Jakob Lorber – Der Saturn

20. Kapitel – Unzahl fliegender Tiere ohne Gefieder. Vom Reich der Vögel. Die Wasserhenne. Der Behor, eine große Reiherart. Der Himmelsbote, ein guter Sänger. Der Flugtonakkord dieser Vögel. Gesang und Musik der Saturnmenschen.

[Sa.01_020,01] Wie schon anfangs bei der Kundgabe der fliegenden Tiere erwähnt wurde, so ist deren Menge nach der Zahl der Gattungen und Arten für diesen Planeten so übergroß, daß ihr, wie gesagt, kaum auf zehntausend Bogen ihre Namen unterbringen würdet. Aber dennoch ist ihre verschiedenartige Gestaltung bewunderungswürdiger als ihre große Anzahl selbst. Denn fast alle vierfüßigen Tiere dieses Planeten wie auch sehr viele Fischarten finden in diesen fliegenden Wesen auch eine Abartung. Und es verhält sich die Sache geradeso, als wenn ihr auf eurer Erde sämtliche zahmen und wilden Tiere nebst allen Amphibien und den meisten Fischgattungen möchtet wie eine Flattermaus beflügelt haben und hättet dadurch beflügelte Elefanten, Pferde, Ochsen, Löwen, Tiger, Hyänen und so fort die ganze Tierreihe hindurch. Was hier für die Erde nur beispielsweise angeführt ist, das findet sich im Saturn buchstäblich vor – nur sind die fliegenden Tiere viel kleiner als diejenigen, denen sie in der Form entsprechen, und die unbeflügelten, die den festen Boden oder die Gewässer dieses Planeten bewohnen, sind bei weitem größer, stärker und mächtiger.
[Sa.01_020,02] Nun könnt ihr euch schon einen Begriff machen, wie lebhaft es hier aussehen muß. Und ihr könnt euch noch dazu das Angenehme denken, daß diese Wesen zumeist gutmütiger Art sind und daß die Saturnmenschen durch die Stärke ihres Willens fortwährende Meister sowohl der Elemente wie auch der allermeisten Tiere sind (mit Ausnahme nur sehr weniger, welche ungefähr in dem Ansehen unseres schon bekannten Fisches stehen).
[Sa.01_020,03] Nachdem wir nun unsere fliegenden Tiere im Saturn betrachtet haben, und zwar diejenige Klasse, welche sich ohne Gefieder in die Luft erheben und in derselben umherfliegen können, und dabei gesehen haben, wie groß ihre Zahl und Mannigfaltigkeit ist, so dürfte sich euch wohl sicher der Gedanke in einer bescheidenen Frage aufwerfen: „Wenn es so viel solcher fliegender Gäste in diesem Planeten gibt, wer mag da noch bestehen? Da muß ja die Luft ganz voll von ihnen sein, wenn alle Tiere auffliegen.“ Doch diese Sorge von eurer Seite ist für diesen großen Planeten so gut wie vollkommen eitel. Denn bedenket nur, daß dieser Planet über tausendmal so groß ist wie die Erde und daß er, wie ihr schon wißt, über siebzig große Kontinente besitzt, von denen einige so viel Flächenraum haben wie die ganze Erdoberfläche, wenn das Meer und die anderen Gewässer festes Land wären. Es kann aber jedermann auf der Erde noch gar wohl umhergehen, obwohl in der Luft, auf der Erde, in der Erde und im Wasser Millionen Wesen aller Art leben. Wie aber der Mensch auf der Erde von den Tieren nicht zu sehr belästigt wird, ebenso werden auch die Bewohner des Saturn von den Tieren nicht bedrängt. Und ungeachtet dessen, daß es so viele und seltsame Tiergattungen auf diesem Planeten gibt, werden diese im freien Zustand doch viel weniger gesehen als so manche Tiere bei euch auf eurem Planeten, auf welchem sich überhaupt alles in engeren Kreisen bewegt als auf dem Saturn.
