Jakob Lorber – Der Saturn

3. Kapitel – Das Land Herrifa. Der Heilsberg Girp. Der Sonnenbaum, der Regenbaum, der Haarbaum, der Breitbaum und der Strahlenbaum.

[Sa.01_003,01] Was die Länder und ihre Beschaffenheit betrifft, so sind diese, wie schon anfänglich gesagt, untereinander so verschieden an Form, innerer Bildung und selbst in den Gewächsen und Tieren, Gewässern, Metallen und Steinen, daß nicht ein Land dem andern in irgend etwas gleichkommt. Gleich in allen Ländern dieses Planeten sind allein die dortigen menschlichen Bewohner und die den Planeten umgebende Luft; alles andere ist den größten Verschiedenheiten unterworfen.
[Sa.01_003,02] Und so wollen wir gleich ein Land betrachten, welches dort Herrifa genannt wird.
[Sa.01_003,03] Dieses Land ist seiner Umfassung nach größer als ganz Asien, Europa und Afrika zusammengenommen, so zwar, als wäre zwischen diesen drei Erdteilen das sogenannte Mittelländische Meer ebenfalls trockenes Land. Es liegt etwas schief über dem Äquator dieses Planeten und hat ungefähr, nach der äußeren Umfassung betrachtet, die Gestalt eines etwas länglichen Eies.
[Sa.01_003,04] Es ist das Land, in welchem die höchsten Gebirge vorkommen und ist im ganzen mehr gebirgig als alle übrigen. Sein höchster Berg wird von den dortigen Bewohnern Girp genannt und ist nach eurer Berechnung 243150 Fuß hoch; dessenungeachtet aber ist er allenthalben mit Gras und wohlriechendsten Kräutern selbst bis in die höchste Spitze bewachsen. Er hat durchgehend keine steilen, sondern nur sanftere Abdachungen und kann daher von den dortigen Bewohnern ohne alle Mühe so leicht erstiegen werden, wie wenn ihr bei euch auf eure sogenannte Hochplatte ginget. Dieser Berg ist zugleich die Apotheke aller Bewohner und auch der Tiere dieses Landes. Denn, wie schon gesagt, man findet da die wohlriechendsten Kräuter, und somit findet auch jeder für was immer für eine Krankheit sein „heilendes Kräutl“. Aus diesem Grunde sind der Berg und die umliegende Gegend, welche zusammen einen Flächenraum von über 100000 Quadratmeilen ausmachen, der bewohnteste Teil dieses Landes.
[Sa.01_003,05] Was die Bäume anbelangt, so gibt es hier nur zehn verschiedene Arten. Aber jede Art ist so beschaffen, daß sie nicht so wie bei euch nur alle Jahre ein oder zweimal Frucht zum Vorschein brächte; sondern es ist da stets Blüte und reife Frucht anzutreffen.
[Sa.01_003,06] Unter den Bäumen zeichnet sich besonders der sogenannte Sonnenbaum, dort Gliuba genannt, aus. – Dieser Baum erreicht eine Höhe von oft mehr als hundert Klaftern. Sein Stamm ist oft so dick, daß ihn hundert Menschen der Erde nicht umfassen würden. Und seine Äste breiten sich nach eurer Rechnung und Meßart nicht selten eine Viertelstunde weit vom Stamm hinaus. Damit sie aber nicht vermöge ihrer Schwere vom Stamm abbrechen, treiben sie auf ihrer unteren Seite, ähnlich wie der sogenannte Bahahania-Baum auf der Erde, senkrechte Stützzweige hinab zum Boden, welche, wenn sie ausgewachsen sind, die schönste Kolonnade bilden. Solche Stützzweige gehen sogar von den obersten Ästen hinab, so daß ein solcher Baum, wenn er vollkommen ausgewachsen ist, aussieht wie bei euch auf der Erde ein kleiner Basalt-Berg, nur mit dem Unterschied, daß zwischen den senkrecht hinabgehenden Stützzweigen noch immer so viel Raum übrigbleibt, daß man von allen Seiten sehr bequem zum Stamm gelangen kann.
