Jakob Lorber Robert Blum

26. Kapitel – Roberts Antwort: Das Leben gebe ich dem zurück, von dem ich’s erhielt. Gibt es einen Gott der Liebe, der seine Geschöpfe so hart behandelt?

[RB.01_026,01] Nach einigem Nachdenken spricht Robert wieder und sagt: „Mein allerliebster Freund und Bruder! Was da deine triftige Widerlegung meiner Anwürfe gegen die Gottheit und ihre aufgestellte Lebensordnung betrifft, so bin ich auch in diesem Punkte mit dir ganz einverstanden. Ich bekenne es laut, daß ich der lieben Gottheit sehr unrecht getan habe – vorausgesetzt, daß es wirklich eine Gottheit gibt als liebevollsten Vater, wie du ihn deine Jünger lehrtest.
[RB.01_026,02] Darum verlangten sie von dir auch einmal, daß du ihnen deinen ,Vater‘ hättest zeigen sollen. Und da du solchem Begehren nicht anders genügen konntest, als dich ihnen selbst als Vater darzustellen, so wolltest du wohl nach meinem Dafürhalten damit nichts anderes sagen als: O ihr jüdischen Dummköpfe! Wißt ihr denn nicht, daß es außer dem Menschen nirgends einen Gott gibt? So ihr mich oder auch einen andern Menschen sehet, so sehet ihr ja, was ihr verlangt. Könnt ihr es denn unmöglich fassen, daß der Vater in uns ist und wir im Vater sind? Oder mit anderen Worten: daß es nirgends einen Gott gibt außer den im Menschen!
[RB.01_026,03] Obschon ich dieses kaum anders auffassen kann, so bin ich deswegen dennoch nicht hartnäckig darauf versessen und will gerne irgendeine Gottheit annehmen, so du sie mir erweisen und zeigen kannst. So ich aber einer nirgends als nur in uns seienden Gottheit solche Anwürfe machte, kann ich deine wirklich triftigste Widerlegung auch um so leichter als Wahrheit annehmen: Weil sie sich lediglich auf unsere eigenste innere Ordnung bezieht, die erst ganz verstanden sein will, bevor sie sich einer zu seichten kritischen Beurteilung preisgeben kann. Oder mit anderen Worten: ,Mensch, erkenne dich zuvor ganz! Dann erst beurteile dein Sein und alle die notwendigen Verhältnisse, welche die Bestimmtheit deines Seins mit sich führt!‘
[RB.01_026,04] Ich kann dir für diese wahrhaft große Belehrung nur danken aus allen meinen Kräften. Denn auf meinem überaus nichtigen Boden dürften solche Früchte wohl noch lange nicht zum Vorscheine kommen.
[RB.01_026,05] Aber trotzdem ich nun diese weisen Beschränkungen der absoluten Freiheit als überaus notwendig und nach der Natur der menschlichen Ordnung zum wahren Leben höchst angemessen finde, so muß ich aber noch immer leider eines offen bekennen: Ich kann die Lehre, daß Gott die purste Liebe ist und man diese Liebe über alles, den Nächsten aber gleich sich selbst lieben solle, durchaus nicht mit allem vereinigen, was du mir bis jetzt gesagt hast. Und eher schon gar nicht, bis du mich vom Dasein einer wirklichen Gottheit überzeugen wirst!
[RB.01_026,06] Gott muß zuerst definitiv da sein und seine Natur und sein Wille vollkommen erkannt werden, dann erst läßt sich von Notwendigkeiten reden. Ist aber Gott nur ein vom blinden Glauben angenommenes, nie aber der reinen Vernunft erweisbares Wesen, muß notwendig jede Gotteslehre, möchte sie auch noch so metaphysisch oder theosophisch klingen, sich von selbst in ein Nichts auflösen.
[RB.01_026,07] Ich widerspreche hiermit deiner Belehrung gar nicht, denn ich sehe ihre Realität nur zu klar ein. Aber nur in dem Fall, so es eine Gottheit gibt, die solche Ordnung zur Heranbildung des Menschen zu einem höheren, freiesten Wesen für nötig gestellt hat. Gibt es aber keine Gottheit, dann brauche ich dir gar nicht zu widersprechen, denn da widerspricht sich die Sache von selbst.
[RB.01_026,08] In der Beantwortung meiner an dich gerichteten Frage: Mit welchem Recht mich ein Windischgrätz erschießen ließ, gingst du ganz kurz zu dem Entschuldigungsgrund über: daß es nun nicht an der Zeit sei, darüber viel zu reden, ob solches mit Recht oder Unrecht geschehen sei. Denn auch dir sei ein ähnliches Los zuteil geworden, nur mit dem Unterschied: Dir – für Gott und der Menschen ewiges und geistiges Wohl; mir aber – für die Welt und ihre vergängliche Glückseligkeit! – Und ich soll dir nun kundgeben, was ich aus der vergangenen Zeit für die Ewigkeit mit herübergenommen habe? Freund, ich meine, diese Frage zu beantworten, wird mir eben nicht zuviel Kopfzerbrechen machen!
