Jakob Lorber die natürliche Sonne

15. Kapitel – Die Umgebung eines Hauses auf dem Mittelgürtel. – Baumwuchs daselbst.

[NS.01_015,01] Wie sieht denn die nächste Umgebung bei einem solchen Hause aus? – Diese besteht gewöhnlich in einer runden Allee von sehr hohen Bäumen, welche bei einem Hause stets einer und derselben Art sind, aber nicht genau auch wieder dieselben bei einem andern Hause. Ja ihr könntet da den ganzen, über 40000 breiten und bei 600000 Meilen langen Gürtel kreuz und quer abgehen, wenn eure irdischen Lebensjahre dazu hinreichten, so würdet ihr aber doch nimmer bei einem oder dem andern Hause wieder dieselbe Art von fruchtbaren Alleebäumen finden, wie ihr sie allenfalls bei einem ersten Hause gefunden habt. So sehen zum Beispiel die Alleebäume bei unserem ersten Hause aus wie riesenhaft große, gewundene Säulen, welche zuoberst mit einer trauerweidenartigen Krone geziert sind. Die Blätter sind über eine Spanne lang und kaum einen halben Zoll breit; die Rückseite ist karminrot, die vordere, glatte Seite aber ist grüngolden. An der Spitze eines jeden Blattes hängt eine überaus starkleuchtende Perle von blauem Licht. Zwischen den Blättern hängen auf langen, weißen Stielen Früchte, ungefähr von der Gestalt wie bei euch das sogenannte Johannisbrot, aber alles ohne Kern. Denn, wie ihr schon wißt, sind in der Sonne alle Früchte kernlos und sind von einem überaus geistigen, süßen Geschmacke – daher sie auch eine Lieblingsspeise für dieses Haus sind.
[NS.01_015,02] Wie bekommen aber die Sonnenbewohner die Früchte von diesen hohen Bäumen? – Dieses geschieht dort auf eine höchst leichte und einfache Art. Die Sonnenbewohner haben nämlich dazu eigene Stangen, welche zuoberst mit einem nach Belieben bewegbaren Zwicker versehen sind. (Dieses Instrument ist fast allenthalben dasselbe!) Mit diesem Zwicker brechen sie die Früchte mit der größten Bequemlichkeit von den Bäumen, welcher Art sie auch immer sein mögen, und bemächtigen sich auf diese Weise zu ihrer Sättigung der Baumfrüchte.
[NS.01_015,03] Ihr werdet euch hier im geheimen denken: Warum lassen aber die Menschen die Bäume so hoch wachsen, wenn das Wachstum der Bäume sowie des ganzen Pflanzenreiches in der Gewalt ihres Willens steht? – Wer da so fragen würde, der wäre in einer kleinen irrigen Meinung. Denn die Sonnenbewohner sind überaus weise und tun nichts umsonst oder zwecklos, und es muß daher jede Verzierung sogar eine entschieden wohlberatene und durchgeprüfte Nützlichkeit haben. Und so hat auch die hochgestellte Fruchtkrone eines solchen Baumes ihren entschiedenen, mehrseitigen guten Zweck.
[NS.01_015,04] Ihr fraget hier: Worin denn ein solcher nützlicher Zweck besteht? – Nur Geduld, es wird sogleich kommen! Fürs erste müßt ihr wissen, daß es auf gar keinem Planeten so überaus reizende und weitgedehnte Landschaftsaussichten gibt wie eben auf der Sonne. Denn da ist es gar nichts Seltenes, daß man von einem mittelmäßigen Hügel einen Flächenraum von wenigstens fünftausend Meilen im Durchmesser übersieht, also ungefähr beinahe viermal so weit wie auf eurer Erde in gerader Linie vom Süd- bis zum Nordpol. – Dazu müßt ihr noch nehmen, daß die Sonnenluft, besonders über diesem Gürtel, von höchster ätherischer Reinheit ist, wodurch natürlicherweise die Fernaussicht, besonders für die überaus scharfen Augen der Sonnenmenschen, begünstigt wird.
