorgen. So war es auch dieser lediglich um den Himmel zu tun, für den sie ihr ganzes Hab und Gut also hergegeben hat, wie sich ein anderer um sein Vermögen irgendein weltliches Gut kauft. Von der wahren Liebe zu Christo, welche allzeit höchst uneigennützig sein muß, aber hatte sie nie eine Ahnung! Aus dem Grunde muß auch hier ihr Lohnappetit ganz aus ihr getrieben werden und sie Gott Seiner Selbst wegen zu suchen und zu begehren genötiget werden, dann erst ist es für sie möglich, sich der wahren Liebe und Gnade des Herrn zu nähern. – Also muß auch er sich seinem Gefühle nach völlig vernichtet erschauen, bis er einer höheren Gnadenaufnahme fähig wird. [GS.01_030,18] Doch müsset ihr euch niemanden für gänzlich verloren vorstellen; wohl aber, daß für manchen hundert, tausend und noch tausend Jahre nach eurer Zeitrechnung vergehen dürften, bis er zur Aufnahme einer höheren Gnade fähig wird. [GS.01_030,19] Damit ihr aber noch fernere Erfahrungen machet, aus welch verschiedenen Gründen gar viele Menschen hierhergelangen, so wollen wir uns noch weiter vorwärtsbegeben. Wenn wir erst an ganze Gesellschaften stoßen werden, wird euch noch ein bei weitem größeres Licht aufgehen, und ihr werdet daraus ersehen, von welch zahllosen Torheiten die gegenwärtig auf der Welt lebende sogenannte „bessere Menschheit“ im Grunde behaftet ist, und wie sie ihre besten Handlungen zuallermeist aus eigenliebigem Interesse tut. – Und somit lassen wir es für heute gut sein!16. Kapitel – Die Sphäre des achten Geistes. – Die Weltenuhr und „die letzte Zeit“. „Das neue Jerusalem“ aus der Sphäre Swedenborgs. [GS.01_016,01] Unser gastlicher Freund ist schon hier; daher tretet nur sogleich in seine Sphäre. Diesen Geist sollet ihr auch wieder in seiner Sphäre sehen und von ihm ein wenig herumgeführt werden. Habt aber wohl acht auf das, was er euch zeigen und was er euch sagen wird, denn aus dem wird euch so manches bis jetzt noch unrichtig Aufgefaßte klar werden. – Ihr befindet euch schon in seiner Sphäre, so denn haltet euch auch an ihn; denn er ist ein tüchtiger Wegweiser und ist viel Weisheit in ihm aus Mir. Unterwegs werdet ihr schon noch erfahren, wer eigentlich dieser Geist ist. Und so denn höret ihn nun und folget ihm auch! [GS.01_016,02] Der Geist spricht soeben zu euch: Kommet, kommet liebe Brüder, nach dem Willen des Herrn; ich will euch führen in das Reich der Wahrheit und in das Reich der Liebe! [GS.01_016,03] Sehet dort gegen Morgen hin ein überaus majestätisch schönes Gebirge. Sehet, wie die göttliche Sonne, in welcher der Herr ist, schon hoch über dem Gebirge steht, und wie herrlich ihre Strahlen gleich denen einer lieblichen Morgenröte hereinfallen in die Täler und andere Vertiefungen der Welt! [GS.01_016,04] Sehet auch bei dieser Gelegenheit ein wenig zurück; da erblicket ihr ein großes Meer, welches gar viele und große Wogen auf seiner Oberfläche bewegt. Über den Wogen erblicket ihr viele Schiffe, da sind etliche groß und etliche klein. Ihr sehet, wie die Wogen sich dem Ufer zudrängen, um diese herrlichen Sonnenstrahlen in sich zu saugen. Die Schiffe auf dem großen Meere haben auch ihre Segel also gerichtet, daß sie gleich den Wogen dem erleuchteten Ufer zusegeln. Dadurch möget ihr die heimliche Kraft der Strahlen aus jener göttlichen Sonne erkennen, in welcher der Herr wohnt. [GS.01_016,05] Aber nun begeben wir uns auf jenes Gebirge dort. Da wollen wir Dinge von ganz anderer Art schauen und sehen, wie sich dort die göttliche Wahrheit artet. Ihr fraget und saget: Aber unser lieber geistiger Freund und Bruder! Jenes glänzende Gebirge scheint noch gar ferne zu sein; wie werden wir es sobald erreichen? O liebe Freunde und Brüder! Sorget euch dessen nicht, denn unser eigener Wille wird uns alsobald dahin bringen. Ihr wollet mit mir, und sehet, wir sind schon an Ort und Stelle! [GS.01_016,06] Ihr saget: O lieber geistiger Freund und Bruder, hier ist es unendlich herrlich, hier möchten wir wohl bleiben; denn so etwas Herrliches, wie die Aussicht von diesem hohen Gebirge ist, ist noch nie in unsere Sinne auch nur ahnungsweise gekommen. [GS.01_016,07] Ihr erblickt dort gegen Mittag etwas Sonderbares und wißt euch nicht zu raten, was es ist. Ihr sehet an einer vom hohen Firmamente herabhängenden Goldstange eine Sonne hängen, und diese bewegt sich ernst langsam gleich einem Uhrperpendikel hin und her. Da möchtet ihr wohl wissen, was das sei? – Ich sage euch: Bewegen wir uns nur näher hin, und ihr sollet der Sache alsbald auf die Spur kommen. [GS.01_016,08] Sehet ihr dort hinter diesem großartigen Sonnenperpendikel ein überaus großes viereckiges Gebäude, welches sich staffelartig und pyramidenförmig auch bis unter das hohe scheinbare Himmelsfirmament mit seiner Spitze erhebt? Dorthin wollen wir gehen und dieses Gebäude ein wenig näher beschauen. Die Inschrift auf der einen Seite wird uns vorerst sagen, was es damit für eine Bewandtnis hat. Ihr wollet, und sehet, wir sind auch schon an Ort und Stelle! [GS.01_016,09] Da sehet einmal hinauf. Auf der zehnten Staffel sehet ihr zwei große leuchtende Pyramiden stehen; leset, was auf einer jeden geschrieben steht. Ihr saget: Die Schrift ist uns unbekannt. Nun wohl denn, so will ich es euch vorlesen. Auf der Pyramide zu unserer linken Seite steht geschrieben: Das ist der große Zeitmesser für die geschaffenen Dinge. Und auf der anderen Pyramide steht: Einzig richtige Bewegung aller Dinge und Ereignisse nach der göttlichen Ordnung! Aus diesen beiden Inschriften werdet ihr schon leicht erraten können, was diese Erscheinung besagt. [GS.01_016,10] Nun aber erhebet euch mit mir wenigstens bis zur halben Höhe dieses Gebäudes, da werden wir das Zifferblatt dieser großen Weltenuhr erschauen, und ihr werdet daraus sehr leicht ersehen, um welche Zeit es nun ist! [GS.01_016,11] Sehet, wir sind schon wieder an Ort und Stelle. Ihr wundert euch, daß dieses Zifferblatt nur auf der einen Seite, auf der linken nämlich, mit Ziffern, und zwar ebenso wie eure Uhren von eins bis zwölf bezeichnet ist. Die Seite rechts, welche dem Morgen zugewendet ist, ist aber gänzlich zifferleer. Dies kommt daher, weil hier die abendliche Seite nur das Zeitliche besagt, die gegen Morgen aber das Ewige und somit Geistige. [GS.01_016,12] Als alle materielle Schöpfung gegründet ward, da stand dieser große leuchtende Zeiger abwärts auf der Zahl eins, welche ihr noch stark leuchtend erblicket. [GS.01_016,13] Wo steht aber dieser Zeiger jetzt? – Ihr saget: Er steht ja schnurgerade aufwärts, und zwar schon nahe am Ende der letzten Zahl. Zwei kleine Punkte hat er noch zu überschreiten, und seine Spitze ist draußen am zifferlosen leuchtenden Felde. Wißt ihr wohl, was solches bedeutet? – Sehet, das bedeutet „die letzte Zeit“! [GS.01_016,14] Aber ihr fraget: Werden denn hernach alle Dinge aufhören zu sein, wenn der Zeiger in das freie, weiße Feld hinaustreten wird? – Solches wird uns ein nächstes, höherstehendes Zifferblatt kundgeben. Gehet daher mit mir um einige Stufen höher! [GS.01_016,15] Sehet, da ist schon ein anderes Zifferblatt. Was erblicket ihr auf diesem? – Ihr saget: da erblicken wir ja gerade ein umgekehrtes Verhältnis; die Seite gegen Abend gewendet ist dunkel und zifferlos, die Seite gegen Morgen aber ist hier mit neuen helleuchtenden Ziffern bezeichnet. Da aber steht die Einheit zuoberst und die Zahl zwölf zuunterst. Der große Zeiger berührt ja schon die erste Spitze der Einheit, welche leuchtet wie ein heller Morgenstern. Jede Ziffer, die von der Einheit fort nach abwärts den großen Kreis steigt, leuchtet stets mehr und mehr, und der Glanz der letzten Zahl ist gleich dem der Sonne, die dort im Morgen so überaus herrlich strahlt! Ihr habt die Sache richtig befunden; aber was besagt sie? [GS.01_016,16] Solches sollet ihr sogleich erfahren. Sehet, so greift eine alte, finstere Zeit in eine neue, lichte. Darum also werden die Dinge nicht vergehen, sondern es wird ihnen nur „eine neue Zeit“ gegeben werden. – Und wie die erste Zeit war eine Zeit des Unterganges, eine Zeit der Nacht, so wird diese kommende Zeit eine Zeit des Aufganges sein und eine Zeit des Tages! – Nun begreifet ihr dieses große Uhrwerk. Lasset uns darum unsere Blicke wieder von da hinweg wenden, und die Dinge näher betrachten, die noch um uns in einer endlosen Fülle wunderbarst zu schauen sind. [GS.01_016,17] Ihr sehet dort gegen Mittag hin ein außerordentlich großes viereckiges Gebäude, das einem überaus großen Würfel gleicht und eine Länge von nahezu zwölftausend Klaftern hat. Es ist so hoch und so breit, wie es lang ist. In der Höhe auf den vier Ecken erblicket ihr vier riesige Menschengestalten, und zu ihren Füßen seht ihr vier verschiedene Tiere. Wir wollen uns sogleich hinbegeben und sehen, was die ganze Sache ist. Ihr wollet, und so denn sind wir auch schon, wie ihr sehet, auf der glänzenden Fläche dieses großen Würfels. Da sehet hin, in der Mitte dieser glänzenden Fläche ist noch ein kleiner, überstark leuchtender Würfel, auf dem Würfel liegt ein vollends entsiegeltes Buch. [GS.01_016,18] Das siebente Siegel seht ihr ebenfalls schon entsiegelt; und aus diesem Siegel sehet ihr entsteigen allerlei riesenhaftes Gebilde. Viele Geister, mit weißen Kleidern angetan und mit großen Posaunen in ihrer Hand, fliehen nach allen Seiten hin. Sehet, dort stößt einer in die Posaune, und der Posaune entstürzen allerlei, als: Krieg, Teuerung, Hungersnot, Pest; – sehet, dort stößt ein anderer in seine Posaune, und dieser entstürzt ein verheerend Feuer; wo es hinfällt, verzehrt es alles, und die härtesten Steine macht es zerfließen wie Wassertropfen auf glühendem Eisen. Sehet wieder dort, ein anderer stößt in seine Posaune, und eine große Wasserflut, welche angefüllt ist mit allerlei Geschmeiß, entstürzt derselben; – und sehet, dort in der Tiefe unten die alte Erde, wie sie ersäuft in dieser Flut. – Und sehet dort, ein vierter stößt in seine Posaune, und ein großer feuriger Drache stürzt gebunden und geknebelt dort hinab, wo ihr sehet in endloser Tiefe ein unermeßliches Feuermeer wallen. [GS.01_016,19] Aber nun sehet die vier großen, riesigen Gestalten an den Ecken; auch sie sind mit großen Posaunen versehen. – Sehet, der gegen Mitternacht stößt gewaltig in dieselbe; und ein Geist entstürzt der Posaune, mit einer großen Geißel zu züchtigen die Erde; – und sehet, der gegen Abend stößt ebenfalls in seine Posaune, und derselben entstürzt ein anderer Geist, einen glühenden und feurigen Besen in seiner Hand tragend, zu fegen das Erdreich vom Unrate. – Und sehet, dort gegen Mittag stößt der große Geist ebenfalls in seine Posaune, und eine Menge Geister entstürzt derselben mit allerlei Samenkörben versehen, um zu legen eine neue Frucht in das gefegte Erdreich. – Und nun sehet, der Geist gegen Morgen hin stößt ebenfalls in seine Posaune; derselben entstürzt ein leuchtendes Gewölk. Zahllose Scharen erblicket ihr auf demselben. Zuoberst dieses Gewölkes erblicket ihr ein leuchtendes Kreuz, und auf dem Kreuze steht ein Mensch so sanft, so mild wie ein Lamm! [GS.01_016,20] Sehet, dieses ist das Zeichen des Menschensohnes. Und somit haben wir auch auf diesem Platze alles gesehen, was euch hier zu sehen und zu schauen zugelassen werden kann; – und das alles ist das Licht der Wahrheit, aus dem ihr diese Dinge schauet. – [GS.01_016,21] Aber ihr richtet soeben eure Blicke gegen Morgen hin und erschauet zu eurer größten Verwunderung eine überaus herrliche, große Stadt, welche leuchtet wie die herrliche Sonne über ihr! – Ihr möchtet wohl wissen, was diese Stadt ist und möchtet sie auch näher beschauen? Ihr wollet! – und sehet, die Stadt ist vor unseren Augen! [GS.01_016,22] Wie gefällt es euch hier? – Ihr saget: Unendlich, unaussprechlich wohl und gut, denn hier atmen wir ja lauter Liebe; und alles, was wir ansehen, hat einen überaus sanften, milden und liebeatmenden Charakter. Ihr sprechet weiter: Wie herrlich erglänzen die Mauern dieser Stadt; wie überaus erhaben und prachtvoll sind die Tore, und welch ein unbeschreiblich herrliches Licht strahlt uns aus jeglichem Tore entgegen! Welche zahllosen überseligen Engelsgeisterscharen wandeln da aus und ein! – Oh, da muß es sich wohl gut wohnen lassen! [GS.01_016,23] Ihr saget, daß ihr wohl auch das Innere dieser Stadt beschauen möchtet. Auch solches könnt ihr nun tun. Aber ich sage euch voraus: Diese Stadt ist so endlos groß, daß wir sie wohl in alle Ewigkeit der Ewigkeiten mit der größten Gedankenschnelligkeit nicht umfassend durchwandern können. Denn diese Stadt wird erst groß, ja stets unendlich größer und größer, je tiefer jemand in ihr Inneres dringt. Daher werden wir uns auch nur einem Tore nahen und durch dasselbe einen Blick in das Innere der Stadt tun. [GS.01_016,24] Ihr saget nun: Um des allmächtigen Herrn willen! Welch eine endlose Pracht und welch unübersehbare Häuserreihe! Diese Gasse, die wir hier erblicken, scheint ja nimmer ein Ende zu haben. Ja, ich sage es euch auch: Ihr dürftet durch diese Gasse ewig fortwandeln, und nimmer würdet ihr zu einem entgegengesetzten Ende gelangen; und solche Gassen und Plätze gibt es unzählbar viele in dieser Stadt. – Wollt ihr aber wissen, wie diese Stadt heißt, da leset nur die Inschrift über diesem Tore; sie lautet: Die heilige Stadt Gottes, oder das neue Jerusalem. – [GS.01_016,25] Ich aber, der euch hierhergeführt hat, bin der Geist Swedenborgs; und somit habt ihr auch alles das gesehen, was zu sehen euch vom Herrn aus in meiner Sphäre vergönnt war. – Und so kehren wir wieder zurück. Sehet, hier sind wir schon, von wo wir ausgegangen sind. Tretet nun aus meiner Sphäre zu Dem hin, der euer harret und dessen Name ist: Heilig, heilig, heilig!!! – Nun, ihr seid wieder hier; habt ihr euch alles wohl gemerkt? [GS.01_016,26] Ihr bejahet es. Ich aber sage euch: Was ihr noch nicht verstehet daran, das wird euch zu seiner Zeit, und zwar in der Sphäre des nächsten Geistes leuchtender werden. Und somit gut für heute! 17. Kapitel – Die Sphäre des neunten Geistes (Ev. Markus). – Führung in die eigentliche Geisterwelt. Jenseitige Gestaltung des Lasters der Fleischesliebe. [GS.01_017,01] Auch diesen neunten Geist sollet ihr in seiner Sphäre sehen und sprechen. Er wird euch in verschiedene Orte führen, wo ihr so manches erschauen und erkennen werdet, was euch bis jetzt noch fremd geblieben ist. Aus dem werdet ihr auch so manches bisher Geschaute in einem helleren Lichte erblicken. [GS.01_017,02] Sehet, da unser neuer gastlicher Freund schon dasteht, so begebet euch nur sogleich in seine Sphäre und folget ihm nach seiner Weisung. [GS.01_017,03] Ihr befindet euch nun schon in seiner Sphäre. So beachtet denn, was dieser neue Führer zu euch spricht, indem er sagt: Liebe Freunde und Brüder, kommet, kommet mit mir zu schauen, was alles die unendlich große Vaterliebe bewirket und wie lieblich sie ist allenthalben! Freuet euch über die Maßen, daß es dem Herrn gefallen hat, eurem Geiste solches zu zeigen; denn ihr werdet es mit eigenen Augen erschauen, wie unergründlich die Wege des Herrn sind und wie unerforschlich die Ratschlüsse Seiner unendlichen ewigen Weisheit! [GS.01_017,04] Schauet links um euch her, so weit nur eure geistigen Augen reichen, und saget mir dann, was alles sich euren Augen zeigt. Ich sehe wohl, daß ihr ob der Größe des Anblickes verlegen seid und nicht wisset wo aus und wo ein, wo anfangen und wo enden! – Also will denn ich nach guter Ordnung euch die Dinge, die ihr schauet, wörtlich darstellen. [GS.01_017,05] Gegen Mitternacht hin erblicket ihr eine ziemlich kahle Gegend; hohe, schroffe Gebirge türmen sich hintereinander auf und blicken wie drohende Richter in die herrlichen Ebenen hinab. Hier und da zwischen den Bergen und auf den kleineren Hügeln entdecket ihr Gebäude nach der Art eurer Wohnungen auf dem Erdkörper; hier und da, mehr gegen die Niederung herab, steht auch ein kleines Kirchlein. In der höheren Sphäre dieser Berge entdecket ihr halbdunkle Wolken ziehen, und über denselben scheinen die Berge aus lauter Schnee und Eis zu bestehen, etwa wie die hohen Gletscher bei euch auf der Erde. – Ferner erblicket ihr diese ganze nördliche Gegend durch einen großen und breiten Strom abgeschnitten von dieser Gegend, in der wir uns soeben befinden. [GS.01_017,06] Wenn ihr die Richtung dieses Stromes verfolget, so kommt er aus der Gegend zwischen Morgen und Mitternacht hervor und richtet seinen Lauf nahe halbkreisförmig zwischen Abend und Mitternacht hin. Seine Fluten sind gewaltig wogend und stürmend, darum nur eine einzige fliegende Brücke oder vielmehr ein freies Schiff den Übergang für die Bewohner möglich macht, die jenseits des Stromes hausen. [GS.01_017,07] Ihr möchtet wohl wissen, was das für Bewohner sind? Solches können wir ja bald erfahren. Gehet nur mit mir, der Kahn ist soeben diesseits und wir werden den Strom mit leichter Mühe überfahren. Ihr wollt solches, und sehet, wir sind schon am Ufer des Stromes. Steiget nur recht beherzt in den Nachen ein, und scheuet weder die schäumenden Wogen noch die schwarze Tiefe dieses Stromes. Wir werden den Nachen so geschickt leiten, daß auch nicht ein Tropfen in denselben hereinkommen soll. [GS.01_017,08] Nun denn, ihr seid herinnen. Sehet, die Fahrt geht besser, als ihr es euch gedacht habt, denn wir sind schon in der Mitte des Stromes. Erschrecket euch aber nicht vor den Ungeheuern, welche ihre Häupter über die Wogen erheben, ihre Rachen gar gewaltig aufsperren, als wollten sie ganze Welten verschlucken; denn sehet, wir sind nahe dem jenseitigen Ufer, und nun haben wir es auch völlig erreicht. Steiget nun ans Land vor mir, und ich will euch folgen und zugleich den Nachen am Ufer befestigen. [GS.01_017,09] Sehet, wir sind nun auf dem Lande. Dort, ziemlich tief in einem Tale erblicket ihr ein schmutziges Dorf, dorthin lasset uns gehen und beschauen, was es allda gibt. Wir sind schon da; wie gefällt es euch hier? Ihr bekommt ein förmliches Fieber. Ich aber sage euch, da sieht es noch gut aus; es wird aber schon noch besser kommen! [GS.01_017,10] Ihr saget: Lieber Freund und Bruder! Wir sind schon mit dem zufrieden, denn die überaus schmutzigen Häuser des Dorfes sehen ja aus wie bei uns auf der Erde eine Brandstätte, allda ein Dorf in irgendeinem schlechtesten Winkel der Erde abgebrannt wäre. Und die Menschen, die wir hier erblicken, sehen ja so lumpig aus, daß man sich auf der Erde nicht leicht etwas Lumpigeres vorzustellen imstande ist. – Da kommt eben ein Paar auf uns zu; der Mann ist halb nackt. Die nackten Teile seines Leibes sind abgemagert und schmutzig, und über der Brust scheint er eine Brandwunde zu haben. Die Haare sind über die Hälfte wie vom Feuer versengt; auch das halbe Gesicht scheint verbrannt zu sein. – Sein Begleiter scheint ein Weib zu sein. Herr! welch eine klägliche weibliche Gestalt! Sie sieht ja doch aus, als wenn sie im Ernste schon drei Jahre lang eingegraben gewesen wäre. Nur über die Schultern hängen noch einige schmutzige Lumpen herab und haben das Ansehen, als wenn sie soeben aus einer Kloake gezogen worden wären. Ihre nackten Füße scheinen fleischlose Knochen zu sein; und ihre Arme! Der eine ist ein halbverbrannter Skelettarm und der andere ist voll Eiter und Geschwüre; und ihr Kopf, welch eine Physiognomie! Wahrlich, wer aus dieser irgendeinen Charakterzug außer dem des barsten Todes zu entnehmen imstande ist, der muß sich in einem hohen Grade der Weisheit befinden. [GS.01_017,11] Ja, meine geliebten Freunde und Brüder! Laßt euch diesen Anblick nicht gereuen; denn so sehen hier die Bewohner dieser Gegend noch am vorteilhaftesten aus, und dies ist somit nur ein erster Anfang des großen Elends, welches diese Gegend in sich birgt. – Bewegen wir uns aber jetzt in das Dorf selbst hinein, und ihr sollet wahrhafte Wunderdinge schauen. [GS.01_017,12] Da ist eben das erste Haus. Seht einmal bei diesem niederen Fenster hinein, was erblicket ihr? Oh, ihr schaudert zurück; was ist denn? – Ich weiß es wohl, hier gibt es keine Parfümeriegewölbe. Ihr sehet auf dem Boden dieses Zimmers halbverweste menschliche Wesen durcheinander kauern und in ihrem stinkenden, von den Knochen halb abgelösten und abgefaulten Fleische herumwühlen. Das ist freilich wohl kein löblicher Anblick. Aber es ist einmal nicht anders, denn so artet hier die Liebe des Fleisches. [GS.01_017,13] Ihr fraget, ob diese Wesen denn gänzlich verloren sind? Ihr wisset ja, wie groß die Liebe und Erbarmung des Herrn ist! Sehet, von allen diesen muß ihr Fleisch oder vielmehr ihre fleischliche Lust gänzlich auf die ekelhafteste Weise aufgezehrt sein, bevor sie in einen solchen Zustand kommen können, in welchem für sie eine Hilfe möglich ist. [GS.01_017,14] Meinet ihr, diese von eurem Blicke aus betrachtet höchst elenden Wesen fühlen sich etwa unglücklich in diesem Zustande? O mitnichten! Würden sie das fühlen, so möchten sie auch bald fliehen; denn so viel Kraft hat noch ein jeder, daß er erstehen und sich weiter gegen den Strom hin bewegen kann, dessen Wasser für sie eine reinigende und heilende Kraft hat. – Allein die Fleischeslust ist ihr Element; und so nagen sie so lange an ihrem Fleische herum, bis es gänzlich verzehrt wird. [GS.01_017,15] Ihr fraget: Haben diese Menschen wohl auch etwas zu essen, und vermögen sie noch irgendeine Speise zu sich zu nehmen? Da kommt nur her zum zweiten Hause und schauet beim Fenster hinein, und ihr sollet sogleich einer Mahlzeit ansichtig werden. [GS.01_017,16] Nun, was seht ihr da? Aber ihr könnt doch nichts standhaft ansehen! Warum seid ihr denn gar so plötzlich vom Fenster zurückgesprungen? Ja sehet, solches bringt auch die Fleischeslust mit sich. Ihr habt ein Sprichwort auf eurer Erde: Aber dieser und jener und diese und jene haben sich ja zum Fressen gern! Also könnt ihr euch ja hier nicht gar so entsetzen, so ihr gesehen habt, daß die Einwohner dieses Hauses gegenseitig ihre abgefaulten Fleischteile, welche voll Maden und Würmer waren, aufzehrten. So muß sich das Fleisch verzehren, wenn je noch das Fünklein besseren Geistes in ihnen frei werden soll. [GS.01_017,17] Ihr fraget nun wieder, ob denn diese unglückseligen Wesen keine Beschäftigung haben? Auch solches werden wir erblicken. Da ist schon wieder ein anderes Haus. Sehet nur bei diesem halbzerfallenen Fenster hinein, und ihr werdet sogleich eine Beschäftigung der Bewohner dieses Hauses erblicken. Aber ihr fliehet schon wieder vom Fenster hinweg. Was gibt es denn da, das euch gar so schnell vom Fenster hinweg getrieben hat? Ist es denn etwas gar so Außerordentliches, wenn man im wahren Lichte erschaut, wie die Bewohner dieses Hauses aus der stinkenden Bodenkloake abgelöste und halbverweste Fleischfetzen herausziehen, dieselben um die kahlen Knochen wickeln, und wenn sie irgendein Knochengestell mit solchen vereiterten Fleischfetzen umwickelt haben, alsbald wieder der sinnlichen Begattung gedenken, und alle ihre Kräfte anstrengen, um sich noch einen wollüstig fleischlichen Genuß zu verschaffen. [GS.01_017,18] Warum wundert ihr euch denn gar so sehr über diesen Anblick? Geht es denn auf der Erde besser zu? Ihr solltet nur so manches zarte Fleisch, das auf der Erde so viel Aufsehen macht, mit den geistigen Augen betrachten können, und ihr würdet noch bei weitem größere Wunder erblicken denn hier! [GS.01_017,19] Ihr fraget: Haben denn diese armen Wesen gar keinen Begriff vom Herrn und auch gar keine Sehnsucht nach Ihm? Da gehet nur ein wenig vorwärts; sehet, allda steht etwas auf einem Hügel wie die schmutzige Ruine eines Bethauses. Wir wollen