Jakob Lorber die natürliche Sonne

30. Kapitel – Häusliche Verfassung auf dem ersten Nebengürtelpaar. – Peinliche Ordnung und Weisheitskrämerei der Bewohner.

[NS.01_030,01] Was die häusliche Verfassung betrifft, so ist diese einerseits sehr einfach, anderseits aber dennoch wieder sehr kompliziert. – Wie ist solches wohl möglich, daß ein und derselbe Zweig auf der einen Seite einfach, auf der andern Seite aber kompliziert erscheinen kann? Es ist nichts leichter als das; denn es gehört dazu nur die rechte Erkenntnis, und dieser zufolge kann kein Ding anders betrachtet und erkannt werden, als so, daß es einerseits ganz einfach, anderseits aber dennoch wieder überaus kompliziert erscheinen muß.
[NS.01_030,02] Nehmet zum Beispiel nur einen Apfel, besehet ihn von außen, – und er wird euch unmöglich anders als höchst einfach und monoton vorkommen. Öffnet ihn aber und untersucht alle seine Teile mikroskopisch, so werdet ihr diesen ganz einfachen Apfel so vielfach kompliziert erblicken, daß euch von der Fülle seiner Teile zu grauen und zu schwindeln anfangen wird.
[NS.01_030,03] Sehet, ebenso verhält es sich mit der häuslichen Verfassung unserer Gürtelbewohner. Wenn ihr zu einem Hause kommen und dasselbe samt seinen Bewohnern einen Zeitraum von zehn Jahren beobachten möchtet, so würdet ihr fast nichts anderes als ein sich immer wiederholendes Einerlei erblicken und dieses noch dazu so einfach und einfältig, wie nur immer möglich, – so zwar, daß euch ein Taubenschlag auf der Erde mehr Abwechslung bieten dürfte als ein solches Wohnhaus mit seinen Bewohnern.
[NS.01_030,04] Aber nicht also sieht es im Innern aus; denn dort ist wieder alles so kompliziert und bedeutungsvoll, daß es euch schon bei der kleinsten Sache zu schwindeln anfangen würde, wenn euch ein solcher Hausvater dieselbe auseinandersetzen und euch alle die geheimen und wichtigen Bedingungen erschließen möchte, welche alle allerpünktlichst von dieser Kleinigkeit abhängen.
[NS.01_030,05] Damit ihr euch davon einen genügenden Begriff machen könnt, wie eine solche Haushaltung auf ihrer komplizierten Seite eingerichtet ist, will Ich euch zum hinreichenden Überfluß nur ein paar recht augenscheinliche Beispiele kundgeben.
[NS.01_030,06] Ihr wißt auch etwas von der Symmetrie und vom Gleichgewicht. Allein was ist da eure Symmetrie und euer Gleichgewicht gegenüber dem, was ein solcher Gürtelbewohner Symmetrie und Gleichgewicht nennt!
[NS.01_030,07] Nehmen wir zuerst ein Beispiel von der Symmetrie. – Wenn ein Sonnenbewohner zu euch in eure Zimmer käme und würde da die Gegenstände, zum Beispiel Kästen, Tische, Bänke, Wandverzierungen und dergleichen mehr noch ziemlich wohlgeordnet erblicken, so würde er augenblicklich die Hände über dem Kopfe zusammenschlagen und euch, wenn er sich von seinem ersten Entsetzen ein wenig erholt hätte, auf ein Haar beweisen, daß von solcher Unordnung das Gleichgewicht eines ganzen Weltkörpers abhängt, und ist dieser aus seinem Gleichgewicht, so muß alles mit der Zeit aus dem Gleichgewicht kommen. Er würde euch beweisen, daß wenn dieser oder jener Kasten, oder ein sonstiges Einrichtungsstück, nicht mit der größten Ruhe und Behutsamkeit um ein Haar weitergerückt wird, in tausend Millionen Jahren die ganze sichtbare Schöpfung in die größte Unordnung geraten muß. Und solches würde er euch nicht nur naturmäßig, sondern auch mit außerordentlicher philosophischer Gediegenheit metaphysisch dartun, und würde zum Beispiel sagen: „Aber merket ihr unsinnigen Menschen denn nicht, daß sich ja notwendig eure Gedanken vorerst also ordnen und binden müssen, wie da geordnet ist das Hausgerät in eurer Wohnung. In welcher Ordnung aber werden sich diese wohl binden, wenn sie neben einem Kasten einen Stuhl, auf dem Kasten irgendein mit dem Kasten in gar keiner Beziehung stehendes Gefäß, in einem andern Winkel des Zimmers ein Ruhebett und neben demselben wieder einen Tisch und neben dem Tische wieder etwas mit demselben in gar keiner Beziehung Stehendes, entweder für beständig oder, was noch schlechter ist, veränderlich erschauen?“