[NS.01_015,05] Jetzt sehet, es wird ein Zweck gleich einleuchtend sein! Da die Sonnenbewohner nämlich, wie schon gesagt, große Freunde schöner Landschaftsaussichten sind, so stellen sie aus dem Grunde die Fruchtkronen ihrer Bäume so hoch, damit sie ihnen nicht irgendwo die Aussicht verdecken. Sehet, das ist einmal ein Zweck, welcher zwar, auf eurer Erde betrachtet, eben nicht von einer großen Wichtigkeit erscheint, aber desto mehr in der Sonne. Denn es handelt sich da nicht nur allein um den reizenden Aussichtspunkt, sondern die Aussicht ist dort etwas sehr Notwendiges, weil über dem Lande sich oft verschiedene Phänomene zeigen, welche manchmal von guter, manchmal wieder von schlechter Wirkung sind. Darum auch muß auf alles gehörig achtgegeben werden, sonst liefen die Sonnenbewohner, besonders dieses Gürtels, gar zu oft Gefahr, von einer oder der anderen, sich etwa ihrer Wohnung nahenden Naturerscheinung gewaltig beschädigt, oder wohl auch gänzlich zugrunde gerichtet zu werden.
[NS.01_015,06] Damit ihr solches ein wenig mehr einseht, will Ich euch nur ein geringes Beispiel anführen. Es geschieht nicht selten, daß sich plötzlich über einem oder dem andern Hügel rotleuchtende Sterne zeigen. Bei dieser Gelegenheit muß sogleich sorgfältig beobachtet werden, wie hoch irgendein Hügel sein mag, über dem sich diese Sterne zeigen, oder in welcher Richtung sie einem Hügel entschweben. Setzen wir den Fall, solche Sterne würden bei einem tausend Meilen abstehenden Hügel entdeckt, und dieser Hügel wäre ungefähr von einer mittleren Höhe, und die Sterne bewegten sich in der Richtung gegen den Hügel, auf welchem wir uns befinden, – es braucht nicht mehr als höchstens drei Minuten Zeit, so schweben diese vormals kleinen Sternchen nun schon als kleine Weltmassen gegen diesen Hügel her, wo wir uns befinden; ihre Schnelligkeit ist überaus groß, da sie zumeist elektrischer Art sind. Was sie nun auf ihrem Wege erreichen, das ist in einem Augenblick zerstört.
[NS.01_015,07] Was tun dann die Sonnenbewohner bei einer solchen Gelegenheit? Sie begeben sich augenblicklich unter den Schutz des lebendigen Gottes und stecken auf einer freien Höhe spitzige Stangen auf, welche mit Fahnen versehen sind. Diese Stangen ziehen wie ein Magnet diese rotglühenden, elektrischen Massen höher, so daß diese sich endlich gar ins hohe Gebirge verlieren. Und auf diese Weise werden allzeit Wohnungen, Bäume, Tiere und Menschen in der Tiefe verschont.
[NS.01_015,08] Sehet, das ist schon wieder ein guter Grund für eine unbeschränkte, freie Aussicht. Daher stehen auch solche Alleebäume allzeit mit einer Säule des Wohnhauses in gleicher Richtung vom Mittelpunkt desselben aus, damit selbst durch ihre Stämme die freie Aussicht nicht gehindert wird.
[NS.01_015,09] Eine gar nicht selten vorkommende Erscheinung, besonders in der Gegend der großen Gewässer oder auch in der Nähe der hohen Gürtelgrenzgebirge, sind die für eure Begriffe ungeheuren Wasser- und Feuerhosen. – Was die Wasserhosen betrifft, so ziehen diese freilich wohl nie gar weit vom Wasser übers Land. Aber desto verheerender sind die Feuerhosen, von denen manche einen Feuerwirbel mit einem Durchmesser von hundert bis tausend Meilen und dabei eine so schnelle Umdrehung hat, daß sie sich in einer Sekunde einmal umdreht, welches ebensoviel gesagt haben will als: der äußere Flammenkreis legt in einer Sekunde einen Weg von dreihundert bis dreitausend Meilen zurück.
