Jakob Lorber Robert Blum

14. Kapitel – Anrede Roberts an den Herrn. Jesu Antwort. Eine wichtige Lebensfrage.

[RB.01_014,01] Als Robert nun da fest vor Mir steht, betrachtet er Mich vom Kopfe bis zu den Zehenspitzen und findet in Mir richtig und ganz unverkennbar den Jesus, den er da zu finden glaubte. Und zwar im selben dürftigen Anzug und auch mit den Wundenmalen, wie er sich seinen Jesus gar oft in seiner Phantasie ausgemalt hatte.
[RB.01_014,02] Nachdem er Mich eine Weile ganz stumm betrachtet hat, beginnen ihm Tränen aus seinen Augen zu rollen. Und er spricht nach einiger Fassung voll des innigsten Mitleids:
[RB.01_014,03] „O du lieber, du größter Menschenfreund, der du Herz genug hattest, sogar deinen grausamsten Henkern die schändlichste Unbill, die sie an dir begingen, von ganzem Herzen zu vergeben! Und das bloß darum, da du aus deiner Menschengröße ihre sicher totalste Blindheit als den gültigen Entschuldigungsgrund annahmst!
[RB.01_014,04] Aber wie hart muß dabei die Gottheit, dein so oft über alles gelobter und angebeteter Vater sein, wenn Er irgendwo ist, – daß Er dich, den edelsten, vollkommensten und besten aller Menschen nun schon nahe 2000 Jahre in dieser finsteren Leere herumschweben läßt: in derselben dürftigsten Armseligkeit, in der du von Kindheit an zum reinsten und alleredelsten Menschenfreund heranwuchsest!
[RB.01_014,05] O du, mein bester und aller Liebe würdigster Meister Jesus! – Wie sehr bedauere ich dich und liebe dich auch andererseits deiner bis jetzt noch gleichen Armseligkeit wegen! Denn wärest du mir in einem nur zum Teil seligen Zustand entgegengekommen, so hätte es mich wahrlich geärgert, daß ein Geist wie du nach dem Abfall des Leibes nicht sogleich zur höchsten Auszeichnung gelangen soll, wenn es eine gerechte, vergeltende Gottheit gibt!
[RB.01_014,06] Aber da ich dich hier noch gerade so antreffe, wie du die Erde verließest, scheinen die Verhältnisse ganz andere zu sein, als wir sie uns vorstellen. Darum erscheint unser Zustand nach Ablegung des Leibes als eine in sich bedingte Notwendigkeit, durch die wir erst nach weiten Zeitläufen das verwirklichen können, was in unserem Erkenntnis- und Begehrungsvermögen als Grundlage unseres Seins gegeben ist.
[RB.01_014,07] Von diesem Standpunkt aus erscheint dein und mein gegenwärtiges Sein freilich noch immer sehr bedauernswürdig, weil die Verwirklichung dessen, was wir als Erkenntnisse in uns zur klaren Vorstellung gebracht haben, weit hinter der Macht unseres Willens liegt. Allein, um die werdende Verwirklichung unserer Vorstellungen mit der Schwäche unseres Willens zum Ausgleich zu bringen, besitzen wir in unserem Gemüte zum größten Glück etwas, das wir im bürgerlichen Leben Geduld nennen. Diese wird freilich manchmal auf eine Probe gestellt, von der wir beide uns sicher manches werden zu erzählen wissen!
[RB.01_014,08] Liebster Freund, ich habe dir nun so gut als möglich mein wahres Bekenntnis abgelegt. Nun gib auch du mir kund, was du nun von unserem noch sehr mißlichen Zustand hältst? Durch gegenseitige Mitteilung werden wir uns wohl eine lange Zeitenfolge erträglicher machen. Sei demnach so gut, edelster Menschenfreund, und öffne vor mir deinen für mich heiligsten Mund!“
[RB.01_014,09] Rede Ich (Jesus), Robert die Hand reichend: „Sei Mir vielmals gegrüßt, Mein lieber, teurer Leidensgefährte! Ich sage dir, sei froh, daß du Mich gefunden hast und kümmere dich ums Weitere gar nicht. Es ist genug, daß du Mich liebst und nach deinen Erkenntnissen für den edelsten und weisesten Menschen hältst. Alles andere lasse von nun an ganz Mir über. Ich gebe dir die heiligste Versicherung, daß am Ende alles, mögen uns was immer für Begebnisse noch entgegenkommen, gewiß überaus gut ausgehen wird. Denn Ich habe hier in dieser Einsamkeit alles durchdacht und kann dir mit größter Bestimmtheit sagen, daß Ich im Gebrauch der dir am schwächsten vorkommenden Willensmacht es so weit gebracht habe, daß Ich, so Ich es will, alles ins Werk setzen kann, was Ich nur immer Mir denke und vorstelle. Daß Ich aber dir hier so verlassen und einsam vorkomme, davon liegt der Grund bloß in deiner für diese Welt noch unvollkommenen Sehe. Wird diese mehr und mehr gestärkt durch deine Liebe zu Mir, so wirst du auch bald einsehen, wie weit Meine Willenskraft zu reichen imstande ist.
[RB.01_014,10] Aber abgesehen von all dem, was du zu Mir gesprochen hast und Ich nun zu dir geredet habe, richte Ich erst eine bedeutungsvolle Frage an dein Gemüt, die du Mir ohne Rückhalt getreu zu beantworten hast, und zwar gerade so, wie es dir ums Herz ist.
[RB.01_014,11] Diese Frage aber lautet: Siehe, liebster Freund und Bruder, du hast auf der Erde einen redlichen Sinn gehabt, nämlich deine Brüder von dem übermäßigen Druck ihrer harten und herzlosen Regenten zu befreien. Obschon du dazu eben nicht die tauglichsten Mittel erwählt hast, sehe Ich da allein auf den Zweck und weniger aufs Mittel. Wenn dieses nur kein grausames genannt werden kann, dann ist es vor Mir auch schon recht und billig. Aber so viel Mir bekannt, bist du auf halbem Wege zur Verwirklichung deines guten Zweckes von deinen Feinden ergriffen und bald darauf hingerichtet worden. Daß dich dieses traurige Begebnis bis in dein Innerstes zornsprühend muß ergriffen und mit einer billigen Rachegier dein Herz erfüllt haben, finde Ich so natürlich, daß sich darob gar nichts einwenden läßt! Wenn du aber nun jenen österreichischen Feldherrn, der dich selbst zum Tod verurteilte, unter deine nun schon mächtig gewordenen Hände bekämst und nebst ihm auch alle seine Helfershelfer: sage Mir ganz getreu, was wohl würdest du mit ihnen tun?“

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