[Sa.01_020,04] Damit ihr euch von der weiteren Ausdehnung in allem einen kleinen Begriff machen könnt, mache Ich euch auf das aufmerksam, was Ich schon bei einer früheren Gelegenheit erwähnt habe, und zwar gleich anfangs der Eröffnungen über diesen Weltkörper, daß die Wohnungen der Saturnmenschen, für eure Füße berechnet, weit voneinander entfernt liegen. Wie es aber mit den Behausungen der Saturnbewohner steht, ebenso ist es auch mit allen andern Verhältnissen, da alles seinen vollkommen hinreichenden Platz hat; aus welchem Grunde auf diesem Weltkörper die Grenzstreitigkeiten so gut wie ganz unbekannt sind.
[Sa.01_020,05] Solches mußte hier vorangeschickt werden, damit ihr bei der noch folgenden Aufzählung der gefiederten Luftbewohner und dann der Tiere des festen Bodens nicht von einem schwindelnden Unglauben befallen werdet, so ihr die folgende Unzahl der Tiere noch werdet kennenlernen.
[Sa.01_020,06] Und somit wenden wir uns nun zu unsern Vögeln! – Ihr wißt, wie mannigfaltig diese Tiergattung schon auf eurem kleinen Planeten ist, wenn ihr dieselbe vom riesigen Strauß bis zum kleinen Kolibri zu zählen anfangt. Was aber ist diese Kleinigkeit gegen die Ausdehnung in unserem Planeten. Denn daselbst gibt es noch ums Tausendfache mehr Gattungen dieses Getiers als auf eurer Erde. Wenn ihr die Zahl der Gattungen bestimmt wissen wollt, so sage Ich euch, wenn im Saturn von jeder Gattung nur ein Männlein und ein Weiblein vorhanden wären, so gäbe das schon zweihundertundvierzig Millionen Vögel. Freilich wohl leben nicht alle Gattungen in einem und demselben Land, sondern in einem jeden Land kommen auch wieder andere Gattungen vor. So sehen diejenigen Gattungen, welche den südlichen Teil eines Landes bewohnen, denen, welche den nördlichen Teil bewohnen, durchaus nicht ähnlich, wenn sie auch einer und derselben Art sind. Zum Beispiel eine Wasserhenne, welcher Vogel auf diesem Planeten sehr berühmt ist, sieht in den südlichen Gewässern bei weitem anders aus als in den nördlichen. Und so sind alle Vogelgattungen, sowohl zahme als nicht zahme, in ihrer Gestalt und Farbe und auch in ihrer Tauglichkeit verschieden – vom Süd bis zum Nord und vom Ost bis zum West eines und desselben Landes.
[Sa.01_020,07] Da ihr aus dem bereits Gesagten sicher entnehmen könnt, daß es eine reine Unmöglichkeit für euch wäre, euer ganzes Leben hindurch nur mit der Niederschreibung der Namen dieser Tiere fertig zu werden, so wird es euch auch ersichtlich sein, daß es noch unmöglicher wäre, euch jeden einzelnen Vogel der Gattung nach zu beschreiben nach allen seinen Verrichtungen, nach seiner Form und nach seiner Bestimmung. Und so wollen wir aus dem befiederten Reich der Tiere nur einige der merkwürdigsten kurz darstellend herausheben und nehmen sogleich den ersten und größten Vogel dieses Planeten vor und werden ihn mit einigen flüchtigen Blicken beschauen.
[Sa.01_020,08] Behor oder das Luftschiff heißt unser Vogel. Ihr könnt es glauben, daß er, so er sich auf der Erde befinden würde, mehr Raum einnehmen möchte als das allergrößte Linienschiff, ohne daß er dabei nötig hätte, seine Flügel auszuspannen. Wenn dieser Vogel fliegt oder wenn er seine Flügel ausspannt, so sind nach eurem Maß die Spitzen der beiden äußersten Flügelfedern eine gute Stunde Weges voneinander entfernt. Die Kiele der Flügelfedern haben einen größeren Durchmesser als die dicksten Eichbäume auf eurer Erde. Und eine jede Feder am Flügel ist vom Kiele bis zur äußersten Spitze nicht selten bei achthundert Klafter lang. Dieser Vogel hat ebenfalls sehr lange und starke Füße, so zwar, daß wenn er auf seinen Füßen steht, dieselben für ihn fast ebenso etwas zu lang herauskommen wie bei einem Fischreiher auf eurer Erde. Warum hat denn aber dieser Vogel so unverhältnismäßig lange Beine? – Weil er ein Wasservogel ist und sich somit beständig in den Meeresgegenden aufhält, wo er sich von den Fischen nährt. Am Lande wird er niemals gesehen, sondern stets nur auf dem Wasser schwimmend oder nicht gar zu hoch über der Meeresfläche dahinfliegend, aus welchem Grunde er auch das „Fliegende Schiff“ genannt wird.
