Jakob Lorber die natürliche Sonne

10. Kapitel – Der Mittelgürtel der Sonne. – Landschaft und Bewohner daselbst. – Ausbruch einer Sonnengeschwulst.

[NS.01_010,01] Der bewohnbare Streif oder vielmehr Gürtel der Sonne zu beiden Seiten des Äquators beträgt je im Durchschnitt genommen etwas über 20000 Meilen im Durchmesser der bewohnbaren Breite. Dieser Gürtel ist zugleich auch der allerbewohnteste Teil der ganzen Sonne und kann von jedermann überall bewandert und bereist werden. Das Erdreich dieses Gürtels ist überall gepolstert weich; daher niemand, wenn er auch auf den Boden fällt, sich auch nur den allerleisesten Schaden zufügen kann.
[NS.01_010,02] Südlich und nördlich an diesem Gürtel aber befinden sich die außerordentlichsten, ununterbrochenen und zuallermeist unübersteiglich hohen Gebirge, welche sich hier und da wohl auch über die Breite des Äquators in sanfteren Erhöhungen ziehen, welche leicht zu besteigen und zu übersteigen sind. Aber nicht also an der südlichen oder nördlichen Grenze des Äquatorgürtels, allda die Berge nicht selten ein- bis zweihundert deutsche Meilen hoch und zumeist so steil und dabei wie poliert glatt sind, daß da wohl niemand imstande ist, allda wo die Steilen anfangen, auch nur einen Fuß weiterzusetzen.
[NS.01_010,03] Wenn aber hier und da die Steilen auch noch eine solche Neigung haben, daß sie mit großer Mühe und Beschwerde erklommen werden könnten, so haben aber dennoch die hohen Berge der Sonne die Eigenschaft, daß sie, je höher sie ragen, auch stets desto unerträglich weißglänzender werden. Die Ursache liegt darin, weil die Wände solcher Berge durch den Umschwung der Sonne, je höher sie sind, auch einem desto heftigeren Druck der Sonnenluft ausgesetzt sind, wodurch dann ihre, das Geistige umfassenden Hülschen (aus denen eigentlich alle ihre Materie gebildet ist), in eine auch desto heftiger reagierende und sich ausdehnen wollende Vibration geraten, welches dann, wie ihr schon wißt, auch der Grund des immer heftiger werdenden eigentümlichen Leuchtens ist.
[NS.01_010,04] Aus diesem Grunde auch werden dann selbst diese allenfalls ersteigbaren Himalajas und Chimborassos der Sonne in Frieden gelassen, und die Sonnenbewohner haben nur dann eine Lust an diesen Bergen, wenn sie dieselben in Entfernungen von hundert bis tausend Meilen nach eurer Rechnung in weiten Reihen überschauen können. Dessenungeachtet aber sind sie doch überaus große Freunde von den mäßigen Erhöhungen und niederen Bergen und wohnen zumeist auf solchen; denn die großen und weitgedehnten Ebenen sind nie sicher vor einem Durchbruche, den wir bei dieser Gelegenheit, wie schon gesagt, mit den Bewohnern der Sonne anschauen wollen.
[NS.01_010,05] Auch sind hier und da auf den weiten Ebenen große Seen ausgebreitet, welche die Sonnenbewohner zwar recht gerne anschauen, aber in eine zu große Nähe wollen sie denselben gerade auch nicht kommen, weil diese Seen oft unversehens austreten, und dann könnten die Bewohner nicht schnell genug den ihnen nachstürzenden Fluten entfliehen; denn ein solcher See faßt manchmal mehr Wasser in sich als alle eure Meere der Erde.
