Jakob Lorber die natürliche Sonne

11. Kapitel – Pendel-Zeitmesser der Bewohner des Mittelgürtels. – Das Zeitwächteramt und sonstige Ämter.

[NS.01_011,01] Da wir uns noch bei unserer Gesellschaft befinden, so wollen wir uns auch noch eine Zeitlang bei ihr aufhalten und dabei so manches behorchen und beschauen, was sie alles noch tun und reden werden.
[NS.01_011,02] Noch befinden sie sich auf der dritten Höhe nahe dem kleinen Tempel, der da nicht mehr als 77 Säulen hat. Und sehet, soeben tritt wieder der B zum A hin und fragt ihn, wie da folgt: „Bruder, was meinst du nach deiner Weisheit, wie lange wird es dem großen Gott gefallen, die ihrer Not entleerte Geschwulst also offenstehend zu belassen?“ – Es spricht der A: „Bruder, du weißt ja, daß wir nichts schwerer bestimmen als das Zeitmaß. Wie magst du mich um solches fragen? Gib mir aber einen Zeitmesser, so will ich es dir ja sagen.“ – Es spricht der B weiter: „Lieber Bruder, siehe, da wo wir unsern Zeitmesser aufgestellt hatten, steht jetzt das Wasser, daher kann ich dir nun keinen Zeitmesser verschaffen. Aber so viel kannst du mir ja doch sagen: Wie weit könnte ich wohl kommen mit einer mittleren Bewegung, bis der gewaltige Austrieb wieder zurücksinken wird in seine vorige Lage?“ – Und es spricht der A weiter: „Du möchtest in der Zeit wohl siebenundfünfzig Millionen Schritte tun, bis der Austrieb sich wieder völlig in die Tiefe zusammensenken und vernarben wird, und bis endlich selbst die Narbe verheilen wird zu einem glatten Grunde des großen Sees.“
[NS.01_011,03] Ihr werdet hier vielleicht fragen: Warum bestimmen denn die Sonnenbewohner die Zeit nicht nach Jahren, Tagen und Stunden? – Die Antwort auf diese Frage liegt klar vor euch; denn in der Sonne ist ja nie Nacht, sondern ein ununterbrochener Tag. So gibt es auch keinen Mond, nach dessen Umlauf die Sonnenbewohner die Zeit bestimmen könnten.
[NS.01_011,04] Zudem sind die Gestirne des Himmels von diesem Gürtel aus auch am schlechtesten zu sehen, da in dieser Gegend der Sonne ihre Luft am unruhigsten ist, weil sie eben durch den mächtigen Umschwung der Sonne am meisten umhergetrieben wird. Durch diesen Umstand entzündet sie sich hier auch am meisten und wird besonders in den höheren Regionen überaus stark leuchtend, durch welches nahezu beständige Leuchten es dann vom eigentlichen Sonnenkörper aus nicht so gut in die freien Schöpfungsräume hinauszuschauen ist, wie von jenen Punkten der Sonne, allda ihre Luft nur bei weitem geringer getrieben und genötigt wird (was besonders in den Polargegenden der Fall ist).
[NS.01_011,05] Sehet, aus diesem Grunde geht es den Sonnenbewohnern dieses Gürtels mit der Zeitbestimmung auch etwas schwer, da sie keinen Morgen, keinen Mittag, keinen Abend und somit auch keine Nacht haben. – Was tun sie aber dann, um dennoch eine Zeitrechnung zu haben?
[NS.01_011,06] Sie lassen Bäume von bedeutender Höhe aus dem Boden wachsen, wozu sie eben nicht viel Zeit, Mühe und Arbeit brauchen; sondern ein oder der andere Lehrer zeichnet sich in seiner Idee einen solchen zu errichtenden Baum vor; hat er ihn einmal völlig entworfen, so beugt er sich zur Sonnenerde, ritzt mit einem spitzigen Werkzeuge den Erdboden, steckt dann das spitzige Werkzeug so tief als möglich ins Erdreich, zieht es dann wieder heraus und überstreicht mit seinen Fingern die Ritze und in der Mitte derselben das gemachte Loch und spricht dann nach dieser Arbeit: „Des großen Gottes Wille geschehe!“ – Und alsbald fängt der bezeichnete Baum dem Sonnenerdboden zu entsprießen an. Ist der Baum in kurzer Zeit nach dem Willen dessen, der ihn bezeichnet hat, vollkommen da, so wird er dann zu dem Zweck benutzt, für welchen er aus dem Boden der Sonne gerufen wurde.