[NS.01_015,10] Nun denket euch einmal die Wirkung, die ein solches Naturereignis auf einer Gegend bewerkstelligt, über welcher es sich bewegt! – Was tun denn die Sonnenbewohner bei einer solchen Gelegenheit? – Sie begeben sich fürs erste augenblicklich mit dem lebendigsten Vertrauen unter Meinen Schutz und stellen auf einem höchst möglich zu ersteigenden Hügel ein bedeutendes Gefäß voll Wasser auf. Rings um das Gefäß mit dem Wasser stecken sie strahlenförmig ziemlich lange Spieße in das Erdreich. Diese ganz einfache Vorrichtung hat nach der Erfahrung ihrer weisesten Lehrer die entschiedene Kraft, fürs erste eine solche Feuerhose an sich zu ziehen und dann alsogleich in ihrer Wirbeldrehung zu beruhigen.
[NS.01_015,11] Und so ihr Zeugen sein könntet, so würdet ihr eine solche Naturerscheinung sicher mit dem überraschendsten Vergnügen ansehen. – Denn wenn eine solche Feuerhose bei ihrem Entstehen auch den größten Durchmesser hat, so fängt sie sich aber dennoch, sobald sie einen solchen Hügel erreicht hat, zuunterst also zu beengen an, daß ihr Durchmesser in wenigen Sekunden von tausend Meilen auf eine Klafter zusammengeschmolzen ist. Wenn sie aber dann erst vollends die Höhe erreicht hat, wo das Wassergefäß mit den strahlenförmig in die Erde gesteckten langen Spießen sich befindet, da fängt sie sich allenthalben zu beengen an und bekommt endlich die Form einer für eure Blicke unendlich lang scheinenden Feuerstange, welche dann allmählich über dem Gefäße wie zusammensinkend verschwindet.
[NS.01_015,12] Bald darauf begeben sich dann die Sonnenbewohner wieder auf einen solchen Hügel und holen ihre Sicherheitsgerätschaften, welche gänzlich unversehrt angetroffen werden, – bis auf das Wasser, welches zwar an seiner Menge nichts verloren hat, aber gänzlich schwarz geworden ist.
[NS.01_015,13] Warum aber tun die Sonnenbewohner eigentlich dieses, um dadurch einer Verheerung zu entrinnen? – Sie sagen: Auf den hohen Bergen wohnen Geister; wann sie aber vor zu großer Hitze durstig werden, so ergreifen sie sich in großer Masse und suchen wie Rasende eine Kühlung. Daher ist es notwendig, ihnen mit einem Trunk entgegenzukommen, damit sie nicht tiefer herab rasen und irgendein erquickendes Gewässer suchen und so uns auf ihrem Wege unsere Häuser und Früchte zerstören möchten.
[NS.01_015,14] Und Ich sage euch nichts anderes, als daß solche Annahme und geistige Wissenschaft der Sonnenbewohner ihren ganz vollkommen richtigen Grund hat. Denn es ist in der Sonne ganz dasselbe der Fall bezüglich einer solchen Feuerhose, wie Ich eben dasselbe Ereignis euch schon einmal bei einer Gelegenheit auf eurem Erdkörper vorkommend enthüllt habe. Denn ein Geist bleibt überall ein Geist, in der Sonne wie auf den Planeten; nur ist jedes Geistes freier Wirkungskreis in einer Sonne weniger beschränkt als auf einem Planeten.
[NS.01_015,15] Sehet nun wieder, wie notwendig in dieser Hinsicht die freie Aussicht den Sonnenbewohnern ist. Aus diesem Grunde steht auch jedes Wohnhaus auf einem ziemlich kegelförmigen Hügel; und aller andere, zu einem Hause gehörige Grund liegt niederer als das Haus selbst. Daher dürftet ihr auch nirgends ein Haus in einer Ebene antreffen, sondern sowohl Wohnhäuser wie auch die vielfach verschiedenen Amtshäuser befinden sich allenthalben auf den Hügeln, und die Tempel zur Anbetung und Verehrung des großen Gottes auf den höchsten.
[NS.01_015,16] Und so gibt es noch eine Menge tüchtiger Gründe für die freie Aussicht, aus welchen sonach fürs erste die Sonnenbewohner die Fruchtkronen der Bäume so hoch stellen. Allein alle diese Gründe namentlich anzuführen, würde unsere Mitteilung zu sehr ins Lange dehnen.