[NS.01_010,06] Allein darum haben die vielen tausend Millionen Menschen, welche nur diesen Gürtel bewohnen, dennoch den überaus hinreichendsten Platz, denn ein einziger solcher Hügelrücken der Sonne hat mit seinen Verzweigungen nicht selten einen bei weitem größeren Flächenraum als bei euch Asien, Afrika und Europa zusammengenommen. Daher ist auch durchaus nicht zu sorgen für den Platz der Sonnenbewohner. Zudem sind auch diese Sonnenhügel durchaus nicht mit euren Erdhügeln zu vergleichen; denn sie sind dessenungeachtet am Ende über die Ebene hinaus doch noch fünf bis zehn Meilen hoch, welches die zehnfache Höhe eures allerhöchsten Berges der Erde beträgt. Darum denn auch die Aussicht von einem solchen Hügel für eure Begriffe eine wahrhaft unbeschreiblich herrliche ist; denn die überaus mannigfaltigen Gruppierungen der Grenzgebirge, die großartigen Wohngebäude der Menschen, die da die Hügel bewohnen, und die große abwechselnde Mannigfaltigkeit in der Vegetation, die weithin glänzenden Seespiegel, die zahllos verschiedenen Farben der Dinge, und besonders die überaus majestätisch und großartig angelegten Lehrtempel machen die Aussicht von einem solchen Hügel so überaus herrlich, daß sie wirklich über alle eure Begriffsformen ins für euch Unbegreifliche erhaben ist.
[NS.01_010,07] Wir brauchen dazu kaum noch zu erwähnen der vielen sanften und schönen Land- und Lufttiere, welche allda in besonderer, mannigfaltiger Schönheit vorhanden sind, um euch dadurch auch das Belebte dieser Sonnengegend ein wenig mehr vor die Augen zu rücken.
[NS.01_010,08] Kurz und gut, wir haben jetzt genug, um uns behaglich auf einem dieser Hügel zu lagern, und von ihm aus mit den Sonnenbewohnern einer für euch sicher überaus großartigen Naturerscheinung der Sonne beizuwohnen. Damit ihr aber diese merkwürdige Szene desto lebhafter beobachten möget, so wollen wir bei dieser Gelegenheit uns offenen Ohres unter die Sonnenbewohner mengen und zuhören, was sie bei solcher Gelegenheit für eine Stimme führen.
[NS.01_010,09] Sehet, dort nicht ferne von einem großen Tempel, dessen spitzig-erhabene Dachung auf tausend großen weißglänzenden Säulen ruht, steht eben eine Gruppe von etwa hundert Menschen beiderlei Geschlechts. Sehet, wie sie zur andern Seite über den Hügel hinabstarren und mit den Fingern zeigen. – Was mögen sie wohl haben? – Nun, das wird sich bald finden.
[NS.01_010,10] Sehet, wir sind schon unter ihnen.
[NS.01_010,11] Dort, in weiter Entfernung, in der Mitte eines großen Sees, fängt ein kegelförmiger Hügel sich zu erheben an. Sehet, wie er zusehends wächst! – Doch jetzt wollen wir nicht mehr weitersprechen, sondern bloß hören, was die Sonnenbewohner sprechen, und schauen, was sie selbst, wenn schon mit derlei Erscheinungen vertraut, mit hoch erstaunten Augen und bebenden Gemütern anschauen!
[NS.01_010,12] Sehet, da sind eben mehrere Lehrer, welche die Erscheinung beobachten. Die zwei Vorsteher besprechen sich miteinander. – Der A spricht: „Bruder, was hältst du von dieser Erscheinung? Wie hoch, meinst du wohl, wird sich diese Geschwulst diesmal erheben bis zum Ausbruche? Siehe, sie wächst mit größter Heftigkeit!“
[NS.01_010,13] Der B spricht: „Bruder, jetzt läßt es sich noch nicht bestimmen; denn wie du weißt, wenn sie keine Nebengeschwülste bekommt, so wird sie nur einen gewöhnlichen, bald erfolgenden Ausbruch darbieten. Aber sieh, ich bemerke soeben neuerdings eine Menge Tuberkeln sich über die Oberfläche des Wassers erheben! Und da sieh einmal hin, hinter dem erst beobachteten Kegel sehe ich soeben einen noch bei weitem umfangreicheren sich mit großer Hast über den erstbeobachteten erheben. – Höre Bruder, diesmal werden wir uns wohl müssen mehr auf die Höhe ziehen; denn wenn das so fortgeht, so wird die Geschwulst, bevor sie zum Ausbruche kommt, uns das Wasser hierher heben.“
[NS.01_010,14] Der A spricht: „Ja, lieber Bruder, du möchtest diesmal wohl recht haben; denn die Geschwulst wächst heftig, und noch immer erheben sich mehrere aus dem Wasser, und noch immer bemerke ich keine rotglühenden Gipfel. Daher höret alle, ihr lieben Brüder und Schwestern, ziehen wir uns nur eiligst auf den hinter uns liegenden Hügel, auf dem ein Hauptlehrtempel errichtet ist.“
[NS.01_010,15] Nun sehet, eiligst verläßt alles diesen Platz und eilt wie vom Winde getragen rückwärts auf den bedeutend höheren Hügel.