[RB.01_026,09] So es doch irgendeine liebevollste Gottheit geben sollte, so lehrt uns die Tausende von Jahren alte Erfahrung, daß diese Gottheit den Menschen, wenn sie sie zur Welt in die sogenannte Freiheitsschule schickt, absolut nichts als nur das nackteste, begriffsloseste und somit auch allerdümmste Leben mitgibt. Also ein barstes Nichts bringt der Mensch auf diese elende Welt! Von all den Weltschätzen gehört nichts ihm, da er sie am Ende seines Lebens doch für ewig wieder verlassen muß.
[RB.01_026,10] Was wohl hätte ich da für die Ewigkeit mit herübernehmen sollen oder können, außer – ohne mein Verlangen und ohne meinen Willen – mich ganz allein! Nur mit dem geringen Unterschied, daß ich nun in diese Welt als ein denkendes, und somit etwas mehr geistig gebildetes Wesen eintrat, während mein Eintritt in die materielle Welt ein höchst unbehilflich elender war. Welchen Eintritt ich aber dennoch dem zweiten in diese unweltliche Welt sehr vorziehen möchte. Denn in der Materiewelt fühlte ich als Säugling nichts, außer etwa einen stummen Hunger oder einen stummen Schmerz. Aber diese beiden Martern waren für mich so gut wie gar nicht da, denn ich hatte damals ja kein Bewußtsein. Hätte meine arme irdische Mutter mir in dieser Zeit nicht die kärglichste Pflege gegeben, so hätten mich zufolge deiner göttlichen Liebsorge wohl alle Mäuse und Ratten fressen können; die Gottheit hätte es sicher nicht abgewehrt!
[RB.01_026,11] Ja die Gottheit in der Brust meiner Mutter sorgte wohl für mich. Aber die große, allmächtige, irgend über allen Sternen – die weiß vielleicht noch diesen Augenblick nichts von einem armen Teufel, von einem Robert Blum!
[RB.01_026,12] Wenn ich aber dennoch ein miserables Produkt dieser großen Gottheit sein soll, die aus purster Liebe mich so reichlichst ausgestattet in die Prüfungswelt sandte, – kann sie nun wohl mehr von mir zurückverlangen, als sie mir auf die Weltreise mitgegeben hat? Ich meine, wo nichts ist, da hört wohl von selbst jedes Recht auf. Oder gibt es hier in der Geisterwelt wohl irgendeine solche Rechtsverfassung, nach der man auch für ein barstes Nichts jemandem zum Schuldner werden kann?
[RB.01_026,13] Das nackte Leben ist nicht mein, da ich mir’s nicht gegeben habe. Dieses Leben mit einiger Intelligenz sogar bereichert und mit einem schlechten Rock noch dazu, habe ich wieder hierhergebracht und stelle es mit dem größten Vergnügen dem wieder zurück, der es mir gegeben hat. Aber mit der Bitte, daß ich, als der elende Robert, für alle Ewigkeit völlig zu sein aufhöre! – Denn ich ersehe nun sogar aus deinen weisen Reden, daß dem Leben überhaupt keine glückliche Seite abzugewinnen sein dürfte. Und so ist es ja endlos besser, ewig nicht mehr zu sein, als so elend, wie ich es stets zu sein die große Ehre hatte!
[RB.01_026,14] Es ginge mir zur Vollendung meines Glücks nur noch ab, daß du, lieber Freund, zu mir sprächest: ,Weiche von mir, du Verfluchter, in das ewige Zornfeuer Gottes und brenne dort ewig unter den gräßlichsten Qualen‘ – so wäre dadurch dem Leben und seiner Herrlichkeit wahrlich die Krone der urgöttlichen Liebe aufgesetzt! Freund, wenn solch ein unbegreiflich hartes und aller Liebe lediges Urteil auch dein liebevollster Vater dir eingegeben hat – wahrlich, da wäre von seiner endlosen Liebe nicht viel Gutes zu erwarten! Aber ich meine, solch eine grausame Sentenz dürfte kaum je über deine Lippen gekommen sein, sondern wurde höchst wahrscheinlich in späterer Zeit von den liebevollsten Römlingen eingeschoben? Das Warum dürfte nicht schwer zu erraten sein! – Rede nun wieder du, denn ich bin mit meiner Antwort zu Ende.“

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