[NS.01_015,17] Ein zweiter Grund, warum die Sonnenbewohner diese Fruchtkronen so hoch stellen, ist auch der, daß durch diese höherstehenden Kronen das Licht von oben gegen die Wohnungen gemindert wird. Daß die Kronen solcher Bäume aber das Licht sehr bedeutend an sich saugen, bekunden die leuchtenden Perlen, welche sich fast allenthalben an den Spitzen der Blätter bilden und an und für sich nichts anderes sind, als von dem Baume unverzehrte Lichtbündel, gleich dem sogenannten Sankt-Elms-Feuer bei euch, welches an allen gespitzten Gegenständen zu erblicken ist, wenn die Luft überstark mit Elektrizität angefüllt ist. Bei euch ist dies freilich nur zur Nachtzeit sichtbar, in der Sonne hingegen allzeit nur am Tage (da es dort keine Nacht gibt), und das zufolge der überaus starken Lichtstrahlungen von oben herab.
[NS.01_015,18] Ein dritter Grund, warum die Kronen der Bäume so hoch gestellt werden, ist auch der, damit die Kinder stets genötigt sind, zu ihren Eltern zu kommen, wenn es sie hungert. Und dieser Grund ist ein recht guter Grund; denn ihr könnt es glauben, für den unreifen Geist der Kinder ist überall nichts nachteiliger als eine, wenn auch von den Eltern zugelassene Eigenmächtigkeit. Denn dadurch begründen sich die Kinder zuallererst in der Hoffart und im Eigensinn, welche zwei Untugenden die unzerstörbaren Grundsteine aller nur erdenklichen folgenden Laster sind.
[NS.01_015,19] In der Sonne, wo die Menschen ohnehin einen viel freieren und unumschränkteren Spielraum haben, ist aber eine solche Erziehung der Kinder um so notwendiger, damit dadurch ihr Wille eine solche Richtung bekommt, welche zur Erhaltung der allgemeinen Ordnung unumgänglich notwendig ist. Dies wäre auch bei euch freilich wohl über alles zu wünschen; allein die Menschen der Erde sind schon zuallermeist überaus beschränkt eigensinnigen Geistes, aus welchem Grunde sie auch in eben diese schroffe Erde gelegt wurden. Daher ist ihnen auch nichts saurer als ein pünktlicher Gehorsam, welcher die alleinige Schule zur Gewinnung der wahren, geistigen, innern Willenskraft ist. – Darum aber gelangen auch äußerst wenige Menschen dieser Erde in ihrem Leibesleben zu dieser Kraft, welche im Grunde doch nur die Bedingung ihres Hierseins ist.
[NS.01_015,20] Jedoch wir sind jetzt (schon wieder) nicht auf der Erde, sondern in der Sonne. Daher wollen wir auch allda die weiteren häuslichen Einrichtungen verfolgen, und zwar, wie bis jetzt, den allein naturmäßigen häuslichen Teil, ohne den wir ganz natürlicherweise nie auf einen geistigen und dann erst himmlisch reingeistigen übergehen könnten. Und somit wollen wir für das nächste Mal die anderen, zu einem Hause gehörigen Grundteile und ihre zweckmäßige Benutzung beachten.

16. Kapitel – Die Landwirtschaft auf dem Mittelgürtel. – Gemüseland, Schafweide und Brotacker.

[NS.01_016,01] Ungefähr drei bis fünf Klafter unter der Baumreihe befindet sich ein sogenannter Kleinfruchtacker, welcher zu beiden Seiten mit allerlei fruchttragenden Gesträuchen eingefaßt ist. Die Gesträuche werden höchstens anderthalb Klafter hoch gezogen. Der Acker aber ist von allerlei Kleinfrucht tragenden Pflanzen bewachsen, welche ungefähr ähnliche Früchte tragen, wie da zum Beispiel eure Erdbeeren, Pröpstlinge, Melonen, sogenannte Paradiesäpfel u.a.m. Jedoch müßt ihr etwa nicht denken, als möchten da genau derartige Früchte wachsen, – nur ähnlich sind solche Gewächse hinsichtlich der Kleinpflanzenart. Aber sonst sind sie dort von der außerordentlichsten Mannigfaltigkeit und kommen auch in gleicher Art, wie alles andere, bei keinem andern Hause wieder vor.