[Sa.01_003,07] Ein Blatt dieses Baumes ist so groß, daß hier auf der Erde ein Fuhrmann seinen schweren Wagen ganz überdecken könnte. Seine Farbe ist blau wie die Feder eines Pfaues. Und solch ein Blatt ist mit den schönsten Zeichnungen verziert und behält seine Frische und den ganzen Farbenschmelz selbst in dem trockenen Zustand, der dem gleicht, so auf der Erde ein reifes Blatt vom Baume fällt – was eben auch dort der Fall ist, nur mit dem Unterschied, daß ein solcher Baum nie entblättert wird; sondern sobald irgendein Blatt reif vom Baume fällt, wächst für dieses an einer andern Stelle schon wieder ein neues nach. – Die Bewohner dieser Gegend sammeln diese Blätter. Und da dieselben sehr zäh und nicht leicht zerreißbar sind, werden aus ihnen eine Art Oberkleider recht kunstvoll angefertigt, welche die Stelle eurer Mäntel vertreten. Sie können auch gar wohl auf dem bloßen Leib getragen werden, weil sie sehr sanft und weich sind; denn die Oberfläche dieser Blätter ist nicht so glasglatt wie bei manchen Blättern eurer Bäume, sondern sieht aus wie euer Samt. Ein besonders wunderschönes Farbenspiel geben diese Blätter im Sonnenlicht, fast so wie die Schweiffedern eines Pfaues bei euch; nur daß sie noch mehr und brillanter glänzen als die genannten Federn. Solange das Blatt dieses Baumes noch jung ist, sieht es aus wie poliertes Gold, das mit einer leichten blauen Farbe überstrichen ist.
[Sa.01_003,08] Wie sieht denn die Blüte dieses Baumes aus? – Bei der Blüte könnte man wohl auch mit dem größten Recht behaupten: Salomo in aller seiner Königspracht war nicht so gekleidet, wie diese Blüte an und für sich ist. Am meisten gleicht die Blüte dieses Baumes euren Rosen, nur mit dem Unterschied, daß diese Rose nicht gefüllt ist, sondern einen weiten Kelch bildet, ungefähr wie die Dornrosen in den Hecken. Die Blätter sind ganz hellrot und deren dreißig in einer einzigen Blüte, ein jedes von der Größe ungefähr eines großen Bogens Papier bei euch. Der Rand eines jeden Blattes ist mit einem vergoldeten Saum versehen und wird immer dunkler rot gegen das Innere des Kelches. Aus der Mitte des Kelches laufen zwei armdicke und klafterlange Staubfäden, welche ganz durchsichtig sind und aussehen wie bei euch die Eiszapfen im Winter. An der Stelle jedoch, wo eure Blumen gewöhnlich in die sogenannten Staubbeutel auslaufen, laufen diese zwei Staubfäden in zwei eigentümliche Blumen aus, welche glänzen, wie wenn eine Flamme brennte, und zwar die eine grünlich leuchtend und die andere rot; jedoch viel lichter rot als die Blume selbst. Die Blume oder die Blüte verbreitet einen ungemein herrlichen Wohlgeruch. Und ihre Blätter wie auch ihre Staubfäden werden von den Bewohnern sorgfältig gesammelt. Die Blätter werden dann als stärkende Medizin gebraucht, die Staubfäden aber von den Bewohnern als eine besondere Lieblingsspeise genossen.
[Sa.01_003,09] Also sieht die Blüte aus! – Was bringt sie denn für eine Frucht zum Vorschein? Hier dürfte es ein wenig schwer fallen, euch einen vollständigen Begriff davon zu verschaffen, weil auf der Erde nichts Ähnliches vorkommt. Damit ihr euch aber doch irgendeine Vorstellung davon machen könnt, so denket euch einen langen, sechseckigen, feuerroten, mannsarmdicken Stiel, welcher am Ende in viele Stiele ausläuft. Da wo er mit dem Zweig verbunden ist, läuft er in einen großen Knoten aus, welcher sich erst zwei Spannen lang vom Stamm in den geformten Stiel ausbildet. An diesem Stiel hängt eine knorrige Frucht von der Größe, daß vier starke Menschen auf eurer Erde daran hinreichend zu tragen hätten. Innerhalb dieser Knorrfrucht ist ein unansehnlicher, kleiner Fruchtkern, ungefähr von der Größe einer Nuß bei euch, von grüner Farbe und steinfest. Das Fleisch dieser Frucht schmeckt gerade so, als wenn ihr Brot und Mandelfrüchte ein wenig gezuckert essen würdet. Aber jede der vielfach in einer solchen Frucht vorkommenden Knorre ist hohl, und zur Hälfte angefüllt mit einem Saft, der schmeckt wie der allerbeste Met bei euch. Was die Farbe des Saftes anbelangt, so sieht er gelb aus wie bei euch ein guter alter Wein. Das Fleisch der Frucht ist weißlich, die äußere Rinde der Frucht hat ein graues Aussehen, mitunter so, als wäre sie matt versilbert.
