Jakob Lorber die natürliche Sonne

22. Kapitel – Der allerheiligste, sogenannte brennende Tempel. – Tiefere Einweihung in die Geheimnisse der Menschwerdung Gottes und der Gotteskindschaft. – Gott-Vater Selbst als Führer.

[NS.01_022,01] Wer da aus dem Feuergebüsch auf die freien Gründe des eigentlichen Bergkalvarihügels kommt, der wird alsobald von einem geheimen Weisen, welcher fortwährend solche Stelle bewohnt, empfangen und wird in dessen Wohnhaus, welches ebenfalls ganz einfach ist, eingeführt. Allda wird er bewirtet und dann von dem Weisen in einen etwas oberhalb dessen Wohnung befindlichen kleinen Tempel geführt.
[NS.01_022,02] Allda erschaut er bald eine plastische Gruppe aufgestellt, durch welche das letzte Abendmahl dargestellt wird.
[NS.01_022,03] Von diesem Tempel hinaus wird er dann auf einen freien Platz geleitet; allda erschaut er eine Gruppe, welche Christum darstellt mit Seinen Aposteln im Garten Gethsemane auf dem Ölberge.
[NS.01_022,04] Von da etwas weiter wieder eine Gruppe, welche des Herrn Gefangennehmung darstellt. – Und so weiter kommt er spiralförmig um den Hügel herum von einer Gruppe zur andern, durch welche die verschiedenen Leidensmomente des Herrn dargestellt werden, und das allzeit auf die sinnvollste Weise.
[NS.01_022,05] Endlich zuoberst des Hügels befindet sich ganz freistehend ein großes Kreuz, auf welchem die Gestalt des Herrn in irdisch-menschlicher Form angeheftet ist, – an dessen beiden Seiten aber auf bei weitem kleineren und niedereren Kreuzen die bekannten zwei Schächer zu erschauen sind.
[NS.01_022,06] Hat der Gast solches alles hinreichend mit der allertiefsten Andacht seines Herzens betrachtet, sodann geleitet ihn der Weise von diesem Hügel etwas abwärts zu einem kleinen Tempel. Allda ist innerhalb dieses Tempels das Grab zu ersehen.
[NS.01_022,07] Endlich aber zeigt ihm der Führer ganz nahe an dem brennenden Gestrüpp noch einen etwas größeren Tempel, welcher immerwährend in den hellsten Flammen brennt; und die Flammen sind, besonders wenn man sich ihnen mehr und mehr nähert, von einer so eindringlichen Lichtstrahlung, daß diese selbst dem überaus lichtgewohnten Auge eines Sonnenbewohners unerträglich wird. Darum nimmt auch der Führer zu dem Behufe schon allezeit einen zweckmäßigen Schleier oder vielmehr eine Augendecke mit sich, durch welche der Gast dann das überaus starke Licht der Flammen dieses Tempels ertragen kann. So hell aber auch diese Flammen sind, so brennen sie doch niemanden, der in ihre Nähe kommt (es versteht sich von selbst: würdigerweise!), sondern umfächeln ihn sanft kühlend nur wie ein lauer West.
[NS.01_022,08] Der Gast wird dann von dem Führer in diesen brennenden Tempel eingeführt. Allda in der Mitte des Tempels erblickt er dann einen kleinen Altar, das heißt, eine säulentischförmige Erhöhung vom Boden, auf welchem Altare die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments, und zwar in althebräischer Sprache geschrieben, sich befindet.
[NS.01_022,09] Hier fragt jeder Gast den Führer, was dieses bedeute? – Und der Führer sagt ihm nichts anderes, als daß das ein Buch ist, in welchem durch eigene Zeichen das Wort Gottes, alle Seine Führungen des gesamten Menschengeschlechtes wie auch die Führung der ganzen Unendlichkeit, zufolge innerer Bedeutung aufgezeichnet ist.
[NS.01_022,10] Darauf fragt der Gast, ob man solche Zeichen hier wohl lesen könne oder dürfe? – Und der Führer sagt ihm: „Wer hierher kommt, ist verpflichtet, solches alles zu erkennen; denn dieses ist der eigentliche Grund, warum jemand dahin gelangt.“
[NS.01_022,11] Und weiter spricht der Führer: „Siehe, da du deinen Willen schon also mächtig gemacht hast, daß demselben der Erdboden der Sonne gehorsam ist, so wisse denn, daß einem gerechten Willen auch diese Zeichen gehorchen und sich zu erkennen geben nach dem aufrichtigen und gerechten Willen dessen, der sie erkennen möchte und erkennen will.“
[NS.01_022,12] Darauf beheißt der Führer den Gast, daß er das Buch anrühren solle. Und sowie dann der Gast das Buch anrührt, wird er alsbald von einem Feuer durchströmt, nach welcher Durchströmung der Gast dann auch die Zeichen recht wohl zu lesen versteht. – Wann der Gast dann das Buch zu lesen anfängt, so wird er von der allerhöchsten Bewunderung ergriffen und hält in diesem Augenblick niemanden für glücklicher und seliger als eben sich selbst, indem er jetzt zum ersten Male Worte vernimmt, welche unmittelbar aus dem Munde Gottes geflossen sind, und erschaut dadurch auch die wunderbar liebevollsten Führungen des großen Gottes.