uns ihr nähern; wer weiß, was an Merkwürdigem wir darin entdecken werden! Sehet, hier rückwärts gegen den Berg ist eine schon etwas verfallene Eingangspforte. Wir brauchen nur hineinzuschauen, und wir werden über eure Frage sogleich die gehörige Antwort bekommen. – Nun, ihr fallet ja hier gar zurück. Was habt ihr denn Wunderliches erblickt? [GS.01_017,20] Ihr könnet ja kaum atmen, geschweige reden. Also müßt ihrs nicht immer machen, sonst werden wir in dieser unserer Wanderung nicht so bald ans Ende gelangen; denn was ihr hier gesehen habt, ist nichts mehr und nichts weniger als ganz natürlich. Denket nur einmal nach; der fleischlich sinnliche und begierliche Mensch trägt solches ja allenthalben mit sich herum. Auch wenn er in ein Bethaus geht, so mag er ansehen, was er will, und seine Fleischliebe wird dabei fortwährend tätig sein. Jeder Gegenstand wird von ihr nach ihrer Art bemalt; und so wird sich auch an jedem Gegenstande solch ekelhafte Liebe geistig erschauen lassen, den ein sinnlich begierlicher Mensch angeblickt hat. Aus diesem Grunde habt ihr auch in dieser Art Bethaus an der Stelle des Altars nichts als lauter beiderseitige Geschlechtsteile erblickt; ja ein überaus mager gestelltes kleinwinziges Kruzifixlein war von allen Seiten her mit solchen Lustteilen behangen und verziert. Ihr habt sogar auch einige Menschen darin erschaut, welche wie in einem Kunstmuseum in diesem Bethause sich herumschleppten und ihre Augen an den obgesagten Kunstgegenständen wie ganz in dieselben versunken und vertieft weideten. [GS.01_017,21] Findet ihr etwa solches übertrieben? – Ich sage euch: Da ist nicht die geringste Übertreibung, sondern die allerprunkloseste und buchstäbliche Wahrheit; denn so gibt es ja eine übergroße Menge Menschen bei euch auf der Erde, die wohl dann und wann des Herrn gedenken, besonders so sie irgendein geschnitztes Bild sehen, das Ihn freilich wohl nur grob außenmateriell darstellt; wie lange aber dauert solche Erinnerung? – Nur ein Blick auf ein auf irgendeiner Seite befindliches reizendes Weiberfleischchen, und sobald wird die Erinnerung an den Herrn wie dessen Bildnis mit allerlei reizenden Fleischteilen behangen und durchwebt sein! – Auf der Erde verbirgt solches die Haut; aber für den Geist steht dies alles in der nackten Beschaulichkeit offen da. – [GS.01_017,22] Ihr fraget: Lieber Freund! Da tiefer in diesen schmutzigen Graben hinein gibt es ja noch eine Menge also verzweifelt zierlich aussehender Kneipen; ist da etwa eine Fortsetzung von diesen fleischlichen Löblichkeiten? [GS.01_017,23] Habt ihr noch Lust, das nächste Haus zu beschauen? Ihr schüttelt mit eurem Kopfe, und so will ich euch denn auch nicht weiterführen, sondern sage euch nur kurz, daß ihr nichts Besseres, sondern stets nur Schlimmeres erschauen würdet. So würdet ihr z.B. schon in dem nächsten Hause alle möglichen Arten von sogenannten Knabenschändungen erblicken. Wenn ihr weiterdringen würdet, da würdet ihr erschauen, wie junge Mägde von den Fleischsüchtigen zur Unzucht verleitet und verlockt werden. Da aber jedoch der Anblick der ferneren fleischlichen Greuel euch mehr schaden als nützen könnte, so ist es besser, daß ihr solches nicht schauet. [GS.01_017,24] Solches aber muß ich euch dennoch berichten, daß, je weiter man da hineindringt, man die Menschen dem außen nach gewisserart noch stets fleischiger und vollkommener erblickt als dort weiter gegen den Strom zu. Der Grund liegt darin, weil diejenigen gegen den Strom zu schon mehr enthüllt und ihres Fleisches lediger sind denn diese, die da tiefer hinein wohnen. [GS.01_017,25] Sehet nur dahin, recht weit in diesen schmutzigen Graben hinein, da werdet ihr sogar mehrere Häuser in Flammen erblicken. Ihr fraget: Was bedeutet denn solches? Das bedeutet, daß dort diese fleischliche Lust in Böses ausartet, welches da ähnlich ist der Eifersucht bei euch auf der Erde. In ein solches Haus dürftet ihr nicht hineinblicken; denn ein solcher Anblick würde euch in unvorbereitetem Zustande das Leben kosten! – Somit haben wir in dieser Schlucht auch nichts mehr zu tun, und wir wollen uns daher fürs nächstemal einem andern Dorfe nähern; wir werden sehen, wie es dort etwa zugeht. Ich sage euch: Machet euch ja keine gute Hoffnung; denn da werden wir noch ganz andere Dinge zu schauen bekommen! Und so lasset es gut sein! 18. Kapitel – Die jenseitige Gestaltung des Wuchers. [GS.01_018,01] Bevor wir uns diesem anderen Tale nähern, will ich euch noch eine Frage, die ihr an mich gestellt habt, kurz beantworten. Ihr möchtet wissen, ob solches etwa gar die Hölle ist, was ihr vordem gesehen habt. Ich kann euch darauf weder ja noch nein zur Antwort geben, sondern euch nur sagen; daß solches, was ihr da gesehen habt, wohl höllischer Art ist, aber die Hölle an und für sich ist es nicht; denn was sich da zeigt, ist nichts anderes, als eine für sich abgeschlossene Anschauung des Lasters, vorzugsweise in Hinsicht auf die Begierlichkeit des Menschen. Wo ihr die verzehrtesten Wesen gesehen habt, da ist auch das Laster schon in ähnlichem Zustande; wo ihr aber noch vollkommenere Erscheinungen fleischlich tätig gesehen habt, da ist die Lastertatkraft aus der argen Begierde heraus auch noch mit der Lastertätigkeitsfähigkeit mehr und mehr verbunden. Solches gibt sich ja auf eurer Erde klar und deutlich kund; denn ihr werdet doch schon sicher auf Menschen gestoßen sein, die durch ihr vielfaches Sündigen ihre fleischliche Natur so ganz und gar verwüstend herabgestimmt haben, daß sie dieselbe durch alle künstlichen Reizmittel nicht wieder für einen völligen Fleischeslustgenuß zu erwecken imstande sind. Sehet, solche erscheinen hier im Vordergrunde, weil sie dann und wann doch einen Gedanken in sich aufkommen lassen, der ihnen die Nichtigkeit und Vergänglichkeit alles solchen Genusses zeigt. Im Hintergrunde aber habt ihr diejenigen erschaut, bei denen die Kraft der Begierde auch mit der Lastertatkraft noch mehr im Einklange steht. Da sehet nur ähnliche Menschen auf der Erde; so lange sie noch bei solchen Kräften sind, wie sie förmlich hazardieren und, wie ihr zu sagen pfleget, Schindluder treiben mit ihrem Leibe. [GS.01_018,02] Aus diesem könnt ihr nun ersehen, daß das von euch Geschaute weder die Hölle noch die Nichthölle, sondern nur das Höllischgeartete des Lasters erscheinlich ist. – Und da wir nun solches wissen, so verfügen wir uns eben mit dieser Kenntnis zum nächsten vorbesagten Tale. – [GS.01_018,03] Sehet, dieses Tal ist von dem uns bekannten nur durch einen niederen und ziemlich schmutzigen Gebirgsrücken getrennt. Wir dürfen somit nur diesen übersteigen, und wir werden sobald das Wesen des anderen Tales erschauen. – Ihr wollt es, und wir sind schon auf der Höhe des Bergrückens. Sehet da unten das neue Dorf; wie gefällt es euch? Ihr saget: In der Entfernung nimmt es sich beinahe besser aus, als das vorige; nur der Umstand, daß es sich mehr abendlich befindet, läßt uns nicht viel Gutes erwarten vom selben. – Ja, ihr habt recht; also wird es auch sein. [GS.01_018,04] Ihr fragt mich, warum diese Gebäude viel größer sind und im ganzen viel respektabler denn die des früheren Dorfes. Ich sage euch: Bewegen wir uns nur gleich hinab ins Dorf, und zwar zu seinem Anfange, und ihr werdet sobald die Antwort auf eure Frage finden. – Nun, da wären wir schon vor dem ersten Hause. Es hat eine nach vornehin abgerundete, schmutzigweiß übertünchte Wand, hat aber kein Fenster wie auch keinen Eingang von dieser vorderen Seite. Ihr fraget: Warum denn solches? Weil diese Seite dem Morgen zugekehrt ist, und dieser ist ein Greuel für die Bewohner dieses Dorfes. Sonach müssen wir uns schon hinter das Gebäude begeben, das freilich wohl etwas bergan steht, um das Innere eines solchen Wohnhauses zu erspähen. Da ist schon ein geräumiges Fenster; seht einmal hinein und saget mir, was ihr da erblickt. [GS.01_018,05] Oh, ihr fallet gleich beim ersten Hause schon zurück. Was wird es dann erst beim nächsten Hause mit euch für eine Bewandtnis haben? Ihr saget ganz erstaunt: Um Gotteswillen, das ist unerhört, unmenschlich, undenkbar! Im Hintergrunde saß auf einer breiten Bank ein menschliches Ungeheuer. Es hatte eine übermenschliche Dicke, einen mehr als das halbe Zimmer einnehmenden, abscheulich herabhängenden Bauch. Am Halse saß eine schmutzige Fettwulst auf der andern. Vor ihm standen eine Menge abgemagerter Skelettmenschen, drängten sich zu diesem allergrauslichsten Fettwanste hin und sie baten ihn, daß er sie auffressen möchte! – Und wirklich hatte dieses Ungeheuer auf einem starken Tisch vor sich mehrere schon ganz abgenagte Menschengerippe. Einige im Hintergrunde aber fluchten diesem Ungeheuer und wollten wütend auf dasselbe losstürzen. Doch sie wurden abgehalten von denjenigen, welchen das Ungeheuer versprach, von ihrem Fleische auch etwas zu verzehren und dasselbe in sein Fett zu verwandeln. [GS.01_018,06] Ihr fraget nun freilich: Was soll es denn mit diesem sonderbaren greuelhaften Bilde für eine Bewandtnis haben? Solches mag begreifen, wer es will; wir begreifen es einmal nicht. Ich aber sage euch, meine lieben Brüder und Freunde, wenn ihr solches nicht auf den ersten Augenblick begreifet und fasset, so müsset ihr ja völlig blind auf eurer Erde herumwandeln. [GS.01_018,07] Ist das nicht ein vortreffliches Bild eines Wucherers, und ganz besonders eines selbstsüchtigen Hauptindustrieritters, der sich zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat, alles aufzuspeisen, was ihn nur immer zinserträglich umgibt? Bestimmet einmal die sättigende Grenze eines solchen Wucherers; geht seine Begierlichkeit nicht ins Unendliche? Würde er sich wohl nur das geringste Gewissen machen, so er die Schätze und Reichtümer der ganzen Welt an sich zu reißen vermöchte? Wird er wohl eine Träne vergießen, wenn er das Leben aller Witwen und Waisen der Erde an sich reißend aufzehren könnte? [GS.01_018,08] Ich sage euch: Die Armen laufen noch haufenweise zu ihm hin und opfern ihm all ihre Habe und Kräfte: für den schnödesten Sold lassen sie sich von ihm nahe gänzlich aufreiben und aufzehren. Andere tragen ihre wenigen Schätze zu ihm hin und preisen sich glücklich, so er dieselben nur gegen einen elenden Zins angenommen hat. Ja viele Betrogene gehen so weit, daß sie es förmlich für eine Notwendigkeit ansehen, daß sie von ihm nach Gestalt der Dinge ohne sein Verschulden haben geprellt werden müssen. [GS.01_018,09] Einige ebenfalls Habsüchtige, aber dabei doch weltlich unkluge arme Teufel, die Lumperei dieses Reichen einsehend, drohen ihm mit der Vernichtung und mit dem Tode. Allein die Interessenten unseres Wucherers, erkennend, daß sie mit dem Tode desselben noch eher zugrunde gingen denn bei der vollkommenen Sättigung desselben, verhindern soviel als möglich einen solchen Gewaltstreich. [GS.01_018,10] Nun, was sagt ihr denn zu diesem Bilde? Ist es nicht vortrefflich und zeigt dieses Laster im enthüllten Zustande, wie es ist? – Solches aber ist nur ein gutmütiger Anfang. Gehen wir daher zum nächsten, etwas größeren Hause und betrachten dessen Inneres. [GS.01_018,11] Sehet, wir sind schon am richtigen Fenster. Ihr müßt recht scharf hineinsehen; denn weil das Haus größer ist, und, wie ihr sehet, von rückwärts nur zwei verhältnismäßig kleine, schmutzige Fenster hat, darum ist es inwendig recht finster. Habt ihr schon gesehen, was sich da drinnen alles vorfindet? Ihr bebet zurück; das gilt mir schon für ein sicheres Zeichen, daß ihr das Innere gehörig gesehen habt. Aber ihr könnt nicht reden. Ich will es euch auch recht gerne glauben, denn derlei Anblicke machen selbst uns starke Geister gewaltig stutzen und das besonders aus dem Grunde, weil sie eben jetzt stets vielfältiger und merkwürdiger werdcn. Ich sehe aber hier, daß es notwendig sein wird, euch das Geschaute vorzusagen, weil ihr für ein solches Bild nicht leicht die rechten Worte finden dürftet. [GS.01_018,12] Ihr sahet hier ebenfalls im Hintergrunde ein scheußlich fett gemästetes Wesen. Dieses Wesen hatte einen entsetzlich aufgetriebenen Bauch, sein Kopf einen großen Rachen gleich dem einer Hyäne, seine Arme waren gestaltet wie ein Paar kräftigste Riesenschlangen, seine Füße waren gleich denen eines Bären. Auf seinem überaus großen Bauche war eine Art Altar aufgerichtet. In der Mitte dieses Altars ging ein zweischneidiger Spieß in die Höhe. Auf diesem Spieße erblicktet ihr eine Menge abgemagerter Menschenwesen aufgesteckt. Ein Schlangenarm war stets beschäftigt, die Gespießten vom Spieße herabzunehmen und sie dem Rachen des Vielfraßes zuzuführen. Ein anderer Schlangenarm griff nach allen Seiten umher nach den armseligen, in dieses schauerliche Gemach unglücklich verbannten Menschen, und den nächsten besten, den er ergriff, erdrückte er und schleuderte ihn dann auf den Spieß seines Bauchaltars. Das große Jammern der Unglücklichen machte seinen Arm nur um so tätiger. Sehet, das ist das Bild, das ihr geschaut habt. [GS.01_018,13] Wie gefällt es euch? Ihr saget: Ganz entsetzlich schlecht! und ferner: Das ist denn doch etwas zu stark. Auf der Erde geht es zwar arg zu; aber was dieses Bild betrifft, so scheint es doch offenbar eine bedeutende Übertreibung zu sein! [GS.01_018,14] Ich sage euch aber: Hier ist weder zuviel noch zuwenig, sondern allezeit die nackte Wahrheit. Blicket nur auf eurer Erde gewisse Handelsindustriehelden an. Nehmet einen Maßstab und bemesset den Rachen der Habsucht an demselben. Dann prüfet seine Arme, wie dieselben beschaffen sind, und ihr werdet finden, ob sie nicht völlig diesen gleichen. Der eine ist beschäftigt, stets einzuscharren, der andere, auf allen Wegen durch Schlauheit, List oder Gewalt Beute zu machen. Wenn er gar einen Fang gemacht hat, so wird dieser sogleich als ein Opfer der Habsucht auf den euch schon bekannten Altar gesteckt. [GS.01_018,15] Ihr fraget: Warum befindet sich denn dieser Altar gerade auf dem Bauche dieses Ungeheuers? Weil unter dem Bauche zu verstehen ist die allerschmutzigste Art der Habsucht, Selbstsucht und Eigenliebe. Der große Bauch bezeichnet die übermäßige Art solcher Liebe, und der Altar auf dem Bauche bezeichnet das weltlich Ehrsame und Erhabene und somit die stolze und hochmütige Art derlei großartiger Industrieritter. [GS.01_018,16] Was bedeutet denn das aufgestellte zweischneidige Schwert oder der Spieß am Altare? Solches solltet ihr wohl auf den ersten Augenblick erraten; habt ihr denn noch nie etwas vom Handels- oder Wechselrecht gehört? – Sehet, da ist es auf dem Altare! Daher darf sich nur irgendein armseliges Wesen fangen lassen, so wird es ergriffen, ohne alle Gnade, Schonung und Pardon auf das Recht hinaufgesteckt und somit mit solchem Rechte sogleich zu Tode gespießt. [GS.01_018,17] Ihr fraget noch: Wer sind denn dann die vielen Armseligen, die da fleißig abgefangen werden, und warum ist der Spieß zweischneidig? Die vielen Armseligen sind allerlei Menschen. Ein Teil, die dem Fange zunächst ausgeliefert sind, sind die Kleinhändler, ein Teil die, welche ihre Produkte notgedrungen an einen solchen Großspekulanten abliefern müssen, ein dritter Teil sind allerlei arme auswärtige Völker, die mit solch einem Hause in Handelsverbindungen stehen, ein vierter Teil sind andere kauflustige Menschen, ein fünfter Teil anderweitige Handelskompagnons, ein sechster Teil die dem Hause dienende Klasse und noch ein siebenter Teil sind solche, die unter allerlei Rücksichten und Beziehungen von einem solchen Hause abhängen. Für alle diese Klassen ist der zweischneidige Spieß in steter Bereitschaft. Aber wir hätten bald vergessen, was die doppelte Schneide des Spießes bedeutet. [GS.01_018,18] Solches ist ja doch auch leicht mit den Händen zu greifen. Die eine Seite bedeutet die kaufmännische Handelspolitik. Was bedeutet dann die zweite Schneide? Dasjenige, worauf sich die Handelspolitik stützt. Worauf stützt sie sich aber? Auf das ihr eingeräumte Recht, jeden Zweig ihrer Handlung so zu ergreifen, daß es ihr die sicheren Wucherprozente abwirft. Versteht ihr solches? Solltet ihr solches nicht genau verstehen, so schlaget irgend nach und sagt es mir, wo dem Handelsstande der Gewinn gesetzlich vorgeschrieben ist? Also schneidet der Spieß auf beiden Seiten; fürs erste durch die euch wohlbekannte kaufmännische Politik und auf der anderen Seite durch die unbeschränkte Gewinnsucht; und diese beiden Schneiden sind mit dem Handelsrechte so eng verbunden wie die zwei Schneiden mit einem Schwerte. Ist das Bild nicht treffend und zeigt, wie ich gesagt habe, nicht mehr und nicht weniger als die nackte Wahrheit? [GS.01_018,19] Ihr saget nun: Das Bild ist richtig; aber hier bleibt uns auch kein Zweifel mehr übrig, daß es in die unterste Hölle gehört! – Im Grunde habt ihr nicht ganz unrecht, allein, es bleibt beim früheren Ausspruche. Denn dieses alles bezeichnet nur das Laster an sich, ohne auf diejenigen Personen abzusehen, welche solch ein Laster wirklich verüben. Daher ist es höllischer Art, aber nicht die Hölle selbst; denn würdet ihr solches in der wirklichen Hölle zu schauen bekommen, da erginge es euch ganz anders schon bei einem fernen Anblicke, als es euch hier ergeht in der vollen Nähe eines solchen Lasterbildes. [GS.01_018,20] Sehet, es gibt noch eine Menge solcher Häuser in dieser schmutzigen Schlucht. Aber da in denselben das Laster der Habsucht stets innerlicher und daher ums Unaussprechliche greuelhafter dargestellt wird, und ihr schon den nächsten Anblick nicht mehr ertragen würdet, so lassen wir die Sache mit diesen zwei geschauten Häusern beschlossen sein. Denn wenn dieses Laster erst in die Sphäre der brennend habsüchtigen Eifersucht übergeht, da wird es dann auch schon rein höllisch und ist somit nicht geeignet für eure schwachen Augen. – Daher wollen wir uns fürs nächste Mal lieber in ein drittes Tal begeben; da werden wir wieder ganz neue Erscheinungen zu Gesichte bekommen, und so lassen wir es für heute bei dem bewendet sein! 19. Kapitel – Die jenseitige Gestaltung der Herrschsucht. [GS.01_019,01] Um dieses dritte Tal zu erreichen, werden wir wieder nichts zu tun haben, als uns über diesen freilich wohl etwas höheren Gebirgsrücken zu begeben. Ihr wollet, und sehet, wir sind schon auf der Höhe. Da sehet nur hinab, noch mehr gegen Abend, und das besagte nächste Dorf kann euren Blicken nicht entgehen. [GS.01_019,02] Ihr saget: Lieber Freund und Bruder! Außer einigen plumpen Erdaufwürfen können wir nichts entdecken, das da einem Dorfe gliche. Ich sage euch aber: Ihr sehet schon recht; denn sehet nur hinein, so weit ihr es vermöget, in den stets enger und finsterer werdenden Graben, und ihr werdet dergleichen Erdaufwürfe in großer Menge entdecken. Ihr saget: Da kann doch niemand darin wohnen unter was immer für einer Lastergestalt. Ich aber sage euch: Lasset die Sache nur gut sein! Bis wir diese Erdaufwürfe erst vollends werden erreicht haben, wird sich die Sache sogleich anders gestalten. Und so ihr denn wollet, da begeben wir uns hinab. [GS.01_019,03] Nun sehet, wir wären da, und zwar vor dem ersten Erdaufwurfe; was saget ihr dazu? Ihr zucket mit den Achseln; ich aber sage euch: Tretet nur ein wenig näher, aber nicht gar zu nahe, so werdet ihr sobald mit dem Achselzucken aufhören. Ihr fraget, warum ihr denn zu solch einem ganz unschuldig scheinenden Erdaufwurfe nicht zu nahe hinzutreten dürfet? Auch darüber werdet ihr bei der gerechten Annäherung sogleich den gehörigen Aufschluß bekommen; und so denn tretet ein wenig näher! [GS.01_019,04] Warum springt ihr denn so heftig zurück? Ich habe es euch ja gesagt, daß diese Erdaufwürfe nicht so leer sind, als sie dem Auge aus einer Entfernung erscheinen. Ihr saget jetzt: Aber um Gottes willen! Was ist solches? Wie wir uns nur um ein paar Schritte diesem Erdhaufen genaht haben, da steckte sobald eine Anzahl der uns bekannten giftigsten Schlangen ihre Köpfe aus den kleinen unsichtbaren Löchern heraus und sperrten ihren giftigen Rachen auf. Wahrhaftig, wenn wir nicht so schnell davongesprungen wären, wären sie sicher auf uns losgestürzt und hätten uns Schaden zufügen können. Sind denn diese Erdhaufen lauter Schlangenwohnungen? Gibt es da nirgends etwas dem Menschen Ähnliches? [GS.01_019,05] Ich sage euch: Um solches zu erfahren, müssen wir den Erdhaufen von der nördlichen Seite betrachten, wo er freilich am gefährlichsten zugänglich ist. Daher müsset ihr hinter mir einhergehen und ganz verstohlen hinter meinem Rücken hervorblicken, und ihr werdet dann schon das Rechte erschauen. Also kommet! Seht, wir sind schon an der rechten Stelle. Nun merket wohl, da zuunterst des Erdhaufens geht ein Loch in denselben, nach der Art eines Fuchsbaues bei euch; da sehet recht genau hinein, und ihr werdet sobald etwas anderes erblicken. Wenn ihr aber etwas erschaut habt, und möge es von noch so entsetzlicher Art sein, da müßt ihr euch aber dennoch ganz still und ruhig verhalten, denn eine zu heftige Bewegung oder ein unzeitiges Angstgeschrei könnte die Folge haben, daß wir alle eiligst die Flucht ergreifen müßten. [GS.01_019,06] Nun, habt ihr schon hineingesehen? Ihr bejaht es dumpf; – nun ist’s gut. Bevor wir die Sache ausmachen wollen, begeben wir uns so schnell als möglich hübsch fern von dem Haufen. In der Nähe ist nicht gut reden darüber, denn dieser Erdhaufen hat viele tausend Ohren ausgesteckt und ist auf der Lauer; daher kann man nur in einer gerechten Entfernung über sein Verhältnis sprechen. Erzählet mir nun, was ihr gesehen habt. [GS.01_019,07] Ihr saget: O lieber Freund und Bruder! Schrecklich, überschrecklich, ja entsetzlich war der Anblick! Im Hintergrunde sahen wir ein Wesen kauern, dieses hatte das Aussehen eines allerscheußlichsten und schrecklichsten Drachens. Dieser Drache hatte wohl einen menschenähnlichen Kopf, aber anstatt der Haare war eine unzählige Menge der giftigsten Schlangen zu sehen, welche sich nach allen Seiten krümmten und herumschauten mit ihren feurigen Augen, ob sich kein Raub oder keine Beute dieser schauerlichen Wohnung nahe. [GS.01_019,08] Mehr gegen den Vordergrund an den Wänden herum sahen wir dann wieder eine Menge elender menschlicher Gestalten, welche an Händen und Füßen mit Ketten geknebelt waren. Eine Menge freier Schlangen kroch um dieselben herum, biß ihnen die Adern auf und saugte ihnen das Blut aus. Das scheußliche Wesen im Hintergrunde aber hatte in seiner rechten, mit einer Schlange umwundenen Hand ein glühendes Schwert und in der andern Hand wie eine zusammengewundene Schriftrolle. Diese Rolle entblätterte nicht selten eine Schlange, die um seinen linken Arm gewunden war, und züngelte in der entblätterten Schriftrolle herum, als wollte sie das im Hintergrund sitzende Ungeheuer auf etwas ganz besonders aufmerksam machen. Nach solchem Akte sahen wir, daß aus einem finsteren Hintergrunde bald mehrere höchst unglücklich scheinende menschliche Wesen von einer Menge Schlangen hervorgezogen wurden. Über diese schwang das im Hintergrunde sitzende Ungeheuer alsbald sein glühendes Schwert, zerfleischte einige, andere ließ es durch die Schlangen, die Menschenarme hatten, wieder mit Ketten belegen und den andern beigesellen. – Solches haben wir gesehen, und nicht mehr und nicht weniger. [GS.01_019,09] Ich sage euch: Ihr habt recht gut geschaut und alles gehörig entdeckt, aber ihr saget nun: Lieber Freund und Bruder! Ein Laster unter diesem Schauerbilde kann es auf der Erde ja doch wohl nicht geben! Ich aber sage euch: Noch ums Unbegreifliche viel Ärgeres, als dieses Bild es bezeichnet, gibt es in eben dieser Hinsicht auf der