Jakob Lorber die natürliche Sonne

12. Kapitel – Das Zusammensinken und Verschwinden der Sonnengeschwulst.

[NS.01_012,01] Sehet, soeben bewegt sich der B wieder zum A hin und fragt ihn: „Siehe, Bruder, dahin! Das Pendel schwingt sich schon in wohlgemessenen Zwischenräumen. Ich meine, wir dürfen in zehntausend Schwingungen schon den Rand aus den Höhen herabsinkend bemerken; denn der Fuß hat schon allenthalben bedeutende Einbüge und Falten erhalten. Wenn aber solches der Fall ist, da wissen wir ja alle, daß sich der Rand der Geschwulst bald zeigt.“
[NS.01_012,02] Nun spricht der A: „Du hast recht; der Fuß der Geschwulst bekommt zwar schon eine Menge Falten und Einbiegungen von oben nach unten; aber nur entdecke ich noch keine Breitfalten, die bei solchen Gelegenheiten die Längenfurchen zu durchschneiden anfangen, wenn die Geschwulst so ganz eigentlich von der Höhe in die Tiefe herabzusinken anfängt. Daher meine ich, daß wir noch nicht sobald den lichten Rand erblicken werden.“
[NS.01_012,03] Spricht wieder weiter der B: „Bruder, ich meine, da nach deiner Behauptung der Rand noch nicht sobald sichtbar wird, wir sollen uns unterdessen in den Tempel begeben und da nachsehen, ob die Fluten, welche nahe an sein Dach schlugen, kein Unheil in demselben angerichtet haben. Und wenn solches der Fall wäre, so müßten wir doch sogleich Anstalt treffen, eine oder die andere Beschädigung wiedergutzumachen.“
[NS.01_012,04] Sehet, der Vorschlag wird angenommen; und es wird der große Tempel, der nach eurem Maße sicher eine Meile in der Länge und eine Viertelmeile in der Breite hat, in all seinen Säulengängen wie in all seinen andern Einrichtungen untersucht, ob da nichts Schadhaftes sich vorfinden möchte. Seht aber nur die zufriedenen Gesichter an, und sie werden es euch sagen, daß die Fluten dem ganzen Tempel außer einigen Durchnässungen keinen Schaden zugefügt haben.
[NS.01_012,05] Wie lange dauert denn diese Untersuchung? – Nach eurer Zeitrechnung dürften es wohl drei Tage sein; allein in der Sonne geht eine solche Verrichtung mit viel schnellerem Zeitgefühl vor sich, da es, wie ihr schon wißt, nie eine Nacht, sondern nur einen beständigen Tag gibt.
[NS.01_012,06] Sehet, die Gesellschaft geht schon wieder aus dem Tempel. Und einer wird zum Pendelwächter abgesandt, um zu erfahren, wieviel neue Schwingungen seit der ersten schon begonnen worden sind. Seht, unser Bote ist soeben an Ort und Stelle und bekommt die Antwort auf seine Frage, und sie lautet: „Zehn!“ Jede Schwingung zu zwanzigtausend Pendelbewegungen. – Also kommt der Bote auch mit der Antwort zurück.
[NS.01_012,07] Jetzt aber bemerkt auch der B eine Breitfurche an der weitgedehnten Geschwulst und zeigt solches dem A an. Auch die ganze Gesellschaft macht freudigen Gemüts diese Bemerkung, und die Weiber schreien: „Sehet, sehet, eine Breitfurche ist zu sehen!“
[NS.01_012,08] Die Geschwulst hat zu sinken angefangen. Und der A bemerkt nun der ganzen Gesellschaft: „Ja, sie ist da, die erste, segnende Furche! Daher fallet nieder und preiset aus allen Kräften den großen Gott dafür! – Auf dieser Stelle wird sobald keine Geschwulst wieder stattfinden; denn die erste Breitfurche zieht die Geschwulst mächtig zusammen und gürtet sie fest.“ – Sehet, nun fallen alle nieder und tun im Ernste aus allen Kräften, wie es ihnen der erste Lehrer anbefohlen hatte.