[NS.01_010,16] Nun haben sie den vorbenannten Tempel schon erreicht, und wir mit ihnen. – Nun lasset sie uns auch weiter hören!
[NS.01_010,17] Der A spricht: „Bruder, was meinst du, wird es geheuer sein, den Durchbruch abzuwarten? Wird er bloß in die Höhe ausbrechen, oder bemerkst du nicht, daß der erstbemerkte Kegel eine Neigung gegen unseren Standpunkt nimmt?“
[NS.01_010,18] Der B spricht: „Bruder, du hast recht! Der große Gott möge uns jetzt die rechte Flucht anzeigen, sonst sind wir verloren mit allem, was da diese Stätte ziert.“
[NS.01_010,19] Sehet, alles fällt auf diese Bemerkung bebend auf den Boden nieder und bittet den großen Gott um Erbarmen und um die Erleuchtung ihrer Lehrer und Führer, damit diese sie auf eine Stelle zu bringen vermöchten, allda es geheuer wäre, solche Kalamität abzuwarten.
[NS.01_010,20] Sehet, der A erhebt sich wieder, und der B mit ihm. Und der A spricht: „Bruder! Dank, ewiger Dank dem großen Gott! Denn da sieh hinauf – rückwärts auf den dritten Hügel! Bei dem kleinen Tempel, der da nur aus 77 Säulen besteht, steht schon ein schützender Engelsgeist aus lichter Sphäre. Daher laß uns schnell dorthin eilen; denn wir werden ihn kaum erreichen, so wird die sämtliche große Geschwulst dem Ausbruch auch schon völlig nahe sein. Denn siehe, wie heftig sich alle die Kegel emporziehen, und wie sich ihr Umfang stets mehr und mehr erweitert! Das sind schon nahe Vorzeichen des furchtbarsten Ausbruches!“
[NS.01_010,21] Sehet, sie erheben sich alle und eilen dahin, wo der Schutzgeist ihnen eine sichere Stelle andeutet. Sehet, wie sie sich an den Händen halten, und eins das andere zieht, damit ja niemand zurückbleibe oder ermatte! – Nun sehet, sie sind nahe dem Ziel, und wir mit ihnen; noch eine kurze Frist, und die Stelle ist erreicht.
[NS.01_010,22] „Wir sind hier“, spricht der A, „ewiges Lob, ewiger Preis und Dank dem großen allmächtigen Beschützer, der uns diesmal errettet hat! Und du, unser biederer Schutzgeist, wenn es der Wille des großen Gottes ist, bleibe die Zeit des Schreckens bei uns und helfe uns trösten die Schwachen.“
[NS.01_010,23] Der B spricht: „Ja, jetzt und allezeit geschehe der allein allmächtige Wille des großen Gottes!“
[NS.01_010,24] Ein Dritter kommt hinzu und spricht: „Brüder, sehet hinab auf unseren ersten Standpunkt, wie er schon von den gewaltigsten Wasserwogen bespült wird, und kaum mehr ist das Dach des Tempels noch zu sehen!“
[NS.01_010,25] Ein Vierter kommt hinzu und zeigt mit aufgehobener Hand aufwärts und spricht: „Sehet, Brüder, um des allmächtigen Gottes willen: die schon jetzt die höchsten Berge überragende Geschwulst bekommt schon glühende Äste, und tausende schießen ihnen noch nach!“
[NS.01_010,26] Und der A spricht: „Seid ruhig, Brüder! Denn wir sind geborgen. Die Geschwulst nimmt eine andere Wendung; sie neigt sich uns gegenüber. Und nichts Verheerendes wird uns erreichen, wenn sie zerrissen wird.“
[NS.01_010,27] Der B spricht: „Nun macht euch gefaßt! Schon wird der ganze Kegel rotglühend, und den Feuerzweigen entstürzen schon Millionen und Millionen Blitze. – Wie hoch möchte wohl die Geschwulst jetzt schon sein? Hat sie schon die Glühoberfläche der lichten Luft erreicht?“
[NS.01_010,28] Hier tritt der Schutzgeist zu ihnen und heißt sie sich niederlegen auf den Boden und die Finger in die Ohren halten. Denn die Geschwulst erhebt sich schon über die Oberfläche der Glühluft, und alsogleich wird der Durchbruch erfolgen.