Erde. Ratet aber nun einmal, was unter diesem Bilde für ein Laster steckt? Sehet, dieses Bild entspricht der weltlich tyrannischen Herrschsuchtspolitik. Alles, was sich der Herrschsucht nähert, nähert sich auch dem Inwendigen nach ganz charakteristisch diesem Bilde. Ihr dürfet aber darunter nicht etwa die weise Staatsklugheit gerechter, von Gott gesalbter Könige und Regenten verstehen, welche natürlicherweise ihre Völker überwachen müssen, damit die Völker durch ihre gegenseitige große Bosheit sich nicht allzusehr verderben oder gänzlich zugrunde richten. Unter dem Bilde wird nur diejenige höllische Verschmitztheit verstanden, wenn Menschen, was immer für eines Standes oder Ranges, sich auf dem Wege der schändlichsten Kriecherei suchen irgendeinen Herrschposten zu verschaffen. Haben sie sich irgendeinen solchen verschafft, so verschanzen sie sich sogleich mit einer nach außen scheinenden Demut, Unansehnlichkeit und Anspruchslosigkeit. Aber diese ihre Wohnung ist voll lauschender Schlangen, die gleich sind den kriechenden, verschmitztesten geheimen Spionen, welche auf das Sorgfältigste nach außen blicken, ob sich nichts Gefährliches einer solchen scheinbaren Anspruchslosigkeit verderblich nahen möchte. Hat sich etwas genaht, so wird dasselbe gleich ergriffen und durch ein verdecktes, geheimes Geschleif vor den anspruchslosen Inhaber dieser Wohnung gebracht. Daß es der Beute in solch einer anspruchslosen Wohnung nicht am besten ergeht, solches habt ihr an dem Bilde gesehen. Die Schlangen auf dem Kopfe statt der Haare bezeichnen das rastlose Streben nach noch stets größerer Gewalt. Das glühende Schwert in der Hand, die mit einer Schlange umwunden ist, bezeichnet eine erschlichene Herrscherstelle, d.h. irgendein Amt oder Fach, welches solch einen Herrschsüchtigen berechtigt, die ihm anvertraute Macht auszuüben. Daß das Schwert glühend ist, bezeichnet die unerbittliche Strenge oder das tyrannische Wesen. Daß die Hand mit einer Schlange umwunden ist, bezeichnet, daß solch ein Schwert mit großer Schlauheit gehandhabt wird. Die Rolle in der linken Hand, welche Hand ebenfalls mit einer Schlange umwunden ist, bedeutet die Verschmitztheit solch eines Herrschsüchtlers, in dessen Pläne niemand hineinblicken darf als nur seine große Schlauheit. [GS.01_019,10] Daß ihr die Menschen habt von Schlangen aus einem Hintergrunde hervorschleppen gesehen, besagt, daß des Tyrannen vielfache Schlauheit sie gefangengenommen hat. Die großen Schlangen mit den Menschenarmen, welche den Gefangenen die Ketten anlegen, sind die gedungenen Helfershelfer des Tyrannen. Die Ketten aber bezeugen den vollkommenen Sklavenzustand derjenigen, die unter dem Schwerte eines solchen stehen. [GS.01_019,11] Nun hätten wir alles entziffert. Ihr saget: Das Bild ist zwar richtig, aber es scheint bei allem dem dennoch etwas stark aufgetragen zu sein. Doch ich will euch nur auf einzelne Beispiele aufmerksam machen, deren die Erde besonders in eurer jetzigen Zeit in großer Fülle besitzt, und ihr werdet daraus gar leicht ersehen, ob dieses Bild zuviel sagt. [GS.01_019,12] Damit ihr nicht zu lange zu denken braucht, mache ich euch fürs erste auf alle die bösartigen Meuterer aufmerksam, die, zumeist von höherem Standpunkte ausgehend, sich nach der Durchführung ihrer bösen Pläne zu den größten Scheusalen der Menschheit aufgeworfen haben. Robespierre ist noch bei weitem nicht der Ärgste unter den zahllos vielen, welche die arme Menschheit der Erde vielfach leiblich und geistig ins namenlose Unglück gestürzt haben. Und eben solche wahrhaft höllischsatanische Politik von derlei Menschen wird unter diesem Bilde nur oberflächlich gezeigt. [GS.01_019,13] Wenn es rätlich wäre, euch diese in den tiefer liegenden Erdaufwürfen zu zeigen, wahrlich, ihr könnt es mir glauben, schon bei dem nächsten Haufen wäre auch der Beherzteste aus euch nicht imstande, nur einen Buchstaben mehr auf das Papier zu bringen. Solches alles gehört der alleruntersten und somit auch bösartigsten Hölle an. – Ihr habt von der Höhe hinabgesehen, welch eine große Menge solcher Erdaufwürfe diese schaudererregende Talschlucht in sich enthält. Darüber kann ich euch nur das sagen, daß es in einem jeden solchen Erdaufwurfe ums Zehntausendfache ärger zugeht als in einem vorhergehenden. [GS.01_019,14] Und solches ist genug. Ich muß es euch offen gestehen: nur die allermächtigsten Engelsgeister, welche mit aller möglichen Kraft vom Herrn eigens dazu ausgerüstet werden, können unbeschädigt dieses Tal passieren; ich aber möchte mit euch nicht einmal bis zum dritten Erdaufwurfe dringen. Solange solche Herrschsucht nur Weltliches im Auge führt, wie ihr es in diesem ersten Erdaufwurfe gesehen habt, so lange ist es dem Geistigen bei gehöriger Vorsicht auch nicht schädlich. Wenn aber, was schon beim zweiten Erdaufwurfe ziemlich stark der Fall ist, diese Herrschsucht auch ins Geistige ihre Schlangenarme streckt, da muß sich auch schon ein jeder Geist streng in acht nehmen, sich einem solchen Erdaufwurfe zu nahen! – Und so denn wollen wir uns mit der Aussicht dieses Tales zufriedenstellen. Für das nächstemal aber will ich euch in dieser nördlichen Gegend auf eine sichere und günstige Anhöhe führen, von welcher aus wir einen allgemeinen Überblick über die mannigfachen Verhältnisse eben dieser nördlichen Gegend gewinnen wollen. – Und somit gut für heute! 20. Kapitel – Gang zur Hölle. [GS.01_020,01] Um auf diese günstige Anhöhe zu gelangen, werden wir uns gegen die morgendliche Seite dieser allgemeinen Nordgegend ziehen und von dort aus erst unsere Höhe besteigen. Die Gegend mehr nordwärts ist zu schaurig, um in selbiger irgendeine Reise weiter fortsetzen zu können, und zudem werden wir sie von der Höhe ohnedies überblicken können. – Und so denn gehet mit mir, wir wollen nach geistiger Art sobald als möglich an Ort und Stelle sein. [GS.01_020,02] Wir sind schon da beim ersten Tale, und da sehet hin zu dem Flusse, da werdet ihr das uns zuvor begegnete Paar erschauen, wie sich dasselbe in dem Wasser des Flusses reinigt und zum Teil auch schon ein merklich besseres Aussehen gewinnt. Ihr fraget, was solches bezeichne? [GS.01_020,03] Solches bezeichnet denjenigen Zustand des Menschen, wenn er des fleischlichen Lasters satt und müde geworden ist und bekommt dann eine reuige Sehnsucht, sich zu bessern, solcher Sünde völlig zu entsagen und sich darum nach aller Möglichkeit zu reinigen von allem Übel der Sünde. Ihr sehet, wie schwer solche Reinigung ist. Nur wenige Buchten hat dieser Strom, welche für solche, wie ihr zu sagen pflegt, abgelebte Sünder zugänglich sind. Und da darf er sich ja nicht zu weit hineinwagen. Fürs erste sind die Fluten des Stromes zu reißend und zugleich voll solcher Erscheinlichkeiten, die solche Büßer zu verschlingen drohen. [GS.01_020,04] Wenn sie aber mutig in ihrer Bucht beharren, so werden sie immer stärker und gesünder, bekommen stets mehr Mut, und wenn sie zur vollen Kraft gelangt sind, so können sie sich gegen den Strom aufwärts bewegen nach der Richtung hin zwischen Morgen und Mitternacht, von wannen der Strom herkommt. Wenn sie sich bis dahin gebracht haben, wo ihr vor uns in ziemlicher Ferne zu beiden Seiten des Flusses einen Hügel erblicket, so haben sie die einzige Brücke über den Fluß erreicht, über welche sie an das jenseitige Ufer und sodann in die abendliche Gegend gelangen können. [GS.01_020,05] Was es da mit der abendlichen Gegend für eine nähere Bewandtnis hat, werden wir gar wohl erkennen, wenn wir dieselbe nach dieser nördlichen Gegend bereisen werden. Da ihr nun solches wisset, so lasset uns sogleich auf unsere bedingte Höhe uns erheben, um von da diese Nordgegend näher zu beschauen. [GS.01_020,06] Ihr fragt schon wieder, ob man von da diese Höhe nicht erblicken kann? O ja, sehet nur da hinauf in ziemlicher Ferne jene höchste weißlich-graue Gebirgskuppe; das ist unser bestimmter Standpunkt. Es graut euch wohl ein wenig vor solch einer steilen und schwindelnd hohen Gebirgsspitze. Allein solches tut nichts zum Schaden der Sache, denn wir werden sie ebenso leicht ersteigen wie diesen Punkt, auf dem wir gegenwärtig stehen, und so ihr wollet, machen wir uns auf den Weg. – Ihr wollet, und wir sind schon an Ort und Stelle. Sehet, es ist ziemlich viel Raum auf dieser Spitze; nur müßt ihr euch nicht allzusehr einem oder dem andern Rande nahen und besonders demjenigen am allerwenigsten, der da nach dem tieferen, wie ihr seht, ganz stockfinsteren Norden zugewendet ist. [GS.01_020,07] Und so tretet denn hierher zu mir und sehet da hinab. Sehet die drei Gräben in ziemlicher Ferne von uns dort gegen Abend hin; es sind die uns schon bekannten. Aber nach diesen dreien erblicket ihr noch sieben; und wenn ihr recht genau schauet, so werdet ihr sie voll Löcher erblicken, aus welchen sich ein graudunkler Rauch erhebt. – Ihr fraget, was solches bezeichne? [GS.01_020,08] Solches bezeichnet jenen Zustand des Menschen in seinem Leibesleben, da er das Wahre kennt, dasselbe absichtlich ins Falsche verkehrt, und dann aus seiner inneren Bosheit dagegen handelt. Die Löcher, die gegen das einfallende Licht vom Mittag her offenstehen, bezeichnen die Erkenntnis der wirklichen Wahrheit; der entsteigende Rauch aus diesen Löchern aber bezeichnet die freiwillkürliche Verkehrung göttlicher Wahrheit in eitel Falsches. Das verborgene Feuer aber, dem dieser Rauch entsteigt, ist das verborgene Grundböse, das dem höchsten Grade der Eigenliebe folgt und der daraus hervorgehenden Herrschsucht. Aus diesem Grundbösen heraus wird aller gute Same des Lichtes in den Samen des Unkrautes verwandelt. Dieses Unkraut wird dann von diesem Feuer entzündet, verbrannt und löset sich in diesen euch sichtbaren Rauch auf. [GS.01_020,09] Diese sieben Täler erblickt ihr durch Gebirgsrücken voneinander abgesondert, und einen jeden Gebirgsrücken seht ihr bestehen aus zehn Hügeln. Ein jeder Hügel ist wie mit einer Kapelle geziert. – Was bedeutet wohl dieses? Diese zehn Hügel bezeichnen allenthalben das erhabene mosaische Gesetz. Die Kapellen auf den Hügeln bezeichnen die Weisheit dieses Gesetzes, die sieben Täler, durch welche diese Hügelreihen abgesondert sind, aber bezeichnen das Siebengesetz der Nächstenliebe. [GS.01_020,10] Nun aber seht ihr in eben diesen Tälern unter einem jeden solchen Hügel ein dampfendes Loch gehen. Solches besagt die Untergrabung des göttlichen Gesetzes und die gänzliche Verfinsterung und Zugrunderichtung der Nächstenliebe, welches alles zusammengenommen die große Hurerei zu Babel benamset wird. Dieser Rauch aber ist ärger denn alle Pestilenz. Wer ihn einmal eingesogen hat, der wird sobald also sehr betäubt und blind gemacht, daß er nicht nur im Tale selbst keine freie Stelle finden kann, sondern er kann sich drehen wie er will, und er mag nicht diejenige Stelle verlassen, auf welcher er von dem Rauche verpestet wurde. [GS.01_020,11] Ihr fraget: Was dann mit einem solchen? – Blicket nur genauer hinab, und ihr werdet leichtlich erschauen, wie aus den freilich wohl verschlossenen Kapellen rettende Wesen in die Tiefe eilen, sich solchen Bedampften nahen und sie von der Stelle hinwegziehen auf freiere Plätze. Aber, wie ihr auch sehet, nur wenige lassen sich weiterbringen, die meisten beharren ganz eigensinnig auf ihrem Standpunkte und lassen sich eher von den schwarzen Boten, die diesen Löchern entsteigen, in diese Löcher geleiten, als daß sie möchten dem rettenden Zuge der stets wachenden Bewohner dieser Kapellen folgen. [GS.01_020,12] Sehet, das ist das eigentliche Bild eurer gegenwärtigen Welt und bezeichnet das Wesen aller Lasterhaftigkeit bei Leibesleben der Menschen auf der Erde. [GS.01_020,13] Ihr sehet aber diesen hohen Gebirgszug endlos weit diese mitternächtliche Vorgegend trennen von der wahren finsteren Mitternacht, welche ihr hinter unserem Rücken allerschauerlichst und schrecklichst erschauen möget. [GS.01_020,14] Bevor wir aber noch in diesen Hintergrund einen Blick senden wollen, werden wir noch unsere Blicke gegen die morgendliche Seite hinabsenden. [GS.01_020,15] Sehet, da erblicket ihr nach unseren schon bekannten drei Mitteltälern, d.h. denjenigen, die wir persönlich besucht haben, ebenfalls sieben Täler. Diese stehen im Verhältnis zu den von uns soeben beschauten abendlichen, wie ihr sehet, ums Bedeutende höher und sind allenthalben mit zahlreichen Dörfern bevölkert. Aber ihr sehet auch mit nur ein wenig angestrengten Augen gar leicht, wie da nirgends eine rechte Ordnung anzutreffen ist. Nirgends zeigt sich viel Lebendiges. Die Äcker seht ihr zumeist brach liegen, und wo noch ein Weizen- und Kornfeld ist, ragt allenthalben mehr denn drei Viertel Unkraut über das edle Getreide empor. In dem letzten Tale gegen Morgen hin nur sieht es ein wenig besser aus; aber selbst da ist noch mehr Unordnung als Ordnung zu erschauen. [GS.01_020,16] Zugleich erschaut ihr auch auf den ähnlichen Hügeln zwischen den Tälern wie gegen den Abend hin Kapellen; aber nur sehr wenige, wenn ihr recht genau schauet, sehet ihr zu denselben hinaufwandeln. Die wohlwollenden Kapellwächter haben zwar allenthalben soviel als möglich die bequemsten Wege angelegt; aber selbst diese sind den Bewohnern dieser Dörfer viel zu unbequem und viel zu beschwerlich. Und wie ihr sehet, die schönen Gärten um die Kapellchen herum, vollbesetzt mit guten Fruchtbäumen, und die schöne Aussicht von diesen Hügeln hinüber über den Strom in die glücklichen Gefilde des ewigen Morgens vermögen diese langweiligen Siebenschläfer nicht dahin zu bringen, daß sie sich aus ihren Schlafwinkeln erheben möchten und wandeln hinauf zu diesen Kapellchen. [GS.01_020,17] Ihr saget: Dies ist alles richtig, und wir sehen es mit unseren Augen. Aber was besagt denn solches? [GS.01_020,18] Liebe Brüder und Freunde! Hier bin ich der Meinung, daß ihr solches wohl auf den ersten Augenblick erkennen sollet. Darum will ich euch darüber nichts anderes sagen, als was der Herr zu Johannes gesprochen hat bezüglich der Gemeinde von Sardes, wo Er sagte: „Weil du weder kalt noch warm bist, sondern lau, so will ich dich aus Meinem Munde speien.“ Mehr brauche ich wahrlich nicht zu sagen; vergleichet nur eure sogenannte gute oder bessere Welt mit diesem Bilde, und ihr werdet es buchstäblich bestätigt und wahr finden. [GS.01_020,19] Heißt es nicht auf der Welt: Ich tue ja ohnehin nichts Schlechtes; was gehen mich demnach die sogenannten göttlichen Gebote an? Wenn ich ruhig bin und niemandem schade, was will man denn noch mehr von mir? Sehet, unter diesem Grundsatze liegt die ganze Bevölkerung dieser Gegend in ihren Kneipen drinnen und kümmert sich nicht einer um den andern. Wenn da jemand geht und um Hilfe ruft, so kommt ihm entweder niemand zu Hilfe, oder es raunt ihm jemand aus irgendeinem solchen Schlafwinkel zu: Helfe dir selbst, so gut du kannst, ich werde mir auch selbst helfen, so mir was fehlt. Du gehst mich nichts an und ich dich nichts, ein jeder kümmere sich für sich. [GS.01_020,20] Sehet, aus diesem könnt ihr eure Welt sicher gar leicht erkennen, aber wo befindet sie sich? Ihr sehet, daß sie fürs erste durch diesen verhängnisvollen Strom so gut von allen glücklichen Gefilden abgeschnitten ist wie die anderen gar argen Gegenden, und fürs zweite stößt diese Gegend ebenso allernächst an dieses Grenzgebirge zwischen Dies- und Jenseits wie diejenige Gegend, die wir gegen Abend hin betrachtet haben. Und alle diese Täler, wie ihr sie sehet, mündet am Ende ein jedes an dieser hohen Gebirgswand in einen finsteren sogenannten Tunnel oder unterirdischen Gang, welcher geradewegs in dieses überaus finstere Jenseits führt, das sich nun hinter unserem Rücken befindet. [GS.01_020,21] Ihr fraget: Was ist dieses? Ich aber sage euch: Nachdem wir die Vorgegend betrachtet haben, wenden wir uns ein wenig um und blicken in diese jenseitige Gegend. Drei kurze Blicke werden euch mehr sagen, als ihr wissen möchtet. [GS.01_020,22] Nun, ihr habt euch umgedreht; was habt ihr da erblickt? Ihr saget: Vor der Hand noch nichts als eine stets dichter und dichter werdende Nacht. Blicket noch einmal; was sehet ihr jetzt? [GS.01_020,23] Oh, jetzt schreiet ihr: Schrecklich, schrecklich, und Elend über Elend! Wir sehen nichts als ein Feuer um das andere und glühende Schlangen sich krümmen in den Flammen. Gut, jetzt blicket aber noch einmal; was sehet ihr jetzt? Dieser Anblick läßt euch, wie ich sehe, kein Wort mehr finden; und jetzt sage ich euch: Was sich auf euren dritten Blick eurem Auge gezeigt hat, das ist der erste Grad der wirklichen Hölle! – Es gibt noch einen zweiten und einen dritten. Solchen aber möget ihr nicht erschauen; denn schon ein kürzester Blick würde euch das Leben kosten, denn dort wohnt schon der allerintensivste Tod. Solches aber habe ich euch darum gezeigt, damit ihr entnehmen möget, wohin die unterirdischen Gänge aus all diesen Tälern unwiderruflich führen! [GS.01_020,24] Wie schwer dem Geiste, ja dem materiell bösartig schweren Geiste der Rückweg wird, solches möget ihr aus der unermeßlichen Tiefe gar leicht ersehen, die sich von diesem Gebirgsrücken allersteilst hinabzieht in einen ewig finsteren Abgrund. Mehr brauchet ihr vor der Hand davon nicht zu wissen. [GS.01_020,25] Dieser Standpunkt aber, auf dem wir uns befinden, ist jene freie Höhe des Menschen bei seinem Leibesleben, von welcher aus er gleichermaßen das Wahre und das Falsche, das Gute und das Böse vom Grunde aus in sich erkennt. [GS.01_020,26] Wer auf dieser Höhe ist, der hat des Lebens wahre Bedeutung gefunden und kann nimmerdar verloren gehen, außer er müßte gleich einem Wahnsinnigen sich hinabstürzen aus dieser Höhe in den Abgrund. Solches wird er aber doch bleiben lassen. Und so denn begeben wir uns wieder von dieser Höhe hinab, allda der Nachen unser harret. Ihr wollet, und sehet, wir sind schon wieder an Ort und Stelle. [GS.01_020,27] Steiget nur sobald hinein, ich werde ihn loslösen und euch wieder an das jenseitige glückliche Ufer führen. Ihr seid darinnen, der Nachen ist gelöst und die Fahrt beginnt. [GS.01_020,28] Seht, diesmal tauchen noch mehr Ungeheuer auf denn bei der früheren Überfahrt und drohen uns zu verschlingen. Allein, da ist schon das glückliche Ufer, jetzt mögen sie ihre Zähne in den Nachen schlagen, wir sind im Trockenen! – Und so denn wollen wir von hier aus uns gegen Abend wenden und denselben besichtigen. Doch werden wir unsere Tritte in diese bessere Gegend erst das nächste Mal fortsetzen, – und somit gut für heute! 21. Kapitel – Besuch in der abendlichen Gegend. [GS.01_021,01] Sehet, da ist schon ein recht guter Weg, diesen wollen wir ganz gemächlich fortwandeln. So ihr da hinüberblicket über die linke Hand, so erschauet ihr als Begrenzung einer weitgedehnten Ebene ziemlich hohe, aber dabei doch sanft abgerundete Gebirgszüge, welche gar schön bewachsen sind mit Zedern und allerlei anderen herrlichen Bäumen. Die Scheitel sind überall frei und jeglicher ist mit einer Pyramide geziert, über deren Spitze allenthalben ein heller Stern leuchtet. Wenn ihr aber hier gerade voraus schauet, so erblicket ihr ein breites Tal, welches sich ganz gerade fortzieht und überall, so weit eure Augen reichen, recht fruchtbar aussieht. An verschiedenen Stellen dieses Tales erblicket ihr auch niedlich schöne Gebäude und sehet recht emsig Menschen aus- und eingehen und sehet auch, wie gar viele recht emsig tätig sind mit der Kultur der Felder. Nicht wahr, da kommt es euch beinahe vor, als wenn ihr auf der Erde in einem schönen Tale fortwandeln möchtet, in welchem ebenfalls friedliche Landleute ihre Felder recht emsig bebauen und bearbeiten. [GS.01_021,02] Wenn ihr eure Blicke auf die rechte Seite hinüberwendet, so erschauet ihr ebenfalls eine weit, ja unabsehbar weit gedehnte Gebirgskette, deren Niederungen ebenfalls mit guten Bäumen überwachsen sind, und hier und da zwischen den Wäldern zeigt sich eine ländliche Wohnung. Aber über den Waldungen erhebt sich ein außerordentlich schroffes Steingebirge, dessen oberste Scheitel mit ewigem Schnee und Eise bedeckt sind. [GS.01_021,03] Ihr saget: die Gegend ist wunderherrlich und schön, nur fehlt hier und da ein See oder irgendein schöner, breiter Strom. Wäre solches auch noch in dieser Gegend vorhanden, so könnte man sich nicht leichtlich eine anmutigere und zugleich auch romantisch schönere Gegend vorstellen, als diese da ist. [GS.01_021,04] Ich aber sage euch, meine lieben Brüder und Freunde! Habt nur eine kleine Geduld, wir werden bald auch dergleichen in der reichlichsten Menge antreffen, denn wir gehen sehr geschwind und sind in dieser abendlichen Gegend über alle eure Begriffe weit vorgedrungen. Sehet euch nur einmal um und bemesset die linke Seite nach dem sanften, mit Pyramiden gezierten Gebirgszuge, und ihr werdet sogleich gewahr werden, wie weit wir schon vorgedrungen sind. [GS.01_021,05] Ihr saget: Aber wie ist denn das möglich? Wir können ja kein Ende dieses Gebirgszuges mehr erblicken, und es kommt uns vor, als ziehe sich dasselbe endlos weit hinter uns fort. In weitester Ferne erblicken wir kaum noch die schönen Sterne über den Pyramiden gleich beleuchteten Sonnenstäubchen schimmern. Ja, liebe Brüder und Freunde, hierzulande reist man außerordentlich schnell, ohne daß der Reisende die Schnelligkeit seiner Bewegung merkt. Obgleich wir nun, wie ihr wohl sehet, ganz gemächlich Schritt für Schritt wandeln, ist aber unsere Bewegung dennoch so außerordentlich schnell, daß sich von dieser Schnelligkeit auf der Erde niemand einen Begriff machen kann. Ihr könnt es glauben: Wenn es euch möglich wäre, leiblicher Weise diese Schnelligkeit auszuüben, so würdet ihr dadurch in einem Augenblicke viele Milliarden Sonnenweltgebiete durchzucken. Wie aber solches möglich ist, darüber werden wir schon noch ein Wort wechseln. [GS.01_021,06] Nun kehren wir unsere Blicke wieder nach vorne und setzen unsere Reise ganz ruhig wieder fort. Ihr fraget mich: Was ist denn dort im tiefen Hintergrunde für eine schimmernde Fläche, über welcher sich im noch tieferen Hintergrunde am etwas abendlich dunklen Firmamente eine Menge recht hell leuchtender Sterne zeigt? – Geduldet euch nur; wir werden schon noch dahin kommen. Seht euch aber etwas nach rechts um und saget mir, wie euch solches behagt? Ich lese Beifall aus euren Augen. Ist das nicht ein See, wie sich’s gebührt? [GS.01_021,07] Sehet die Menge der schönen Inseln, welche sich über die ruhige und reine Wasseroberfläche erheben, wie sie alle bebaut sind und eine jede Insel noch dazu mit einem niedlichen Hause geziert ist. Sehet die vielen schönen Fahrzeuge auf dem Wasser, wie dieselben recht gut besetzt sind und sich von einer Insel zur anderen bewegen. Ihr wundert euch, ihr sehet noch nicht den hundertsten Teil; je weiter wir vorwärts dringen werden, desto ausgedehnter wird der See. [GS.01_021,08] Aber wie ihr sehet, das linke Ufer bildet noch immer eine breite Talgegend bis zur linken Gebirgskette hin, und wir haben noch eine gute Weile zu wandeln, bis wir dieses Tal mehr eingeengt, dafür aber den See mehr ausgebreitet vor uns erschauen werden. Da auf einem schönen grünen Hügel zu unserer linken Seite befindet sich ein recht schöner Tempel mit einem goldenen Dache. Und wie ihr sehet, befindet sich auch eine Menge Menschen in diesem offenen Tempel, die mit weißen Kleidern angetan sind. Ihr möchtet wohl wissen, was sie da tun? [GS.01_021,09] Sehet aber nur an das nahe Seeufer, da entsteigt soeben einem niedlichen Wasserfahrzeuge eine Gesellschaft, die sich ebenfalls zu diesem Tempel hinbegeben wird. Fraget