[NS.01_016,02] Ihr habt in diesem Punkte schon eine Zeitlang eine geheime Frage in euch, und diese lautet also: Warum sollte denn nicht auch auf dem Grunde des Nachbarn etwas vorkommen, was da auf eines andern Nachbarn Grund vorkommt? Denn sicher werden die Bodenerzeugnisse eines Nachbarn auch den Beifall eines andern haben. Warum denn sollte er dasjenige, was ihm auf dem Grunde seines Nachbarn gefällt, nicht auch auf dem seinigen hervorbringen? Denn, wenn er es nicht tut, so muß ihn entweder ein Gesetz daran hindern, oder er muß alles andere gering schätzen und nur das für etwas ganz entschieden Ausgezeichnetes halten, was er auf seinem Grunde hervorbringt.
[NS.01_016,03] Sehet, diese Frage läßt sich hören und ist einer Beantwortung würdig. Aber bevor eine Antwort gegeben werden kann, muß Ich euch bemerken, daß diese Frage wohl auf eurem Erdkörper einen Grund hätte; in der Sonne aber fällt sie offenbar auf einen trockenen Boden, allda sie zu keiner Antwort erwachsen kann.
[NS.01_016,04] Hier fragt ihr schon wieder: Warum denn? – Und Ich sage euch: Erst auf dieses Warum kann Ich euch eine Antwort geben, welche also lautet: Betrachtet euch selbst gegenseitig und saget Mir dann, warum ihr als Brüder untereinander euch als Einzelwesen und in den Gesichtszügen voneinander unterscheidet, daß da nicht einmal ein nächster Blutsbruder dem andern völlig gleichsieht, während dessenungeachtet doch ein jeder als ein vollkommener Mensch, wenigstens der Gestalt nach, erkannt werden kann? Könnt ihr Mir diese Frage beantworten? Denn Ich sage euch, gerade darin liegt ganz vollkommen fertig die Antwort auf euer Warum.
[NS.01_016,05] Ich sehe aber, daß ihr mit der Beantwortung dieser Frage nicht fertig würdet. Daher wird hier wohl nichts anderes übrigbleiben, als euch zu sagen, daß der Grund lediglich in der entsprechenden, zuständlichen, individuellen Beschaffenheit des Geistes liegt, da jedem Geiste, neben dem allgemein Eigentümlichen, auch etwas ganz besonders Eigentümliches gegeben ist, – gleichsam ein einem oder dem andern Geist ganz besonders zu eigen verliehenes Pfund. Durch dieses Pfund unterscheidet sich dann jeder einzelne Geist von jedem andern einzelnen Geist. Und dieser Unterschied prägt sich dann auch auf eine entsprechende Weise in der äußeren Form aus, welche sich am klarsten in eines jeden Menschen Gesicht darstellt.
[NS.01_016,06] Nun sehet, gerade also verhält es sich im ausgedehnteren Maßstabe auch bei den Bewohnern der Sonne, allda nicht nur die äußere Gesichtsbildung des Menschen die ausgeprägte Beschaffenheit seines Geistes darstellt, sondern auch alles, was ein Sonnenmensch durch seinen Willen hervorbringt. Demnach kann zwar ein Sonnenmensch wohl auch eine Pflanze, die ihm auf seines Nachbarn Grund wohlgefiel, auf seinem eigenen hervorbringen; aber sie wird nicht mehr so aussehen, wie die auf seines Nachbarn Grund. Warum denn? – Weil der Nachbar auch nicht also aussieht, weder leiblich noch geistig, wie sein anderer Nachbar; und dieses verschiedene, charakteristische Aussehen wird auch in allem dem bemerkt, was er hervorbringt. Sehet, darin liegt der eigentliche Grund, warum bei zwei Nachbarn nichts ganz vollkommen Ähnliches angetroffen wird.