[NS.01_010,29] Nun sehet, es wird alles stumm und liegt mit zugehaltenen Ohren bebend am Boden. Jetzt horchet aber auch ihr und sehet hin auf den mehrere tausend Meilen im Durchmesser habenden, rotglühend aufgeschwollenen Kegel. Sehet, jetzt zerreißt er! Ein erdenzerschmetternder Knall erfolgt. Die Berge erbeben gewaltigst. Und jeder Höhe entfahren bei dieser Erschütterung Millionen der gewaltigsten Blitze, jeder begleitet von dem unerhörtesten Donner.
[NS.01_010,30] Sehet hin, wie nun die Wände nach und nach dunkler werden und gewaltig krampfhaft zucken! Aber sehet da hinab, noch sind einige Nebenkegel nicht zersprungen. Dahin sehet – mehr zur rechten Seite gegen Süden hin; da ist noch ein Kegel, dieser wird in der Niederung zerplatzen. Gebt nur acht, wenn seine Kuppe ästig wird, weißglühend und ganz lebendig von zuckenden Blitzen, so wird er zerreißen. Nur noch eine kleine Geduld, und ihr werdet alsogleich das großartige Schauspiel sehen! – Jetzt sehet hin, – jetzt zerreißt er!
[NS.01_010,31] Sehet, welche Massen mit mehr als Blitzesschnelle der weit gähnenden Kluft entstürzen! Was sind denn diese Massen? – Ihr kennt sie schon; es sind neue Ausgeburten für neue Weltkörper, bestehend aus zurückgegangenen, ihre Freiheitsprobe nicht bestanden habenden Geistern!
[NS.01_010,32] Sehet dorthin in weite Fernen, wie da wieder eine Menge von Leuchtkugeln größerer und kleinerer Art in die weit gedehnten Wasserflächen zurückfallen. Erhebet aber auch eure Augen von der Sonne aufwärts in den unendlichen Raum hinein und sehet, wie auch das sichtbare Firmament von zahllosen, von euch so benannten Sternschnuppen nach allen Richtungen durchkreuzt wird. Und seht noch ferner, wie sich von dem viele Planeten fassend weiten Krater ungeheuere Rauch- und Wolkensäulen erheben und mit der größten Schnelligkeit hintanwogen – in die fernen Planetengebiete!
[NS.01_010,33] Und sehet, wie sich der große Krater immer mehr und mehr verengt – und wieder zusammensinkt hinab in die Tiefe. –
[NS.01_010,34] Seht auch hin, wie sich unsere Gesellschaft wieder vom Boden zu erheben anfängt und Mir ein lautes Lob darbringt für ihre Erhaltung und für den so glücklichen Ausbruch dieser selten großen Geschwulst.
[NS.01_010,35] Nun sehet, also sieht ein solcher Ausbruch aus. Nur dauert dessen Wachsen und Verschwinden natürlicherweise viel länger, wie auch alle die hier angeführten Erscheinungen. – Da wir sonach dieses gesehen haben, so wollen wir uns darüber nächstens mit den Bewohnern der Sonne noch etwas näher besprechen und überhaupt mit den Menschen dieses Gürtels eine nähere Bekanntschaft machen. Und so lassen wir die Sache heute wieder gut sein!

Posted in Inhalt, Jakob Lorber, Leseproben, natürliche Sonne | Tagged , , | Kommentare deaktiviert für Jakob Lorber die natürliche Sonne

Comments are closed.