[NS.01_022,13] Am meisten durchdrungen und ergriffen aber wird ein jeder solcher Gast, wenn er in das Neue Testament kommt. Denn durch dieses wird ihm auch der ganze Berg Kalvari aufgeschlossen, und er weiß sich dann gewöhnlich vor lauter Lob, Dank und Preis nicht zu helfen und kann auch nicht begreifen, wie es nur hat möglich sein können, daß der große Gott solches über Sich hat kommen lassen mögen.
[NS.01_022,14] Alsdann erst wird ihm von dem Führer die große Liebe in Gott gezeigt und wird ihm gesagt, daß eben durch diese Handlung die Menschen, besonders jene, welche auf dieser Erde wohnen, das wirkliche Kinderrecht überkommen haben, – wodurch dann jeder sogar pflichtmäßig gebunden ist, den großen Gott als den liebevollsten Vater zu erkennen und Ihn dann auch also anzurufen.
[NS.01_022,15] Sodann wird der Führer wieder vom Gaste befragt, ob denn die Menschen der Sonne nie zu solch einem unaussprechlichen Glück gelangen werden? – Und der Führer gibt ihm dann zur Antwort: „Nicht nur die Menschen der Sonne, sondern alle Menschen, welche da bewohnen alle Sonnen und alle Planeten der ganzen Unendlichkeit, haben dadurch ein geheimes Recht auf dieses unermeßliche Glück. Aber auf keinem andern Wege können sie zu diesem Glück gelangen, als allein auf dem Weg der tiefsten Demut und, aus dieser heraus, auf dem Weg der vollkommensten Liebe ihres ganzen Wesens zu Gott!“
[NS.01_022,16] Nach solcher Durchlesung und Belehrung kehren dann die beiden wieder aus dem Tempel zurück und begeben sich von da wieder in die Wohnung des weisen Führers, allwo dieser dem Gaste erst über alles die gehörige Aufklärung gibt, welches nach eurer Rechnung gewöhnlich einen Zeitraum von drei Erdjahren dauert. Es versteht sich von selbst, daß da während dieser Zeit noch öftere Ausflüge gemacht werden auf alle die vorbenannten Punkte.
[NS.01_022,17] Am Ende solchen Unterrichts erst gibt der Führer dem Gaste kund, daß zuoberst dieses Weltkörpers, den sie bewohnen, auf der vollkommenen Lichtregion, sich noch eine viel vollkommenere Welt vorfindet, auf welcher alle Sonnenbewohner den vollkommenen Unterricht über die Menschwerdung des Herrn im Geiste empfangen werden; und sie können dann, so sie es wollen, auch zu wirklichen Kindern Gottes aufgenommen werden, wenn sie sich allda bis auf das letzte Atom ihres Seins also zu demütigen imstande sind, daß sie als Bewohner einer vollkommenen Welt aus dem Grunde heraus die letzten und untersten Diener derjenigen Kinder Gottes sein wollen, welche Er Selbst als Mensch auf dem Planeten Erde oder Pjur zu Seinen Kindern gemacht und angenommen hat.
[NS.01_022,18] „Denn“, sagt ferner der Führer, „wir Bewohner der Sonne leben in großer Vollkommenheit und sind zufolge unseres Willens vollkommene Herren unserer Welt; daher wird es uns allzeit schwer gehen, so wir uns nun zu denjenigen setzen müssen, die durch ihren Willen nicht einmal einen Grashalm ihrer Erde zu entlocken imstande sind. Doch, wie du, mein lieber Gast, aus all dem Geschauten hast entnehmen können, hat der große Herr des Himmels und aller Welten nicht an dem Großen und Starken, sondern an dem Kleinen und Schwachen Sein Wohlgefallen, so zwar, daß Er unmündigen Kindern und ganz einfältigen Menschen größere Dinge offenbart als den allertiefsinnigsten Engelsgeistern. Da bleibt demnach uns Sonnenbewohnern nichts anderes übrig, so wir auch zur Kindschaft gelangen wollen, als alle unsere Sonnengröße, Macht und Kraft freiwillig dem großen Gott zu Füßen zu legen und uns allerwilligst und liebreichst sogar unter den Stand derjenigen zu begeben, die Er liebhat. Seine Liebe erstreckt sich zwar über alle Menschenwesen in der ganzen Unendlichkeit. Aber, verstehe solches wohl: Nur Seine Kinder werden dereinst ewig mit Ihm unter einem Dache wohnen. – Daher suche du auch fortan der Kleinste und der Geringste zu sein, und sei ein Diener aller Menschen, mit denen du je in Berührung kommen wirst, so wirst du die Aufmerksamkeit des ewigen Vaters zu dir lenken; und diese Aufmerksamkeit ist der erste Funke, durch den du ein neues Leben überkommen wirst, ein Leben zum Kinde des großen Vaters!“
[NS.01_022,19] Nach dem nimmt der Führer wieder den Gast und führt ihn noch einmal außerhalb des Tempels, zeigt hinauf auf das Kreuz und sagt dann zu ihm: „Siehe, mein lieber Bruder, das ist der Weg zu Ihm! Willst du als Kind zum Vater gelangen, so mußt du diesen Weg des Kreuzes erwählen!