[NS.01_016,07] Diese Verschiedenheit hat aber noch etwas anderes zum Grunde, nämlich, daß dadurch ein jeder Sonnenmensch, wenn er den Grund und Boden eines anderen betreten hat, sogleich aus einer oder der andern Pflanze inne wird, wessen Geistes Kind sein Nachbar (oder ein anderer Grundbesitzer) ist. – Seht, jetzt haben wir schon die vollkommene Antwort.
[NS.01_016,08] Im Grunde zeigt sich Ähnliches wohl auch auf den Erdkörpern, wo ein jeder eine andere Pflanzen- und Baumschule in seinem Garten hat; auch baut er sich ein anders aussehendes Haus als sein Nachbar. Allein alle diese Verschiedenheiten erstrecken sich hier nur auf die verschieden angenommene Ordnung, nicht aber auch auf das Individuelle der Pflanzen, weil diese auf den Erdkörpern aus dem Samen hervorgehen, in welchem sie schon eine beständige Ordnung haben. In der Sonne aber gehen sie, wie schon bekannt, aus dem vollkommenen Willen des Geistes hervor, und richten sich darum auch nach der Ordnung des Geistes, der sie durch seinen freien Willen hervorruft.
[NS.01_016,09] Also hätten wir den Grund dieser Verschiedenheit, und wollen nun einen Blick weiter tun, wie da der Grund eines Sonnenbewohners bestellt ist.
[NS.01_016,10] Unter jenem Kleinfruchtacker befindet sich ein leerer Kreis, der nicht angebaut ist und bloß zur Umwandlung (Umgehung) des Kleinfruchtackers dient. Diesen leeren Kreis begrenzen wieder ziemlich knapp beieinander stehende kleine Bäumchen, ungefähr in der Art, als da bei euch die Zwergbäume in den Gärten gezogen werden. Auch diese Bäumchen sind verschiedenartig, so zwar, daß selten fünf bis sieben einer und derselben Art sind; und tragen daher auch mannigfaltige Früchte in der Art eurer Birnen, Äpfel, Pomeranzen u. dgl. mehr. Nur ist daselbst alles vollkommen und jede Frucht von einem überaus großen Wohlgeschmack.
[NS.01_016,11] Dieser Bäumchenreihe folgt wieder ein leerer Kreis; dieser ist aber dann umfangen mit einer Art lebendigem Zaun. Von diesem Zaun erstreckt sich dann in einer Breite von sieben bis zehn Klaftern eine Wiese mit einem überaus üppig grünen Graswuchs, wobei das Gras auf einem Grunde stets derselben Art ist.
[NS.01_016,12] Dieser Kreis ist zur Weide der Schafe bestimmt, welche bei den Sonnenbewohnern die einzigen Haustiere sind; obschon es in der Sonne allenthalben eine überaus zahlreiche Menge von Tieren aller Art gibt, – mit alleiniger Ausnahme der Schlange, welche nur auf einigen Erdkörpern einheimisch ist.
[NS.01_016,13] Ihr werdet fragen, warum denn da allein nur das Schaf ein häusliches Tier ist? – Fürs erste, weil es unter allen Tiergattungen das geduldigste und sanftmütigste Tier ist. Fürs zweite, weil auch die Sonnenbewohner die Milch dieses Tieres genießen. Und fürs dritte, weil dieses Tier auch in der Sonne mit seiner reichlichen und überaus feinen Wolle den Menschen den Stoff zu ihren Kleidungen gibt. – Sehet, darum wird auch nur dieses Tier allein einheimisch gehalten und für dasselbe eine solche Wiese bereitet.
[NS.01_016,14] Da wir aber eben zuvor einer zahllosen Menge der Tiere in der Sonne erwähnt haben, so fragt es sich: Wo halten sich diese auf und wovon leben sie? – Ihr wißt, daß es in der Sonne, besonders auf diesem Gürtel, auch überaus große, unübersehbare Ebenen gibt. Sehet, diese Ebenen werden, wie ihr wißt, nie von Menschen bewohnt, und zwar aus dem sehr tüchtigen Grunde, den ihr zur Genüge habt kennengelernt bei der Darstellung der Sonnenflecke, oder vielmehr bei der Darstellung des großen Ausbruches am Äquator der Sonne. Eben diese Ebenen aber werden von zahllosen, allerverschiedenartigsten Tiergeschlechtern bewohnt.