sie nur, und wir werden sogleich erfahren, was sie zu diesem Tempel hinzieht. So ihr euch aber nicht getrauet, da will ich solches auch wohl tun; und so habet denn acht! Ich will einen anreden. [GS.01_021,10] Höre, guter Freund und Bruder im Herrn! Was zieht euch hin in den Tempel, der da erbauet ist auf der Höhe des grünen Hügels? Er antwortet: Freund und Bruder in dem Herrn, wie du sagst, woher bist du, daß du solches nicht wissest? Ich entgegne: Was siehst du dahin, woher ich komme? Er antwortet: Ich sehe dahin gegen Morgen. Ich entgegne: Gut, so du gegen Morgen siehst, daher ich komme, wie magst du mich fragen, woher ich käme? Ich aber will es derer wegen, die mit mir sind, daß du mir gegenüber offener Sprache sein sollst. [GS.01_021,11] Der Gefragte verneigt sich und spricht: Mächtiger Bote des Herrn! Ein Weiser von Morgen her, sicherlich ein dir wohlbekannter Bruder, lehrt hier die Liebe des Herrn; darum gehen wir hin, um zu hören solche hohe Weisheit. Ich sage zu ihm: Wie lange seid ihr schon unsterbliche Bewohner dieser Inseln? Er spricht: Mächtiger Bote des Herrn! Wir bewohnen diese Gegend nach entsprechender Weltrechnung schon über hundert Jahre. Ich entgegne: Möget ihr denn nicht dem Morgen näherrücken? [GS.01_021,12] Er spricht: Wir sind des Weges unkundig. Diese Insel aber ward uns beschieden zur Wohnung und zu unserem Unterhalte. Es kam niemand, der uns weiterbrächte, und uns gebrach es allzeit am Mute, daß wir aus eigenem Antriebe solch eine uns endlos weit vorkommende Reise hätten unternehmen können. Die Weiseren unter uns sagen, daß der Morgen, dessen Licht wir von hier aus wohl erblicken, endlos weit entfernt ist. Darum gedenken wir, daß solcher für unsere Kräfte nimmerdar zu erreichen ist, und es bleibt uns daher nichts übrig, als unsere große Sehnsucht dahin soviel als möglich zu beschwichtigen. Zudem aber denken wir noch, daß dieses, was wir hier besitzen, schon viel zu viel für uns ist, und ist alles pure Gnade und Erbarmung des Herrn; und darum sind wir auch dankbarst zufrieden mit dem. Nur eines möchten wir einmal genießen, und wir wären für ewige Zeiten ums Unendliche glücklicher, und dieses eine wäre, daß wir nur einmal den Herrn zu sehen bekämen! [GS.01_021,13] Ich entgegne: Also ziehet nur hin in den Tempel, da die Liebe zum Herrn gelehrt wird; diese ist der Weg, auf welchem sich euch der Herr nahen wird. Sehet, die Gesellschaft zieht nun schon eilend hin über die schönen Felder zum Tempel. [GS.01_021,14] Ihr fraget mich: Welcher Klasse Menschen haben denn diese bei ihrem Leibesleben auf der Erde angehört? Ich sage euch: das sind die sogenannten gläubigen Christen, welche in dem alleinigen Glauben die Rechtfertigung suchten und die Liebe nicht wohl anerkennen wollten, als tauge sie nichts fürs ewige Leben, sondern allein der Glaube. Und solche Begründung hält sie hier. Der See bezeichnet die Unzugänglichkeit derjenigen, die sich in irgend etwas begründet haben. Die Inseln aber bezeichnen, daß die Begründung aus dem Worte des Herrn hervorgegangen ist. Weil aber die Wahrheit nicht in Verbindung mit der Liebe ist, oder das Glaubenswahre nicht in der wahren himmlischen Ehe steht mit dem Liebeguten, so ist das bewohnbare Ländertum dieser Völker allenthalben durch das dazwischenstehende Wasser getrennt. Die Fahrzeuge, die ihr auf dem See erblicket, bezeichnen die freundlich gute Handlungsweise solcher Menschen auf der Erde. Diese Handlungsweise bringt, wie ihr seht, diese Inselbewohner in wechselseitige Verbindung. [GS.01_021,15] Diese Gegend hier zur linken Seite aber bezeichnet diejenigen, welche aus den Glaubenswahrheiten nach und nach in einiges Liebtätigkeitsgute übergegangen sind und glauben darum auch an die Liebe des Herrn; aber es bleibt mehr beim Glauben als bei der Liebe. Solches bezeichnen allenthalben die hohen und starken Bäume, welche aber dennoch keine genießbare Frucht tragen; daher die Lebensmittel, wie ihr sehet, nur kleinwüchsig auf dem Boden in gehörig reichlicher Menge vorkommen. So bezeichnen auch die Pyramiden auf den runden Gebirgshöhen zur linken Seite mit den leuchtenden Sternen über den Spitzen, daß das oberste Prinzip dieser Menschen „der Glaube“ ist, und ebenfalls das alleinige Licht. Die mit Zedern wohlbewachsenen übrigen Teile dieser Berge bezeichnen die Macht des Glaubens. [GS.01_021,16] Daß sie aber keine genießbare Frucht haben, solches besagt, daß der Glaube allein das Leben nicht bewirkt. Und wenn schon in dem Glauben allein für sich ein geistiges Leben waltet, so hat es aber doch nur wenig Früchte, durch deren Genuß sich das Leben zu einer höheren Potenz kräftigen könnte. [GS.01_021,17] Die Gegend zu unserer rechten Seite mit dem schroffen Gebirge grenzt zunächst an den Norden. Daher ist dieses Gebirge auch so schroff und hoch und bezeichnet die Grenzlinie zwischen dem Abend und Norden. [GS.01_021,18] Ihr fraget, ob diese Gegend auch bewohnt ist. O ja; aber zumeist von gutmütigen Heiden, wie auch von solchen, die durch den Bilderdienst ihre Herzen bewahrt haben vor Bosheit und dabei übrigens rechtschaffene Weltbürger waren. Die Tempel, die ihr jenseits hier und da über den Waldungen hervorragen sehet, sind ebenfalls Lehrplätze, in denen solche Wesen von ihren Irrtümern befreit werden können, so sie ernstlich wollen! [GS.01_021,19] Solange aber solches nicht der Fall ist, werden sie belassen wie sie sind, und es wird ihnen kein Zwang angetan. Da wir solches nun wissen, so können wir füglichermaßen wieder unsere Füße weiter vorwärts setzen. [GS.01_021,20] Ihr fraget schon wieder: Was ist denn dort zur linken Seite, wo der See breiter wird und das Land zur linken Seite sich zuenget, für eine überaus hohe Säule? – Gehen wir nur fleißig darauf zu; wir werden sie bald erreichen. Sehet, sie kommt uns näher und näher zu stehen, und wie ihr sehet, sind wir bereits bei ihr. Leset, was da oben steht! Ihr leset richtig, denn es heißt: „Grenzmarke zwischen dem Reiche der Kinder und dem Vorreiche“ welches ist ein Wohnort derer, die eines Überganges noch unfähig sind. [GS.01_021,21] Und nun sehet weiter vorwärts, wie sich da ein unübersehbares großes Meer ausbreitet, und ihr nicht möget irgendein Land erschauen. Das ist die nämliche schimmernde Fläche, die wir ehedem von weiter Ferne her erschauten. Sehet nur hin, dort vorwärts, ganz im Hintergrunde werdet ihr auch die Sterne erblicken. Für heute jedoch wollen wir bei dieser Säule ausruhen, und fürs nächste Mal erst unsere Seereise gegen den tiefen, besternten Hintergrund beginnen. Und somit gut für heute! 22. Kapitel – Vorgrenze des Kinderreiches. [GS.01_022,01] Ihr fraget: Lieber Freund und Bruder! Wie werden wir denn über diese ungeheure Meeresfläche kommen, da nirgends ein Boot oder Schiff zu entdecken ist, dessen wir uns bedienen könnten oder das uns aufnähme? – Ich aber sage euch: Dessen werden wir auch nicht vonnöten haben. Es kommt nun auf euch an, ob ihr über dieses Gewässer also wandeln wollet wie dereinst das israelitische Volk durch das Rote Meer oder also, wie dereinst Petrus gewandelt ist mit dem Herrn auf der Oberfläche des Wassers. Beides kann stattfinden, und es wird geschehen, wie ihr wollet. Ihr saget, daß ich solches bestimmen möchte, und anzeigen, welches wohl das Beste ist? [GS.01_022,02] Wenn es auf mich ankommt, so will ich lieber dem Herrn als dem Moses folgen. Also versuchet mit mir die Oberfläche des Wassers zu betreten und habet nicht die geringste Angst, denn wir werden über dessen Oberfläche leicht wandeln wie auf dem Lande. Nun sehet, wir stehen schon auf dem Wasser; wie kommt euch dieser Boden vor? Ihr saget: Es ist überaus gut gehen darauf. Der Boden ist allenthalben, wo wir hintreten, zwar sehr subtil, aber dabei dennoch wie federhart und läßt sich nicht eindrücken. Das Wasser ist sehr klar und scheint auch überaus tief zu sein. Aber es wandelt uns dennoch keine Furcht an, nachdem wir uns überzeugen, daß es, um uns zu tragen, von einer hinreichenden Festigkeit ist. [GS.01_022,03] Solches ist richtig, meine lieben Freunde und Brüder, solang man noch knapp am Ufer steht, noch eine große Menge Gegenstände und festes Land um sich erblickt und des Wassers Oberfläche ganz spiegelruhig daliegt. Aber wenn man so recht in die weite Ferne hinausgekommen ist und die Oberfläche dieses Gewässers stets wogender wird, da muß man sich wohl zusammennehmen, um nicht wasserscheu zu werden und dabei das Gleichgewicht zu verlieren. Jedoch so fest, wie das Wasser hier ist, so fest bleibt es allenthalben; und so denn versuchen wir, unsere Reise fortzusetzen. Haltet euch aber nur so recht fest an mich und machet keine furchtsamen, sondern recht feste Tritte, denn mit zarten Tritten würdet ihr da nicht viel ausrichten. Wie ihr sehet, ist die Oberfläche des Wassers überaus glatt; und so man da die Füße nicht feststellt, kann man leicht ausgleiten und fallen, wo es einem dann auf diesem glatten Boden recht viele Mühe macht, sich wieder emporzurichten. Nun, wir sind fest bei Fuß, und wie ich sehe, so macht ihr recht gute Fortschritte. [GS.01_022,04] Also nur gerade vorwärts, bis wir diejenige Stelle erreichen werden, die dort am fernen Horizonte ziemlich stark wogend erscheint. Und sehet, es geht recht gut vorwärts; hie und da schwankt der Boden wohl zufolge der allgemeinen Bewegung des Meeres, allein wie ihr sehet, so hindert solches unsere Tritte nicht im geringsten. [GS.01_022,05] Aber was sehet ihr so emsig hinab ins Wasser? – Ist euch vielleicht etwas hineingefallen und hinabgesunken in die Tiefe? Ihr saget: Lieber Freund, mitnichten; wir sehen nur hinab, ob sich unter uns im Wasser nirgends Fische oder andere Wassertiere befinden. Ich sage euch: Seid dessen unbesorgt, von Ungeheuern des Gewässers ist hier gar keine Rede, aber kleine edle Fischlein gibt es in zahlloser Menge. Ihr möchtet wohl gerne einige sehen? Wenn ihr solches wollet, da müßt ihr euch ein wenig umkehren, da werdet ihr sie gleich erblicken, wie sie vom Morgen her dem Abende zuziehen. – Nun, ihr habt euch umgekehrt. Seht, welch eine ungeheure Menge schön glänzender Fische da aus der morgendlichen Gegend her dieses ganze unübersehbare Gewässer belebt! Haben sie nicht eine Ähnlichkeit mit den Goldfischlein bei euch auf der Erde? – Ihr saget: O ja, nur ist der Glanz bei weitem stärker. [GS.01_022,06] Ihr möchtet wohl gern erfahren, was diese Fischlein hier besagen? – Diese Fischlein besagen das ausgehende Leben vom ewigen Morgen, welches dieses Element durch und durch belebt und sodann hinaustritt als ein freies Leben in alle die unendlichen Räume der ewigen Schöpfungen Gottes. [GS.01_022,07] Da wir aber jetzt schon einen kleinen Halt gemacht haben, so sehet euch ein wenig auf der Oberfläche dieses großen Gewässers um. – Nun, ihr erschrecket ja und saget: Um Gotteswillen, es scheint die ganze Unendlichkeit von diesem Gewässer erfüllt zu sein, denn nirgends ist ja von einem Lande mehr etwas zu entdecken. Wie weit auch immer das Auge seine Sehkraft in die Ferne der Fernen hin anstrengt, erblickt es nichts als die wogende und weißlich schimmernde Oberfläche eines unendlichen Meeres. Ich aber sage euch: Machet euch nichts daraus und denket euch, daß es uns bei dieser ungeheuren Wasseroberfläche um uns her dennoch nicht so schlecht geht, als es dem Christoph Kolumbus gegangen ist mit seinen schlechten Fahrzeugen in der Mitte des Atlantischen Meeres, allda er gar ängstliche Blicke tat, um irgendein Land zu entdecken. [GS.01_022,08] Setzen wir aber unsere Reise nur fort. Sehet, wir sind den Wogen schon ziemlich nahegerückt. Wenn wir dahin gelangen werden, müßt ihr euch recht fest an mich halten, denn wir werden daselbst gar tiefe Wassertäler und Wasserberge zu passieren bekommen. [GS.01_022,09] Nun sehet, immer deutlicher und deutlicher werden die Wogen. Jetzt haltet euch fest, denn ein paar Schritte noch nach unserer geistigen Bewegung und wir sind bei den Wogen. – Nun, da ist schon der erste Wogenrand; sehet, welch ein tiefes Wassertal, und wie sich da das Gewässer in dieses Tal hinab ergießt, und sehet, wie dort ein Wasserberg in schäumender Wogenflut sich nahe bis an das Firmament hinauf zu erheben scheint. [GS.01_022,10] Ihr saget: O lieber Freund und Bruder, da hinüber zu kommen, wird wohl keine Möglichkeit sein! Denn hier sieht es ja erschrecklich aus. Dort schlagen ein paar himmelhohe Wogen übereinander zusammen. Da bildet sich eine Wasserkluft so tief, als wenn man von einem höchsten Berge hinabschauen möchte in die schauerlichste Tiefe! [GS.01_022,11] Ich sage euch aber: Hier wird es uns recht gut gehen, denn wie ihr sehet, fließt die Wasserschlucht schon wieder zusammen, da können wir jetzt unseren Weg gar leicht fortsetzen. Bis wir diesen vor uns schwebenden Wasserberg erreichen werden, wird auch er sich ebnen; und sehet, er hat sich schon erniedrigt, nun haben wir wieder ebenen Weg. Aber da ist schon wieder eine große Wasserschlucht; wildschäumend stürzen die feuchten Wände hinab in die Tiefe. Allein, gedulden wir uns nur ein wenig. Diese Schlucht soll sobald wieder zu ebenem Boden werden. Sehet, die Wände haben sich schon wieder ergriffen, und wir können unseren Weg weiter fortsetzen. Aber dort wogt schon wieder ein ungeheurer Wasserberg gegen uns her, und hinter uns hat sich soeben wieder eine neue Wasserschlucht gebildet. – Ihr saget: Dieser ungeheure Wasserberg wird uns wohl auch in die Schlucht hinabtreiben. – Sorget euch nicht; der Berg wird die Schlucht nur ausfüllen, und wir werden wieder ebenen Weg bekommen. [GS.01_022,12] Nun sehet, nach Ungewitter und Regen kommt Sonnenschein. Mit diesem Wogenberge haben wir auch die ganze Wogenpartie dieses Meeres überschritten, und wir haben schon wieder ruhiges Gewässer vor uns. Aber dort in weitester Ferne, wo ihr eine Menge Sterne erblicket über dem Wasser, kommt noch eine gefährliche Stelle, nämlich große Meereswirbel. Allein, sorget euch auch dieser Wirbel wegen nicht, sie werden uns so wenig schaden wie diese Wogen. Nun sehet, nach unserer vermehrten Schnellreise sind wir auch schon bei diesen Wirbeln. Hier müssen wir immer auf dem Rande der Wirbel vorwärtsgehen, so werden sie uns nichts anhaben. Erschreckt euch nicht vor dem donnerartigen Getöse dieser Wirbel und sehet empor zum Firmament, wie wir uns schon unter den Sternen befinden, die wir vor kurzem noch so fernestehend erblickten. Und nun strenget eure Augen abermals an und blicket nach vorwärts. Was seht ihr? [GS.01_022,13] Ihr schreiet: Land, Land! – Nun ja, also war dieses Meer denn doch nicht so unendlich, als ihr es euch noch vor kurzem vorgestellt habt. Sehet, dort an einer Landzunge, die ziemlich weit in das Meer hereinreicht, abermals eine Säule. – Ihr fraget, was sie bedeute? – Wir werden sogleich dort sein, und ihr könnet die Inschrift selbst lesen. Nur noch ein paar Schritte, und wir sind schon wieder auf trockenem Lande! – Und sehet, da ist auch schon die Säule! [GS.01_022,14] Was steht auf ihr geschrieben? – „Vorgrenze des Kinderreiches.“ – Nun wisset ihr, wo wir uns befinden. Ihr saget: Aber um des Herrn willen, das ist ja eine entsetzlich gebirgige Gegend! Sollten wir uns etwa auch noch tiefer hinein in dieses Gebirgsland begeben? – O ja, das ist eben die Hauptsache, darum wir hierher die weite Reise gemacht haben. Das müsset ihr sehen, denn hier erst wird sich des Abends wahre Bedeutung kundgeben. – Fürs nächstemal werden wir uns sonach in diese Gebirgsgegenden wagen. Und somit ruhen wir heute bei dieser Säule wieder aus! – 23. Kapitel – Wer sparsam sät, wird mager ernten. [GS.01_023,01] Da wir uns hier gehörig von unserer Reise ausgeruht und bei dieser Gelegenheit haben so manchen weitgedehnten Rückblick dahin senden können, von wannen wir hergekommen sind, so wird uns die Weiterreise ja eben keine so großen Beschwerden mehr machen. – Sehet, da zieht sich gleich ein ziemlich breites Tal, mit einer kleinen Meereseinbuchtung versehen, landeinwärts. Gehen wir unseren Weg zur rechten Seite der Bucht vorwärts. Hier möget ihr schon wieder freier wandeln, denn nun haben wir festen Boden. – Da sehet einmal in die Tiefe des Tales hinein nach vorwärts, wo es sich ganz zusammenengt. Dorthin müssen wir sobald gelangen und unsere erste kleine Station machen. Also nur munter darauf losgeschritten, und wir werden bald an Ort und Stelle sein. – Sehet, wie das Tal immer enger und enger wird und von allen Seiten her die furchterregendsten Hochgebirgsfelsen also herabhängen, als wollten sie jeden Augenblick herabstürzen. Allein, lasset euch alles dessen nicht bange werden; es wird niemandem dabei auch nur ein Haar gekrümmt. [GS.01_023,02] Nun sehet, da sind wir schon bei unserer engen Kluft; wie gefällt es euch hier? Ihr saget: Eben gerade nicht am besten. Das tut aber nichts zur Sache, wenn wir erst einen schärferen Blick in diese Gegend tun werden, so wird sie euch schon ein wenig besser zu munden anfangen, als es soeben der Fall ist. Sehet, da neben der Kluft geht zur linken Hand ebenfalls ein enger Graben, sich gegen Mittag hinziehend, hinein. Was erblickt ihr da? Ihr sagt, wie ihr sehet: Wir sehen abhängende Gebirgstriften, hier und da sparsame Äcker über denselben; hier und da, mehr in der Niederung, ist ein kleines Häuschen wie gegen den Berg hinzugedrückt erbaut. Hier und da wieder sehen wir große und überaus hoch herabstürzende Wasserquellen; Bäume und Gesträuche gibt es auch hier und da. Dieses Tal hat also das Aussehen einer höchst eingeengten Gebirgsgegend in der Schweiz auf dem Erdkörper. [GS.01_023,03] Sehet ihr keine Menschen? – Ihr saget: Bis jetzt hat sich noch nichts Ähnliches unseren Blicken dargestellt; aber, wie es uns vorkommt, da nicht ferne bei der ersten Bauernhütte erblicken wir soeben einige ganz armselige Landleute der Hütte entsteigen. Sie sind ebenso mit graulodenem Kleide angetan wie auf der Erde. Auch dort, weiter vorne, erblicken wir ganz ähnliche Landleute, die auf dem Acker damit beschäftigt zu sein scheinen, einiges Unkraut aus dem besseren Getreide zu jäten und, wenn wir uns nicht täuschen, so erblicken wir dort auf einer mehr im Hintergrunde befindlichen Gebirgstrift eine etwas mager aussehende Kuhherde. Das, lieber Freund und Bruder, wie du dich selbst überzeugen kannst, ist aber auch alles, was wir von lebenden Wesen hier erschauen. – Geht dieses Tal noch tiefer hinein oder hat es mit der letzten Ansicht schon ein Ende? [GS.01_023,04] Liebe Freunde und Brüder, dieses Tal geht noch gar tief hinein, wird nach und nach stets breiter und freundlicher, jedoch nicht zu vergleichen mit denjenigen Gegenden, die wir vor der ersten Säule erschaut haben. Ihr fraget: Was bedeutet denn dieses Tal? Ich sage euch: dieses Tal und noch gar viele seinesgleichen ist nichts als eine vollgültige Enthüllung desjenigen Textes in der Schrift, der also lautet: „Wer sparsam säet, der wird auch sparsam ernten.“ – Ihr fraget mich abermals: Wer waren denn diese Leute auf der Erde? Ich sage euch: Das waren auf der Erde sehr angesehene und wohlhabende Menschen und taten der armen dürftigen Menschheit manches Gute. Die größten Wohltäter aber waren sie dennoch ihrer selbst. [GS.01_023,05] So war der Besitzer der ersten Hütte, die ihr da im Vordergrunde erschauet, ein überaus reicher Mann. Dieser Mann hat bei jeder Gelegenheit den Armen mitunter ganz ansehnliche Stipendien gegeben. Aber alle diese Stipendien zusammengenommen machten nicht den zehntausendsten Teil seines Vermögens aus. Nun sehet, dieser Mann hatte wohl Nächstenliebe; wäget aber die Nächstenliebe ab mit seiner stark vorherrschenden Eigenliebe, so werdet ihr sobald den Grund einsehen, warum er nun hier ein gar so dürftiger Landmann ist. Ihr saget: Beiläufig sehen wir ihn wohl ein; aber so ganz gründlich noch nicht. – Gut, ich will euch den Grund sogleich ganz klar darstellen. Solches müßt ihr aber zuvor wissen, daß man hier im Reiche des Geistes sich auch ganz außerordentlich wohl auf die Kapital- und Zinsenrechnung versteht, und zwar mit einer solchen Genauigkeit, daß sogar auf die Atome der kleinsten Zinsmünze Rücksicht genommen wird. [GS.01_023,06] Und so denn merket wohl auf: Dieser hier dürftige ,Landmann‘ besaß auf der Erde ein Vermögen in runder Zahl von zwei Millionen Silbergulden. Nach eurem gesetzlichen Zinsfuße warf ihm dieses ansehnliche Kapital jährlich einmalhunderttausend Silbergulden an Zinsen ab. Die Früchte dieses Kapitals hatte dieser Mann auf der Erde volle dreißig Jahre hindurch genossen. Dadurch hat er sich sein ursprüngliches Vermögen noch um drei Millionen Silbergulden vergrößert. Sein Hauswesen bestritt er mit den Zinseszinsen. Von diesen Zinseszinsen, welche ebenfalls sehr ansehnlich waren, machte er auch allerlei wohltätige Spenden, welche am Ende seines Lebens zusammengenommen bei fünfzigtausend Gulden ausmachten. – Wie verhält sich diese Summe zu seinem Hauptkapitale und zu den alljährlichen Zinsen, welche dasselbe abwirft? – Es ist ein Fünftel seines jährlichen Haupteinkommens. Er bekommt aber das Fünffache als Hauptzinsenertrag seines Kapitals nach den erworbenen fünf Millionen alljährlich, während diese Summe von fünfzigtausend Gulden, für wohltätige Zwecke verwendet, sich auf seine ganze Lebenszeit erstreckt. Diese Summe wird bei uns genau auf die dreißig Jahre ausgemessen, und was da entfällt auf ein Jahr, wird als Kapital angenommen. Von diesem Kapitale kommen ihm nun die Zinsen zugute. Das Kapital stellt seine ganze Wirtschaft dar, und der Ertrag dieser Wirtschaft steht mit den gesetzlichen Zinsen stets in der genauen Übereinstimmung. Die zwei Personen, die noch an seiner Seite sind, das sind sein Weib und ein verstorbener Sohn. Diese haben gewisserart mit dem Geiste des Vaters mitgearbeitet, daher haben sie gar kein eigenes Kapital, sondern müssen alle drei von dem Zinsertrage leben, welchen diese Bauernwirtschaft abwirft. [GS.01_023,07] Ihr fraget: Können diese Menschen nie zu einem größeren Gute gelangen? Die Möglichkeit ist wohl vorhanden; aber es geht solches hier noch ums Bedeutende schwerer als bei euch auf der Erde. Ihr wißt aber, wie schwer es einem ist, auf dem gesetzlichen Zinswege sich mit einem Kapitale von etwas über tausend Gulden zu einer Million zu erheben. Sehet, noch schwerer ist es hier, zu einem größeren Besitztume sich emporzuarbeiten, denn was dieser magere Grund trägt, reicht mit der genauesten Not kaum hin, um diesen drei Personen die allernötigste Subsistenz zu geben. Daher ist da mit der Ersparnis nicht wohl weiterzukommen. [GS.01_023,08] Es bietet sich nur ein Fall dar, durch welchen sich die armseligen Bewohner dieser Gegend nach und nach emporhelfen können, und dieser Fall besteht darin: Es kommen von Zeit zu Zeit ganz entsetzlich arme Pilger durch diese enge Kluft herein. Diese sind gewöhnlich nackt und voll des drückendsten Hungers. Wenn diese Pilger solche Häuser erblicken, so verlegen sie sich alsbald aufs Betteln. Wenn dann einem solchen Bettler ein solcher Landmann bei aller seiner Dürftigkeit dennoch mit offenen Armen entgegengeht, ihn führt in seine ärmliche Hütte, ihn daselbst mit der nötigen Kleidung versieht und sein kärgliches Mahl brüderlich mit ihm teilt, so wird durch eine solche Unterstützung sein Kapital um die Hälfte vergrößert, jedoch ihm unbewußtermaßen. – Tut er solches öfter oder behält sogar einen gar Armseligen in seiner Pflege, indem er zu ihm spricht: Lieber Bruder! Siehe, ich bin arm und habe wenig; bleibe darum aber dennoch hier, und ich will dieses wenige allzeit brüderlich mit dir teilen solange ich etwas haben