[NS.01_022,20] „Die wahre Demut des Herzens aber ist dieser Weg; denn die Kinder müssen Ihm ähnlich sein. Wie mag aber jemand die Kindschaft von Ihm überkommen, wenn er sich aus Liebe zu Ihm nicht also demütigen kann, wie es einem Kinde vor solch einem Vater gebührt, nachdem Sich doch der Vater Selbst aus Liebe zu Seinen Kindern schmerzlich an das Kreuz heften ließ, um dem Fleische nach sogar zu sterben für sie, damit dadurch niemand mehr den Tod in Ewigkeit fühlen und schmecken solle, der Ihn über alles liebt und durch seine Demut an diesem heiligen Kreuz teilgenommen hat, an welchem der große heilige Vater voll Liebe Seine allmächtigen Hände blutend für die ganze Unendlichkeit ausgestreckt hatte.
[NS.01_022,21] „Siehe, darum auch ist dieses überheilige Bild hier aufgestellt, damit auch wir erkennen sollen, daß Er auch für uns Seine Hände ausgestreckt hat. Auch uns will Er umfassen; aber wir müssen zuvor auf dem dir bezeichneten Wege des Kreuzes zu Ihm kommen. – Daher sehe noch einmal dieses heilige Zeichen an!“
[NS.01_022,22] Hier fällt der Gast allzeit von zu hoher Liebe und Ehrfurcht ergriffen zur Erde nieder und betet das große Geheimnis an!
[NS.01_022,23] Wenn er sich aber wieder von der Erde erhebt, siehe, da ist alles verschwunden auf diesem Berge bis auf die Wohnung des Führers und bis auf den Führer selbst. Dieser nimmt dann den Gast und führt ihn noch einmal auf die Höhe und fragt ihn allda, ob er dieses alles wohl in seinem Herzen aufgenommen habe, – welches der Gast mit jedem Atome seines Lebens bestätigt.
[NS.01_022,24] Sodann legt ihm der Führer seine Hände auf und spricht zu ihm: „Was du hier gesehen und vernommen hast, behalte einstweilen in deinem Herzen bis zur Zeit, da es dem Vater wohlgefallen wird, solches allen Menschen dieser Welt kundzutun, – entweder schon hier denen, die nach Ihm ein großes Verlangen haben, oder aber desto sicherer und bestimmter jenseits im Geiste allen, die eines gerechten und vollkommenen Willens sind.
[NS.01_022,25] „Du aber erkenne jetzt deinen Führer! Denn siehe, – Ich bin der Vater!!! – Doch solches sage niemandem, – wer da der Führer ist!“ –
[NS.01_022,26] Darauf verschwindet der Führer. Nur die Wohnung desselben bleibt. Der Gast aber begibt sich dann in der höchsten Liebe und beständigen Anbetung wieder zur Wohnung des Führers zurück, wo ihn ein anderer, gewöhnlich hier wohnender Weiser, der ihn zuerst aufnahm, wieder aufnimmt und ihn sodann über das jetzt nicht mehr brennende Gebüsch bis zum Teiche geleitet, der bei diesem Rückwege wasserlos ist.
[NS.01_022,27] Sodann begibt sich dieser zweite Führer wieder zurück. Der Gast aber kehrt voll der erhabensten und liebedemütigsten Stimmung zum dritten Tempel zurück.
[NS.01_022,28] Es getraut sich sodann längere Zeit aus übergroßer Ehrfurcht kein Mensch mit ihm ein Wort zu wechseln, bis sie erst aus der Handlungsweise eines solchen Berg-Kalvari-Wallfahrers erkennen, daß er wirklich, wo es nur immer tunlich ist, allen die bereitwilligsten Dienste erweiset.
[NS.01_022,29] Sehet, das ist in der Sonne die höchste Ausbildung eines Lehrers. Und das ist auch für euch faßlich alles, was von dem Sonnenberg Kalvari noch zu sagen übrig war.
[NS.01_022,30] Nächstens wollen wir uns dann einige häusliche Verhaltungsregeln der Sonnenbewohner zur näheren Beschauung bringen. Und somit gut für heute!

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