Jakob Lorber Robert Blum

25. Kapitel – Sinn und Zweck der irdischen Lebensschule. Zeitliche oder ewige Glückseligkeit?

[RB.01_025,01] Rede Ich weiter: „Aber wenn ein Volk unter guten Regenten und unter friedvoll gesegneten Jahren zu lässig und völlig naturmäßig-sinnlich, wird und nichts anderes mehr denkt, als wie es sich auf Erden für sein Fleisch einen Himmel schaffen könnte, – siehe, so etwas darf die für das reingeistige Wohl eines jeden Menschen über alles besorgte Gottheit nimmer dulden. Dies darum, weil ein irdischer Fleischhimmel nach der ewigen Urordnung Gottes stets den Tod des Geistes in sich führt. Gleich wie ein Knabe, der sich schon von der Wiege an im größten Wohlleben befindet, für jede geistige Entwicklung nur sehr wenig Sinn haben wird, also auch ein Volk, dem es irdisch zu gut ginge.
[RB.01_025,02] Gehe in die Paläste der Reichen und erkundige dich da nach der rechten Bildung, und du wirst zumeist finden, daß da selten eine gottgewollte Herzensbildung zu Hause ist. Gehe aber dann in die Hütte eines armen Landmannes und du wirst ihn in der Mitte der Seinen, das wenige Brot segnend, antreffen. Dieser betet aus seinem Geiste, erzieht dadurch seine Kinder geistig und erhebt sie zu Gott. Des Reichen Gott aber ist nur sein Fleisch, das er durch alle erdenklichen Wohlgenüsse hochverehrt. Und so erzieht er seine Kinder auch nur des Fleisches wegen. Solch eine Erziehung aber kann Gott unmöglich gefallen, weil durch sie jener heilige Zweck, dessentwegen Gott die Menschen geschaffen hat, ewig nie erreicht werden kann.
[RB.01_025,03] Und so ist es auch mit einem ganzen Volk. Wird es irdisch zu wohlhabend, so wird es stets mehr und mehr sinnlich. Weil es ihm zu wohl geht, vergißt es am Ende des wahren Gottes ganz und macht dafür sich selbst, oder was sonst seinen Sinnen am meisten zusagt, zu einem Gott. Und das ist allzeit der Ursprung des Götzentums gewesen!
[RB.01_025,04] Du sprichst freilich bei dir: ,Wozu ist denn die Gottheit dann höchst weise und allmächtig, wenn sie so etwas nicht verhüten kann?‘ – Ich aber sage dir: Wenn die Gottheit die absolut frei werden sollenden Geister mit Ihrer Allmacht richtete, da wäre es mit der Freiheit wohl auf ewig aus! Denn die Allmacht würde da anstatt der freiesten Geister nur gerichtete Spielpuppen darstellen, aber ewig nie von der Gottheit ganz frei und unabhängig sich selbst bestimmende Geister, die in ihrer Vollendung selbst Götter werden sollen.
[RB.01_025,05] Was aber die Einwirkung der göttlichen Weisheit betrifft, so verfügt diese eben solche Zustände über entartete Menschen, durch die sie wieder auf den Weg zum rechten Ziel gebracht werden können. Es ist zwar das auch ein Gericht und gewisserart eine Nötigung, aber nur den Außenmenschen berührend, auf daß der innere desto eher und leichter erwache und seine wahre Bestimmung wieder ergreifen möge. Die Allmacht aber würde den ganzen Menschen richten und töten!
[RB.01_025,06] Bedenke daher, ob du wohl noch ein Recht hast, die Gottheit zu beschuldigen, als täte sie nichts für die Menschen oder, wenn sie etwas täte, bloß nur Hartes, Liebloses und Schlechtes!
[RB.01_025,07] Findest du nun immer noch das Erdenleben so verächtlich? Ist sein Erfinder in deiner Kritik noch gewisserart ein Wesen, das sich solch einer Erfindung durchaus nicht zu rühmen hätte?
[RB.01_025,08] Ich meine, so du nur irgendeinen Funken eigenen Lichtes und des ,Hegelschen‘ besitzt, mußt du es doch einsehen. Und zwar aus vielen Erfahrungen, daß auf der vergänglichen Erde unmöglich je eine wahre Glückseligkeit zu finden ist. Das eben darum, weil sie nach der natürlichsten Ordnung aller Dinge der Außenwelt mit der Zeit veränderlich und am Ende ganz und gar vergänglich sein muß!
[RB.01_025,09] Wer sich aber nach Meiner Lehre Schätze sammelt, die Rost und die Motten nicht zerstören, der allein kann von einer wahren Glückseligkeit reden. Denn was für ewig bleibt, wird doch offenbar besser sein, als was dem scharfen Zahne der Zeit unterliegt?
[RB.01_025,10] Was wohl hast du selbst nun von all deinen rein irdischen Glückseligkeitsbestrebungen? Siehe, Pulver und Blei hat all deinen Mühen ein vollkommenes Ende gemacht. Ob du das verdient oder nicht verdient hast, lassen wir nun dahingestellt sein. Denn Ich habe das gleiche Los ertragen müssen, nur mit dem Unterschied: Ich – für Gott und Geist; du aber – für die Welt und ihre vermeintliche materielle Glückseligkeit; Ich fürs ewige, und du fürs zeitliche Wohl der Menschen.
[RB.01_025,11] Wie Ich, so kannst auch du nun sagen: ,Herr, vergib ihnen! Denn was sie taten, das taten sie in ihrem blinden Glauben, etwas Rechtes zu tun!‘ Aber – was hast du nun für die sichere Ewigkeit mit herübergebracht? Siehe, Freund, das ist eine ganz andere Frage! Wird dir die für dich vergangene Welt wohl etwas zu geben imstande sein? – Denke nur einmal darüber nach und sage Mir, wie du es nun hier anfangen wirst?“

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