[Sa.01_003,10] Die Menschen, die unter einem solchen Baum leben, sind für alle ihre Bedürfnisse versorgt und brauchen keinen Grund(-besitz) oder Stücke abgegrenzten Landes; sondern ihr Anteil ist ein solcher Baum, der nicht zugrunde geht, sondern fort und fort wächst, und zwar mehr in die Breite als in die Höhe. – Aber es fragt sich hier, da dieser Baum zu einer solchen Höhe hinanwächst, wie kann er denn überall erstiegen und die Frucht von ihm genommen werden? Auch dafür ist gesorgt! Sowohl der Stamm wie auch jeder Ast haben links und rechts Dornaustriebe, wodurch sie beinahe aussehen wie bei euch eine sogenannte Taubenleiter und wodurch sie ohne die geringste Gefahr selbst bis in ihre höchsten Wipfel wie auch in die äußersten Zweige bestiegen werden können. Und so auch dort wirklich jemand ausglitte und fallen würde, so würde er sich dadurch nicht im geringsten beschädigen, weil sowohl Menschen als Tiere auf diesem Planeten in der größten Not sich eine Zeitlang frei in der Luft halten können. Sie können daher zu ihrer Belustigung sogar von den höchsten Gipfeln solcher Bäume mutwillig herabspringen, welches Experiment besonders die Jungen nicht selten ausführen. Daß solches hier möglich ist, werdet ihr dadurch ziemlich leicht ersehen, daß der einige tausend Meilen abstehende Ring die Anziehungskraft zwischen ihm und dem Planeten so teilt, daß sie sich verhält wie 1 zu 3/5. Wenn zu diesem erleichternden Verhältnis noch eine organische zweckdienliche Beschaffenheit dazukommt, wird dieser Unterschied gar leicht aufgehoben und der Mensch in die Fähigkeit gesetzt, sich eine längere Zeit hindurch frei in der Luft zu erhalten.
[Sa.01_003,11] Somit hätten wir eine Baumart kennengelernt und bleiben uns noch neun Arten übrig, welche an und für sich nicht so ansehnlich und für den Menschen nützlich sind, wohl aber den Tieren dienen, welche dort vorkommen, namentlich jenen, die euren Vögeln ähnlich sind.
[Sa.01_003,12] Besonders bemerkenswert und auch zum Mitgebrauch für die Menschen bestimmt ist der sogenannte Regenbaum, dort Briura genannt. Dieser Baum hat, so wie eure Fichten, nur einen Stamm, der nicht selten eine Höhe von vierzig Klaftern erreicht und oft eine Dicke hat wie ein mittlerer Kirchturm bei euch. Seine Zweige breitet er ebenfalls sehr weit aus und beinahe in derselben Ordnung wie bei euch die Fichte. Seine Blätter jedoch sind nichts als lauter weißgrüne Röhrchen, die immerwährend das reinste Wasser von sich tropfen lassen. Aus diesem Grunde machen die Menschen um einen jeden solchen Baum ein großes Becken, im Durchmesser von hundert Klaftern, wodurch dann ein jeder solcher Baum in der Mitte eines bedeutenden Teiches zu stehen scheint. Diese Becken machen sie, um das Wasser, das sehr reichlich von einem solchen Baum kommt, zu sammeln und es sowohl für sich als auch für ihre wenigen Haustiere zu gebrauchen.
[Sa.01_003,13] Ihr werdet sagen: Gibt es denn dort und namentlich in dieser Gebirgsgegend keine Quellen so wie auf unseren Bergen? – Es gibt derselben auch dort in großer Menge, von denen einige nicht selten auf einmal so viel Wasser von sich geben, daß sich eure Mur dagegen verbergen müßte. Allein dieses Quellwasser wird als zu roh von den dortigen Menschen nicht gebraucht. – Das Baumwasser dagegen ist für sie soviel wie gereinigt und wie gekocht; daher es von ihnen auch zu allem, wozu sie Wasser benötigen, verwendet wird. Denn sie sagen: „Das Quellwasser ist nur gemacht für die Tiere im Wasser und um das Erdreich zu tränken. Aber für die Menschen und edleren Tiere hat der große Gott den Baum erschaffen, daß er von sich gebe ein wohlzubereitetes Wasser.“
[Sa.01_003,14] Seht, das ist also eine zweite Art von Bäumen, welche Art – freilich in einem viel unvollkommeneren Zustand – wohl auch auf der Erde hie und da, besonders in den tropischen Ländern vorkommt.
