Jakob Lorber Robert Blum

17. Kapitel – Der Herr wendet ein: „Seid untertan der Obrigkeit!“ Robert bezweifelt dieses Gebot. Er wünscht Aufschluß über die gottmenschliche Natur Jesu.

[RB.01_017,01] Rede Ich: „Höre, Mein lieber Freund und Bruder, Ich kann deine Denk- und Handlungsweise durchaus nicht tadeln. Wo zwischen Herrschern und ihren beherrschten Völkern Verhältnisse obwalten, wie du sie Mir soeben vorgezählt hast, hast du freilich vollkommen recht, so zu reden und zu handeln. Aber so sich die Sachen anders verhielten, als du sie nach deinen Begriffen aufgefaßt hast, wie würdest du dann urteilen über die mannigfachen Verhältnisse der Herrscher zu ihren untergeordneten Völkern?
[RB.01_017,02] Wohl sagtest du Mir ganz offen, daß du alle Verhältnisse der Menschen nur nach Meinem Gesetze der Liebe beurteilst und dich überirdische Einflüsse nichts angehen. Aber siehe, in diesem Punkt kann Ich dir aus vielen Gründen nicht beipflichten.
[RB.01_017,03] Ein Grund wäre z.B. schon das eine Gebot von Mir Selbst, laut dessen Ich Mich jeder weltlichen Gewalt als unterwürfig bezeigte – während Ich doch Macht genug gehabt hätte, einer jeden den weidlichsten Trotz zu bieten. Ferner jener Fall, wo Ich im Tempel bei Vorweisung des Zinsgroschens eigens gebot, dem Kaiser zu geben, was sein ist, und Gott, was Dessen ist! Ebenso lehrte Ich auch durch Paulus, jeder Obrigkeit zu gehorchen, ob sie mild oder strenge ist; denn keine habe eine Gewalt außer die von oben! – Was sagst du wohl zu diesen ebenfalls Meinen Geboten?“
[RB.01_017,04] Spricht Robert: „Edelster Menschenfreund, weißt du, aus rein menschlich klugen Rücksichten scheint die damalige Notwendigkeit dir – zur größeren Sicherung deiner Lehre wie auch mitunter deiner Person selbst – diese Gebote abgerungen zu haben. Denn hättest du, wie im alten Judentestamente Jehova durch den Mund Samuels, wider die Könige geeifert, so hätte deine so erhabene Moral unter der stolzesten Weltherrschaft Roms wohl schwerlich die nahezu 2000 Jahre erlebt; außer auf rein übernatürlichem Wege, von dem wohl die finstern Römlinge eine große Menge zu erzählen wissen. Wieviel aber daran Wahres ist, darüber wirst du hoffentlich besser zu urteilen verstehen als ich, der ich nicht gleich dir Zeuge von all den Greueln dieses neuen Babels habe sein können!
[RB.01_017,05] Sieh, ich beurteile die Sache so: Wenn es dir mit dem Gebot, allen weltlichen Obrigkeiten zu gehorchen, ob sie gut oder böse seien, völlig Ernst gewesen wäre, so hättest du ja schon im voraus auf deine ganz andere, im höchsten Grade liberale Lehre Verzicht leisten müssen. Du hättest zugeben müssen, daß man für alle Zeiten ein finsterer Heide bleiben würde, – sobald es einem Volke eine heidnische Obrigkeit geboten hätte, die alten Götter zu verehren und nicht deiner damals aufkeimenden Lehre Gehör zu geben!
[RB.01_017,06] Freilich sagtest du: ,Gebet dem Kaiser, was sein ist, und Gott, was Gottes ist‘. Aber du bestimmtest damals zu wenig die Grenzen, was eigentlich im Gesamtkomplex des Kaisers und was daneben Gottes ist. Daher war es dann dem Kaiser ein gewissenlos Leichtes, sich Vorrechte eines Gottes anzueignen und jene Pflichten unbeachtet zu lassen, in denen er sich eigentlich bewegen sollte.