[NS.01_016,15] Aber jetzt fragt es sich: Wovon leben sie, da in der Sonne der Pflanzenwuchs nur durch den Willen der Menschen bedingt ist? – Nichts ist leichter, als auf diese Frage eine Antwort zu geben, nämlich, daß auch die Ebenen mit allerlei Gewächsen in der üppigsten Fülle bewachsen sind, und das zwar ebenfalls zufolge des Willens der Menschen, – aber hier, für die Ebenen, durch die Bitte und ebenalso durch die innigste Vereinigung mit dem treuerkannten Willen des großen Gottes. Wie aber werden diese Ebenen demnach bebaut? – Durch den Segen des obersten Lehrers –, wann auf der höchsten Tempelhöhe sich eine ganze Gemeinde zur Anbetung des großen Gottes in dem Tempel von 77 Säulen versammelt hat.
[NS.01_016,16] Sehet, jetzt habt ihr auch diese Frage beantwortet. Aber es steht noch eine Frage im Hintergrund: Wie verhüten es die Sonnenbewohner, daß das Getier der Ebenen nicht hinaufsteige zu ihnen und allda leichtlich ihre edlen Gründe beschädige? – Solches verhüten die Sonnenbewohner dadurch, daß sie eben in solchem gemeinschaftlichen Wirken alle Hügelländer durch unübersteigliche, lebendige Zäune von den Ebenen nach allen möglichen Richtungen hin rein absperren. Dieser lebendige Zaun besteht aus lauter dicht aneinandergestellten, nicht selten bei tausend Klafter hohen, säulenartigen Baumstämmen, welche nur zuoberst mit sehr buschigen Kronen versehen sind, die auch in sehr großer Menge solche Früchte tragen, welche zur Nahrung der Tiere tauglich sind.
[NS.01_016,17] Diese Einzäunungen laufen nicht selten in einer geraden Linie längs des Fußes eines oder des andern Hügels mehrere hundert Meilen fort, bis sie sich dann nach einer andern Richtung hinbeugen. Die Kronen dieser Bäume haben fortwährend ein hellgrünes Laub; die Stämme aber sind von der Erde an dunkelrot und verlieren sich bis zur Krone ins gänzlich Blaß-Lichtrote, welches dann auch einen überaus reizend schönen Anblick gewährt.
[NS.01_016,18] Nun wüßten wir, wie die Tiere versorgt sind; daher wollen wir wieder zu unserem Hausgrund zurückkehren und daselbst sehen, was nach der Wiese folgt.
[NS.01_016,19] Diese Wiese ist auf der unteren Seite über dem lebendigen Zaun mit einem Wall umgeben, auf welchem in der Richtung der Haussäulen springende Quellen angebracht sind. Ihr werdet auch hier schon wieder fragen: Wo nehmen denn die Sonnenbewohner alsogleich das Wasser her, um dasselbe, wo sie es nur haben wollen, aus diesem Walle emporspringen zu lassen? –
[NS.01_016,20] Es ist für die Sonnenbewohner eben nichts leichter als das. Sie stecken eine bei zehn Klafter lange Röhre also in das Erdreich, daß die Röhre noch etwa eine Klafter über den Erdboden hervorragt. Und alsogleich sammelt sich von dem überaus saftigen Sonnenerdboden so viel Wasser in der in die Erde gesteckten Röhre, welche zu dem Behufe, soweit sie in die Erde gesteckt wird, von allen Seiten mit einer Menge kleiner runder Öffnungen oder Löchelchen versehen ist, welche dann begierig die häufige Feuchtigkeit des Erdreichs in den Hauptkanal der Röhre passieren lassen, durch welchen Kanal dann diese in der Röhre reichlich angesammelten Feuchtigkeiten als eine ziemlich hoch springende Quelle sich zum Bedarf der Menschen und Tiere ergießen.