[Sa.01_003,15] Nachdem wäre zu bemerken der weiße Haarbaum, dort Kiup genannt. Dieser Baum hat ebenfalls einen geraden Stamm, welcher nicht selten eine Höhe von dreißig Klaftern erreicht und eine verhältnismäßig vollkommen runde Dicke. Er hat keine Zweige, sondern der Wipfel dieses Baumes treibt eine Art silberweißer Fäden also von sich, daß diese ihrer Reichhaltigkeit wegen ein großes Bündel bilden. Das Haar oder die Fäden hängen oft bis zur Hälfte des Stammes herab und umgeben den Stamm in einer Dicke von mehreren Klaftern. Wenn da irgendein Wind geht, so geben diese Bäume, wie auch im ruhigen Zustand, ein wunderschönes Bild. Und ein Wald von solchen Bäumen sieht dann aus, als wenn die Bäume ganz mit Schnee überdeckt wären. Die herabfallenden Haare werden von den Menschen sorgfältig gesammelt und daraus eine Art Leinwand verfertigt, welche sehr elastisch, weich und haltbar ist. – Das ist ungefähr die ganze Nutzbarmachung, welche die dortigen Menschen von diesem Baum erzielen.
[Sa.01_003,16] Nach diesem ist der sogenannte Breitbaum zu bemerken, alldort Brak genannt. Dieser Baum hat nichts Ähnliches auf dieser Erde; denn er wächst wie eine goldrote Wand aus der Erde, und zwar anfangs in lauter in einer Linie gestellten, runden Stämmen, welche aber nach und nach bald so fest sich aneinanderschließen, daß sie eine richtige Wand ausmachen. Eine solche Wand hat nicht selten eine Länge von mehreren hundert Klaftern und erreicht manchmal auch eine Höhe von zwanzig bis fünfundzwanzig Klaftern. Die Wand hat weder Äste, Zweige noch Blätter: aber der oberste Rand dieses Baumes sieht aus wie ein blaugrünes, dichtes Spalier, dessen Blätter nicht unähnlich sind den Blättern des Platanenbaumes auf eurer Erde. Aus der Mitte dieses Spaliers laufen oft ziemlich hoch spitzige Stämmchen empor, welche Blüten und die eigentliche Frucht bringen. Die Frucht wird jedoch von den Menschen nicht genossen, sondern nur von den Vögeln, und besteht in einer Art rötlicher und länglicher Beeren. Aber die herabfallende Blüte wird auch von den Menschen gesammelt. Es werden damit Säcke ausgefüllt, auf denen die Menschen auszuruhen pflegen, und das besonders ihres stärkenden, guten Geruches wegen. Ein Wald von solchen Bäumen gleicht oft einem großen Irrgarten. Und wenn die Menschen dort die Blüten sammeln, machen sie Zeichen, um sich darin nicht zu verirren und wieder zu ihrer Wohnstatt gelangen zu können. Sehr schön sieht eine solche Baumgruppe von der Sonne beleuchtet aus, da die Wand einen starken Widerschein gibt, so wie bei euch eine vergoldete Fläche.
[Sa.01_003,17] Noch ist nun weiter zu bemerken der sogenannte Strahlenbaum, Bruda genannt. Dieser Baum ist von ganz gelber Farbe, hat einen geraden Stamm, der nur links und rechts Zweige und Äste in stets gerader Richtung von sich treibt. Die unteren Teile der Äste haben eine Art Sterne, welche grünlich aussehen und so ziemlich regelmäßig in sechs Spitzen auslaufen. Jede Spitze hat eine kleine blaue Blume, nicht unähnlich der Glockenblume auf eurer Erde – auf diese Blume folgt dann eine rötliche Frucht, ähnlich derjenigen, die ihr unter dem Namen Hagebutte kennt.
[Sa.01_003,18] Wenn ihr euch von diesem Baum einen annähernden Begriff machen wollt, so seht eine sogenannte Monstranz an, nur mit dem Unterschied, daß er eine riesenmäßig große Monstranz bildet. Von diesem Baum wird von menschlicher Seite beinahe gar nichts gebraucht, sondern die Saturnbewohner legen mit diesen Bäumen bloß zierliche Alleen an.
[Sa.01_003,19] Was die anderen Bäume anbelangt, wie auch einige sonstige Pflanzen von besonders merkwürdiger Art, so wird euch bei der nächsten Mitteilung dies alles, wie bisher, ausführlich mitgeteilt werden. Und daher für jetzt Amen.

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