Jakob Lorber Robert Blum

9. Kapitel – Alle Weltweisheit ist eitel. Jesus legt Seinen Jüngern den Glauben ans Herz.

[RB.01_009,01] Aufmerksam betrachtet er den nachhaltigen Schimmer und weiß nicht, was er daraus machen soll. Nach einer Weile kommt er wieder zu sich, fängt wieder nüchterner über diese Erscheinung zu denken an und sagt sich:
[RB.01_009,02] „Es ist am Ende doch noch ein Wetter, dessen Gewölk sich nun nach dem dritten Blitz auf einer Seite ein wenig zu lichten anfängt. Nur eines geht mir dabei nicht so ganz ein, daß ich erst jetzt klar gewahr werde, wie ich mich gleich einem Vogel in freier Luft oder im freiesten Äther ohne alle Unterlage befinde. Solch ein Zustand hätte in der früheren Nacht wohl noch als Gefühlstrug angenommen werden können; aber nun ist es kein Trug mehr, sondern volle Wahrheit.
[RB.01_009,03] Jetzt wird mir wohl klar, daß ich dem Leibe nach wirklich gestorben bin, da man doch unmöglich annehmen kann, daß sich ein schwerer Leib so lange frei im Luft- oder Ätherraume halten könnte. Aber außer mir, weder unter mir noch über mir ist nirgends etwas Gegenständliches wahrzunehmen. Ich muß mich sonach sehr ferne von irgendeinem Weltkörper befinden. Hm, sonderbar!
[RB.01_009,04] O Hegel, o Strauß, o Ronge! Eure Weisheit scheint hier stark Schiffbruch zu leiden. Wo ist eure allgemeine Weltseele, in die nach des Leibes Auflösung der Mensch übergehen soll? Wo ist der im Menschen auftauchende Gott und wo sein Sich-seiner-selbstbewußt-Werden im Menschen? Ich bin gestorben und bin nun hier ganz in der ohnmächtigsten Alleinheit, die sich nur irgendwie denken und vorstellen läßt. Da ist keine Spur von irgendeiner auftauchenden Gottheit und ebensowenig irgendein Übergang meines Wesens in das allgemeine Weltseelentum wahrzunehmen.
[RB.01_009,05] O ihr eingebildeten menschenfreundlichen Weltweisen! Von solch einem Befinden nach des Leibes Tod habt ihr wohl noch nie die leiseste Ahnung gehabt. Kurz und gut, ihr habt mich betrogen und werdet noch viele betrügen. Aber es sei euch alles vergeben, da ihr ja auch Deutsche seid! Wüßtet ihr etwas der Wahrheit Gemäßeres, so würdet ihr es euren Jüngern sicher nicht vorenthalten haben! Aber da ihr dessen nicht fähig seid, so gebet ihr, was ihr habt, und das ist wenigstens redlich gehandelt.
[RB.01_009,06] Freilich nützt dem Menschen hier eure Redlichkeit gar nichts. Aber das macht auch nichts, da es im Grunde genug ist, die Menschheit bloß irdisch-materiell in einer gewissen Ordnung zu erhalten. Was aber das oft bezweifelte Leben nach dem Tode betrifft, so braucht es da sicher keine Gesetze mehr. Denn welche Verpflichtungen könnten mir noch obliegen? Sicher keine anderen, als die eines Wölkchens in der Luft, das die Winde treiben. Hätte ich nun auch die Weisheit Salomos und die Stärke Goliaths, wozu wohl könnten sie mir dienen?
[RB.01_009,07] Darum wäre es wahrlich besser, in dem finstersten Aberglauben Roms zu sterben, da man wenigstens im blinden Glauben seinen Leib ablegte, nach dessen Abfall entweder gut oder schlecht der Seele nach fortzuleben. Besser, als daß man als Rongeanischer Puritaner mit dem Tod alles Leben für ewig zu verlieren wähnt und sich somit vor dem Tod auch gräßlich fürchten muß. O Himmel! Lieber ewig in dieser wesenlosen Leere schmachten, als noch einmal solch eine Todesangst auszustehen!
[RB.01_009,08] Darum, ihr Lehrer, lehret eure Jünger glauben! Und sie werden glücklicher sterben, als ich mit all meiner Vernunftstärke gestorben bin. Nun wird mir auch klar, warum der große Meisterlehrer seinen Jüngern stets nur den Glauben ans Herz legte!“

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