werde, und habe ich mit dir alles verzehrt, was ich habe, so will ich dann auch mit dir gern den Bettelstab ergreifen. [GS.01_023,09] Wenn solches der Fall ist, so wird sobald das Kapital eines solchen Landmannes heimlich verhundertfacht. Und wenn bei einer solchen Gelegenheit noch mehrere Dürftige zu ihm kommen, und er nimmt sie liebfreundlich auf und bietet alles Mögliche auf, sie zu versorgen, so daß er z.B. mit den Pilgern im Falle seiner gänzlichen Versorgungsunfähigkeit zu den andern Nachbarn geht und für sie um Unterkunft und mögliche Versorgung bittet, so wird dadurch sein Kapital vertausendfacht; jedoch ohne sein Wissen. [GS.01_023,10] Wenn es dann geschieht, daß er zufolge seiner Nächstenliebe sich aller seiner Habseligkeit also entblößt hat, daß er dann im Ernste mit seinem Pilger den Bettelstab ergreift, so wird er einige Zeit belassen, auf daß er bettele um den Unterhalt vorerst seines armen Aufgenommenen und so nebenbei erst auch für sich; – für sich aber dennoch also, daß er stets den größeren Teil seinem armen Bruder zuwendet. Da geschieht es denn, daß ihm unbekanntermaßen vom Herrn ein Engelsgeist entgegenkommt, sich nach seinen Umständen erkundiget und er dann spricht: Lieber Freund, du siehst, daß ich arm bin, jedoch solche Armut drückt mich nicht; aber daß ich diesem meinem Bruder nicht mehr helfen kann, solche Armut drückt mich. – Was glaubet ihr, was da geschieht? – Hier kehrt sich der arme Bruder um und spricht zu ihm: Ich kam nackt zu dir, du hast mich bekleidet, hast mich, den Hungrigen und Durstigen, gespeiset und getränket und achtetest nicht auf deine Gabe, auf daß du sogar mit mir den Bettelstab ergriffest und suchtest allenthalben Brot für mich. Siehe, also bin Ich aber nun auch dein großer Lohn, denn Ich, dein armer Bruder, bin der alleinige Herr Himmels und aller Welten und kam zu dir, auf daß Ich dir helfe. [GS.01_023,11] Dieweil du auf der Erde warst, hast du zwar sparsam gesät, und eine sparsame Ernte mußte daher notwendig dein Anteil sein. Mit deiner sparsamen Ernte aber hast du keinen Wucher mehr getrieben, sondern hast erweichen lassen dein Herz und mochtest keinen Armen vor deiner Hütte vorüberziehen sehen, ohne mit ihm zu teilen deine sparsame Ernte. Siehe, solches hat dir geholfen und dich zu einem reichen Einwohner des Himmels gemacht. Siehe, dieser Bruder, der dir hier entgegenkam, wird dich führen in dein neues Besitztum. [GS.01_023,12] Hier verschwindet der Herr, und der abgesandte Bote führt den liebtätigen armen Bewohner dieser Gegend hinüber in den goldenen Mittag, allda für ihn ein dem Kapitale seiner Liebtätigkeit wohl angemessenes neues Besitztum harrt. – [GS.01_023,13] Wenn der also Beglückte zum Boten spricht: Lieber Freund und Bruder, siehe, ich bin unendlich glücklich, darum mir die unendliche Gnade und Erbarmung des Herrn solches beschert hat; ich weiß, daß dieses neue Besitztum sicher von gar herrlicher und reichlicher Art sein wird. Allein siehe, hier sind andere arme Brüder; an diese trete ich dieses mir bestimmte Gut ab, mich aber lasse wieder zurückziehen in meine ärmliche Hütte; denn es könnte ja geschehen, daß sich unter den vielen Armen, die vielleicht noch meine ärmliche Hütte besuchen werden, wieder einmal der Herr einfinden könnte. Und so will ich zurückziehen und in meiner armen Hütte noch jeglichem armen Bruder mit hundertfach größerer Liebe entgegenkommen, als solches bis jetzt der Fall war. Wahrlich, ich kann dir sagen, wenn ich solch eines Glückes noch einmal in meiner ärmlichen Hütte möchte gewürdigt werden, so werde ich in dieser meiner ärmlichen Hütte in alle Ewigkeit glücklicher sein, als gäbest du mir die größten und herrlichsten Güter in einem allerschönsten Teile des Himmels! Und so denn lasse mich wieder zurückziehen. [GS.01_023,14] Alsdann geschieht es auch, daß der Geist den armen Landmann mit seiner kleinen Familie zurückziehen läßt. Wenn dieser aber dann in seine ärmliche Hütte kommt, so harrt seiner auch schon der Herr mit offenen Armen und macht ihn sogar zu einem Bürger des ewigen Morgens! [GS.01_023,15] Sehet, solche Szenen gehen da wohl öfter vor sich, aber ihr möchtet es kaum glauben, welch ein hoher Grad der Selbstverleugnung dazu erfordert wird. Denn die Armut hat nur gar zu häufig die fast notwendige Eigenliebe unzertrennlich bei sich; darum da auch ein Armer nur für sich um Unterstützung bittet. Hat er sich dann ein kleines Stipendium zusammengebettelt, so reicht dieses kaum für seinen Bedarf hin, und die eigene Not und Armseligkeit läßt es ihm beinahe gar nicht zu, seine höchst sparsame Gabe mit einem andern armen Bruder zu teilen; aus welchem Grunde ihr schon auf der Erde unter der armen Klasse der Menschen nicht selten einen verheerenden Neid antreffet. – Aus dem geht aber hervor, daß solche armbestellte Einwohner dieses Tales vor den Bettelnden sich soviel als möglich verbergen. Aus dem Grunde sehet ihr auch wenige außer den Häusern, die ihr aber außerhalb erblicket, sind schon von solch guter Art. [GS.01_023,16] Nächstens wollen wir das sehr schroffe Tal zu unsrer rechten Hand gegen den Norden zu beschauen. Und somit gut für heute. 24. Kapitel – Jenseitiger Ort und Zustand der Stoiker. [GS.01_024,01] Also wendet euch nur um und sehet über eure rechte Hand in das vorbesagte Tal und gebet mir kund, wie ihr dasselbe findet. Ihr saget: Lieber Freund und Bruder, hier sieht es ganz entsetzlich öde aus. Wir sehen wohl hier und da auf den Gebirgsabhängen eine Art Krummholz wachsen, und mehr in der Tiefe dieses überaus engen Tales erblicken wir hier und da Dornhecken, welche einige uns bekannte Beeren tragen. Noch mehr in der Niederung des Tales erschauen wir mancherlei distelartiges Unkraut ziemlich häufig vorkommen. – Der nördlich abendliche Abhang sieht überaus kahl aus; fast nichts als Felswände über Felswände türmen sich übereinander auf, und zwischen den Felsenklüften stürzt hier und da ein mächtiger Bach in die Tiefe herab. Nur die gegen Morgen gelegene Gebirgserhöhung ist etwas sanfter und hier und da mit einer unansehnlichen Hochalpenhütte geziert. Aber Einwohner sind da keine zu erblicken. Vielleicht befinden sie sich tiefer im Tale; da im Vordergrunde ist nichts Lebendiges zu erschauen. [GS.01_024,02] Ja, ihr habt recht. Von diesem Standpunkte aus, wo wir uns gegenwärtig befinden, ist solches wohl nicht leicht möglich. Daher wollen wir uns ein wenig taleinwärts begeben, und wir werden sobald auf etwas Lebendiges stoßen. Sehet nur da hinauf, wo auf einem bemoosten Felsenvorsprunge die erste uns erreichbare Wohnhütte steht; dahin wollen wir uns begeben. Wir sind bereits in ihrer Nähe, schärfet daher eure Blicke und habt wohl acht, was sich denselben darstellen wird. – Nun, ihr habt meinen Rat befolgt. Saget mir denn auch, was ihr gesehen habt. [GS.01_024,03] Ihr sagt schon wieder: Aber um Gottes willen, das sind ja doch keine Menschen, denn sie sehen aus wie belebte Skelette und sind dabei so klein wie Zwerge. Wir möchten sie eher zu den Affen zählen als zu irgendeinem menschlichen Geschlechte. Was hat es denn mit diesen armen Wesen wohl für eine Bewandtnis? So armselig, ausgehungert und völlig nackt; nein, mit diesen Wesen scheint es durchaus keine vorteilhafte Bewandtnis zu haben. [GS.01_024,04] Einesteils habt ihr wohl recht, aber andernteils wieder nicht. Denn diese Wesen, so armselig sie euch auch erscheinen, sind aber dennoch in ihrer Art, d.h. von ihnen selbst aus betrachtet, es mitnichten. Denn da sind die sogenannten Stoiker zu Hause, oder mit anderen Worten gesagt: Menschen, die sich selbst vollkommen genügen. Sie handelten bei ihrem Leibesleben auf der Erde rechtschaffen, aber nicht etwa aus Liebe zu dem Nächsten und noch weniger aus irgendeiner Liebe zu Gott, sondern lediglich darum, weil sie darin den Sieg ihrer Vernunft erkannten. Sie sagten: Der Mensch braucht nichts, weder Himmel noch Hölle noch einen Gott, sondern allein sich selbst und die ihn leitende Vernunft als oberstes Handlungsprinzip, und er wird also handeln, daß er mit seiner Handlungsweise niemand anderen beeinträchtigt, aus welchem Grunde er solches auch von seinem Nebenmenschen erwarten kann. [GS.01_024,05] Denn, sagen sie ferner noch, wenn ich mich zufolge des höchsten Prinzipes meiner Vernunft über alle weltlichen Nichtigkeiten hinaussetze und von der Welt nichts verlange als eine kärgliche Sättigung meines Magens und eine einfachste Decke über meinen Leib, so bin ich dafür niemandem eine Steuer schuldig. Was mein Magen verzehrt, das gebe ich wieder der Erde zurück, und die Decke meines Leibes mag das Erdreich mit der Zeit düngen. Ich aber bin zwischen diesen zwei Bedürfnissen ein mich selbst leitender und vollkommen beherrschender Gott und bin somit ein unumschränkter Herr meiner eigenen Wesenheit! [GS.01_024,06] Sie sagen ferner noch: So es irgendeinen Gott gibt oder geben soll, was kann der mir geben und was nehmen, wenn ich in mir selbst groß bin, mit Verachtung auf alles hinzublicken, was er mir geben oder nehmen will? Was aber sollte auch mir ein Gott geben oder nehmen? Das Höchste wäre dieses matte Leben, das ich schon lange mit meiner Vernunft tief zu verachten gelernt habe. Oder steht es nicht bei mir, so lange zu leben, als ich will? Wenn ich es mit dem obersten Prinzip meiner Vernunft vereinbart finden würde, mir das Leben zu nehmen, so würde ich es auch tun. Allein die von mir aus selbst erkannte Rechtschaffenheit lehrt mich, daß solches wider das Recht der obersten Vernunft wäre; wer mir das Leben gegeben hat, der soll auch das Recht haben, es mir wieder zu nehmen. Es hat ja die Natur das Recht, diejenige Nahrung, die ich von ihr entlehnt habe, auf dem natürlichen Wege zurückzufordern, und die Decke meines Leibes ist ein Eigentum der Zeit, und sie nimmt dieses Pfand ebenfalls wieder zurück. Solches muß die reine Vernunft billigen, muß sagen und sagt es auch: Jedem das Seinige! Aber eben dadurch, daß der Mensch in seiner Vernunft auch nicht ein Sonnenstäubchen ihm zu eigen anspricht, ist er das erhabenste Wesen, ja erhaben über jeden Gott, über jeden Himmel und steht mächtig über aller Hölle. Wenn jeder Mensch so dächte, so hätte ein jeder genug, und keiner würde dem andern je zur Last fallen. Fern wären da alle Habsucht, aller Neid, aller Geiz, aller Hochmut, alle Herrschsucht, aller Fraß und alle Völlerei, alle Unzucht, alle Lüge und aller Betrug. Wo aber lebt ein Gott, so er ist der Vernunft alleroberstes Prinzip, der da gegen solche Grundsätze des Lebens etwas einzuwenden hätte? Hat er aber etwas einzuwenden, dann ist er kein Gott und steht tief unter der Erhabenheit der menschlichen Vernunft. [GS.01_024,07] Nun sehet, diese Menschen haben auf der Welt so gelebt, daß sie sogar einer Fliege nie etwas entzogen haben; sind nie jemandem zur Last gefallen, haben auch nie jemanden nur im geringsten beleidigt. Über Leidenschaften von was immer für einer Art waren sie hoch erhaben. Hat sie jemand um irgendeine Gefälligkeit oder um einen Dienst ersucht, so versagten sie ihm denselben nie, wenn er mit ihren Vernunftsrechtsprinzipien nicht im Widerspruche war und verlangten nie ein Entgeld dafür. Hat man sie zu Ämtern und Ehrenstellen erheben wollen, so nahmen sie solche nie an, zeigten einem solchen Mäzen mit zwei Fingern an die Stirne und sagten zu ihm: Freund, dahier wohnt des Menschen höchstes Amt und seine größte Ehrenstelle. [GS.01_024,08] Wenn ihr nun diese Menschen betrachtet, so urteilet selbst, ob sie sich einer Züchtigung teilhaftig gemacht haben. Ihr müsset sagen: Solches sicher mitnichten. Weitere Frage: Haben sie sich eines Lohnes fähig gemacht? Hier fragt es sich, mit welchem Lohne sollen sie belohnt werden? Den Himmel verachten sie, und Gott wollen sie auch nicht über ihre Vernunft anerkennen. Somit ist ja doch das Billigste, daß sie belassen werden in dem Lohne, den ihnen ihre eigene Vernunft beschert. [GS.01_024,09] Aber ihr saget und fraget: Fällt diesen armseligen Wesen ihr kläglicher Zustand nicht auf? – O nein, das ist eben ihr größter Triumph, denn schon auf der Erde haben sie die Glückseligkeit einer Mücke für höchst beneidenswert gefunden und sagten: Sehet, eine überaus herrliche Mahlzeit für dieses Tierchen ist ein kaum sichtbarer Tautropfen auf einem Blatte. Dieses Tierchens ganzer Bau scheint ein sehr geringes Bedürfnis zu haben. Wenn wir dagegen unseren überaus verschwenderischen Körperbau betrachten, so kann da die Vernunft denselben nur mit allem Rechte tadeln. Also muß ich einen großen Bauch haben, um viel zu fressen und darauf viel Kot zu lassen. Einen sonstigen Zweck findet hier die Vernunft nicht, und zwar aus dem Grunde, weil sie sich gern mit dem Kleinsten begnügen möchte, wenn es ihr der höchst unökonomisch eingerichtete Bau ihres nutzlosen Leibes gestattete. [GS.01_024,10] Sie bekritteln ferner das viele Fleisch an den Füßen, am Gesäß, auf den Händen und allenthalben, wo es sich vorfindet, und sagen: Die Mücke entbehrt alles dessen, und sie ist schon darum um vieles glücklicher als der plump und unökonomisch gestaltete Mensch. [GS.01_024,11] Wenn ihr nun dieses wisset, so wird euch auch die kleine Skelettgestalt dieser Menschen nicht mehr so kläglich und armselig vorkommen wie gleich beim ersten Anblicke, denn sie entspricht so viel als möglich vollkommen ihren Vernunftprinzipen. – Ihr saget nun: Solches ist alles richtig, und wir sehen es jetzt klar ein, daß es hier nun also nicht anders sein kann, und daß sich diese Menschen in einer anderen Gestalt und unter anderen Verhältnissen unglücklicher fühlen würden, als gerade in diesen, die sie als die ihnen am meisten zusagenden erkennen. – Aber eine andere Frage steckt hier im Hintergrunde, lieber Freund! [GS.01_024,12] Ist diesen Menschen denn auf keine Weise beizukommen, um sie auf einen besseren Weg zu bringen? [GS.01_024,13] Liebe Freunde und Brüder! Es ist nicht leichtlich etwas Schwereres als dieses. Sie haben nur eine einzige zugängliche Seite, und dieses ist der wissenschaftliche Weg. Es gehört aber eine grenzenlose Geduld und Ausharrung dazu, um diesen Vernunftkrämern auf diesem Wege etwas so darzustellen, daß sie es für richtig und ihrer Vernunft nicht widersprechend erkennen. Sie sagen: Es kann gar vieles wissenschaftlich vollkommen richtig sein, ob es aber auch mit den Prinzipien der Vernunft vollkommen übereinstimmt, das ist eine andere Frage. Um diesen Ausspruch als vollgültig zu bekräftigen, zählen sie eine Menge wissenschaftlicher Fälle auf, welche an und für sich vollkommen richtig sind, aber dennoch mit den obersten Grundsätzen der Vernunft im größten Widerspruche stehen. Ich will euch beispielsweise nur einige solcher Einwürfe kundgeben. [GS.01_024,14] Sie sagen z.B.: Die Berechnung einer Finsternis ist wissenschaftlich vollkommen richtig; fraget aber die Vernunft und ihren Handlanger, den Verstand, wozu die zufällige Finsternis gut ist, und was hat durch die Wissenschaft die ganze Menschheit dabei Erhebliches gewonnen? – Also ist es auch wissenschaftlich richtig, daß der Mensch in der zu sich genommenen Nahrung so und so viel zur Unterhaltung seiner Leibesteile aufnimmt und so und so viel von der zu sich genommenen Nahrung als Unrat wieder von sich wegschafft. Wenn ihr aber die Vernunft fraget, so kann diese nur lachen über solch einen übel und unzweckmäßig berechneten Verhältnisstand. – Ferner ist es wissenschaftlich richtig, daß das Wasser und auch andere bewegliche Teile der Tiefe zugetrieben werden durch ihre eigene ihnen innewohnende Schwere. Was sagt aber die Vernunft dazu, wenn sie ihre Augen an den kahlen Gebirgswänden weiden muß, auf denen nicht einmal ein Moospflänzchen fortkommen kann, weil solche erhabenen Weltteile einer gerechten, stetig nährenden Feuchtigkeit entbehren müssen. – Sehet, aus diesen wenigen Beispielen könnet ihr zur Genüge erschauen, wie schwer es ist, für diese kritischen Vernunftköpfe ein wissenschaftliches Beispiel aufzustellen, welches von ihnen als vollkommen mit der Vernunft im Einklang stehend erkannt wird. Damit ihr aber die Art und Weise einer solchen Bekehrung völlig erschauen und begreifen möget, so wollen wir fürs nächste Mal einer solchen beiwohnen. – Und somit gut für heute! 25. Kapitel – Ein Bekehrungsgang zu den besseren Stoikern. [GS.01_025,01] Sehet, da unten im Tale gehen soeben drei abgesandte Boten auf einen solchen Fang aus. Wir wollen ihnen folgen und ihrer Operation ein gutes Gehör leihen. Sie ziehen sich mehr taleinwärts, und von hier aus bei der dritten Hütte, die ihr ebenfalls auf einem abgerundeten bemoosten Felsen erblicket, werden sie zusprechen. Sehet nur, wie sie sich ganz behutsam der Hütte nähern und sich dabei so klein als möglich machen. Und so denn eilen wir nur sobald hinzu, damit uns auch der erste Empfang nicht entgeht. Wir wären an Ort und Stelle, also nur aufgepaßt! [GS.01_025,02] Der Anführer begrüßt das scheinbare Oberhaupt dieses Häuschens, d.h. den Allervernünftigsten, und zugleich den Vorsteher und Lehrer der andern zehn Personen, die ihr in seiner Gesellschaft erschauet. – Wie lautet der Gruß? Höret ihn: Überaus weiser Mann, der du die Dinge vom rechten Standpunkt aus betrachtest und wohl erkennest mit der scharfen Spitze deiner Vernunft, was da recht und unrecht, billig und unbillig und wohlgeordnet und unwohlgeordnet ist. Wir haben in eine weite Ferne hin vernommen, welch ein weiser Mann du bist, daher sind wir hierher gezogen, uns bei dir über so manches besseren Rat zu holen! [GS.01_025,03] Der Vernunftpräses spricht dagegen: In dieser Hinsicht seid ihr mir völlig willkommen; was in meinen Kräften steht, will ich euch gerne helfen, jedoch nicht über die Kräfte hinaus. Ihr wisset und werdet es erfahren haben, daß meine Schätze nicht etwa in Gold und Silber und aller Art edlem Gesteine bestehen; auch werden bei mir keine Mahlzeiten und mit wohlschmeckenden Speisen besetzte Tafeln geboten. Was ich aber habe, nämlich den Sieg der reinen Vernunft, davon sollet ihr schöpfen, soviel ihr wollt. Ihr könnt versichert sein, daß euch diese Schätze glücklicher machen werden, als so ihr im Vollbesitze wäret von allen geträumten sogenannten himmlischen Herrlichkeiten, die da an und für sich nichts sind als heimlich ausgesprochene Bedürfnisse eines mit dem Gegebenen unzufriedenen Geistes. Ihr wisset, daß der Raum unendlich ist und der Mensch in diesem Raume denkt. Wer seine Gedanken ins Unendliche trägt, der vergißt fürs erste, daß er selbst nur ein endliches Wesen ist, und fürs zweite beachtet er nicht und wird nicht gewahr, daß für ihn aus solchen Gedanken am Ende nichts als eine beständige Unzufriedenheit, daher eine stets größere Forderung von unerreichbaren Gütern und aus dieser endlich auch ein immerwährend unglückseliger Zustand erwächst, welchen die menschliche Torheit nur durch weit gedehnte und groß gemachte leere Hoffnungen blindlings sättiget. Sonach ist denn auch der Himmel nichts anderes als solch ein geträumtes Gut und dient bloß zur Sättigung der Einbildungskraft der mit dem Gegebenen unzufriedenen Geister. [GS.01_025,04] Nur die reine Vernunft bemißt die wahren Grenzen der Bedürfnisse ihres subjektiven Wesens und verlangt dann von aller Objektivität nur das richtige Maß ihrer eigenen Beschränktheit, und dieses Maß heißt die volle Zufriedenheit. Wer mit dem zufrieden ist, was er nach dem richtigsten Maßstabe seiner eigenen Beschränktheit am Wege der reinen Vernunft erkennt, der hat den wahren Himmel gefunden und wird sich sicher ewig nie einen andern wünschen, weil er klar einsehen wird, daß für das Maß seiner eigenen Beschränktheit nichts anderes taugt als das, was eben diesem Maße als völlig ebenmäßig entspricht. [GS.01_025,05] Auf diese weise Rede spricht wieder der Anführer (Bote): Wir erkennen schon aus dieser deiner kurzen Vorbemerkung, daß du dir den Sieg der reinen Vernunft vollkommen zu eigen gemacht hast; daher wagen wir auch, mit großer Zuversicht auf deine Weisheit, dir unser Anliegen vorzutragen. Der Vernunftrepräsentant spricht: Willkommen sei mir alles, worin ich euch immer dienen kann, daher sprechet ganz frei und ungehalten euer Anliegen aus! Der Anführer (Bote) spricht: So höre denn! In der Gesellschaft, von der wir abgesandt worden sind, um uns bei dir besseren Rat zu holen, hat sich ein großer Streit über die Notwendigkeit und Nichtnotwendigkeit des Lichtes erhoben. Die Gründe für das Licht sind so triftig als die gegen das Licht, und wir können durchaus nicht entscheiden, welche Partei da recht hat. – Der Vernunftrepräsentant spricht: Lasset einige solche Gründe und Gegengründe hören, und ihr könnet versichert sein, daß mein Urteil den Nagel auf den Kopf treffen wird. [GS.01_025,06] Der Anführer spricht: So höre denn! Ein Grund für das Licht lautet: Was wären alle Dinge ohne Licht? Sie wären so gut, als wenn sie nicht wären. Ferner sei das Licht das Grundprinzip aller Wirkung und somit auch alles Denkens; denn ohne das Licht als die alles bewegende und erregende Kraft wäre nie etwas entstanden und somit auch kein vernünftig denkendes Wesen; denn das Licht sei ja auch das Grundprinzip der Vernunft und ist im geistig reinsten Zustande die reine Vernunft selbst. – Siehe, das ist der Grund für das Licht. [GS.01_025,07] Der Gegengrund aber lautet: Nachdem das Licht offenbar aus der Finsternis hervorgegangen ist, und somit vor dem Lichte nur ein gänzlich lichtloser Zustand die ganze Unendlichkeit durchdrang, so läßt sich fragen, ob die Unendlichkeit im lichtlosen Zustande weniger Unendlichkeit war als nun im lichtvollen. – Ferner lautet der Gegensatz: Es ist jedermann bekannt, daß das Inwendige der Weltkörper zuallermeist vollkommen lichtlos ist; und dennoch findet sich die Materie in solchem lichtlosen Zustande ebenso und noch intensiver als auf der Oberfläche eines Weltkörpers, der im Lichte schwimmt. So aber der ganze Weltkörper seinem Inwendigen nach ohne Licht gar wohl bestehen kann, so erscheine das Licht als eine pure Luxussache unter den Dingen der Natur. Ferner lautet dieser Gegensatz: Solches wisse jedermann, daß er in der Nacht des Mutterleibes gezeugt worden ist und hat in eben dieser Nacht das Leben empfangen. Aus welchem Grunde muß denn dann das in der Nacht lebendig Gewordene ans Licht hervorgehen? Wer solches nur ein wenig beachten möchte, der müßte auf den ersten Augenblick einsehen, daß das Licht nicht nur gänzlich entbehrlich, sondern auch den Dingen schädlich ist, weil sie sich an dasselbe gewöhnen und dann offenbar unglücklich werden, so sie durch irgend einen Zufall dasselbe verlieren. Sie sagen ferner noch hinzu: Wenn die Menschen durchaus blind geboren wären, so hätten sie auch nie etwas wegen dem Verlust des Lichtes zu sorgen, sei es doch für ein lichtgewohntes Auge das größte Unglück, blind zu werden. Dagegen wenden freilich wieder die Gegner ein und sagen: In solch einem blindglücklichen Zustande wäre dann ja zwischen einem Menschen und einem Polypen im tiefen Meeresgrunde gar kein Unterschied; denn wenn ein Mensch keine Dinge sehen würde, so könnte er sich auch nie irgend einen oder den andern Begriff machen. In Ermangelung der Begriffe aber ließe sich dann eine große Frage stellen, nämlich, wie es mit dem Denken aussehen möchte in Ermangelung aller Begriffe und Formen desselben? Bezüglich des Unglückes zufolge einer allfälligen Erblindung sprechen sich die Lichtverteidiger also aus: Wenn man sie als ein Unglück betrachten will und dies als einen Mitgrund gegen das Licht aufstellt, so kann man solches ja auch bezüglich der andern Sinne tun, welche