[NS.01_030,08] Er würde euch weiter fragen: „Wisset ihr, was die Weisheit ist? Die Weisheit ist das unendlich vollkommenste Ebenmaß in allen Dingen; sie ist die allerscharfsinnigst berechnete Ordnung, durch welche und in welcher die allerhöchste Weisheit Gottes alle Dinge erschaffen hat und erhält. Wie wollt ihr aber je zur Weisheit gelangen, wenn ihr nicht einmal in diesen kleinen Dingen Sorge tragt, daß sie so geordnet und gestaltet würden, daß sich euer Auge an solche Ordnung gewöhne, und durch solche oft wiederholte Beschauung auch eure Gedanken einen Anfang machen möchten, wenigstens in diesen kleinen Dingen sich an eine Ordnung zu gewöhnen und von dieser Ordnung dann auch zu einer andern überzugehen? – Denn wenn ihr nicht da, wo ihr es könnt, die Ordnung beachtet und euch an dieselbe gewöhnt, wie wollt ihr dann mit eurem solche Unordnung gewohnten Geiste eine höhere Ordnung entdecken und beschauen? – Ist dieses nicht ebenso unmöglich, als wenn ihr mit einer allerungeschicktesten Bruchzahl wolltet die Wurzel einer Größe finden, welche aus lauter geraden Zahlen besteht? – Ihr müsset daher eure kleinsten Gedanken zu einer geraden Zahl erheben; sodann erst könnt ihr euch an andere Größen wagen, um in ihnen die wohlgeordnete Wurzelzahl zu entdecken, welche die Bedingung der ganzen Größe enthält.“
[NS.01_030,09] Und weiter würde ein solch weiser Bewohner solch eines Gürtels zu euch sprechen: „Kennt ihr das Gewicht eures Weltkörpers? Wisset ihr, was denselben um seine Achse dreht? Wißt ihr, was ihn im freien Raum erhält? – Es ist das Gleichgewicht. – Sind fürs erste eure Häuser vollkommen symmetrisch gebaut, keines größer und keines kleiner, und so auch alle Zimmer in den Häusern vollkommen gleich eingeteilt, die Einrichtung überall dieselbe und gleich geordnet, so übt solches keine Störung auf die Bewegung eines Weltkörpers. Im Gegenteil aber muß es euch ja doch einleuchtend sein, daß solche unsymmetrische und unverhältnismäßig bald mehr massive, bald wieder weniger massenreiche Aufhäufung von Materialien auf einem und demselben Punkte dem Gleichgewicht eines ganz freischwebenden Weltkörpers ja notwendigerweise einen mathematischen Unterschied beibringen muß. Ist aber das Gleichgewicht nur im geringsten gestört, so geht solche Störung ja auch auf die Bewegung über und bewirkt mit der Zeit immer mehr sich häufende Unordnungen; – fürs erste in der Temperatur und fürs zweite in dem Umschwunge selbst, der entweder beschleunigt oder verzögert wird. Wenn aber solche Unordnungen um euch her durch eure eigene Ungeschicklichkeit entstehen müssen, wann wollt ihr dann eurem Geiste den Aufschwung zu einer höheren Ordnung geben, – und durch diese erst in die Weisheit übergehen?“
[NS.01_030,10] Sehet, das wäre ein Beispiel über die Symmetrie. Bevor wir aber solches näher beleuchten wollen, wollen wir noch ein kleines vom eigentlichen Gleichgewicht hinzufügen. – Ihr werdet hier zwar sagen und fragen: Was soll denn dieser Weise noch für ein anderes Gleichgewicht haben, als dasjenige, demzufolge er ja ohnehin schon hinreichend die mangelnde Symmetrie unserer Zimmereinrichtung getadelt hat?
[NS.01_030,11] Ich sage euch aber: Das war nur eine allerleiseste Anspielung von dem, was ein so recht erzweiser Gürtelbewohner unter dem Gleichgewicht versteht. Das Gleichgewicht geht dort so weit, daß ihr euch davon auf der Erde im eigentlichsten Sinne gar keinen Begriff machen könnt.
[NS.01_030,12] So wird zufolge des Gleichgewichts das Kleidungsstück, das sie tragen, auf einer allergenauesten Haarwaage gewogen und muß demzufolge, wenn zum Beispiel in einem Hause auch bei hundert Menschen leben, jedermann ein ganz vollkommen haargleich schweres Kleid tragen, und muß sich demzufolge auch jeder gefallen lassen, daß die Kleidungsstücke von Zeit zu Zeit wieder gewogen werden; und wenn es sich da zeigt, daß eines um ein oder zwei Sonnenstäubchen geringer ist als das andere, so muß solches außerordentliche Untergewicht sogleich waagerecht ersetzt werden.
