Jakob Lorber die natürliche Sonne

21. Kapitel – Die dritte, höchste Tempelart. – Das Geheimnis der Menschwerdung Gottes und des Kreuzes. – Weihung zum Oberpriesterstande.

[NS.01_021,01] Nachdem wir die zweite Art der Tempel auch kennengelernt haben, wollen wir uns denn auf eine bedeutende Höhe erheben, welche nicht selten eine Gegend von mehreren tausend Quadratmeilen beherrscht, und wollen daselbst noch die dritte Art Tempel kennenlernen.
[NS.01_021,02] Diese dritte Art der Tempel wird gewöhnlich auf dem höchsten Punkt einer Gegend errichtet und hat gewöhnlich fünf bis sieben Tempel der zweiten Art unter sich.
[NS.01_021,03] Was die Bauart dieses Tempels betrifft, so ist er kaum viermal so groß wie ein gewöhnliches Wohnhaus und ist bei weitem nicht so hoch, wie da die Tempel der ersten, wie auch der zweiten Art sind. Ja hier und da werden manche angetroffen, die nicht viel höher sind als ein gewöhnliches Wohnhaus.
[NS.01_021,04] Dieser Tempel hat auch nicht die Form eines Schiffes, sondern ist allzeit vollkommen rund. Das Dach ist nicht spitz, sondern mehr stumpf pyramidenartig. Dessenungeachtet aber ist es dennoch von bedeutender Höhe. Um das Dach herum ist eine Zinne gezogen, welche mit einem guten Geländer versehen ist. Auf dieser Zinne wird herumgegangen und mittels der Posaunen so manches an die umliegenden Tempel der zweiten Art verkündet.
[NS.01_021,05] Was das Innere des Tempels betrifft, so ist alles das so eingerichtet, wie in einem gewöhnlichen Wohnhause; nur ist statt der in der Mitte eines Wohnhauses befindlichen Schneckenwendeltreppe hier ebenfalls eine glatte, weiße Säule gestellt, welche in fast gleicher Dicke und runder Form ganz zum höchsten Dachpunkte reicht und somit das Dach auch trägt. Diese Säule aber ist dann wohl umfangen mit einer Wendeltreppe, von welcher inwendig in gleicher Höhe mit der äußeren Dachzinne zwei sich durchkreuzende Gänge von eben der Säule durch eine Dachöffnung auf die äußere Zinne des Daches führen. Daselbst aber im Innern des Tempels, wo sich die vier Gänge, oder eigentlich die sich durchkreuzenden zwei Gänge, durch einen ziemlich geräumigen Rundgang um die Säule vereinigen, geht dann die Schneckenwendeltreppe um die Säule ganz bis unter die Dachung hinauf. Alles dieses hier ist ganz einfach und ohne alle Verzierung und hat beinahe das Aussehen, als wenn solches alles von glatt gehobelten Brettern zusammengefügt wäre.
[NS.01_021,06] Auf dem Quergang befinden sich keine Harfen mehr; sondern das ganze Musikwesen besteht hier in vier überaus starkschallenden Posaunen, deren Ton so stark ist, daß er zufolge der reinen Sonnenluft manchmal bei tausend Meilen weit vernommen werden kann.
[NS.01_021,07] Der Fußboden in diesem Tempel ist wie von Bretterdielen. Und die Ruhebänke an den Säulen sehen also aus, wie bei euch die sogenannten hölzernen Sitzbänke, wie ihr sie da manchmal in euren Gärten habt. Nur die Säulen sehen weiß aus, aber dennoch ebenfalls so, als wenn sie von einer weißen Holzgattung verfertigt wären.
[NS.01_021,08] Kurz gesagt, hier ist von aller äußeren Pracht nichts zu entdecken.
[NS.01_021,09] Um den Tempel herum stehen manchmal etwa zwanzig bis dreißig kleine, hölzerne Hütten, die durchaus nicht auf Säulen ruhen, sondern eine fast ganz ähnliche Gestalt haben wie die Alpenhütten auf eurer Erde, nur sind die Dachungen höher gezogen. – Eine solche Hütte steht allzeit knapp an dem Tempel, und das ist die Wohnung des obersten Priesters. Die andern Hütten aber werden teils von seiner Familie und teils von den Amtsleuten und einigen wenigen Schülern bewohnt. Denn dieses Tempels Schule brauchen nur diejenigen durchzumachen, welche sich mit der Zeit selbst für die obersten Lehrer und Amtsleute der unteren Tempel wie auch zum Dienste dieses obersten Tempels weihen lassen wollen.
[NS.01_021,10] Was wird denn in diesem Tempel alles gelehrt? – Sehet, das ist ein Tempel der tiefsten Geheimnisse, in welche nur wenige eingeweiht werden. Worin aber bestehen diese? – Diese Geheimnisse bestehen darin, daß die Menschen daselbst zur Kenntnis gelangen, daß Gott ein Mensch ist, und wie in diesem Menschen die allerhöchste Liebe wohnt, welche alles, was da ist, aus eigener Kraft erschaffen hat.
[NS.01_021,11] Was wird hier noch gelehrt? – Hier wird auch alles Allergeheimste und Allergrößte gelehrt, – wie da Gott, als die reinste Liebe, auf einem Planeten, Erde genannt (in der Sonne hat aber dieser Planet den Namen Pjur), vollkommen ein Mensch schweren und sogar todfähigen Leibes geworden ist und daselbst in der größten Dürftigkeit lebte, obschon alle Himmel Sein Eigentum sind, und Sich zum Zeichen Seiner unendlichen Liebe und unbegreiflichen Demut sogar an ein Kreuz heften und töten ließ.