nicht vom Lichte abhängen. Um aber demnach jedem Unglücke zu begegnen, müßte der Mensch vollkommen sinnenlos in die Nacht hineingeboren werden. Wie sich aber das Denken eines sinnenlosen Menschen gestalten möchte, solches könnte man am besten von einem Steine erfahren. – Siehe nun, hochweiser Mann, in solchem Wirrwarr schwebt unsere große Gesellschaft. Wir hoffen mit großer Zuversicht, daß du diesen Knoten lösen wirst. [GS.01_025,08] Der Vernunftrepräsentant spricht: Höret, meine schätzenswertesten Freunde! Das ist ein überaus kritischer Fall, denn da hat eine jede Partei für sich recht. Da aber zufolge der Erkenntnis der reinen Vernunft es nur ein Recht und nicht zwei Rechte gibt, so wird es hier ziemlich schwer sein, zwischen diesen zwei unrechten Rechten das rechte Recht zu bestimmen. Wir werden dieses nur dann finden, wenn wir unsere eigene Wesenheit als ein individuelles Dasein in die gerechten Schranken ziehen, und so höret denn! Wir wollen hier Grundsätze aufstellen und aus diesen Grundsätzen dann ein rechtes Resultat folgern. Um aber solches tun zu können, müssen wir zuerst ein Nichtdasein, ein konsumierendes Dasein und ein freies, denkendes Dasein voraussetzen. Ein Nichtdasein bedarf auch nichts; also keine Konsumtion. Ein bloß natürlich-konsumierendes Dasein setzt schon durch sein Dasein notwendig voraus, daß es nur da ist durch eine ihm entsprechende Konsumtion. Ein solches Dasein hat die ganze Materie, welche sowohl in der Nacht als im Lichte bestehen kann. Da aber der Mensch ein denkendes und sich selbst frei bestimmendes Wesen ist, so setzt ein solch höheres Dasein auch eine solche Konsumtion voraus, welche diesem Dasein entspricht, und der zu konsumierende Stoff kann da kein anderer sein als – das Licht. Und so bedarf das Nichtdasein vollkommen nichts; ein bloß konsumierendes Dasein als ein Produkt der Nacht braucht auch nichts als seine seinem Dasein vollends entsprechende Kost; und ein helles, freidenkendes Dasein bedarf dann auch notwendig derjenigen Kost, welche das Prinzip seines Daseins ist. So genügt jedes Prinzip seinem Produkte und muß notwendig für dasselbe da sein, und geht demnach aus dem Nichtdasein ein Nichtdasein, aus dem Dasein der Nacht ein Dasein des Nächtlichen und aus dem Dasein des Lichtes ein Dasein des dem Lichte Verwandten hervor. Insofern dann der Mensch zufolge seiner reinen Vernunft erkennt, daß er notwendigerweise dem Lichte entstammt, so muß er auch erkennen, daß das Licht in dieser Hinsicht ein ihm notwendiges Substrat ist; inwieweit er sich aber bloß als einen tierischen Konsumenten erschaut und sich selbst ein höheres, freidenkendes Leben streitig machen kann und kann sich wieder bilden zu einem Embryo im Mutterleibe, bedarf er des Lichtes nicht. Ein Nichtdasein aber bedarf weder des einen noch des andern. Und sehet nun, meine lieben Freunde, da ist der unumstößliche Grund fürs Licht so klar als möglich vor euere Augen und Ohren gestellt. [GS.01_025,09] Der Anführer spricht: Höre, weiser Mann! Wir haben deine überragende Vernunft aus deiner Äußerung wohl erkannt und wissen nun genau, wie wir daran sind, aber nur ein einziger Punkt ist noch im Hintergrunde, und da wissen wir uns noch nicht einen vollgültigen Bescheid zu geben. Dieser Punkt besteht darin, nämlich: Warum benötigen auf den Erdkörpern all die zahllosen vegetativen Produkte samt dem zahllosen Tiergattungsreiche zuallermeist des Lichtes zu ihrer Vegetation und zu ihrem tierischen Gedeihen? Es ist allen Naturgelehrten nur zu bekannt, daß in einem gänzlich lichtlosen Raume beinahe keine Vegetation vonstatten geht, und die Tiere in gänzlich lichtlosen Räumen gar bald erkranken und gänzlich zugrunde gehen. Und dennoch scheinen sie nach deinem Ausspruche keine notwendigen Konsumenten des Lichtes zu sein, indem sie durchaus keine denkenden Wesen sind, und auch zur gründlichen Folge ihrer scharf beurteilten Wesenheit nicht sein können. Diesen Einwurf machen wir ja nicht, als wollten wir dadurch deine reine Ansicht bemängeln, sondern um uns selbst aus jeder uns erwartenden Schlinge zu ziehen. [GS.01_025,10] Der Vernunftpräses spricht: Mir ganz willkommen dieser Einwurf; wir wollen ihn sobald vor das helle Richteramt der reinen Vernunft ziehen, und so höret denn! Vermöge der notwendigen Stummheit in Hinsicht der eigenen Existenz würden diese Dinge sowenig des Lichtes bedürfen, als dessen bedarf der finstere Mittelpunkt eines Weltkörpers. Da aber neben ihnen auch wir als Produkte des Lichtes existieren, so können wir doch unmöglich den umgekehrten Schluß annehmen, daß wir ihretwegen da sind, sowenig, als irgendein Mensch sagen kann: Ich bin da, damit dieses Haus von mir bewohnt wird und ich demselben diene, sondern daß das Haus des Menschen wegen da ist, aber nicht der Mensch für das Haus. Wenn uns demnach aber das Licht gezeugt hat, so mußte es ja doch notwendig voraus diejenigen Bedingungen aus sich aufstellen, welche zu unserer lichtverwandten Existenz notwendig sind. Und so bedürfen die von euch ausgesprochenen Dinge auch notwendig des Lichtes, damit sie unserem lichtverwandten Bedürfnisse zur Konsumtion dienen können. Ich meine aber hier etwa nicht die Konsumtion des tierischen Magens, der auch in einer finsteren Kammer gesättigt werden kann, sondern die höhere Konsumtion des Geistes, der sich nur an den Begriffen und Formen, die gleich ihm dem Lichte entstammen, sättigen kann. Ein Baum im Mittelpunkte der Erde wird dem Geiste mit all seinen Früchten so lange zu keiner Sättigung dienen bevor er nicht selbst ans Licht gebracht und dem Lichte verwandt wird. Seht, meine lieben Freunde, da habt ihr euren zweifelhaften Punkt gelöst. Sollte euch noch etwas dunkel sein, so wollet es nur ganz offenherzig kundgeben! [GS.01_025,11] Der Anführer spricht: Geschätzter, hochweiser Mann! Nachdem du allerrichtigst dein Urteil für das Licht ausgesprochen hast, so wirst du mir auch eine Frage in bezug auf dich selbst gütigst gestatten wollen. Diese Frage lautet: Worin liegt denn wohl der Grund, demzufolge du als weisester Licht-Rechtsprecher dir deine Wohnung in diesem ganz lichtabseitigen Winkel errichtet hast? [GS.01_025,12] Der Vernunftrepräsentant spricht: Der Grund ist weiser, als du ihn zu fassen vermagst. Wenn wir die Dinge im Lichte schauen wollen und sie rein beleuchtet voneinander unterscheiden, so müssen wir den mathematisch richtigen Grundsätzen der Optik zufolge uns selbst nicht ins Licht stellen, sondern auf einen Punkt, der hinreichend beschattet ist. Dadurch wird unser Sehvermögen gestärkt und die uns gegenüberstehenden Objekte werden wir also in den schärfsten Umrissen erblicken! So du aber deine Augen gegen das Licht wendest, so werden sie von selbem geblendet, und du wirst die Gegenstände dunstig, unrichtig erblicken, und wirst dich stets mit deren Schattenseite begnügen müssen. Und so ist meine Wohnung nur dem leuchtenden Körper, nicht aber dem praktischen Lichte abgewandt. Aus diesem kannst du ersehen, daß meine Wohnung nicht lichtabseitig, sondern nur dem dienstbaren Lichte allerwohlberechnetst zugewandt ist. – Wenn du noch andere Anstände findest, so sollst du an mir allzeit den unermüdet bereitwilligsten Mann finden, der dich in allem, was nur immer in seinem Vermögen steht, zufriedenstellen wird. [GS.01_025,13] Und der Anführer fragt den Vernunftpräses und sagt: Ich habe nun wieder ersehen, wie du alles nach den wohlberechnetsten Grundsätzen denkst, sprichst und handelst; und so habe ich noch eine große Lust, von dir zu erfahren, warum du dich als Lichtkostverteidiger in solch einer unwirtlichsten Gegend angesiedelt hast, die für den tierischen Magen ebensowenig wie für den geistigen darbietet. Ist es nicht jammerschade für dich, daß du dich nicht zum wahren Segen vieler gar schwach vernünftiger Menschen in einer reicheren Gegend niedergelassen hast, wo du selbst mehr Nahrung für deinen Geist finden würdest und könntest dadurch auch für die schwachen Geister eine kräftige Kost aus den vielfachen, deinem Geiste begegnenden Lichtstrahlen bereiten? [GS.01_025,14] Meine lieben Freunde! Über diesen Punkt eurer Frage soll euch sogleich ein hinreichendes Licht gegeben werden. – 26. Kapitel – Fortsetzung des Besuchs bei Stoikern. [GS.01_026,01] Der Vernunftpräses: Wie findet ihr euch hinsichtlich des Unendlichen? – Ihr saget: Nicht anders als endlich und begrenzt. Sehet, ihr gebet in dieser Antwort schon selbst den allgemeinen Grund an, warum ich mir diese Gegend zum Aufenthalt erwählt habe. Ich sage euch darum: Wahrhaft weise ist nur derjenige, der die Grenzen seiner Vernunft gefunden hat und erkennt dann mit dieser seiner Vernunft, wieviel da not tut zu der Sättigung seines Geistes. Diese Gegend hier entspricht den wohlerkannten Grenzen meiner Vernunft ganz genau, und ihr Wahlspruch daraus lautet: Begnüge dich allezeit mit dem, was deiner Beschränktheit entspricht; überschreite nie den Kreis deiner Erkenntnisse und erkenne und finde dich selbst in diesem deinem Kreise, so hast du das Glück deines Lebens im vollkommensten, dir am meisten zusagenden Grade gefunden. Sehet, aus dem Grunde ist diese Gegend, die ihr für sehr unwirtlich findet, für mich vollkommen passend, weil sie nicht mehr bietet, wie gerade nur so viel, als den Grenzen meiner Vernunft entspricht. Wenn ich demnach irgend jemandem nützlich sein kann, so kann ich solches ja nur innerhalb des Horizontes meiner Erkenntnisse; außerhalb desselben müßte ich ein Laie sein und wäre außerstande gesetzt, jemandem auch nur im geringsten nützlich sein zu können. – Aus diesem nun könnt ihr ersehen, warum ich mir gerade diese Gegend und keine andere zum Aufenthalt erwählt habe. So ihr aber etwa meinen würdet, mich könnte allenfalls eine Weisheitseitelkeit bestechen, um vor anderen als ein Licht zu glänzen, da würdet ihr euch an mir sehr gewaltig irren. Denn mein unerschütterlicher Grundsatz lautet also: So du jemandem nützen willst, da erkenne wohl die ganze Sphäre, da du ihm nützen möchtest; kennst du aber die Sphäre nicht, da bleibe mit deiner Philanthropie hübsch zu Hause, denn wer mehr geben will, als er hat, der ist entweder ein Narr oder ein Betrüger. [GS.01_026,02] Der Anführer spricht: Unser allerschätzbarster Freund! Du hast schon wieder überaus weise gesprochen, und wir können dir durchaus keine Einsprache tun; nur ein Punkt kommt uns etwas dunkel vor. Und da du bisher schon so gefällig warst, uns zu berichtigen und unsere Anliegen vollgültig aufzuklären, so wirst du schon auch so gütig sein und uns gestatten, daß wir uns auch über diesen Punkt bei dir Rat holen. [GS.01_026,03] Und der Vernunftpräses spricht: Liebe Freunde, solange ihr auf diesem meinem Territorium euch befindet, könnt ihr mir jede Frage stellen und könnt versichert sein, daß ich euch über jeden Punkt eine für diesen meinen Bezirk vollgültige Aufklärung zu geben imstande bin. Und so gebet mir denn euren zweifelhaften Punkt kund. [GS.01_026,04] Der Anführer spricht: Du hast in deiner weisen Erörterung über eine bestimmte Begrenzung deines Erkenntnishorizontes gesprochen, und es sei durchaus unweise, sich über diesen Horizont hinauszuschwingen. Das letzte ist uns begreiflich, denn wahrlich, niemand kann über seine Kräfte etwas tun, und will er solches, so ist er schon sicher insoweit ein Tor, insoweit er solche seine Grenzen überschreiten will. Aber siehe, als du geboren wardst, da hatte deine Vernunft sicher nicht einen so weit ausgedehnten Horizont, als sie ihn eben jetzt hat. Du mußtest also den kleinen Horizont deiner Erkenntnisse offenbar stets mehr und mehr erweitert haben, auf daß du durch solches Erweitern deinen Erkenntnishorizont bis zum gegenwärtigen erstaunenswürdigsten Umfang getrieben hast, und es läßt sich demnach fragen, ob solch ein Horizont schon als ein vollends fixierter oder als ein einer noch größeren Erweiterung fähiger anzusehen ist. Ich meinesteils bin der Meinung: wenn das Begrenzte seinen Horizont noch so weit hinaustreibt, so wird es deswegen noch immer ein Begrenztes bleiben und wird nie Gefahr laufen, die Unendlichkeit zu erfüllen. [GS.01_026,05] Der Vernunftpräses spricht: Liebe Freunde! Ihr habt hier einesteils recht, einesteils wieder unrecht. Wenn der Mensch sich selbst gegeben hätte, so könnte er sich auch so viel geben, als er wollte; denn er hätte im Unendlichen keinen Mangel gefunden, und somit stünde es auch bei ihm, seinen Erkenntnishorizont nach seinem Belieben unablässig zu vergrößern. Da aber der Mensch nicht ein sich selbst Gebendes, sondern ein Gegebenes ist, so ist auch sein Horizont ein gegebener. Wenn ihr auf einem Erdkörper beispielsweise nur einen Apfel betrachtet, so werdet ihr sehen, daß er von seinem Ursprunge an gleich nach dem Abfalle der Blüte seinen Horizont stets mehr und mehr vergrößert. Hat er aber einmal seine Vollreife erlangt, da könnet ihr dem Apfel vorpredigen wie ihr wollt, und er wird euch durch seinen Stand nichts anderes sagen können als: Bis hierher und nicht weiter! Denn mein Maß ist erfüllt. Warum aber würde euch der Apfel eine solche Antwort geben? Weil er ebenfalls ein Gegebenes, aber nicht ein sich selbst Gebendes ist. Möchtet ihr nun den Apfel weiter auseinandertreiben, so würdet ihr ihn offenbar zerstören müssen. – Und sehet, ganz derselbe Fall ist es mit dem Menschen. Er ist ein Gegebenes und kein sich selbst Gebendes; somit ist auch sein Reifebezirk ein gegebener. Der, welcher diesen Bezirk erreicht und dann in sich erkennt, daß dies sein gegebener Bezirk ist, der ist in sich selbst als das, was er ist, so vollkommen als möglich. Bleibt er innerhalb dieses Bezirkes, denselben nicht ausfüllend, so ist er ein verkrüppelter Sklave seiner selbst und wird nicht einmal für sich selbst eine hinreichende Tüchtigkeit haben. Wer sich aber über seinen gegebenen Bezirk aufblähen will, der ist ein hochmütiger Tor und richtet sich selbst zugrunde, und es wird mit ihm nichts anderes sein als mit einer hohlen Kugel, die mit Pulver gefüllt und angezündet würde, wodurch dann wohl die Oberfläche der Kugel auseinandergerissen wird und die Teile ihrer Oberfläche in einen weiten Horizont hingehoben werden. Aber fraget euch selbst, wie es nach solch einem Akte mit der Totalität der Kugel steht? [GS.01_026,06] Der Anführer spricht: Wir haben gegen deine Äußerung im Grunde abermals nichts einzuwenden, denn sie ist an und für sich vollkommen richtig. Aber du, lieber Freund, stellst deine Antworten immer sicherlich absichtlich weise also, daß wir darin stets einen neuen Anhaltspunkt finden, über den wir uns bei dir ferneren Rat zu holen für notwendig finden. So hast du dich in dieser deiner weisen Erörterung darüber ausgesprochen, daß der Mensch wie auch alles andere Begrenzte ein Gegebenes und nicht ein sich selbst Gebendes ist. Wenn es aber sicher also der Fall ist, so fragt es sich ja offenbar, wer da der Geber ist; denn das Gegebene setzt einen Geber so sicher voraus, als was immer für eine Erscheinung ihren entsprechenden Grund. Und so möchten wir denn wohl von dir uns über den Geber einen näheren Aufschluß erbitten. [GS.01_026,07] Der Vernunftpräses spricht: Liebe Freunde! Was da den Geber betrifft, so steht derselbe über dem Horizont unserer Erkenntnisse, und wir haben alles getan, so wir uns als gegeben erkannt haben. Wollen wir aber den Geber erforschen, so tun wir nichts anderes, als so wir mit einem Zirkel in der Hand möchten den Kreis der Unendlichkeit bemessen. Solches ist sicher wahr, weil sich über einen bestimmten Kreis ins Unendliche fort größere Kreise denken lassen, mit denen der engste Kreis Ähnlichkeit hat. Wenn aber dieser engste Kreis solle einem größeren über sich vollends gleich werden, so wird er zuvor zerrissen werden müssen, seine viel kürzere Linie nach der Rundung des größeren Kreises ausgestreckt und mit derselben gleichlaufend gemacht. Solches läßt sich wohl tun; aber die Erfahrung wird es zeigen, daß die also ausgestreckte Linie des engsten Kreises vielleicht kaum den tausendsten Teil einer bedeutend größeren Kreislinie berühren wird; und so wird ihr auch nur dieser Teil gleichlaufend werden, alle anderen Tausendteile aber werden für diese viel kürzere Linie dennoch für ewig unerreichbar bleiben. – Und sehet, in diesem Beispiele haben nur zwei begrenzte Kreise miteinander zu tun. Nun nehmet aber diesen engsten Kreis und messet mit seiner ausgestreckten Kreislinie den unendlichen, unbegrenzten Kreis und fraget euch darnach selbst, als was eine solche Arbeit oder ein solches Unternehmen von seiten unserer Vernunft betrachtet werden müßte. Ich meine, eine größere Torheit kann im menschlichen Gehirne nicht gedacht werden; – und also ist es auch, so wir den unendlichen Geber erforschen wollten, wer Er ist. Und so ist es, wie ich ehedem gesagt habe, für jeden Menschen genug, wenn er sich als ein bestimmt Gegebenes erkennt und somit auch sein Erkenntnis-Grenzgebiet. Was aber den Geber betrifft, so geht dieser den Gegebenen nicht im geringsten an, indem er offenbar endlos erhaben sein muß über alles Gegebene. Was sollte aus einem Apfel wohl noch werden, wenn er seine Reife erlangt hat, was aus einem Kreise, wenn die von einem Punkte ausgehende Linie sich selbst wieder erreicht hat? – Er bleibe das, was er ist, so wird er vollkommen sein als das, als was er gegeben wurde. [GS.01_026,08] Der Anführer spricht: Du hast uns jetzt über alles den richtigen Bescheid gegeben; aber wir hätten dessen ungeachtet noch eine Frage an dich und diese lautet also: In der Gegend, da wir her sind, wird von dem sogenannten besseren Teile fortwährend die Liebe zu Gott gepredigt, und wir wissen nicht, was man damit sagen will auf dem Wege deiner weisen Art; denn wir verstehen unter Liebe ein Ergreifen und Ansichziehen. Wie kann aber ein begrenztes Wesen oder eine begrenzte Kraft eine unbegrenzte Kraft ergreifen und an sich ziehen? 27. Kapitel – Überwindung und Erlösung eines weisen Stoikers. [GS.01_027,01] Der Vernunftpräses spricht: Liebe Freunde, bei dieser Frage ist eine gehörige Unterscheidung als vorangehend notwendig, um darauf eine gültige Antwort geben zu können. Vorerst muß der Begriff ,Liebe‘ vollkommen der Vernunft gemäß erörtert sein, dann erst wird man daraus ersehen können, wie sich solcher verhält zu sich selbst und zu alledem, was ihn umgibt. Der Begriff ,Liebe‘ ist nichts anderes und kann unmöglich etwas anderes sein als ein sich aussprechendes Bedürfnis, dessen Grund offenbar nichts anderes sein kann als der Mangel an dem, wonach sich das Bedürfnis ausspricht. Das Bedürfnis gleicht einem Hunger. Wenn ein Mensch einen starken Hunger hat, so hat er einen so ungeheuren Appetit, daß er in sich gewisserart eine Überzeugung trägt, er müsse wenigstens eine Welt verzehren, bis er sich seinen Hunger gestillt haben wird. Was aber sagt die wirkliche Erfahrung zu dieser phantastischen Vorstellung? Nichts anderes als: Du hungriger Mensch, verzehre nur ein einziges Pfund Brot, und du wirst hinreichend gesättiget sein! – Sehet, ein ganz ähnlicher Fall ist es mit dem mehr geistigen Bedürfnisse unter dem Begriffe ,Liebe‘. Der liebehungrige Mensch ist der Meinung, er müsse den Magen seines Herzens mit der ganzen Unendlichkeit anfüllen, bis er gehörig gesättiget wird. Worin aber liegt der Grund dieses irrwähnigen Verlangens? Der Grund liegt in nichts anderem als in der Nichtsättigung des eigenen Erkenntnishorizontes, wodurch dann notwendigerweise eine Leere die andere nach sich zieht, ein Mangel den anderen, und somit ein Bedürfnis das andere. Die Liebe begehrt Sättigung. Da sie aber ein pur mechanisches Begehrungsvermögen des Geistes ist, so wohnt in ihr auch nicht die Fähigkeit, zu beurteilen, was es zur Sättigung begehren soll. Da sich aber eben durch dieses Begehrungsvermögen eine Leere in der Erkenntnis ausspricht, so kann da ja auch diese Erkenntnisleere, was ebensoviel als gar keine Erkenntnis heißt, den zu seiner Sättigung notwendigen Stoff nicht beurteilen. Bei solcher Gelegenheit wenden sich dann solche Hohlköpfe mit ihrem blinden Begehrungsvermögen freilich wohl an das Gebiet des Unendlichen und sind der Meinung, aus diesem ewigen Füllhorne werde ihnen das Mangelnde gleich den sogenannten gebratenen Vögeln in den Mund fliegen. – Wie leer aber solch eine wahrhafte Wahnmeinung ist, ist ja daraus mit den Händen zu greifen, daß solche ,Unendlichkeitsliebhaber‘ anstatt irgendeiner vollkommenen Sättigung nur einen stets größeren Hunger bekommen, was auch ganz natürlich ist, und zwar durch ein naturmäßiges Beispiel ersichtlich klar. – Nehmet ihr nur einen naturmäßig hungrigen Menschen, der voll Hungers neben einem Brotkorbe sitzt, dabei aber seinen Mund in den unendlichen Raum hin stets weiter und weiter aufsperrt und tut, als wollte er die ganze Erde, die Sonne und den Mond und das ganze gestirnte Firmament verschlingen, des Brotes aber an seiner Seite achtet er nicht. Da ist es ja dann offenbar, daß er mit solch einem Unendlichkeitsappetite von Stunde zu Stunde hungriger wird, und wenn er nicht bald nach dem Korbe greift, am Ende gar dem Verhungern preisgegeben ist. Aus diesem aber könnt ihr, meine geehrten Freunde, ja nun ohne weitere Erörterung gar leicht entnehmen, welch eine Bewandtnis es mit der sogenannten ,Gottesliebe‘ hat. Die wahre Gottesliebe kann demnach ja nichts anderes sein und in nichts anderem bestehen, als daß ein jeder gegebene Mensch den ihm gegebenen Horizont seiner Erkenntnisse erfüllen soll. – Diese Erfüllung aber kann unmöglich eher vor sich gehen, als dann nur, so der Mensch sich selbst und somit seinen ihm gegebenen Kreis erkannt hat. Um aber solches zu können, muß der Mensch sorgfältigst alle Hindernisse aus dem Wege räumen, sich von allen äußeren, kleinlichen Bedürfnissen lossprechen und dann sich in seinen eigenen Mittelpunkt begeben, von welchem aus es ihm dann erst möglich wird, seinen ganzen Horizont zu überblicken und diesen dann auszufüllen mit dem, was ihm gegeben ist. – Hat er das ausharrend, und in allem Albernen sich selbst verleugnend, zuwege gebracht, dann hat er auch seine Liebe oder sein begehrendes Bedürfnis vollkommen gesättigt. – Was er von alledem verdauen wird, das wird er leichtlich sobald mit der eigenen, ihm gegebenen Fülle ersetzen; und solches ist dann – vom Standpunkte der reinen Vernunft aus betrachtet – eine vollkommene und gesättigte Liebe, die sich nicht mehr als ein Hunger, sondern stets als eine erfreuliche Sättigung ausspricht. Sehet nun, das ist meine für meinen Horizont möglichst klarste Ansicht; könnt ihr jedoch derselben etwas einwenden, so könnt ihr, wie gesagt, solches ebenso frei tun, als wie frei ich jedem Einwurfe zu begegnen imstande bin. [GS.01_027,02] Der Anführer spricht: Lieber Freund! Du hast deine Antwort gut bemessen, und wir können ihr im Grunde nichts entgegen stellen. Da du uns aber ferner zu reden gestattet hast, so wollen wir uns noch in einer gar außerordentlichen Hauptsache mit dir beraten; und so wolle uns denn anhören! [GS.01_027,03] Siehe, bei uns wird noch etwas anderes hauptsächlich gelehrt, und gegen diese Lehre will sich niemand stemmen; dessen ungeachtet aber wissen wir nach deiner Art dennoch nicht, was wir daraus machen sollen. Diese Lehre aber besteht darin: [GS.01_027,04] Gott oder das allumfassende Kraft- und Machtprinzip habe Sich Selbst in Seinem Zentrum ergriffen, habe im selben einen Kulminationspunkt aller Seiner unendlichen Kraft und Macht gebildet, und sei dann als eben solcher Kulminationspunkt aller göttlichen Wesenheit in menschlicher Form, und zwar in der Person eines