[NS.01_011,07] Da wir soeben von einem Baum gesprochen haben, der die Zeit anzeigen oder vielmehr der Zeitmessung dienen soll, so wollen wir denn auch bei dieser Gelegenheit sehen, wie da ein solcher Baum für den besprochenen Zweck gestaltet und verwendet wird.
[NS.01_011,08] Ihr habt sicher schon bei euch auf der Erde ein Gartenspiel gesehen, welches den Namen „Das Taubenschießen“ hat. Sehet, also sieht auch ein solcher Baum aus; nur ist er nicht behauen und hat keine eingebohrten Sprisseln, sondern ist ein runder, bei fünf Klafter im Durchmesser und bei dreihundert Klafter in der Höhe habender Baum, von dem zu beiden Seiten, gleich riesenhaft großen Ochsenhörnern, die Sprisseln statt anderer Zweige hinausgewachsen sind. Zuoberst krümmt sich der Baum ungefähr fünf Klafter über seinen Grund hinaus und ist allda mit einer beliebigen Krone zur Zierde versehen. Auf diesem Vorbuge wird eine lange Schnur angebunden, und zuunterst, nicht ferne vom Boden, wird an diese Schnur ein Pendel von kugelrunder Form und verhältnismäßiger Schwere angehängt. Alsdann nimmt ein Mensch die Kugel und schwingt sie so weit es nur seine Kraft mit einem Wurf vermag. Sodann schwingt sich dieser Pendel eine geraume Zeit hindurch. Und nach den Schwingungen dieses langen Pendels wird dort zuallermeist die Zeit bestimmt.
[NS.01_011,09] Ungefähr in einer halben Minute macht ein solcher Pendel eine Schwingung. – Und eine gewisse Summe solcher Schwingungen gibt dann einen Zeitraum, den sie ungefähr also, wie ihr eine Stunde, annehmen. – Die ganze Schwungzeit vom Wurfe angefangen bis zum völligen Stillstand nennen die Sonnenbewohner ungefähr das, was ihr einen Tag nennt.
[NS.01_011,10] Was geschieht aber hernach, wenn ein solcher Zeitmesser seine Schwingungen eingestellt hat? Dann ist der Zeitwärter schon wieder bei der Hand und schwingt seinen Pendel von neuem. Solche Verrichtung ist bei den Sonnenbewohnern ein überaus ansehnliches Amt. Denn diese Sonnenmenschen haben von ihm eine ganz überaus hohe Meinung und halten ihn für die allerwichtigste Person in einer Gesellschaft. Denn sie sagen: „Wenn dieser nicht beständig Wache halten möchte über das Pendel, so wüßte ja niemand, wann er geboren wurde und wie alt er schon ist.“
[NS.01_011,11] Daher gibt es auch hie und da Bestechungen an diese Zeitwärter; denn den Sonnenbewohnern dieses Gürtels ist nichts lästiger als das Alter. Allein es ist dort eine leichte Kunst, wieder jung zu werden; man darf nur mit einem solchen Zeitwärter übereinkommen, daß er auf eine Zeitlang das Pendel ruhen läßt. Ein solches Ruhen wirft sogleich alle früheren Zeitrechnungen über den Haufen und macht sie zugleich auch völlig ungültig, und sie fangen dann wieder von neuem an zu zählen.
[NS.01_011,12] Ihr werdet hier wohl sagen: Ja, was ist hernach mit dem vorigen Schwingungszeitraume, der vor dem Stillstande verflossen ist? – Dieser wird darum aus der Rechnung getilgt, weil man die Länge des Stillstandes nicht bestimmen kann. Daher werden wieder bei einem neubegonnenen, durch die Schwingungen gemessenen Zeitraum alle Menschen wieder gleich alt. Denn das kann dort auch sehr leicht der Fall sein, da dort das Altern durchaus nicht in der Natur begründet ist; sondern ein nach eurer Zeitrechnung mehrere hundert Jahre alter Mensch sieht noch ebenso frisch und heiter aus, als er allenfalls in seinem zwanzigsten Jahre nach eurer Zeitrechnung ausgesehen hatte. Daher tut es sich denn auch mit dem Sich-jünger-Machen, was da die Zeitdauer des Lebens betrifft. Und so unterscheidet sich auch alt und jung allein in der Weisheit.