[NS.01_030,13] Hernach wird auch jedermann abgewogen, und der natürlich Schwerste dient da zum Maßstab. Der Leichtere muß sich dann gefallen lassen, stets so viel Gewicht mit sich zu tragen, damit er mit dem Schwersten gleichgewichtig ist. – Also ist es auch mit den Weibern der Fall; auch da wird die Schwerste abgewogen, und die Leichteren müssen ebenfalls sich zur Tragung eines Gewichts bequemen, um vollgewichtig zu werden. – Die Kinder werden nach gewissen Altersklassen eingeteilt und müssen von einer Altersklasse zur andern immer ein bestimmtes Kindergewicht haben, welches aber dadurch erhalten wird, daß den Kindern gleich anfangs ein kleines Bleigewicht gegeben wird, von welchem von Zeit zu Zeit stets nach der Waage etwas genommen wird, damit das erste angenommene Kindergewicht bis zur nächsten Altersklasse stetig bleibe.
[NS.01_030,14] Also werden auch die Nahrungsmittel allzeit auf das genaueste abgewogen und müssen vom Baume überaus behutsam abgenommen und dann allzeit von zwei Menschen genau in ihrer Mitte ins Haus geschafft werden, wo sie dann auf die genaue Mitte eines dazu bestimmten Speisetisches gelegt werden.
[NS.01_030,15] Sind die Früchte einmal in hinreichender Menge auf dem Tisch in der höchst möglich symmetrischen Ordnung aufgehäuft, sodann kommen zwei Auswäger, welche nach Linien, mit welchen der Speisetisch überzogen ist, sich ganz gleichen Schrittes mathematisch genau gegenüberstellen, und ein jeder nimmt dann ganz gleichzeitig ein Fruchtstück von möglichst gleicher Größe und wägt es genau ab. Sind die ersten zwei Stücke gewogen, so werden sie wieder ganz gleichzeitig aus der Waage genommen und in eine schon zu dem Behufe auf einer Linie befestigte Speiseschale gelegt. Ist die erste Abwägung geschehen, so bewegen sich die Auswäger ganz gleichen Schrittes zu einer andern Linie und wägen allda wieder eine zweite Portion ab und tun solches so lange, bis alle Speiseschalen gefüllt sind. Sodann bewegen sich die zwei Auswäger wieder geradlinig links und rechts vom Tische weg und heben ihre Waagen auf dem bestimmten Orte auf.
[NS.01_030,16] Sodann wird ein Zeichen gegeben, und alles bewegt sich nach den vorgeschriebenen Linien und Kreisen, mit welchen der Fußboden mathematisch genau ausgezirkelt versehen ist, ganz gleichen Schrittes in der möglichsten Ruhe zum Speisetisch hin, allda muß dann wieder ein jedes ganz vollkommen gleichzeitig in die Schale greifen und also auch die Früchte ordnungsmäßig verzehren. – Und sind die Früchte verzehrt, so wird dem großen, weisen Geber gedankt, in derselben Ordnung vom Speisetische hinweggegangen und allda geruht.
[NS.01_030,17] Auf ein gegebenes Zeichen erhebt sich dann wieder alles von den Ruhebänken und bewegt sich gleichen Schrittes paar- und paarweise entweder auf die Galerie des Hauses im Inwendigen oder aber auch manchmal auf die Dachgalerie. Doch jede solche Bewegung muß sehr gleichmäßig geschehen, so daß niemand einen geschwinderen und weiteren Schritt machen darf, als wie solche Schritte schon mit Linien auf dem Boden bezeichnet sind.
[NS.01_030,18] Solche Ordnung in der Bewegung aber wird vorzugsweise nur im Hause beobachtet und außer dem Hause nur bis zu einem gewissen Kreise. Über diesen Kreis kann dann auch jeder Mensch sich freier und willkürlicher bewegen, – und zwar aus dem Grunde, weil dort der Boden ihrer Welt kein gleichgewichtstörendes, schweres Haus mehr zu tragen hat.
[NS.01_030,19] Ebenso pedantisch ist auch solche Symmetrie- und Gleichgewichtsbeobachtung in den Kollegien zu Hause.
[NS.01_030,20] Sehet, aus diesen zwei Beispielen könnt ihr euch nun schon leicht einen Begriff machen, von welcher Art die ganze Hausverfassung bei den Bewohnern dieser beiden Gürtel ist. Denn so hat auch jede andere Beschäftigung und Einrichtung den abgemessensten und abgewogensten Takt, – welche häusliche Verfassung dann, wie gesagt, einerseits betrachtet höchst monoton und einfach aussieht, anderseits aber wieder so kompliziert ist, daß darüber eure größten Weisheitspedanten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würden.