[NS.01_012,09] Nur der A und der B bleiben aufrecht stehen und beobachten die Geschwulst und zugleich die Pendelschwingungen des nicht ferne vom Tempel abstehenden Zeitmessers. Der B entdeckt eben voll Freude oberhalb der ersten Furche eine zweite und zeigt solches dem A an, sagend: „Bruder, was deucht dir, ist das nicht eine zweite Furche?“ – Und der A spricht: „Ja, Bruder, du hast ganz gut beobachtet; es ist eine bedeutende Furche. Aber da siehe hin, unter der ersten bildet sich ebenfalls wieder eine; und siehe, da noch weiter oberhalb deiner zweitentdeckten wieder eine! Dem allmächtigen, großen Gott alles Lob und allen Preis! Die große Geschwulst sinkt rasch zusammen. Zwar sehe ich noch immer keinen Rand; aber ich meine, er wird bald sichtbar werden.“
[NS.01_012,10] Und der B spricht: „Bruder, sieh einmal in die Höhe, wenn mich meine Augen nicht trügen, so sehe ich schon das gewaltige Zucken der Blitze, welche, wie du weißt, die gewöhnlichen Vorboten des Randes sind!“ – Und der A spricht: „Ja, wahrhaftig wahr, du hast recht! Ich sehe nicht nur allein das, was du siehst, sondern vernehme auch schon ein fernes, dumpfes, ununterbrochenes Rollen der Randdonner.“ – Hier heißt er die Gesellschaft wieder aufstehen und hinaufschauen in die Höhen, wie sich die Erlösung schon gar gewaltig zu nahen anfängt.
[NS.01_012,11] Unter großem Jubel erhebt sich die Gesellschaft und blickt mit gefalteten Händen empor. Und näher und näher zucken die Blitze herab, und heftiger und heftiger werden die Donner. Stumm beobachtet jetzt eine Zeitlang die ganze Gesellschaft die Trillionen Blitze, welche unaufhörlich von der noch immer mehrere tausend Meilen weit gedehnten Geschwulst nach allen Richtungen zucken.
[NS.01_012,12] Der Zeitwächter hat soeben einen neuen Schwung getan. Noch immer kein Rand! Aber jetzt schreit der B und mehrere mit ihm aus der Gesellschaft: „Rand, Rand! – Sehet, er ist sichtbar geworden! Wir alle sind vollends gerettet! Denn nur wenige Schwingungen noch, und wir werden über ihn hinwegschauen, über den herrlichen, lichten Rand!“ – Und der A spricht zu allen: „Ja, dieser Schwung wird mit seinen Bewegungen nicht fertig sein, und wir werden über die Oberfläche des Randes hinwegschauen und ihn gar wohl sehen; denn er senkt sich auf unserer Seite nahezu senkrecht nieder.“
[NS.01_012,13] Und der B spricht: „Für wie weit hältst du ihn von hier entfernt, wenn er mit uns in gleicher Höhe stehen wird?“ – Spricht der A weiter: „Ich denke dreißig Women!“ Das ist nach der Sprache der Sonnenmenschen eine Entfernung von dreitausend Meilen; welche Entfernung wohl für die Erde sehr beachtenswert ist, aber für die Sonne ist eine Wome in keinem größeren Betracht, als auf der Erde ungefähr eine halbe Viertelstunde.