[NS.01_016,21] Unter diesem Walle ist dann der sogenannte, bei zehn Klafter breite Brotacker-Kreis. Warum wird er denn Brotacker-Kreis genannt? – Weil auf diesem Acker eine Art Frucht wächst, welche einzig und allein nicht vom menschlichen Willen erzeugt wird; sondern auf diesem Kreise rührt die Frucht, welche ungefähr eurem Weizen ähnlich ist, unmittelbar von dem Willen Gottes her. Daher wird auch dieser Acker als ein Heiligtum betrachtet.
[NS.01_016,22] Es wird auch hier kein Same gesät; sondern der Acker wird zu dem Behufe eingerichtet, und wann er die Frucht tragen soll, so wird darum eigens gebetet, welches bei den Sonnenbewohnern allzeit unter einer besonders großen Feierlichkeit geschieht. Nach dieser Feierlichkeit durchgeht der Hausvater segnend diesen Acker, und ihm folgen nach der Ordnung alle seine Familienglieder nach. Solcher Umgang geschieht sieben Male. Alsdann wird dem großen Gott ein allgemeines Lob-, Preis- und Dankgebet dargebracht, – und also ist der Brotacker bestellt.
[NS.01_016,23] Dieser Brotacker ist aber zuunterst umfangen mit einem überaus prachtvollen und künstlichen Geländer; und dieses Geländer ist dann auch zugleich die Grenze eines Grundes.
[NS.01_016,24] Ihr werdet hier freilich fragen: Aber warum ist denn dieser am meisten geheiligte Acker am weitesten vom Wohnhause abstehend angebracht? Denn es sollte ja doch sinnbildlich dasjenige, was mehr rein göttlicher Art ist, dem Menschen näherliegen als alles, was da nur seiner eigenen Art ist. – Durch diese Frage philosophiert ihr zwar eben nicht so übel; aber die Sonnenbewohner philosophieren in dieser Hinsicht noch besser, denn sie zeigen dadurch an, daß das Göttliche nicht nur den Zentralpunkt der Wohnung erfaßt, sondern auch alles Äußere umfaßt. Also soll auch der Mensch in seinem Innersten einen Thron zur Wohnung des göttlichen Geistes errichtet haben und soll dann auch von eben diesem Geiste alle seine Gedanken, Begierden und Handlungen ergreifen lassen, damit er dadurch in allem, – wie im Innern, so auch im Äußern, – ein Mensch vollkommen nach dem Willen des großen Gottes sei.
[NS.01_016,25] Sehet, dieses alles besagt nichts mehr und nichts weniger, als daß die Menschen vollkommen nach Meinem Willen leben und handeln sollen, das heißt, sie sollen sich von Meinem Geiste erfassen und bis ins Innerste durchdringen lassen, – nicht aber, wie es jetzt so viele gewisserart „Bessere“ tun, sich mit der alleinigen Erkenntnis Meines Willens begnügen, was aber ihre Handlungen anbetrifft, da solle Ich es Mir gefallen lassen, daß sie Mich neben ihren Welthandlungen einherzögen. Sehet, bei solchen Menschen da macht nicht dieser Brotacker die äußere Umfassung; sondern nur ein reiner Weltacker, der keine Früchte Meines Willens trägt, sondern Früchte des Eigennutzes, der Welt, des Verderbens und des Todes!
[NS.01_016,26] Aus dieser kurzen Darstellung möget ihr es nun wohl erkennen, daß die Sonnenbewohner durchaus bessere Philosophen sind, als ihr es seid. Denn die Ordnung, welche sie in ihrer Häuslichkeit beobachten, ist, selbst sinnbildlich genommen, doch sicher mehr Meiner Ordnung gemäß als die, welche ihr in Hinsicht auf eure häuslichen Einrichtungen und Anordnungen verwendet. Es kann zwar bei euch auf eurem Planeten keine solche äußere Ordnung beobachtet werden, und es liegt im Hauptgrunde auch eben nicht gar zu viel daran. Dessenungeachtet aber lasse Ich euch nun dennoch solches beschauen, damit ihr dadurch euren geistigen Grund danach bestellen möchtet! Solches sollet ihr demnach recht wohl beachten. Und so wollen wir denn fürs nächste noch die verschiedenen Amtshäuser und Tempel durchblicken und uns sodann zu den allgemeinen und häuslichen Verfassungen der Bewohner dieses Gürtels wenden.

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