gewissen Jesus Christus, auf dem Planeten Erde aufgetreten, habe da Selbst gelehrt, sei unter den Menschen als Seinen Geschöpfen wie ein Bruder zu ihnen gewandelt und habe Sich am Ende gar – aus übergroßer Liebe zu Seinen Geschöpfen – von ihnen dem angenommenen Leibe nach töten lassen! [GS.01_027,05] Zum Beweise Seiner Göttlichkeit wirkte Er Dinge und Taten, welche keinem Menschen möglich sind, erweckte Sich nach drei Tagen Selbst vom Leibestode und fuhr dann im Angesichte vieler wieder in Sein göttliches Zentrum zurück! [GS.01_027,06] Er lehrte auf der Welt oder vielmehr auf dem Planeten Erde die Menschen nichts anderes, als daß sie Ihn über alles lieben sollten und verhieß denen, die solches tun, Sein Reich, welches da bestehen soll in der stets tieferen Erkenntnis Gottes, in der stets wachsenden Liebe zu Ihm und in der aus der Erkenntnis und Liebe entspringenden unaussprechlich wonnigsten Seligkeit, welche das ewige Leben in Gott genannt wird. – [GS.01_027,07] Und siehe, diese Sache ist nicht so leer als du glaubst. In der Gegend, da wir her sind, wohnt derselbe Christus; und wie wir uns noch allzeit auf das Klarste und Lebendigste überzeugt haben, gehorcht Ihm alle Kreatur in der ganzen Unendlichkeit. Es bedarf von Seiner Seite nur eines Winkes, und zahllose Weltenheere sind aus dem Dasein verschwunden, und wieder eines Winkes, und zahllose Heere erfüllen wieder die endlosen Tiefen des ewig unendlichen Raumes. Was sagst du nun zu diesem unserem Anstande, den wir dir in dieser deiner Sphäre eröffnet haben? [GS.01_027,08] Der Vernunftpräses spricht: Wenn eure ganze Erzählung kein Hirngespinst ist, so liegt bezüglich des sich Ergreifens der unendlichen Macht und Kraft in irgendeinem Zentrum gerade nichts Unmögliches, da von einem jeden gegebenen Punkte ausgehend unendliche Linien denkbar sind. Aber bezüglich der Menschwerdung dieses göttlichen Kraft- und Machtzentrums ließe sich wohl so manches einwenden, obschon die reine Vernunft solches eben nicht als einen völligen Widerspruch aufnehmen kann. Daß aber dieses Wesen dann hauptsächlich die Liebe zu Ihm gelehrt hat, dieses erscheint dem reinen Denker von seiten des göttlichen Wesens wie ein barster Egoismus. Nehmen wir aber bei dem göttlichen Wesen oder bei der sich selbst konzentrierten Urkraft das egoistische Bedürfnis an, so hört sie fürs erste auf, absolut zu sein; und ließe sich solches bestreiten, so steht aller Wesenheit die gänzliche Vernichtung bevor. [GS.01_027,09] Es muß demnach mit dieser Liebe eine andere Bewandtnis haben, und das göttliche Zentrum kann sich dann gar wohl in der menschlichen Form äußern. Wenn es aber mit dieser von euch dargestellten Liebe nur die hungernde Bewandtnis hat, so müßt ihr es ja doch mit den Händen greifen, in welchen Händen sich da die ganze Wesenheit aller Dinge befinden dürfte, wenn die unendliche Macht und Kraft gleichsam notgedrungen sich an ihnen sättigen sollte. [GS.01_027,10] Da ihr mir aber von diesem Christus ferner ausgesagt habt, daß Er gewisserart zufolge Seiner Verheißung Sich als die allzeit aussprechende Allmacht und Allkraft unter euch wirkend befinde, so müßt ihr solches doch offenbar einsehen, daß ich aus diesem meinem gegebenen Kreise weder dafür noch dagegen etwas sagen kann. Es kommt bei dergleichen Sachen allzeit auf die eigene Erfahrung an. [GS.01_027,11] Könnte ich diesen Christus oder das vermenschlichte göttliche Zentrum selbst schauen, so wüßte ich dann auch ganz sicher, wieviel daran gelegen ist; so aber müßt ihr euch, meine geehrten Freunde, mit dem Gesagten begnügen. – Könnet ihr aber diesen Christus hierher zu mir bringen, so könnt ihr versichert sein, daß ich Seine Wesenheit, soviel es in meiner Sphäre steht, nicht unklug beurteilen werde; nur über meine Sphäre soll nichts gestellt sein! [GS.01_027,12] Der Anführer spricht: Setzen wir den Fall, dieser Christus als das liebevollste Wesen würde hierherkommen und hieße dich Ihm folgen; was würdest du dann tun? [GS.01_027,13] Der Vernunftpräses spricht: So Er das ist, und ich Ihn als das erkenne, was ihr von Ihm ausgesagt habt, so läßt sich ja nichts Klareres denken, als daß die endlos geringere Potenz der endlos größeren notwendig durch sich selbst getrieben folgen muß, weil da kein Ausweg möglich und denkbar ist. – Verhält sich aber die Sache nicht also, da ist es dann ja auch klar, daß ich aus meiner Sphäre nicht eigenmächtig treten kann, weil ich samt meiner Sphäre, wie schon hinreichend erklärt, ein Gegebenes, aber nicht ein sich selbst Gebendes bin. [GS.01_027,14] Der Anführer spricht: So sehe denn her! – Ich bin der Christus! Was willst du nun von Mir? [GS.01_027,15] Der Vernunftpräses spricht: So Du der Christus bist, so zeige mir solches, und ich will Dir folgen. – [GS.01_027,16] Und Christus als der Anführer spricht: Es werde Licht in dieser Sphäre und du öde Gegend werde zu einem Paradiese! – [GS.01_027,17] Nun sehet der Vernunftpräses fällt vor dem Herrn nieder und betet Ihn an und spricht: Also ist es, daß Gott alle Dinge möglich sind! – – Herr! Da Du mir, einem armseligen, durch sich selbst Verbannten also gnädig warst, so nehme mich denn auf in Deinen Kreis! [GS.01_027,18] Aber lasse mich in Deinem Gnadenkreise der Allergeringste sein! Ich weiß, daß Du meinen Horizont so erweitern kannst, wie Du mich selbst also, wie ich bin, aus Dir gegeben hast; ich aber habe mich dieses Kreises angewöhnt als des engsten einer lebendigen Sphäre, und so belasse mich denn auch in diesem Kreise als den Allergeringsten unter all denen, die Du Deiner Gnade gewürdiget hast! Glaube es mir, o Herr, und sehe es in meinem ganzen aus Dir gegangenen Wesen, mein Geist war allzeit unfähig des Gedankens, Dich unendlichen Geber je in Seiner Urwesenheit zu erschauen; da ich Dich nun aber also erschaut habe, so sind auch durch diesen Anblick alle die größten Lebensbedingungen meines Geistes erfüllt. [GS.01_027,19] Und der Herr spricht: Also folge Mir, und du sollst mitnichten der Geringste allda sein, wo Ich bin unter Meinen Kindern! Doch nicht hier, sondern dort erst sollst du in Mir den liebevollsten heiligen Vater erkennen! – [GS.01_027,20] Sehet nun, meine lieben Freunde, das ist noch eine der allerbesten Arten der Erlösung eines solchen reinen Vernunftgeistes aus seiner Sphäre. Es gibt aber deren eine gar große Menge in dieser euch beschaulichen Gegend, mit denen es nicht so leicht geht wie mit diesem. Solches ist besonders dann der Fall, wenn solche stoische Vernunftgeister auch noch, was eben nicht selten der Fall ist, einen bedeutenden Grad gelehrten Hochmutes in sich vereinigen. Einer solchen Bekehrung wäre es auch für euch nicht gut beizuwohnen; denn ihr könnt es gläubig annehmen, daß da nicht selten mehrere hundert Versuche scheitern. – Und so wollen wir auch diese Gegend wieder verlassen und uns in die Mittelschlucht tiefer einwärts begeben. Und somit gut für heute! – 28. Kapitel – Die Täler der Reichen, Gelehrten, Vernunft- und Verstandesmenschen. [GS.01_028,01] Sehet! da sind wir schon wieder auf dem ersten Standpunkte. Es graut euch wohl ein wenig, euch da hineinzubegeben; allein so viel Raum hat die Schlucht noch immerwährend zwischen schroffen Felswänden, daß wir recht bequem über den etwas riffigen Weg werden ziehen können. Auf dem Wege dorthin werdet ihr viele enge Talschluchten links und rechts entdecken. Zur linken oder mittägigen Seite haben diese Täler ganz dieselbe Bedeutung, wie wir sie gesehen haben im ersten Tale links, allda die Reichen der Erde wohnen. Der Unterschied besteht nur darin, daß die Bewohner dieser tiefer liegenden Täler an Wohltaten stets ärmer sind, obschon sie desto reicher waren auf der Erde an irdischem Vermögen. [GS.01_028,02] In den Tälern rechts ist die Wohnung für allerlei Gelehrte, Vernunft- und Verstandesmenschen. In einem je tieferen und mehr im Hintergrunde gelegenen Tale solche wohnen, desto mehr waren ihre Wißtümlichkeiten auf der Erde vom Herrn entfernt. Und da ihr solches wisset, so können wir unsern Weg auch mit gutem Erfolge beginnen und uns in jene Gegend begeben, allda ihr überaus Wichtiges sollt kennen lernen. Und so denn gehen wir! [GS.01_028,03] Ihr fraget, woher wohl diese Wasser kommen, die aus diesen Tälern von beiden Seiten her in diese enge Schlucht schießen und sich durch diese als ein reißender Gebirgsbach hinaus ergießen in des großen Meeres Bucht? Diese Wasser bedeuten die Wißtümlichkeiten und daraus entsprungenen Nutzwirkungen, welche solche Menschen vermöge ihres Verstandes und Vernunftlichtes auf dem Wege der Erfahrungen von der Naturmäßigkeit der Dinge entnommen haben. Die von der rechten Hand herkommenden sind, wie ihr sehet, viel trüber. Solches bezeichnet das viele Falsche, welches in all den gelehrten Wißtümlichkeiten vorhanden ist, und die etwas weniger trüben von der linken Seite her bezeichnen, daß die Reichen der Welt bei ihrem geringen wissenschaftlichen Reichtume aber dennoch besser zu rechnen verstanden denn die eigentlichen nackten Gelehrten. Daß die Wasser hier in dieser Schlucht zusammenstoßen, bedeutet, daß das Vermögen der Wissenschaft und das Vermögen an den Schätzen der Welt sich allzeit vereinigen und am Ende auf eins hinausgehen. Denn der Gelehrte sucht die Wissenschaft, um durch sie weltschatzreich zu werden, der Weltschatzreiche aber sucht die Wissenschaft, um mittels derselben sein Vermögen noch mehr zu erhöhen. Aus diesem Grunde erschaut ihr auch, daß die Wasser von der Linken her bei weitem nicht so stark brausen als die von der Rechten. Solches besagt auch noch, daß der Weltschatzreiche sich stets auf eine politische Weise unter den Gelehrten zu stecken weiß, um von dessen Gelehrsamkeit eines oder das andere für seinen spekulativen Bedarf zu gewinnen. – Solches wüßten wir jetzt auch, und so können wir wieder unsere Reise fortsetzen. [GS.01_028,04] Sehet, dort noch ziemlich weit im Hintergrunde steigt eine gerade, hohe Steinwand auf. Da hat unser Talwerk links und rechts auch ein Ende. Zuweilen öffnet sich diese Wand und bildet einen geräumigen Sprung. Wenn man zu der Zeit hinzukommt, so kann man da weiterdringen; wenn man aber einen solchen Zeitpunkt nicht trifft, so ist da kein Durchgang möglich. – Ihr fraget: Auch nicht auf diese Weise, wie wir uns in der nördlichen Gegend auf die Berge gehoben haben? – Ich sage euch: Hier auch auf diese Weise nicht, und zwar aus dem Grunde, weil ihr noch Irdisches an euch habt. Wir werden aber ohnehin den Zeitpunkt antreffen, wenn sich die Wand öffnen wird. Und da hinter der Wand sich sogleich eine überaus große Ebene ausbreitet, so werden wir bis zur Zeit des Sichwiederschließens der Wand leichtlich durch die ziemlich weite Spalte kommen. – Und sehet, hier sind wir schon bei der Wand. Geduldet euch nur ein wenig, und alsbald soll sie sich öffnen. Ich sage nun: Tue dich auf! – Und schon trennt sich die mächtige Wand; nun ist die Spalte groß genug, also nur hurtig durchgesetzt! Wir haben die Spalte glücklich passiert, und nun sehet euch um, wie die Wand schon wieder fest geschlossen ist. [GS.01_028,05] Aber jetzt seht vorwärts in die Gegend, in der wir uns befinden; wie gefällt sie euch? Ihr saget: Was ist das für eine Frage? Wie soll uns diese Gegend gefallen, in der es so finster ist, daß wir offenbar weiter greifen als sehen. Wir müssen uns bloß an dich anhalten, sonst wären wir offenbar verloren, denn wir sehen ja nicht einmal den Boden, den wir betreten, und wissen daher nicht, auf was wir gehen, sind es Steine, Sand, Unflat oder Gewässer. Denn, wie gesagt, wir sehen hier nichts, nicht einmal dich und uns selbst. [GS.01_028,06] Ja, meine lieben Freunde, hier ist es denn einmal so. Ihr fraget mich, ob auch in dieser Gegend allenfalls lebende Wesen existieren? Ich aber sage euch: Es ist nicht leichtlich irgendeine Gegend so bevölkert wie diese; denn hier kann man im Ernste sagen: In diesem Markte der Finsternis wimmelt es von Menschen. [GS.01_028,07] Ihr möchtet wohl ein wenig Licht haben, damit wir doch örtlicher Weise etwas auszunehmen vermöchten? Ich aber sage euch: Es würde uns nicht gut zustatten kommen, so wir uns hier eines Lichtes bedienten, denn wir würden sodann alsbald von den Bewohnern dieser Gegend nahe also umringt sein wie ein Würmchen, wenn es auf einen Ameisenhaufen fällt. Allein geduldet euch nur ein wenig; es wird sich unser Auge gar bald so erweitern, daß wir, einer Nachteule gleich, auch in dieser Finsternis etwas zu schauen bekommen werden; und so denn bewegen wir uns noch ein wenig vorwärts. Nun, seht ihr schon etwas? Ihr saget: Ganz schwach fangen wir wohl an, wahrzunehmen, daß der Boden, auf dem wir stehen, zumeist lauter Sand ist; und da vor uns scheint sich etwas zu bewegen. [GS.01_028,08] Ja, ihr habt recht; gehen wir daher nur darauf zu und ihr sollt sobald mehr ins Klare kommen, was sich da bewegt. – Nun sehet, das sich Bewegende bewegt sich auf uns zu. Sehet, es ist eine zuammengebückte, armseligst aussehende Menschengestalt. Wollt ihr sie fragen, wer sie ist? Ihr getrauet euch nicht, so will ich solches tun. Und so höret denn; ich will die Gestalt anreden. [GS.01_028,09] Was machst du hier, armseliges Wesen? Woher bist du? Die Gestalt spricht: Ich bin schon bei drei Erdjahren in dieser Gegend und laufe umher als ein wildes Tier und finde nichts, damit ich meinen großen Hunger stillen könnte. Warum ich nach meinem Ableben auf der Erde in solch eine miserable Gegend habe kommen müssen, weiß ich durchaus nicht. Ich war auf der Erde ein großer Herr und hatte ein großes Amt inne. Dieses Amt habe ich stets als ein rechtlicher und treuer Beamter verwaltet; ich ließ mich durch gar nichts bestechen, sondern handelte strenge nach dem Gesetze und erfüllte somit meine Pflicht zur allseitigen Achtung, wurde sogar von meinem Monarchen geachtet und ausgezeichnet. Ich tat aus meinem amtlich verdienten Einkommen freiwillig so manches Gute und lebte in jeder Hinsicht als ein nachahmungswürdiges Beispiel. Als ich aber dann das Zeitliche verließ, da kam ich in diese schauerliche Gegend, in der ich schon, wie gesagt, bei drei Jahre lang umherirre, und nirgends ist ein Ausweg zu finden. [GS.01_028,10] Und ich, euer Führer, frage ihn weiter: Mein guter Freund, solches mag ja alles sein; hast du aber auch bei all deiner Amtierung je an Christum, den Herrn, gedacht und geglaubt? Hast du je aus Liebe zu Ihm etwas getan? Und hast du wohl alle noch so gemeinen Menschen als deine Brüder betrachtet? Sage mir, wie steht es da? – Der Armselige spricht: Wie kann ein gebildeter Mann an so einen Alten-Weiber-Christus glauben? Dessen ungeachtet aber habe ich, um niemandem ein politisches Ärgernis zu geben, alle christlichen Torheiten mitgemacht. Wer könnte wohl so töricht sein und von einem Manne, der ein hohes Staatsamt bekleidet, verlangen, daß er die rohen Gassenschlingel für seine Brüder betrachten sollte? Und aus Liebe zum Alten-Weiber-Christus etwas zu tun, da müßte man doch erst im Ernste also närrisch werden, an einen solchen Christus zu glauben, dann erst sehen, ob man aus einer gewissen Liebe zu Ihm etwas tun könnte. Ich glaubte aber dessen ungeachtet an einen Gott und dachte oft bei mir selbst: Wenn dieser Gott gerecht ist, was er doch offenbar sein muß, so muß er einem gerechten Manne, wie ich einer bin, falls es nach dem Tode ein Leben gibt, auch die volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. – Daß es nach dem Tode ein Leben gibt, solches erfahre ich drei schauerliche Jahre schon; denn so lange dürfte es wohl sein, daß ich hier gleich einem wilden Tiere umherirre. Aber leider muß ich in diesem Zustande erfahren, daß es keinen Gott gibt; denn wäre irgendein Gott, so müßte er mich so gut ansehen, wie mich mein Monarch angesehen hat. Da aber sicher alles nur ein Werk des blinden Zufalls ist, so bin ich auch wieder in diesen blinden Zufall zurückgekommen und muß nun erwarten, was dieser wieder aus mir machen wird. Habt ihr aber etwas für den Magen, so gebt mir etwas zu essen; denn ich bin übermäßig hungrig und habe keine Nahrung außer ein zufällig angetroffenes Moospflänzchen. [GS.01_028,11] Und ich, euer Führer, spreche zu ihm: Höre, Freund! Es gibt einen Gott, der gerecht ist, und dieser Gott ist kein anderer als dein Alter-Weiber-Christus! Solches sei dir ein Gnadenstrahl, auf daß du wissest, an wen du dich zu wenden hast, wenn es dir noch schlechter gehen sollte denn jetzt. [GS.01_028,12] Siehe, was du getan hast, wenn es auch an und für sich noch so gerecht war, so hast du solches alles lediglich aus deiner Eigenliebe getan; denn deine Liebe war dein rechtliches Ansehen und darnach das allseitige Wohlgefallen und die hohe Schätzung der Welt. Daher hast du auch nichts mitgebracht als deine eigene Liebe, welche seit der Zeit kein Licht hat, da ihr das Licht der Welt genommen ward. Das Licht des Geistes und seine Gerechtigkeit aber ist Christus! Wende dich in deinem Herzen an Ihn, so wird dir – nach dem gerechten Maße deiner Wendung – Licht und Brot werden; und nun verlasse uns! [GS.01_028,13] Sehet, wie er nun nachdenkend dahinschleicht; und merket ihr, wie über ihm das schwarze Gewölk eine leichte Grauhelle bekommt? Das rührt daher, weil er nun angefangen hat, über Christum nachzudenken. Doch gehen wir weiter, und es werden sich uns noch bei weitem interessantere Fälle darbieten. 29. Kapitel – Im Reiche der Finsternis des Unglaubens. [GS.01_029,01] Sehet, in geringer Ferne von uns rührt sich schon wieder etwas, merket ihr es? Ihr saget: O ja! Wenn uns unser Auge nicht täuscht, so sind es diesmal zwei überaus hagere und völlig bis auf die Knochen abgezehrte männliche Wesen. – Ihr habt recht; daher machen wir nur eine Bewegung, und wir werden sie alsbald eingeholt haben. Seht, hier sind sie schon. Noch merken sie nichts von unserer Gegenwart, und das ist vor der Hand gut; denn so können wir sie belauschen, was sie miteinander für Worte führen. Diesen Zweien werden wir uns auch nicht zeigen, sondern am Ende bloß auf ihr Gefühl eine Einflüsterung ergehen lassen, welche so gestellt sein soll, daß sie einen oder den andern möglicherweise auf einen andern Gedanken bringt. Und so denn öffnet euer Ohr und höret, denn soeben werden sie von der Hauptsache miteinander Worte zu wechseln beginnen. [GS.01_029,02] Der A spricht: Also geht’s dir, mein schätzbarer Freund, nun auch nicht besser denn mir; wie lange verweilst du schon an diesem Orte? Der B spricht: Mein geachteter Freund, nach meinem Gefühle dürften es noch kaum einige Wochen sein; wie lange aber bist denn du schon hier? Der A spricht: Mein schätzbarer Freund! Es dürften nach meinem Gefühle wohl schon etliche zwanzig Jahre sein. Der B spricht: Mir ist es rein unbegreiflich, wie ich hierher gekommen bin; denn du kannst mir glauben, da du als ein greiser Mann mich noch als einen tätigen Jüngling von etlichen zwanzig Jahren gar wohl gekannt hast, ich habe stets also gelebt, wie ich es meiner Erkenntnis zufolge für rechtlich und billig gefunden habe. Ich verrichtete mein geistliches Amt mit großer Treue, hatte nie, was die Satzungen der Kirche betrifft, nur einen Buchstaben unerfüllt gelassen. Ich predigte allzeit vollkommen im Geiste der alleinseligmachenden Kirche; ich unterstützte, soviel es nur immer tunlich war, nach Möglichkeit diejenigen, die ich wahrhaft als dürftig erkannte, d. h. mit andern Worten, die ohne ihr Verschulden in die Armut versunken sind. Ich gab doch tagtäglich in dem heiligen Meßopfer Gott die Ehre und weiß mich keines Tages zu erinnern bis zu meiner letzten Stunde, daß ich das Brevierbeten hintangesetzt hätte. Ich fügte mich allen Anordnungen der kirchlichen Oberhäupter und wäre imstande gewesen, auf Leben und Tod zu kämpfen für die Rechte der heiligen Kirche. Ich war streng im Beichtstuhle und glaube auch, gar viele Seelen für den Himmel gewonnen zu haben; und ich habe im Sinne der Lehre Christi die Dürftigen beteilt, die Hungrigen gespeist, die Durstigen getränkt, die Nackten bekleidet, die Gefangenen erlöst, und erwartete dadurch nach dem Ableben, besonders da ich mich noch obendrauf eines vollkommenen Ablasses von seiten seiner Heiligkeit des Papstes versichert habe, ganz sicher in den Himmel zu kommen. [GS.01_029,03] Allein was für eine Bewandtnis es mit dem von mir sicher erhofften Himmel hat, das siehst du hier so gut wie ich. Ich habe es, weißt du, lieber Freund, bei mir so ganz heimlich wohl oft gedacht, aber freilich nie öffentlich ausgesprochen, daß das Christentum samt Christus nichts anderes ist als ein kultiviertes Heidentum und habe daher auch auf Christum samt der Dreieinigkeit wenig Vertrauen gesetzt; und da ist es jetzt klar genug vor mir, wie sehr ich in diesem meinem heimlichen Mißtrauen recht hatte. – Nun, was sagst denn du dazu? [GS.01_029,04] Der A spricht: Ja, mein lieber, schätzbarer Freund, was sollte ich dazu sagen? Ich war kein Priester, lebte aber dessen ungeachtet, man kann sagen, beinahe strenge also, wie mich, versteht sich von selbst, die besseren Priester belehrt haben. Ich hatte wohl auch gewisserart so manchen Zweifel; aber ich dachte mir dabei, es sei dem, wie es wolle, ich lebe ganz ruhig also, wie ich zu leben von den Priestern gelehrt wurde; es kann für mich ja unmöglich gefehlt sein. Denn ich dachte mir: ist ihre Lehre falsch und ein Unsinn, so haben sie es zu verantworten; ich selbst aber wasche mir die Hände. Und wenn Gott im Ernste ein so gerechter Richter ist, wie alle die Priester auf den Kanzeln von Ihm geprediget haben, so muß Er mich belohnen, vorausgesetzt, daß Er wirklich ist; gibt es aber keinen Gott, dann ist ja ohnehin alles eins, wie man lebt. Gibt es ein Leben jenseits, so muß dieses doch sicher entsprechend sein dem allzeit ehrlichen Charakter eines Menschen; und gibt es kein Leben nach dem Leibestode, so wird es auch sicher wenig daran gelegen sein, wie jemand auf der Erde gelebt hat. Du kannst nun daraus ersehen, daß ich auf der Welt als ein vollkommen ehrlicher, kluger und treuegehorsamer Mann gelebt habe; nun bin ich schon so lange hier, und das ist der Lohn! [GS.01_029,05] Nichts als eine beinahe undurchdringliche, überaus frostige Nacht, von keinem noch so trüben Tage mehr abgewechselt außer einigem besandeten Moose keine Nahrung, und dieses alles sollte etwa mit der von euch Priestern oft gepredigten Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes übereinstimmen?! Ich denke jetzt schon über zwanzig Jahre nach, ob es einen Gott gibt oder keinen; und wo ich immer jemandem begegne und mich mit ihm über diesen Punkt bespreche, so weiß er am Ende um kein Haar mehr denn ich. Es nimmt mich daher auch um so mehr wunder, daß du, ein gewesener Priester, der doch immer für das sogenannte Reich Gottes gearbeitet hat, eben mit demselben Lose beteiligt bist wie ich. Ich meine, wir sind alle zusammen mit Christus angeschmiert; denn es ist mir gar oft rätselhaft vorgekommen, wie sich ein Gott habe können töten lassen! Die alten, weisen Hebräer kannten Christum sicher besser als wir und wußten daher Ihn als einen jüdischpietistischen Schwärmer gehörig aus dem Wege zu räumen und haben Ihn dann schön sauber den früher glücklichen Römern als eine pfiffige Prämie darum in die Arme gespielt, weil ihnen diese ihre Königsstadt zerstört haben. Sie blieben für sich bei ihrem alten Gott, der doch offenbar ein viel göttlicheres Aussehen hat, denn unser Gekreuzigter. Nur wir mußten hernach zufolge des jüdischen Geniestreiches den Gott annehmen, der bei ihnen das schimpflichste Wesen war. – Ich meine, solches ist bereits mit den Händen