Jakob Lorber Robert Blum

22. Kapitel – Stufenmäßige Unterordnung auch unter den Menschen notwendig.

[RB.01_022,01] Rede Ich weiter: „Lieber Freund und Bruder, du wirst aus dieser ganz der Natur entnommenen Darstellung sogar an den für dich leblosen und somit intelligenzlosen Dingen die Unterwürfigkeitsverhältnisse eingesehen haben, ebenso wie du sie ehedem bei den Tieren, Weltkörpern und Gewässern begriffen hast. Es dürfte daher kaum vonnöten sein, dir noch mehr Belege aus der für dich gewisserart toten Natur vorzuführen. Ich könnte das wohl noch, besonders, wenn Ich dich auf andere Planeten hinführte, wo die Ordnung in allem viel genauer und strenger abgemessen erscheint als auf dem geflissentlich nahezu in der größtmöglichen Unordnung belassenen Erdplaneten. Der Grund liegt darin, daß auf ihm eben die freiesten Geister, als wahrhafte ,Gotteskinder‘, desto freier und für ihr Wesen ersprießlicher großgezogen werden können. Du siehst also das alles nun nach deiner innersten Bejahung ein. Und Ich sage dir, daß Ich damit völlig zufrieden bin!
[RB.01_022,02] Weil du aber nun sogar an der für dich stummen Natur einsiehst, daß in ihrem Gefüge eine gewisse stufenweise Unterwürfigkeits-Ordnung unerläßlich notwendig ist, damit die Natur dauernd erhalten werde – nun denn: so denke dir jetzt den Menschen, der da begabt ist mit einem absolut freiesten Geiste, der in seinem Denk-, Beschluß- und Begehrungsvermögen sich in höchster Unbeschränktheit befindet! Stelle dir so recht vor, was da am Ende herauskäme, wenn jeder Mensch zufolge seiner inneren absoluten Freiheit ohne alle Beschränkung tun dürfte, was sein inneres Geistwesen in seiner unversiegbaren Lebenskammer aus seinem gottähnlichen, unendlichen Ideenreichtume nur immer unter zahllosen Formen schöpft!
[RB.01_022,03] Ich sage dir, da wäre kein Mensch vor dem andern sicher! Denn erstens gibt es da Geister, deren innere Phantasien oder Schöpfungen sich hauptsächlich damit beschäftigen und eine eigene Wollust darin finden, alles Bestehende zu vernichten. Einige möchten fort und fort Menschen auf die verschiedensten Arten töten, andere wieder möchten alle Berge zerstören. Wieder andere durch die Erde ein Loch graben, dieses mit Pulver so weit als möglich anfüllen, um dadurch möglicherweise die ganze Erde zu zersprengen; wieder andere möchten alles Wasser der Erde vertilgen; andere wieder die ganze Erde ersäufen; noch andere die ganze Erde verbrennen; andere den Mond mit einem Strick an die Erde anhängen und ihn herabziehen!
[RB.01_022,04] Zweitens gibt es wieder eine Menge ungeheuer sinnlicher Geister, deren Phantasie aus lauter Genußideen zusammengesetzt ist. Wenn diese Geister keine Beschränkung durch Gesetze hätten, würde vor ihrer großen Geilheit kein weibliches Wesen sicher sein, am Ende auch kein Knabe und sogar kein Vieh mehr! Denn Ich kenne nur zu viele solche Naturfreunde nach der Art von Sodom und Gomorra, die sich zu einem förmlichen Geschäfte machten, sich mit allen möglichen weiblichen Rassen zu begatten, und wenn dies Zeugungsspiel ihrer Phantasie nicht genügte, da machten sie fürs zweite Versuche auch an den verschiedensten Tieren.
[RB.01_022,05] Nun denke dir eine große Gesellschaft solch sinnlicher Genußmenschen in moralisch wie auch politisch völlig gesetzlosem Zustand! Von welch verschiedenartigsten Kreaturen und barsten Scheusalen wird es unter ihnen wimmeln? Nach wenigen Hunderten von Jahren würde es auf der Erde wimmeln von Wesen, vor denen am Ende kein menschliches Leben mehr sicher wäre! Moses hat darum auch ein äußerst scharfes Gebot ergehen lassen und sogar den Feuertod als Strafe gesetzt für solch einen Geiler, der sich unterfinge, so etwas zu tun.
[RB.01_022,06] So hat es auch solche sinnliche Geister gegeben, und gibt es leider noch hie und da, die ihre echt teuflische Genußsucht nur dann befriedigten, wenn sie die Maid während und auch vor dem Akt auf das grausamste quälten und marterten. Erst ihre letzten, schmerzvollsten Lebensäußerungen gewährten ihnen die größte Wollust! Ich brauche dir nicht eine Menge spezieller Taten aufzuführen. Genug, daß du weißt, welche Früchte daraus zum Vorscheine kommen, so irgendeine Menschengesellschaft sich in einem gesetzlosen Zustand befindet.
[RB.01_022,07] Drittens gibt es wieder Geister, die von sich selbst die außerordentlichsten Ideen haben und alles endlos tief unter ihrer Würde finden. Diese Geister sind stolz und über die Maßen herrschsüchtig; vor ihnen soll sich alles bis in den Staub verkriechen und nur das tun, was sie wollen. Denke dir nun eine ganze Gesellschaft lauter solcher Menschen: wie würden sie miteinander leben? Ich sage dir, eine Welt voll Tigern, Löwen und Panthern würde miteinander in weit größerer Harmonie leben als solche Menschen, wenn sie nicht durch moralische wie auch durch weise politische Gesetze beschränkt wären!
[RB.01_022,08] Und so gibt es unter den Menschen noch eine Menge zahlloser Abarten verschiedenster Geister, deren Hauptneigungen in ihrer Art gegen alle positive Ordnung so höchst lasterhaft verkehrt sind, daß du dir davon nicht die allerleiseste Idee machen kannst!
[RB.01_022,09] Wenn aber alle diese Geister von ihrer absolutesten inneren Freiheit nur zum Teil einen unbeschränkten Gebrauch machen dürften, sage Mir, wie würde es dann nur zu bald auf einem Weltkörper aussehen? – Du sprichst: ,Freund, das wäre entsetzlich, das wäre die Hölle aller Höllen auf der Erde!‘ – Richtig, sage Ich dir, du hast wohl gedacht und gesprochen!
[RB.01_022,10] Ich aber frage dich weiter: Was ist demnach höchst notwendig, damit die vollste Hölle soviel als möglich von der Erde hintangehalten werde? Siehe, nun kommen wir beide erst dorthin, wo ich dich eigentlich haben wollte.
[RB.01_022,11] Erkennst du nun, was Ich damit sagen wollte, wenn Ich wie auch Paulus allen Bekennern Meiner Lehre den Gehorsam gegen eine rechtmäßige weltliche Obrigkeit anempfahl? Siehst du nun, warum man dem Kaiser, was sein ist, und Gott, was Gottes ist, geben soll?
[RB.01_022,12] Sage Mir nun, wie du die Sachen jetzt einsiehst. Kommen sie dir noch so widersinnig vor als ehedem? Findest du den gerechten Gehorsam und die rechte Demut immer noch als des freien Menschengeistes unwürdig? Rede nun, die Reihe ist wieder an dir! Ich will dich hören.“

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