[NS.01_012,14] Wieder spricht der B: „Wie breit wird diesmal wohl der Rand sein?“ – Und der A erwidert: „Nach der Größe der Geschwulst zu urteilen möchte er diesmal wohl bei vierzig Women betragen.“
[NS.01_012,15] Jetzt aber spricht der A wieder zur Gesellschaft: „Habet acht! Die Breitfurchen haben zu beben angefangen; der Krater wird nicht ruhig sinken, sondern wird nach solchen Vorzeichen einen Sturz machen. Daher macht euch gefaßt und erschrecket euch nicht vor dem plötzlichen Gekrache und setzet euch zur Erde, damit ihr nicht umfallet, wenn der plötzliche Sturz unseren Boden mehr oder weniger gewaltig miterschüttern wird! Und bittet den großen Gott, daß Er unsere Wohnungen und Tempel erhalten möchte!“
[NS.01_012,16] Und der B nähert sich eilends dem A und macht ihn aufmerksam auf die großen Schwebungen des schon wohlsichtbaren Randes. Und der A spricht: „Ja, Bruder, du hast gut beobachtet; denn ich sehe auch Schwebungen in der Größe bis zu hundert Women längs dem Rande hin, so weit ich ihn nur mit meinen Augen erreichen kann. Sehet, sehet, die Schwebungen werden immer heftiger! Wie sie flackern gleich einer großen Fahne auf unseren größten Tempeln von einem heftigen Winde genötigt! – Darum seid ja aufmerksam und auf eurer Hut; denn in wenig Pendelbewegungen wird der noch nahezu fünf Women von uns in der Höhe entfernte Rand unter uns herabstürzen, daß wir dann sogar noch etwas von dem schauerlich tiefen Krater werden zu sehen bekommen, – vorausgesetzt, daß sich die Randwände etwa nicht schon vielfach wieder ergriffen haben. – Jetzt gebt acht, es fallen schon Leuchtkugeln herab! Alsogleich wird der Sturz geschehen!“
[NS.01_012,17] Höret und sehet, die ganze Gesellschaft springt unter einem lauten Schrei vom Boden. Tausend und abermal tausend Wasserhosen erheben sich aus den überweit gedehnten Wasserfluten und beginnen einen wütenden Kampf gegen den stets näher und näher herabsinkenden Rand. Und große, leuchtende Feuerkugeln in der Größe des Erdmondes, so groß er ist in der Wirklichkeit, stürzen herab vom glühenden Rande in die wütend brausenden Fluten, und jede dieser Kugeln ist begleitet von millionenmal Millionen Blitzen. Sehet, welches Sieden des großen Gewässers, welches Dampfen und Qualmen, wo eine solche glühende Feuerkugel vom noch hohen Rande hinabstürzt in die wütende Flut!
[NS.01_012,18] Jetzt aber gebet acht, denn es ist alles zum großen Sturze vorbereitet! – Sehet, der Wächter hat seine Schwingungen eingestellt und hat das Pendel an dem Baum befestigt. Selbst die zwei Lehrer lassen sich neben den Bäumen zur Erde nieder und klammern sich mit einer Hand um dieselben. Desgleichen tut auch die ganze Gesellschaft. Und der Zeitwächter eilt zur Gesellschaft hin.
[NS.01_012,19] Sehet, alles starrt unverwandten Blickes auf den unaussprechlich und für eure Sinne unbeschreiblich sturmbewegten Rand, allda Schwebungen geschehen, daß in einer Sekunde hier oder da der Rand eine Aus- oder Einbiegung macht der Länge nach von nicht selten acht- bis zehntausend Meilen; und das Hin- und Herschwanken legt ebenfalls in einer Sekunde nicht selten einen Weg von drei- bis viertausend Meilen zurück. Nun denket euch einmal diese Bewegungen anzusehen von dem Standpunkt, wo unsere Sonnengesellschaft sie beobachtet! Wenn sie auch wirklich dreißig Women entfernt sind, so ist aber solches für die scharfen Augen der Sonnenmenschen dennoch eine Kleinigkeit, und sie können daher gar wohl die fürchterlichen Bewegungen einer solchen Erscheinung wahrnehmen.
[NS.01_012,20] Aber jetzt sehet, der Rand ist herabgesunken, jedoch nicht so heftig, wie man es erwartete. Daher war auch die Erschütterung der Umgebung nicht so heftig, wie sie manchmal zu sein pflegt. Aber dennoch hat dieses ziemlich heftige Zusammensinken die Wasserwogen bis in die Nähe unserer Gesellschaft hinaufgetrieben, obschon sie sich auf diesem Hügel über fünf eurer Meilen hoch über dem Wasserspiegel befindet.