[Sa.01_020,09] Ist dieser Vogel etwa schön? – Nein, dieses Tier plagt die Schönheit nicht. Wenn ihr in eurer Phantasie euch einen Fischreiher vergrößern wollt, dann dürftet ihr so ziemlich die Gestalt unseres Fliegenden Schiffes euch vor Augen gestellt haben. Er ist durchgehend von aschgrauer und mitunter dunkelbrauner Farbe, hat einen Schnabel wie ungefähr eine Gans bei euch und so ziemlich auch einen ihr ähnlichen Kopf, nur natürlich verhältnismäßig größer. Denn einen Fisch, der in den Gewässern des Saturn so groß ist wie ein ausgewachsener Haifisch in einem eurer Meere, verschlingt dieser Vogel mit derselben Leichtigkeit wie ihr eine Erdbeere. Sonach hättet ihr die Gestalt dieses Vogels so kurz und so gut wie möglich dargestellt.
[Sa.01_020,10] Nur dürfte vielleicht hier und da einer fragen, ob dieser riesige Vogel den Saturnbewohnern etwa ein gefährlicher Gast ist? – Nein, das ist er durchaus nicht, da er von sehr furchtsamer Natur ist und jede Annäherung des Menschen, sogar die eines Kindes, flieht. Seine Größe ist mehr eine Scheingröße als eine wirkliche Kraftgröße; denn nur seine reichlichen und viele Klafter langen Federn machen ihn so groß aussehend. Wäre er dieser beraubt, so dürfte er bei weitem nicht so viel wiegen wie die schwächste Frau dieses Planeten.
[Sa.01_020,11] Somit hätten wir nun einen, und zwar den größten Vogel dieses Planeten, schon kennengelernt. – Auch dieser Vogel ist in den einzelnen Meeren sehr verschieden an Größe wie auch an Farbe und Gestalt.
[Sa.01_020,12] Nach diesem Großvogel kommt als merkwürdigster Vogel des Saturn einer unter dem Namen der Himmelsbote. Dieser Vogel hat die Gestalt und Farbe einer weißen Taube bei euch; nur ist er natürlicherweise um nahe fünfhundertmal so groß. Von diesem Vogel glauben die Saturnbewohner, daß er sich beständig in der Luft herumfliegend aufhalte, da ihn noch nie jemand irgendwo hat aufsitzen gesehen. In einer Hinsicht haben die Saturnbewohner wohl recht. Denn auf dem Lande sitzt der „Himmelsbote“ auch wirklich nirgends auf, sondern fliegt bald hoch bald nieder ganz gemächlich in der Luft umher. Aber wenn er also des Fliegens müde geworden ist, fliegt er mit großer Schnelligkeit den Meeresgegenden zu, wo er sich dann in den allerabseitigsten Winkeln der Meeresufer verbirgt und daselbst seine Nahrung sucht, welche in einer Art fetten, weißen Klippenmooses besteht.
[Sa.01_020,13] Hat er sich nach kurzer Zeit gesättigt und gestärkt, dann fliegt er wieder auf, und zwar zu einer außerordentlichen Höhe, von wo aus er wieder seine Luftpromenade landeinwärts macht. Besonders pflegt er solches gerne am Morgen vor dem Aufgang der Sonne zu tun, aus welchem Grunde er auch in manchen Gegenden den Namen der Sonnenbote führt.
[Sa.01_020,14] Dieser Vogel singt bei seinem Fluge allerlei Vogellieder, und das in viel vollkommenerer Weise als bei euch eine Nachtigall. Daher wird er auch nicht selten, besonders von den Weibern, der muntere Morgensänger genannt.