[NS.01_011,13] Aus diesem Grunde ist dann auch die Vorliebe zum beständigen Jungsein nur mehr bei dem weiblichen Geschlecht, und bei dem männlichen Geschlecht nur dann, wenn sie sich mit einem Weibe ehelich verbinden wollen. Wenn es sich aber darum handelt, irgend ein wichtiges Amt zu überkommen, da werden sogar die Pendelstillstände gezählt, so daß bei solchen Gelegenheiten mancher dann ein so hohes Alter herausbringt, daß er auch von den wahrhaft weisen Lehrern und Amtsverleihern weidlichst ausgelacht wird. – Das Alter wird aber bei solchen Gelegenheiten dann auch nicht nach den vorgewiesenen Pendelschwingungen beurteilt, sondern dem Amtsbewerber werden in einem dazu eigenen Tempel von den Lehrern sehr schwierige Fragen zur Beantwortung gegeben; beantwortet er diese zur vollkommenen Zufriedenheit der Lehrer, so wird er von denselben alsbald als amtsbefähigt anerkannt und ihm wird eine Zahl gegeben, welche da besagt sein Alter. Ist ein solcher Amtskandidat natürlicherweise auch nicht mehr als dreißig Jahre alt, so wird er aber dennoch vermöge seiner Weisheit für sechzig erklärt.
[NS.01_011,14] Ihr werdet hier fragen: Was gibt es denn da für verschiedene Ämter? – Ich sage euch, es gibt auf gar keinem Planeten so viele und verschiedene wie hier. Obschon es hier zwar keine Kreisämter und dergleichen andere Ämter gibt, wie sie auf der Erde bei euch vorhanden sind, so gibt es aber dennoch eine ganze Legion anderer, von denen ihr bis jetzt freilich wohl keinen Begriff haben könnt. Darum auch wollen wir alsogleich mehrere der wichtigeren durchgehen.
[NS.01_011,15] Die ersten und vorzüglichsten Ämter sind die Lehrämter, dazu es auch, besonders in diesem Gürtel, eine nahe zahllose Menge von den herrlichsten Lehrtempeln auf den Höhen gibt, in welchen die Sonnenmenschen über alles mögliche allzeit belehrt werden.
[NS.01_011,16] Ein zweites Hauptamt ist das Priesteramt; dieses besteht darin, daß diese Priester sich alleremsigst mit dem göttlichen Wesen und Seiner Ordnung bekanntmachen müssen. Dessenungeachtet aber sind dennoch die Lehrer der ersten Art erhabener; denn sie sind die eigentlichen Oberpriester und dadurch auch Regenten des ganzen Volkes.
[NS.01_011,17] Ein anderes Amt besteht darin, daß durch dasselbe der Wille der Menschen geleitet, geordnet und ausgebildet wird nach dem Willen Gottes; und zwar wird ihnen, wie ihr zu sagen pflegt, theoretisch und praktisch gezeigt, daß der Mensch mit seinem Willen nur dann vollkräftig wirken kann, wenn dieser im vollkommenen Einklange steht mit dem Willen des großen Gottes. – Daher ist es auch jedes Menschen erste Pflicht, diesen allermächtigsten und allerheiligsten Willen vor allem zu erforschen und zu erkennen; denn ohne den vermag niemand eine Pflanze aus dem Boden zu locken.
[NS.01_011,18] Solches wird ihnen auch praktisch gezeigt, indem ein Lehrer einen oder den andern Schüler nimmt und heißt ihn, nach seinem eigenen Willen den Boden zu ritzen und ihn dann mit seinen Fingern zu bestreichen und sodann seine Idee aus demselben herauszuziehen; aber es erfolgt in diesem Fall keine Frucht und keine Pflanze. – Wogegen dann ein solcher Lehrer den Schülern wieder den Willen des großen Gottes zeigt, läßt denselben von ihnen in sich aufnehmen, sodann das Erdreich ritzen und mit den Fingern bestreichen und dann mit dem anerkannten Willen des großen Gottes die Idee aus dem Boden ziehen. Und alsobald erblicken die Schüler die Macht des Willens, – wenn er im Einklange steht mit dem Willen des Allerhöchsten!
[NS.01_011,19] Sie zeigen ihnen auch, daß der Mensch wohl alles dem Erdboden entlocken kann, was er will; aber nur muß er solches nicht wie aus eigener Macht tun wollen, sondern durch das Gebet und die Macht des Willens des großen Gottes. Und dieses wird den Schülern ebenfalls wieder praktisch gezeigt.