zu greifen; denn wäre an dem Christus etwas, so müßte hier in dieser, ich kann dir sagen, endlos großen Weltsphäre doch einer etwas Reelles von Ihm wissen. Aber da kannst du Tausenden begegnen, die du alle als lauter nüchterne und bescheidene Menschen erkennen mußt, und nicht einer weiß eine Silbe von Ihm. Ich kann dir sagen: Ich bin schon mit Menschen zusammengekommen, die ein- bis zweitausend Jahre schon sich in dieser Gegend befinden und sich das Moosfressen auch schon vollkommen angewöhnt haben. Diese waren doch gleichzeitig mit dem Christus auf der Erde, falls es, unter uns gesagt, je einen Christus gegeben hat, und diese wissen von Ihm geradesoviel wie wir; manche darunter geben vor, diesen Namen nie gehört zu haben. Siehe, das sind so meine Ideen, die ich im Verlaufe meines Hierseins und mitunter auch wohl schon in meinem Leibesleben ganz heimlichermaßen zuwegegebracht habe; wie gefallen sie dir? [GS.01_029,06] Der B spricht: Mein schätzbarer Freund, ich muß dir offen gestehen, daß deine Ideen sehr viel für sich haben. Anderseits kann ich jedoch das wieder von den weisen Juden, die die Kenntnis von dem rechten Gotte hatten, nicht als völlig wahr annehmen, daß es ihnen darum sollte zu tun gewesen sein, aus Rache gegen eine große Nation, wie die Römer waren, einen quasi Galgenschlingel denselben als einen Gott an den Hals zu werfen. Es hat gerade um dieselbe Zeit unter den Römern auch die weisesten Männer gegeben, und darnach wäre es eben nicht zu vernunftgemäß, diese große und weise Nation für so dumm zu halten, daß sie statt ihrer gepriesenen und viel besungenen bedeutungsvollen Götter einen so erbärmlichen Austausch hätten machen sollen. [GS.01_029,07] Da du mir aber schon deine Meinung in dieser Hinsicht kundgetan hast, so will ich dir mich auch näher aufschließen und will dir kundgeben, was ich bei mir in meinem Leibesleben eben nicht selten gedacht habe, und dieses Gedachte lautet also: Die Römer, namentlich der römische Priesterstand, haben es heimlich gemerkt, daß es für die Länge mit all ihren Gottheiten sich nicht mehr tun wird. So suchten sie nach und nach für das stets mehr sinnlich gewordene Volk eine sinnlichere Mythe, machten es dabei so, daß sie vorgaben, als habe sich der oberste Gott Jupiter der Menschheit überaus erbarmt. Und da unter allen Völkerstämmen die jüdische Nation dem wahren Göttertume am entferntesten war, so habe sich Jupiter selbst herabgelassen und habe sich in die Gestalt eines Juden begeben und das Volk die Wahrheit der rechten Gotteslehre Roms gelehrt. Solche Lehre war den Juden ein Greuel, besonders weil sie die Römer zu der Zeit gar übel im Magen hatten. Sie boten daher alles auf, um diesen wahren Gott Jupiter in der menschlichen Gestalt zu verdächtigen. Pilatus habe gar wohl gewußt, was hinter Christus steckte; darum habe er Ihn auch soviel als möglich verteidigt. Da aber die Juden sich durchaus nicht besänftigen ließen und den Pilatus selbst als einen Mitrebellen bei dem Kaiser zu verklagen drohten, so dachte Pilatus bei sich: Ich übergebe euch den Allmächtigen; Er wird es sicher besser wissen als ich, was Er mit Sich wird machen lassen. Dieser hatte Sich dann pro forma auf die römische Art von den Juden kreuzigen lassen, stand aber dann als Jupiter gar leichtlich wieder vom Tode auf und ließ dann den Hohenpriestern zu Rom melden, was sie nun zu tun hätten. Diesen Priestern war das ein gewünschtes Wasser auf ihre Mühle, und sie lehrten dann das Volk also, wie sie sich diese Mythe im Einverständnisse mit den Römern im Judenlande ausgedacht hatten. Sie erdichteten mit der Zeit noch eine Menge Blutzeugen hinzu, mochten wohl auch im Einverständnisse mit den Kaisern entweder einige wirkliche oder blinde Grausamkeiten verübt haben und schwatzten hernach dem dummen Volke eine Menge Wundererscheinungen bei solchen Gelegenheiten vor. So ging das alte, schon morsch gewordene Heidentum unter immer demselben Pontifikate auf uns über, und wir sind notgedrungen Tölpel genug gewesen, solch einen wahren Philisterstreich als bare Münze anzunehmen. Dafür aber repräsentiert sich meines Erachtens hier auch vollkommen der Lohn unseres neukreierten Heidentums. [GS.01_029,08] Der A spricht: Mein schätzbarer Freund! Ich muß dir offenherzig bekennen, deine Meinung hat offenbar mehr für sich als die meinige, nur verstehe ich dann nicht, wie man bei solch einem pfiffigen Unternehmen dann das neukreierte Heidentum auf das Judentum hat basieren können. Meines Wissens, soviel ich aus den sogenannten Evangelien weiß, bezieht sich der Christus ausschließend auf die sogenannten Propheten der Juden, und es läßt sich dann wohl nicht leichtlich annehmen, daß die stolzen, weisen Römer zur Kreierung einer einträglichen Religion sich der Religion der ihnen über die Maßen verächtlichen Juden bedient hätten. Ferner muß ich dir ganz offen bekennen, daß die absolute Lehre Christi, bis auf manche unbedeutende Wunderalbernheiten, an und für sich eine ganz menschlich kluge Lehre ist und taugt meines Erachtens am allerwenigsten für die nur allzubekannte römische Habsucht. Aus dem Grunde läßt sich eben nicht gar zu leicht erweisen, daß sie ein Werk des römischen Priestertumes ist, wohl aber ist sie sicher ein Werk der Juden; denn man weiß es aus der Geschichte nur zu bestimmt, wie sehr sich die Römer gegen den Eingang dieser Lehre gesträubt haben! [GS.01_029,09] Der B spricht: Mein geschätzter Freund! In dieser Hinsicht bist du viel zu wenig eingeweiht in die geheimen Schleichwege des Priestertums. Du hast in der Geschichte wohl gelesen, daß sich verschiedene römische Kaiser tätigst gegen die Einführung dieser Religion gesetzt haben; nenne mir aber auch einen römischen Pontifex, der sich namentlich dawider gesträubt hätte. Siehe, also war die Sache fein abgekartet, und diese neukreierte Religion hätte nie einen besseren Eingang gefunden als eben durch die notwendig scheinbar grausame Widersträubung der römischen Kaiser. – Daß diese neukreierte Religion auch auf das Judentum basiert wurde, hat ja den mit Händen zu greifenden Grund, weil die römischen Weisen bei der Gelegenheit ihrer vielseitigen Eroberungen eine hinreichende Gelegenheit hatten, mit vielen Religionen Bekanntschaft zu machen und konnten dadurch sehr leicht finden, daß eine neu zu kreierende Religion auf keine besser zu basieren ist denn gerade auf diese jüdische. Darum haben sie auch ihren menschgewordenen Zeus aus sehr weisen Gründen im Judenlande auftreten lassen; denn sie wußten es genau, daß es mit allen anderen Religionen ein noch morscheres Verhältnis habe denn mit der ihrigen. [GS.01_029,10] Der A spricht: Ja, geachteter Freund, jetzt bekommt deine Sache freilich ein ganz anderes Gesicht, und ich kann nun nicht umhin, ganz deiner Meinung beizupflichten. Ja, ja, wäre es nicht also, woher käme sonst diese Gold- und Silbergier des noch gegenwärtigen römischen Pontifikats? Dessen ungeachtet aber muß ich dir doch auch hinzu bekennen, daß die eigentliche reine Sittenlehre Christi, rühre sie, woher sie wolle, über alle Kritik erhaben gut ist. Solches hat mich auch noch zuallermeist an das Christentum gehalten. Daß sich mit der Zeit manche eigennützige Schmarotzerpflanzen auf diesen reinen Baum angeklebt haben, solches, erlaube mir, ist auch unverkennbar, und so muß ich dir sagen, und es kommt mir eben dazu gerade jetzt eine Idee: Wenn ich möglicherweise je irgend einem solchen reinen Christus begegnen würde, wahrlich, ich könnte Ihm unmöglich feind sein! [GS.01_029,11] Und der B bemerkt: Ja, wenn es einen gäbe, da wäre ich auch dabei; aber darin liegt ja eben der Hund begraben! Und der A bemerkt: Weißt du was, nehmen wir uns vor, das Grab dieses deines Hundes zu suchen; und haben wir es gefunden, so haben wir doch wenigstens ein Sinnbild der Treue gefunden! – Sehet, über dem A wird es schon etwas heller, aber über dem B noch lange nicht; und da wir hier nichts mehr zu tun haben, so begeben wir uns wieder weiter! 30. Kapitel – Ein geistlicher Philosoph und eine Betschwester. [GS.01_030,01] Sehet, wenn ihr bestimmen könnt, etwa fünfzig gewöhnliche Schritte vor uns könnt ihr schon wieder ein anderes Pärchen erschauen. Gehen wir nur gerade darauf zu, und wir wollen sie sogleich erreicht haben. Auch dieses Pärchen soll unser nicht ansichtig werden. Es hat schon ein Ständchen in der Absicht; also gehen wir nur munter darauf zu, damit wir wieder etwas Neues erfahren. – Nun, wir sind schon bei ihm, und wie ihr sehet, so ist diesmal an diesem Paare ein geschlechtlicher Unterschied zu bemerken. Ein überaus hageres, mühselig aussehendes Weib und ein nahe bis auf den letzten Blutstropfen abgezehrter Mann, der noch kaum so viel Kraft zu haben scheint, um sich mühseligst mit der genauesten Not fortzuschleppen. Sehet, sie reicht ihm ihre Hand und heißt diese Begegnung willkommen. [GS.01_030,02] Horchet nun, was diese zwei miteinander alles abmachen werden. Sie spricht: Grüß‘ euch der liebe Himmel! Mich freut es recht von ganzem Herzen, daß uns der liebe Zufall endlich einmal zusammengeführt hat! Aber ich muß Ihnen gestehen, ich hätte nicht geglaubt, an solch einem Orte Sie zu treffen; denn ich habe immer geglaubt, Sie sind schon Gott weiß wie selig im Himmel, weil Sie, soviel ich mich erinnern kann, auf der Welt ein gar so frommer und rechtschaffener Mann waren. Sie waren ja ein hochgelehrter Herr Professor für die Geistlichkeit, und es sind von Ihnen so viele brave und würdige Geistliche in die Seelsorge übergegangen. Und nun, du mein lieber Himmel – muß ich Sie so elend hier in diesem miserablen Orte antreffen, in welchen ich, weiß der liebe Gott warum, auch vor zwei Monaten gekommen bin. [GS.01_030,03] Und er spricht: Ja, meine schätzenswerte Freundin, es tut mir recht leid, daß Sie sich auch hier befinden; aber es ist denn einmal also. Sie sind hier als eine Betrogene und ich ebenfalls als ein Betrogener. Wir haben uns auf der Welt (der Himmel wird es wissen, wenn es irgend einen gibt) was alles für goldene Hoffnungen von einem jenseitigen glücklichen Leben gemacht. Allein wie glücklich dieses Leben und was der Lohn für alle guten Handlungen auf der Welt ist, solches erfahre ich nun schon mehrere Jahre und Sie, meine schätzenswerte Freundin, nach Ihrer Aussage auch schon zwei Monate lang. [GS.01_030,04] Sie spricht: Nein, aber du mein lieber Himmel! Wenn ich zurückdenke, was für ein strenges Leben Sie geführt haben und haben auf der Welt nichts Gutes gehabt. Wenn Sie gepredigt haben, so haben ja doch alle in der Kirche geschluchzt und geweint, und was für schöne Lehren und Ermahnungen Sie einem in der Beichte gegeben, und wie andächtig Sie das heilige Meßopfer verrichtet haben, so kann ich wirklich nicht begreifen, wie Sie da hergekommen sind. Für unsereins ist das schon begreiflicher, denn man hat so manche Sünden vielleicht in der Beichte verschwiegen, weil man sich derselben trotz aller Gewissenerforschungsmühe nicht hat erinnern können. Aber wie Sie, der das doch alles gekonnt und sicher sein Leben und all sein Tun und Lassen bis auf ein Haar durchforscht hat, da hergekommen sind, das, wie ich schon einmal gesagt habe, wird der liebe Himmel wissen, wenn es einen gibt, wie Sie gerade gesagt haben. Haben Sie denn gar keine Mutmaßung, warum Sie da hergekommen sind? [GS.01_030,05] Er spricht: O meine schätzbare Freundin! Ich habe nur zuviel Mutmaßung; aber diese meine Mutmaßung werden Sie nicht leichtlich verstehen. Sie spricht: Oh, ich bitte Sie, sagen Sie mir nur keckweg etwas davon; wer weiß, ob mir solches nicht frommen kann. Er spricht: Nun wohl, ich will Ihnen ja so manches mitteilen, will aber übrigens nicht schuld sein, wenn es Ihnen nichts nutzen sollte; und so sage ich es Ihnen denn rund heraus, was meine Mutmaßung ist. [GS.01_030,06] Ich mutmaße, daß es weder einen Gott noch irgendeinen Himmel gibt, und mutmaße aus gar guten Gründen, daß wir Menschen nichts als Werke der Natur sind. Wenn das Grobmaterielle von der naturmäßigen Lebenskraft gleich einer Hülse hinwegfällt, so erhält sich die naturmäßige Lebenskraft noch eine Zeitlang fort. Nach und nach aber stirbt sie auch ab; die Kraft zerstreut sich im Raume so wie die Kraft des Pulvers außer der Mündung einer Kanone, und mit den sich viel erhoffenden und erwartenden Menschen ist es dann auf ewige Zeiten aus. Wenn Sie mich so recht ansehen und betrachten, wie ich mich schon der endlichen gänzlichen Auflösung und Vernichtung nahe, so wird Ihnen meine Mutmaßung selbst in dieser stockfinsteren Nacht noch klarer werden als auf der Welt die Sonne am hellen Mittage. [GS.01_030,07] Sie spricht: Ach du mein lieber Himmel, wenn es einen gibt, was Sie da sagen! Das ist ja schrecklich; ja, ja, Sie müssen’s denn doch besser wissen als ich. Ich habe mir wohl auch auf der Welt so manchmal gedacht, wie es mir einmal ein recht gescheiter und vornehmer Herr gesagt hat, daß nämlich nach dem Tode nichts mehr ist. Jetzt sehe ich es erst ein, daß dieser Herr die Wahrheit geredet hat; und so wird es mir mit der Zeit auch so gehen, wie es jetzt Ihnen geht. Auf der Welt habe ich doch, wenn’s mir recht übel ergangen ist, sagen können: Mein Gott und mein Herr! Verlaß mich nicht! – Aber was kann ich jetzt tun, so es keinen Gott gibt? Möchten Sie, mein schätzbarer Freund, denn nicht auch noch sagen, was es denn hernach mit Christus und Seiner allerseligst sein sollenden Jungfrau und Mutter Maria für eine Bewandtnis hat? Und warum haben wir denn müssen auf der Welt zu diesen beiden so viele Rosenkränze beten, und warum haben Sie so viele und andächtige Messen gelesen, wenn das alles sich so verhält, wie Sie mir gesagt haben? [GS.01_030,08] Er spricht: Ja, meine liebe Freundin, darüber bin ich auch erst hier so recht ins klare gekommen. Die großen Herrn auf der Welt könnten das gemeine Volk ja nicht bändigen, wenn sie nicht irgendeinen Gott und sonach irgendeine Religion für dasselbe erfunden hätten. Durch die Religion aber haben sie ein leichtes Spiel, den dummen Pöbel im Zaume zu halten. Dieser arbeitet dann recht fleißig für sie, damit sie sich, unbekümmert um irgendeine Arbeit, in ihren Palästen und Schlössern auf weichen Betten und Stühlen recht mästen können. Darum werden auch allenthalben Geistliche und Lehrer aufgestellt, die selbst in der gehörigen Dummheit erhalten werden, um mit dieser Dummheit dann auch den gemeinen Pöbel zu verdummen. Wenn aber irgend solche Geistliche recht gescheite Leute werden, so werden sie auch bald befördert, damit sie dann auch recht gut leben können, um durch ihren Verstand den Großen nicht gefährlich zu werden. Um aber einer solchen Religion, die an und für sich nicht ist, irgendeinen bedeutungsvollen Anstrich zu geben, muß sie mit allerlei mystischer, d.h. nichtssagender Zeremonie geschmückt sein; sonst würde sie bei dem gemeinen Pöbel nicht die erforderliche Wirkung hervorbringen. – Sehen Sie, meine schätzbarste Freundin, also war es ja auch mit mir der Fall. [GS.01_030,09] Ich habe auf der Welt bei mir selbst recht gut eingesehen, daß es mit dem jenseitigen Leben eine ganz andere Bewandtnis hat, als ich es selbst von der Kanzel gepredigt habe. Ich habe mich darüber, versteht sich, nur ganz vertraulich bei den großen, machthabenden Herren geäußert und habe darüber um Aufklärung gebeten. Allein was die Aufklärung betrifft, da ist mir keine zuteil geworden, aber dafür kam mir bald, ich weiß selbst nicht wie und warum, eine bedeutende Beförderung zu; ich ward ein gut besoldeter Professor und endlich gar ein Direktor des Seminariums. Ich meine aber, die Herren haben eingesehen, daß ich für einen unteren Posten zu gescheit war, daher gaben sie mir einen besseren, damit ich, durch das eigene Interesse genötigt, mit meiner Gescheitheit nur nützen, aber nicht schaden möchte. Ich habe zwar allezeit als ein grundehrlicher Mann gelebt; aber was von mir dumm war und ich noch jetzt bedaure, war das, daß ich fürs erste dennoch nicht vollkommen eingesehen habe, daß ich mit solch einer Beförderung betrogen war; und fürs zweite, daß ich in meiner gut einträglichen Stellung ein, wenn auch nur scheinbar, so dennoch für mein eigenes Wohl zu töricht geistlich strenges Leben geführt habe. Ich habe mir dabei freilich gedacht, solch ein sich verleugnendes Leben wird mir sicher in kurzer Zeit eine bischöfliche Würde zuschanzen. Allein ich habe mich gewaltig verrechnet, denn die großen Herren haben es genau berechnet, daß ich für den mir erteilten Posten den gehörigen Grad der Dummheit besitze, von wo ich ihnen nicht mehr gefährlich sein kann; daher beließen sie mich auch sorglos in meiner Stellung. Sehen Sie, meine geschätzte Freundin, so steht es mit allem auf der Welt, was die Religion betrifft; darum sagte ich auch gleich anfangs, daß wir beide betrogen sind. [GS.01_030,10] Sie spricht: Nein, jetzt gehen mir auf einmal alle Lichter auf! Hätte ich das doch nur auf der Welt gewußt, wie hätte ich da lustig leben können! Denn ich war, wie man gesagt hat, ein schönes und dabei auch recht wohlhabendes Mädchen. Wieviel saubere junge Männer haben sich um meine Gunst beworben; aber ich getraute mich aus lauter Religion beinahe keinen anzuschauen, bin unserem Herrgott und der seligsten Jungfrau Maria zulieb eine alte Jungfrau geblieben und habe obendrauf noch fast mein ganzes Vermögen schon bei meinen Lebzeiten der Kirche vermacht. – [GS.01_030,11] O wie dumm war ich! Wäre ich lieber eine lustige Hure geworden, so hätte ich doch einmal etwas genossen! So aber hat sich an mir das gemeine Sprichwort bestätigt, daß nämlich eine langsame und dumme Sau nie zu einem warmen Bissen kommt. Na, mein bester Freund, wenn es wirklich so ist, wie Sie sich da ausgesprochen haben, da möchte ich doch alles zu verwünschen und zu verfluchen anfangen, aber nein! Ich will es nicht tun. Wenn es mir recht schlecht gehen wird, so will ich mir, wenn auch gewohnheitshalber, dennoch mit der Anrufung Gottes und der seligsten Jungfrau Maria helfen. Auf der Welt, kann ich mich denn doch erinnern, hat mir einige Male die Anrufung Christi und der lieben Frau offenbar geholfen, und ich meine, ist daran nichts gelegen, so habe ich durch diese Anrufung, wenn schon nichts gewonnen, so doch auch nichts verloren. – Ich kann mir freilich wohl gerade keinen Vorwurf machen, als hätte ich durch meinen Lebenswandel mir etwa solch eine Strafe verdient, nun in diesem finstern Orte zu sein, außer daß ich’s mit den Geistlichen vielleicht manches Mal zuviel gehalten habe, d.h. Ehre und Sittlichkeit ausgenommen, denn in diesen Stücken habe ich mir nie etwas vergeben. Aber so manches Mal habe ich mir schlecht vorkommende Menschen verunglimpft, habe über sie losgezogen und sie manchmal auch, freilich allzeit nur bei der Geistlichkeit, recht ausgerichtet. Ich habe mit ihnen auch alle Lutheraner, Juden, Türken und Heiden im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des hl. Geistes verdammt; aber das haben die geistlichen Herren gesagt, daß man als eine rechtgläubige Christin solches gar tun müsse. Sie sagten wohl freilich auch, daß man dabei auch für sie beten solle, damit sie zur rechten Religion übertreten könnten; und so habe ich auch das getan und habe sie zuerst, wie sich’s gehört, verdammt, und dann habe ich für sie gebetet. Es müßte also nur das etwa gefehlt gewesen sein, sonsten wüßte ich wirklich nichts. Den Armen habe ich auch gegeben, freilich eben nicht zuviel, habe lieber mein Vermögen der Kirche vermacht, weil ich mir gedacht habe, daß die Geistlichen es besser werden verteilen können als ich. – Und so bin ich, je mehr ich über mich nachdenke, richtig „ganz unschuldig“ da hergekommen; aber natürlicherweise, wenn es also ist, wie Sie es früher gesagt haben, da hätte mir das eine so wenig als das andere geschadet oder genützt. [GS.01_030,12] Aber, wie gesagt, ich bleibe bei der Anrufung Gottes und der lieben Frau und will mich denn auch auf diesem Orte so lange fortschleppen, wie es sich tun wird. Vielleicht komme ich mit der Zeit wieder zu jemand anderem, der mir etwas Besseres wird sagen können als Sie, mein übrigens ganz schätzbarer Freund. – Und so leben Sie denn wohl; denn das sehe ich schon ein, daß ich in Ihrer Gesellschaft nicht glücklicher werde. Mir wäre es auch viel lieber gewesen, wie ich’s jetzt empfinde, daß ich mit Ihnen gar nicht zusammengekommen wäre! Denn jetzt sehe ich es recht klar ein, daß die Dummheit glücklicher ist als aller noch so scharfe Verstand. [GS.01_030,13] Ich bin nur froh, daß ich nicht in das von mir so oft gefürchtete „Fegefeuer“ gekommen bin, oder gar in die Hölle; denn mir geht’s im Grunde doch nicht gar so schlecht, da ich keinen Schmerz empfinde, außer den Hunger. Den muß ich freilich wohl mit Gras stillen, was sich hier noch reichlich vorfindet; wenn’s aber nur sonst nicht ärger wird, an diese Kost will ich mich schon noch recht gewöhnen. Und so leben Sie denn wohl! [GS.01_030,14] Er spricht: Ja, ja, leben auch Sie wohl und sehen Sie zu, daß sie mit ihrem Grasfressen recht zunehmen; ich wünsche Ihnen allzeit einen guten Appetit. – Übrigens war ich noch nicht so glücklich, auf reichliche Grasplätze zu kommen, sondern Moos, und das sehr sparsam, war bisher meine einzige Nahrung. [GS.01_030,15] Sehet, die beiden entfernen sich; er zieht sich gegen die mehr nördliche, sie aber gegen die mehr mittägige Seite hin [GS.01_030,16] Ihr fraget und saget: Wie sich diese in dieser Gegend befindet, sehen wir selbst so ganz eigentlich nicht ein; was ihn betrifft, so scheint solches nach seiner Äußerung seinen guten Grund zu haben. [GS.01_030,17] Meine lieben Freunde! Solches solltet ihr wohl auf den ersten Blick einsehen. Wie ist wohl die Liebe desjenigen beschaffen, der ein allfälliges von ihm erkanntes Gutes entweder eines gleich erfolgbaren oder eines künftigen Lohnes wegen tut? Ist das nicht Eigenliebe? – Denn wer das Gute und Rechte tut was immer für eines eigenen Nutzens wegen, der liebt sich selbst über die Maßen und bietet alles auf, um sich selbst möglichst wohl zu versorgen. So war es auch dieser lediglich um den Himmel zu tun, für den sie ihr ganzes Hab und Gut also hergegeben hat, wie sich ein anderer um sein Vermögen irgendein weltliches Gut kauft. Von der wahren Liebe zu Christo, welche allzeit höchst uneigennützig sein muß, aber hatte sie nie eine Ahnung! Aus dem Grunde muß auch hier ihr Lohnappetit ganz aus ihr getrieben werden und sie Gott Seiner Selbst wegen zu suchen und zu begehren genötiget werden, dann erst ist es für sie möglich, sich der wahren Liebe und Gnade des Herrn zu nähern. – Also muß auch er sich seinem Gefühle nach völlig vernichtet erschauen, bis er einer höheren Gnadenaufnahme fähig wird. [GS.01_030,18] Doch müsset ihr euch niemanden für gänzlich verloren vorstellen; wohl aber, daß für manchen hundert, tausend und noch tausend Jahre nach eurer Zeitrechnung vergehen dürften, bis er zur Aufnahme einer höheren Gnade fähig wird. [GS.01_030,19] Damit ihr aber noch fernere Erfahrungen machet, aus welch verschiedenen Gründen gar viele Menschen hierhergelangen, so wollen wir uns noch weiter vorwärtsbegeben. Wenn wir erst an ganze Gesellschaften stoßen werden, wird euch noch ein bei weitem größeres Licht aufgehen, und ihr werdet daraus ersehen, von welch zahllosen Torheiten die gegenwärtig auf der Welt lebende sogenannte „bessere Menschheit“ im Grunde behaftet ist, und wie sie ihre besten Handlungen zuallermeist aus eigenliebigem Interesse tut. – Und somit lassen wir es für heute gut sein!

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