[RB.01_017,07] Dessenungeachtet läßt dein damaliger Tempelausdruck sich noch eher begrenzen als jenes gar nach einer zu großen Weltfürstenfurcht riechende Paulische Gebot. Laut dessen muß man streng genommen sogar ein Christ zu sein aufhören, sobald es einem solchen Weltfürsten aus gewissen Rücksichten für nötig dünkt, deine reine Lehre als seinen herrscherischen Absichten gefährlich zu betrachten, – wie solches die entgottete Lehre Roms himmelschreiend durch viele Jahrhunderte gezeigt hat und noch gegenwärtig zeigt.
[RB.01_017,08] Es müßten nur andere, höhere Rücksichten den sonst überaus weisen Paulus dazu veranlaßt haben, ein solches Mandat ergehen zu lassen. Aber die Sache mit gesunden Sinnen betrachtet, erscheint streng genommen als Unsinn. Denn auf der einen Seite heißt es: ,Ihr alle seid Brüder, und Einer ist euer Herr!‘ Auf der andern aber steht das Gebot, weltlichen Obrigkeiten, bei denen das Brüdertum ein reiner Hohn ist, in allem streng zu gehorchen.
[RB.01_017,09] Freund, das muß sich ja gegenseitig aufheben. Entweder das eine oder das andere! Ist man aber beides zu befolgen genötigt, so heißt das im Grunde zweien Herren dienen, was du selbst als unmöglich bezeichnet hast! Oder man müßte eine Doppelnatur bei sich bewerkstelligen, welcher heuchlerischen Eigenschaft zufolge man dann bloß äußerlich täte, was die Fürsten wollen. Innerlich aber müßte man es verfluchen und im geheimen tun, was der liberale Teil deiner Hauptlehre verlangt. Und das wäre natürlich sehr schwer, manchmal sogar unmöglich oder wenigstens äußerst gefährlich.
[RB.01_017,10] Glaube mir, edler Freund, ich habe wie wenige jeden Punkt deiner Lehre genau erwogen. Ich glaube ziemlich darüber im klaren zu sein, was du frei gelehrt hast als deinen eigentlichen Hauptsinn, – und was dagegen du wie deine Jünger durch die damals drohenden Zeitumstände einzuflechten genötigt warst. Aber dennoch bin ich dein glühendster Verehrer und weiß, was ich von deiner reinsten Lehre zu halten habe! Freilich sagtest du ehedem, daß auch du trotz deiner bezwingenden Macht dennoch den weltlichen Obrigkeiten gehorsam warst. Das will ich dir schon darum nicht streitig machen, da du selbst dich durch das Gesetz der Welt mußtest ans Kreuz hängen lassen.
[RB.01_017,11] Ob du, wertester Freund, dich auch durch eine in dir verborgene übersinnliche Macht hättest widersetzen können, als dich diese Obrigkeit ernstlich gefangennahm, das zu beurteilen ist wohl zu hoch über meinem bisherigen Erkenntnishorizont! So deine Taten dir nicht als heidnische Halbgötterfabeln untergeschoben sind, ist es gewiß, daß dir – als einem Weisen, der mit den innersten Kräften der Natur sicher vertraut war – auch außerordentliche Kräfte zu Gebote standen. Aber deine Gefangennahme und Hinrichtung hat bei sehr vielen Helldenkenden dein wunderbares Kraftvermögen in ein sehr schiefes Licht gestellt und viele haben sich daran gewaltig gestoßen. Aber ich und eine Menge andere haben bloß deine reinste Lehre angenommen und alles daraus verbannt, was nur eine später eingeschobene heidnische Fabel zu sein schien.
[RB.01_017,12] Ob wir recht oder nicht recht gehandelt haben, hoffe ich nun von dir in der Fülle der Wahrheit zu erfahren. Wie auch, ob an deiner, ganz besonders durch einen gewissen Swedenborg im 18. Jahrhundert sogar mathematisch erwiesen sein sollenden Gottheit etwas daran sei, und wie? Was freilich ein reiner Denker schwerlich annehmen wird, weil diese Sache allem Anscheine nach denn doch etwas zu burlesk aussieht!