[NS.01_012,21] Fasset ihr wohl diese Bewegung? – Was würdet ihr auf der Erde sagen, und von welchen Gefühlen würdet ihr beseelt sein, wenn ihr euch zum Beispiel auf einer hohen Alpe befinden möchtet, die etwa die Höhe des euch wohlbekannten Großglockners hätte und sich ungefähr fünf oder sechs Meilen vom Meere weg befände, – so das Meer von irgend eines Sturmes Macht anfinge, solche Wellen zu treiben, daß sie euch auf eurer Alpe nahe erreichen möchten? Würdet ihr euch da nicht einer nach dem andern anfangen, vor lauter Verzweiflung die Haare auszuraufen? Und doch wäre diese Erscheinung auf der Erde, in der Sonne betrachtet, nur ein allerbarstes Kinderspiel, allda schon dieser niederste Hügel nahe fünfmal so hoch ist als euer höchster Berg auf der Erde (das heißt über die ruhige, gewöhnliche Sonnenwasserfläche betrachtet).
[NS.01_012,22] Wenn ihr diesen Vergleich nur ein wenig beachtet, so dürfte euch wohl das Großartige der Flutung, welche bei der Gelegenheit des schnellen Zusammensinkens unserer Geschwulst erfolgt, in die Augen springen. Und dieses sollt ihr auch so recht fassen, damit ihr daraus stets mehr und mehr erkennen möget, wie mächtig Der ist, der Sich von euch einen lieben, guten Vater nennen läßt!
[NS.01_012,23] Doch sehen wir nun wieder unsere Gesellschaft noch einmal an. Sehet, wie sie sich alle um den Lehrer her drängen und den großen Gott loben und preisen, und wie der Zeitwächter wieder hineilt zu seinem Baum, das Pendel frei macht und demselben wieder einen neuen Schwung gibt.
[NS.01_012,24] Nun sehet aber auch mit den Sonnenmenschen über den Rand der großen Geschwulst hin! Sehet, wie breit sie noch ist; merket ihr es nicht, wie auf diesem Rande noch gar leicht zwei eurer Erden nebeneinander herrollen könnten?! – Ja, also ist es auch! – Aber der Krater ist nun schon sehr beengt und hat kaum die zweimalige Breite des Randes und dehnt sich mehr in die Länge als in die Breite aus und hat sich auf verschiedenen Punkten schon wieder ergriffen.
[NS.01_012,25] Sehet, wie die lichtgewohnten Bewohner der Sonne sich ihre Augen verhüllen wegen des zu starken Leuchtens des breiten Randes. Und sehet, wie aus der Tiefe noch hier und da eine große, feurige Kugel hinausgeworfen wird mit großer Heftigkeit bis zu einer Höhe hinauf, welche nahe die zweimalige Entfernung eures Mondes von der Erde beträgt. Und sehet, wie dem weitgedehnten, sich noch immer stark bewegenden Rande noch immer zahllose Blitze entstürzen! –
[NS.01_012,26] Und sehet nun, das ist der ganze Verlauf dieser großartigen Erscheinung,welche jetzt allmählich zusammensinkt, da sich die Ränder stets mehr und mehr ergreifen. Den Schluß dieser Erscheinung macht gewöhnlich ein nach eurer Rechnung mehrere Tage anhaltender gewaltiger Regen, durch welchen die glühenden Ränder wieder abgekühlt, beruhigt und endlich gar ineinander verbunden und geheilt werden und sonach immer mehr hinabsinken in ihre vorige Lage, da sie wieder unter den Wasserspiegel zu stehen kommen.
[NS.01_012,27] Sehet aber jetzt auch noch mit einem Blicke unsere Sonnenbewohner an, wie sie nun über alle Maßen heiter sind und aus aller Fülle ihres Herzens und ihres ganzen Lebens frohlocken und lobpreisen den großen Gott, Der alles dieses also höchst weise wieder in die vorige Ordnung zurückgebracht hat. Und sehet auch, wie sie sich jetzt umarmen und begrüßen und dann ihren Wohnungen zueilen, und wie aus denselben ihnen auch wieder eine Menge wohlerhaltener Kinder, Brüder und Schwestern entgegenkommen!
[NS.01_012,28] Und somit ist auch dieser Akt beendet. Fürs nächste wollen wir einige häusliche Einrichtungen dieser Sonnenbewohner beobachten, und somit auch einen flüchtigen Blick über diesen ganzen Gürtel werfen.

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