[NS.01_030,21] Ihr wundert euch wohl darüber und sagt: „Welch ein bedeutender Grad von Narrheit gehört doch dazu, um solche Regeln sogar in das Fach der häuslichen Verfassung zu ziehen!“ – Aber Ich sage euch, daß ihr da einen ungerechten Tadel führt; denn solches ist die Natur aller Weisheit an und für sich, wenn sie nicht auf der Grundfeste der Liebe beruht.
[NS.01_030,22] Geht nur einmal in die Wohnung eines echten Erzgelehrten und beobachtet da sein Tun und Treiben; laßt euch auch die Ursache angeben, warum ein Stück da und das andere dort angebracht ist. Und wenn ihr es nur versteht, den gelehrten Mann bei seiner schwachen Seite zu packen, so werdet ihr Wunder erleben, wie euch dieser eine Ursache um die andere mit geschichtlicher und mathematischer Würde und Genauigkeit wird darzustellen wissen.
[NS.01_030,23] Wann ihr etwa irgendeinen alten, zerschlagenen Topf in einem Winkel seines Zimmers zufällig erblicken und den gelehrten Mann darüber fragen werdet, ob auch solches von irgendeiner Bedeutung sei, so wird er euch zuerst mit der Geschichte dieses Geschirrs bekannt machen, wie es allenfalls Alexander der Große gebraucht habe, als er den von seinem Leibarzt verordneten Heiltrank zu sich nahm, als er gegen Persien zog. Dann wird er euch die ganze Transzendenzenfolge dieses merkwürdigen Gefäßes kundgeben und endlich sagen, wie es in seine Hände gekommen ist.
[NS.01_030,24] Wenn ihr ihn aber dann fragen werdet und sagen: „Wie aber können Sie ein so überaus merkwürdiges und schätzbares Altertumsstück in einen so unansehnlichen freien Winkel des Zimmers hinstellen, während man es doch in goldenem Futteral in einem allergeheimsten Schatzkasten aufbewahren sollte?“, so wird euch der Gelehrte alsogleich mit der größten geschichtlichen und mathematischen Gewißheit darzutun wissen, daß Alexander der Große dieses Gefäß, nachdem er aus selbem den Trank geleert hatte, in eben den entsprechenden Winkel seines Gezeltzimmers hingestellt hat, wie es sich jetzt hier befindet, und daß der ausgebrochene Scherben noch daher rühre, daß Alexander der Große dieses Gefäß bei einer unvorsichtigen Wendung mit seinem Fuß lädiert habe.
[NS.01_030,25] Sehet, solche Sprache würde ein solcher Gelehrter schon bei einem zerbrochenen Topfe führen, welcher sicher alles eher aufzuweisen hat, als daß er einst dem Könige der Mazedonier sollte gedient haben. – Würdet ihr ihn um ein Stück fragen, welches noch so unordentlich und bestaubt in einem andern Winkel des Zimmers liegen würde, so wird er euch jede Falte und selbst den Staub, der auf demselben rastet, so genau zu erklären wissen, daß ihr euch darüber erstaunen würdet.
[NS.01_030,26] Aus dem aber könnt ihr ja ganz leicht schließen, wie da die Weisheit für sich geartet ist und somit alle ihre Produkte beschaffen sind, – wenn sie, wie schon bemerkt, nicht den gerechten Grad der Liebe zum Grunde hat.
[NS.01_030,27] Solches habe Ich euch nun kundgegeben, damit ihr daraus die häusliche Verfassung unserer beiden Gürtel-Bewohner abnehmen, zugleich aber auch daraus ersehen könnt, wie an und für sich die Weisheit geartet ist. Denn eben weil Meine Ordnung und Meine Weisheit unendlich und unergründlich ist, so bleibt den alleinigen Weisheitskrämern nichts anderes übrig, als eine für euch unberechenbare Versteigung in allen ihren Elementen.
[NS.01_030,28] Daß demnach solche Erscheinlichkeiten einem Liebeweisen absurd und lächerlich vorkommen müssen, solches ist ja ebenso begreiflich, wie es jedermann lächerlich vorkommen müßte, wenn er einen wirklichen Esel in einer römischen Toga erblicken würde. Denn wahrlich, ein solcher pur weise sein wollender Tropf ist in geistiger Hinsicht um kein Haar besser anzuschauen, als ein solcher betogter Esel auf einer Rednerbühne.
[NS.01_030,29] Nächstens wollen wir dann den geistigen und religiösen Teil noch in Augenschein nehmen und uns sodann behende auf einen anderen Gürtel schwingen. Und daher gut für heute!

Posted in Inhalt, Jakob Lorber, Leseproben, natürliche Sonne | Tagged , , | Kommentare deaktiviert für Jakob Lorber die natürliche Sonne

Comments are closed.