[NS.01_021,12] Und es wird ferner dazugesetzt, daß solches gerade zu der Zeit geschehen sei, in welcher es, wie alle Sonnenbewohner gar wohl wissen, auf ihrer Welt vollkommen finster geworden war, welche Finsternis bei zwölf einfache, große Schwingungen angedauert hatte. Denn ihr müßt wissen, daß die Menschen in der Sonne hier und da ein hohes Alter erreichen, und so gibt es noch heutzutage, besonders im Oberpriesterstande mehrere, welche da Zeugen dieser Erscheinung in der Sonne waren.
[NS.01_021,13] Merkwürdig für euch wäre daselbst ein auf einem Hügel gegenüber dem Tempel befindliches Kreuz. Allda sieht es geradeso aus, wie bei euch auf der Erde auf irgendeinem gutgestalteten Berge Kalvari. Dieser Berg Kalvari der Sonne aber ist dennoch also von einem Kranze hochgezogener Baumstämme umfangen, daß vom selben von außen her nirgends etwas zu erblicken ist, außer so jemand durch ein enges Pförtlein von dem obersten Priester allda eingeführt wird. Diese Einführung aber geschieht nur dann, so jemand zu einem Oberlehrer des zweiten Tempels geweiht wird.
[NS.01_021,14] Diese Einführung ist aber nicht mit so geringen Schwierigkeiten verbunden, wie ihr es meint; sondern wer da eingeführt werden will, der muß zuvor große Proben seiner Treue ablegen. Wenn er aber schon durch das enge Pförtlein gekommen ist, so ist er noch bei weitem nicht an Ort und Stelle und sieht vom Berge Kalvari so viel wie nichts.
[NS.01_021,15] Denn gleich hinter der hohen Baumwand, welche daselbst nicht selten eine Höhe von zweitausend Klaftern hat, ist ein den ganzen Berg Kalvari umflutender bei zweihundert Klafter breiter Teich gezogen, welcher von ungleicher Tiefe ist. Wer über diesen Teich kommen will, der muß die Wege gar wohl kennen, welche das Wasser allenthalben deckt. Denn unter dem Wasser sind die Wege also gezogen, daß es nur einen Hauptweg gibt, von welchem aber eine Menge Wege als irreleitende Stege führen. Wer alsdann den Zug des Hauptweges nicht kennt, der kommt auf einem solchen Irrweg wieder zurück, allda er seinen Fuß ins Wasser gesetzt hat. Daher muß ein jeder den Weg mit seinen Füßen wohl prüfen können, ob er ein sehr schmaler oder ein mehr breiter ist. Nur auf dem schmalsten kann man auf das jenseitige Ufer gelangen, auf jedem anderen aber gelangt man wieder ans vorige Ufer zurück, – nahe so, daß da jeder glaubt, er habe den rechten Weg gefunden; allein auf einmal biegen sie wieder um und führen einen in den verschiedenartigsten Krümmungen dennoch wieder zurück.
[NS.01_021,16] Daher ist das Hinüberkommen über diesen Teich nicht so leicht, als jemand glauben möchte. Hat aber jemand diese Schwierigkeit glücklich besiegt, so wartet seiner eine noch größere. Nämlich etwa siebzig Klafter oberhalb des bedeutenden Rundteiches führt ein gewaltig verschlungener Weg durch ein sogenanntes Feuergebüsch. Dieses Feuergebüsch sieht dort so aus wie bei euch auf der Erde ungefähr ein brennender Wald; nur steigt das Gebüsch viel höher über den Erdboden der Sonne als bei euch die allerhöchsten Bäume. Dieses Feuergebüsch hat ebenfalls wieder eine Breite von etwa zweihundert Klaftern und umzingelt den ganzen Hügel, welcher allda freilich eine noch bei weitem größere und weitgedehntere Umfassung hat als auf eurer Erde eine der größten Alpen.
[NS.01_021,17] Hier ist es sehr schwer, auf den rechten Weg zu treffen. Wer auch da nicht den schmalsten trifft, – der macht einen vergeblichen Versuch; denn er kommt nicht durch. Es treffen zwar wohl mehrere gar bald den schmalsten Pfad; aber da scheuen sie die sich öfter berührenden Flammen innerhalb dieses schmalen Pfades, und daher probieren sie einen andern, wo weniger von den Flammen zu sehen ist. Solches aber ist eine vergebliche Mühe; denn wer da nicht einen kleinen Kampf mit den Flammen bestehen will, der kommt nicht an den Ort des größten Geheimnisses. Wer aber diesen Kampf nicht scheut, der gelangt auf dem kürzesten Wege wohlbehalten an Ort und Stelle und erschaut da im größten Liebelichte das Wunder der Kreuzigung!
[NS.01_021,18] Sehet, das ist auch zugleich die Einweihung zum Oberpriesterstande. – Einzelne Andeutungen finden sich zwar überall selbst in den Wohnhäusern vor, die da Beziehung haben auf die große Menschwerdung. Allein ganz vollkommen kommt dieses Geheimnis nur hier zur Anschauung.
[NS.01_021,19] Wie aber solches alles gestaltet ist, in welche Beziehungen es hier in der Sonne gestellt ist und welche weitere Bewandtnis es mit diesem Sonnenberg Kalvari noch hat, solches werden wir in einer nächsten Mitteilung vernehmen. Daher gut für heute!

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