[Sa.01_020,15] Obschon dieser weiße Vogel besonders in den dem Meere näher gelegenen Länderteilen sehr häufig gesehen und gehört wird, so bleibt dennoch ein jeder Saturnbewohner gern stehen und sieht diesem Vogel so lange nach, bis er ihn der Ferne halber verloren hat. Denn die Saturnbewohner sind manchmal so erbaut vom Anblick dieses Vogels, daß sie sehr geneigt wären, ihm eine göttlich Verehrung zu erweisen, wenn das von den Geisterengeln dieses Planeten zugelassen würde.
[Sa.01_020,16] Damit solches nicht geschieht, haben diese Vögel den angeborenen Instinkt, daß sie nichts so sehr meiden wie die Blicke der Menschen. Es darf daher ein Saturnmensch einen solchen Vogel nur ins Auge fassen, so kann er auch fest darauf rechnen, daß dieser Vogel sich bald seiner Schaulust entziehen wird. Aus eben diesem Grunde bewohnt dieser Vogel auch allezeit solche Stellen, die den Blicken der Saturnmenschen unzugänglich sind.
[Sa.01_020,17] Das Beachtenswerteste dieses Vogels ist sein zuweilen außerordentlich schneller Flug, von dem ihr euch nicht mühelos einen Begriff machen könnt. Denn wenn er so recht im Zuge ist, da ist es ihm ein leichtes, in einer Stunde tausend eurer Erdmeilen zurückzulegen. – Wenn dieser Vogel bei der Nacht fliegt, ist er durchaus weißglänzend zu sehen, so zwar, daß er in seinem Schnellfluge fast dieselbe Erscheinung darbietet, wie bei euch auf der Erde ein sogenannter fliegender Drache. Über das Land fliegt er besonders gerne bei Nachtzeit, wo es dann für die Bewohner des Saturn ein Hauptschauspiel gibt. Ja manche Saturnmenschen sind so eingenommen für diese Lichterscheinungen, daß sie sich an jenen Orten, wo dieser Vogel häufig zu Hause ist, auf irgendeinem baumfreien Hügel mit dem Rücken niederlegen, um sich nur desto ungehinderter am Fluge solcher Vögel so recht sattgaffen zu können.
[Sa.01_020,18] Noch eine Merkwürdigkeit dieses Vogels besteht darin, daß, wenn zwei, drei oder mehrere Vögel in gerader Linie ihren Schnellflug ausführen, durch die schnelle Durchschneidung der Saturnluft ein ziemlich reiner Ton erzeugt wird. Wenn dann mehrere Vögel dieser Art nach einer und derselben Richtung hinschießen, bildet fast ein jeder Vogel einen anderen Ton. Und diese Töne bilden zusammen dann nicht selten (nach eurer Kunstsprache) einen Akkord, welcher vom pianissimo bis zum fortissimo und von da wieder ins pianissimo verschwindet, wie ein angeschlagener Ton oder Akkord auf einem Klavier.
[Sa.01_020,19] Sehet, so hat dieser Vogel für die Saturnbewohner außerordentlich viel Anziehendes, da sie große Freunde des Gesanges und ganz besonders von harmonischen Tönen sind, aber dessenungeachtet sind sie eben nicht zu sehr musikalisch. Sie haben auch nur höchst elende und dürftige Musik-Instrumente, aber desto reinere Kehlen zum Gesang, wobei dann die Weiber gewöhnlich die Melodien, die Männer aber nur Akkorde dazu singen. Die Sänger können sich mit einem glücklich erfundenen Akkord oft tagelang unterhalten. Denn sie haben nach einer Unterbrechung manchmal sehr viel Mühe, wieder einen guten Akkord zu finden. – Doch was dergleichen fernere saturnmenschliche Verhältnisse betrifft, wird alles am rechten Ort zudem noch deutlicher dargeboten werden. Da wir somit von unserem Himmelsboten, Sonnenvogel und Morgensänger nichts Erhebliches mehr berichten können, so wollen wir uns wieder zu einem anderen gefiederten Luftbewohner wenden.

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