[NS.01_011,20] Sehet, das ist ein recht wichtiges Amt; denn in diesem Amt wird im eigentlichsten Sinne die Sonnenlandwirtschaft gelehrt.
[NS.01_011,21] Ein anderes Amt besteht darin, daß den Menschen die Ordnung gezeigt wird, in welcher sie ein oder das andere Geschäft vornehmen sollen. Und dieses Amt ist ebenfalls wieder von großer Wichtigkeit; denn hier lernen die Sonnenmenschen keine andere als Meine Ordnung kennen. Auch hier wird ihnen wieder durch Belehrung und Übung gezeigt, wie da eine dieser Ordnung entgegengesetzte Unordnung auf alles das, was die göttliche Ordnung hervorgebracht hat, zerstörend einwirkt; und wird ihnen gezeigt, wie solche Unordnung allem, was da lebt und webt auf dem überweiten Boden, das Leben gefährdet.
[NS.01_011,22] Ein noch anderes Amt hat die Austeilung des Sonnenerdbodens über sich. Denn obschon es in der Sonne kein eigentliches Eigentumsrecht gibt, so geschieht aber doch eine solche Austeilung der Ordnung wegen. Und es wird den Menschen angezeigt, wo sie dies und jenes dem Boden entlocken dürfen und in welcher Ordnung solches zu geschehen hat, damit nicht Bäume, Gras und Pflanzen durcheinanderwachsen, sondern in allem eine gute und bestimmte Ordnung sei. Sehet, auch das ist ein recht gutes Amt, demzufolge dieser ganze, überaus große Sonnengürtel nicht anders erscheint, als ein überaus großer, ununterbrochener Garten, geschmückt mit den herrlichsten, zahllosartigen Baumgruppen, Gesträuchen, Pflanzen und Gräsern, welche, wie schon gesagt wurde, bei jedem einzelnen Sonnenbewohner, besonders dieses Gürtels, gänzlich verschiedenartig sind, – was eben den Reiz und die Schönheit dieser großen Länder ums Unbeschreibliche erhöht.
[NS.01_011,23] Ein anderes Amt, welches schon vielfältiger ist, unterrichtet die Menschen, wie sie die hervorgebrachten Bodenerzeugnisse gebrauchen sollen, und lehret sie zugleich die gerechte Mäßigung in allen Dingen.
[NS.01_011,24] Ein anderes Amt hat das Tierreich über sich und teilt dieses in Klassen, lehrt ihre nützliche Anwendung und lehrt auch die Menschen erkennen, warum sie nicht auch die Tiere mit ihrem Willen hervorzubringen imstande sind. – Ein anderes Amt lehrt, wie man sich bei den verschiedenen Luftzügen und Flammenzügen von den Gebirgen zu verhalten hat. – Wieder ein anderes Amt lehrt die Menschen durch eine Art Schriftzeichen, welche ungefähr euren Zahlzeichen ähnlich sind, die verschiedenen Verhältnisse der Dinge anzumerken und danach zu erkennen und sie auch den andern mitzuteilen. – Wieder ein anderes Amt hat das Baufach über sich und lehrt, wie da die Wohnhäuser, die verschiedenen Amtshäuser, die Lehrtempel und endlich die Gotteshäuser gebaut sein müssen, und bildet dadurch auch eine eigene Klasse von Menschen aus, die sich dann mit nichts anderem beschäftigen als lediglich nur mit dem, was das Baufach betrifft. – Und so gibt es noch, wie schon gesagt, eine Menge Ämter, von denen wir noch bei günstigen Gelegenheiten werden mehrere kennenlernen.
[NS.01_011,25] Für jetzt aber wenden wir noch einen Blick auf unsere frühere Gesellschaft zurück und sehen, wie diese schon anfängt, sich von dem dritten Hügel herabzubegeben auf den zweiten, allda sich ein großer Tempel befindet. Denn die Geschwulst ist schon so weit wieder zurückgewichen, daß das Wasser den ersten Hügel, auf dem sich eben ein solcher Zeitmesser befindet, wieder geräumt hat. Und so eilt auch einer aus der Gesellschaft hin, um das Pendel wieder in den Schwung zu bringen, damit sie darnach genauer noch den Verlauf der ganzen Geschwulst bestimmen können.
[NS.01_011,26] Jedoch für heute wollen wir unsere stark glänzende Gesellschaft nicht länger mehr beobachten; dafür aber werden wir den Verlauf der Dinge schon bei der nächsten Mitteilung einholen. Und so lassen wir’s für heute gut sein!

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