[RB.01_017,13] Denke dir nur selbst ein endloses, unbegrenztes Gottwesen, dessen Intelligenz, Weisheit und Macht notwendig die allerausgedehnteste sein muß! Es wäre daher sogar logisch unmöglich, daß dies Endlose und Allumfassende sich je verendlichen und auf die Person eines Menschen einschränken könnte! Und frage dich, ob man es bei nur einigem Nachdenken annehmen kann, daß du und die endlose, allumfassende Gottheit wirklich identisch sein könnet? Ja, als ,Sohn Gottes‘ – da habe ich nichts dawider; denn das kann ein jeder bessere Mensch von sich mit gleichem Recht behaupten. Aber Gott und Mensch zugleich – das geht denn doch offenbar etwas zu weit!
[RB.01_017,14] Übrigens habe ich auch da nichts dagegen, wenn mir die Sache klar bewiesen werden kann. Denn wenn es zwischen Sonne und Mond noch Dinge geben kann, von denen sich keine menschliche Weisheit noch je etwas träumen ließ – warum sollte zu solch außerordentlichen Dingen nicht auch gehören, daß du im Ernste das allerhöchste Gottwesen sein kannst? Vielleicht ist nach Hegel in dir die früher gewisserart schlafende Gottheit zum ersten Male erwacht und ins klare Bewußtsein ihrer selbst übergegangen?
[RB.01_017,15] Oder vielleicht hat sie die Notwendigkeit gefühlt, sich selbst ihren geschaffenen Wesen gegenüber als ein Mensch zu manifestieren, um von den Menschen begriffen und erschaut werden zu können, ohne dadurch von ihrer allumfassenden höchsten Willenskraft etwas zu vergeben? Wie gesagt, das ist alles möglich. Besonders hier, wo überhaupt das Sein einen so höchst rätselhaften Charakter annimmt.
[RB.01_017,16] Aber warum sich dann die in dir als Gottmensch manifestierte Gottheit von einem Häuflein wahnwitziger Juden zum schmählichsten Tod am Schandpfahl hat verurteilen lassen, und das noch dazu auf einem der unansehnlichsten Planeten – Freund, so etwas kommt zwischen Sonne und Mond wohl schwerlich vor! Solch ein Wunder müßte man schon zwischen Nebelsternen zu suchen anfangen.
[RB.01_017,17] Ich glaube aber auch, daß du solches von dir im Ernste wohl nicht einmal im Traume behauptet hast! Denn ich weiß nur zu gut, was du erwidertest, als man dich fragte, ob du im Ernst Gottes Sohn seist? Da war deine Antwort wie die eines Weisen, nämlich: ,Nicht ich, sondern ihr selbst sagt es!‘ Wer aber im entscheidenden Moment so spricht, der weiß auch, was er spricht und warum. Ich glaube, diese Antwort, soweit es menschlichen Kräften gestattet ist, auch verstanden zu haben und habe daraus entnommen, daß du als reinster Mensch in allem ein wahrster Engelsgeist, aber durchaus kein heidnischer Halbgott seist.
[RB.01_017,18] Daß aber zu deiner Zeit, wo man noch an ein Orakel zu Delphi glaubte, wo der Thumim und Urim weissagten, und des Aarons nahe über tausend Jahre alter Stab in der Lade noch grünte, wo man einem ersten Weisen, der wie du seit nahe 2000 Jahren noch von keinem andern übertroffen wurde, eine Vergöttlichung beilegte, das finde ich überaus begreiflich! – Denn so schon die sonst weisen Römer jeden großen Mann als vom Gottesgeiste angehaucht betrachteten, um wieviel mehr deine noch wundersüchtigeren Landsleute dich, der du vor ihren Augen mitunter Dinge wirktest, von deren sicher höchst natürlichem Grunde sie seit Abraham nicht die leiseste Ahnung hatten!
[RB.01_017,19] Freund, ich meine, deine Frage nun hinreichend beantwortet zu haben. Nun käme wieder die Reihe an dich. Ich werde mit der gespanntesten Aufmerksamkeit jedes deiner Worte anhören und würdigen!“

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