Jakob Lorber Robert Blum

23. Kapitel – Roberts anerkennende Antwort. Seine Gegenfrage über den Machtmißbrauch der Fürsten.

[RB.01_023,01] Spricht Robert: „Was, liebster Freund, soll ich im Grunde noch reden? Ich begreife und bekenne nun, daß du als einer, der mir an Wissenschaft und Weisheit himmelhoch überlegen ist, in allem recht hast, weil sich die Dinge wirklich so verhalten. Es läßt sich dem nichts entgegenstellen, da du, als ein in die geheimsten Kräfte der Natur eingeweihter Weiser dich am gründlichsten auskennen mußt! Alles, was du mir nun gütig erläutert hast, habe ich in allen Teilen als völlig wahr und unumgänglich nötig eingesehen. Aber nun kommt etwas anderes:
[RB.01_023,02] Bei deiner Darstellung des absolut freien menschlichen Geistes tritt die eiserne Notwendigkeit eines diese Freiheit beschränkenden Gesetzes und eines machthabenden Vollstreckers klar ins Licht. Aber es fragt sich dabei: Dürfen gewisserart von Gottes Gnaden ernannte oder erwählte Macht-Vollstrecker des Gesetzes wohl auch ,von Gottes wegen‘ ausgenommen sein, das Gesetz zu beachten, das sie gewöhnlich selbst machen? Dürfen ganz willkürliche Despoten und Tyrannen wegen eines mißlichen Thrones die armen Menschen, die doch auch ihre Brüder sind, zu Tausenden hinschlachten lassen? War z.B. mein Vergehen wohl von der Art, daß mich darum ein Alfred W. im Namen seines Kaisers erschießen ließ, und desgleichen mehrere andere meiner Denk- und Handlungsweise!
[RB.01_023,03] Wenn solch ein Machthaber sich schon von seinem eigenen Gesetz enthebt, so fragt sich aber, wer ihn dann von deinem Liebesgesetz enthebt, das der ganzen Welt ohne Unterschiede des Standes und Charakters gleich gelten soll? Warum müssen Hunderttausende in der größten Armut dahinschmachten, so sie nur irgendeine kleinste, oft nur durch zu große Not gezwungene Veruntreuung sich zuschulden kommen lassen? Warum alle unnachsichtige Strenge des Gesetzes sich gefallen lassen, während die Großen in behaglichster Gewissenlosigkeit tun können was sie wollen, und kein Richter sie zu einer Verantwortung fordern darf!
[RB.01_023,04] Ich bin für weise und gute Regenten gewiß im höchsten Grade eingenommen. Aber nicht für Regenten, die oft kaum wissen, was sie sind, und noch viel weniger, was sie eigentlich sein sollten. Regenten, die nur auf dem Throne sitzen und ihren Untergebenen gleich Vampiren das Blut aussaugen, anstatt sie durch weise Gesetze zu leiten! Sage mir, Freund, soll da ein armes, gedrücktes Volk nicht das Recht haben, solche glänzenden Taugenichtse und gefühllose Tagediebe davonzujagen, um an ihre Stelle weise und taugliche Männer zu setzen, die Kopf und Herz am rechten Fleck haben. Muß denn eines Regenten Wohnung ein prachtvoller Palast sein, und müssen sich seine Regentenbezüge auf viele Millionen belaufen? Was natürlich alles von den blutigen Schweißtropfen der Untertanen hergeschafft werden muß! – Der ,arme Teufel‘ hat auf der Erde nichts Gutes. Von der Geburt bis zum Grabe bleibt er ein Spielball der Mächtigen und muß für sie Gut und Blut setzen. Dafür aber wird er zum Danke verachtet, und wenn er sich nicht alle Niederträchtigkeiten der Großen möchte gefallen lassen und käme zu einem Pfaffen in einen Beichtstuhl, um sich da sein Herz zu erleichtern, wird er noch obendrauf mit der ewigen Verdammnis vertröstet! Sage, ist das auch schon irgendwo in der Natur begründet? Freund! Ich, Robert, meine da und behaupte fest: Das ist die Hölle und ihr regsamstes Mühen, aus armen Engeln dieser Erde noch ärmere und elendere Teufel zu zeugen!
[RB.01_023,05] Es ist übrigens wohl wahr und gewiß, daß das irdische Leben ein pures Prüfungsleben ist zur Erreichung höchster reingeistiger Vollkommenheit. Und daß man daher mit Recht von ihm auch keine zu glänzende irdische Glückseligkeit erwarten kann. Denn ein Studierender bleibt stets mehr oder weniger ein Sklave derer, die ihm als Meister vorgesetzt sind. Aber wenn von seiten der völkerbeherrschenden, gar zu grausam prüfenden Tyrannen die Erziehungs-Saiten zu stark gespannt und auf diese Art aus den Völkern statt wahren Menschen nur barste Teufel gebildet werden, – was sagt dann eine urgöttliche Weltordnung dazu?
[RB.01_023,06] Ist da auch noch die Gottheit der alleinige Herr und Meister? Und sind da auch noch ihre gläubigen Bekenner und Anbeter pure Brüder? Heißt das auch noch ,Gott über alles, und seinen Nächsten wie sich selbst lieben?!‘
[RB.01_023,07] Oder ist es von einer allgerechten Gottheit wohl recht, Völker durch schlechte Regenten leiblich und moralisch unter den Hund hinabsinken zu lassen? Sind dann die Völker durch ihre schändlichst schlechten Regenten auf die unterste Stufe alles Elends gesunken, so kommen noch von oben, das heißt von der gerechtesten Gottheit, alle erdenklichen Strafen und Geißeln! Natürlich zumeist nur über die armen Völker, weil sie notgedrungen haben schlecht werden müssen, zumeist ,von Gottes Gnaden‘! Denn auch die gewissenlosesten Regenten führen den Titel: ,Von Gottes Gnaden!‘ So kommen dann gewöhnlich Armut, Hungersnot, allerlei unheilbare Krankheiten und eine Menge Seuchen und Kriege, – versteht sich von selbst: alles ,von Gottes Gnaden‘!
[RB.01_023,08] Neben diesen schönsten Bescherungen aber kommt endlich auch noch die süße Verzweiflung und zuletzt die angenehme ewige Verdammnis im brennenden Pfuhle! Und siehe, das alles ,von Gottes Gnaden‘! – Bravo! Nur zu! Oh, das Leben ist wohl schön! Wer es erfunden hat, wie es ist, muß selbst eine närrische Freude daran haben!
[RB.01_023,09] Ich will aber damit eben kein höchstes Gottwesen tadeln, weil das Leben der Erde so scheußlich sich gestaltet. Denn ein solches Gottwesen hat sicher Größeres zu tun, als sich mit den Dreckwürmern dieses Erdstaubes abzugeben. Aber das Elende bei der Sache ist mir, daß diese irdischen Menschenwürmer doch auch Gefühl und leider auch Verstand besitzen und am Ende doch nicht völlig vernichtet werden können.
[RB.01_023,10] Sollen denn von der liebevollsten Gottheit, von deinem gewissen ,heiligen Vater‘, der dich ans Kreuz hängen ließ (wahrscheinlich auch aus Liebe?) – die Menschen dieser Erde als ,Gotteskinder‘, etwa eine besondere Begünstigung, die Ehre und das Glück haben, die Allerverfluchtesten zu sein?
[RB.01_023,11] Wahrlich, je länger ich da nachdenke, desto bedenklicher kommt mir die Sache vor. Daher rede lieber wieder du! Vielleicht gelingt es dir, diese Sache mit einem besseren Lichte zu beleuchten?“

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